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»Es kann noch blutig werden«

aus DER SPIEGEL 38/1992

Günther Krause sieht aus, als müsse er entweder gleich losheulen oder um sich schlagen. Kalkweiß im Gesicht, der Mund ein zornig zusammengepreßter Strich, die wäßrigen Augen weit geöffnet, von Terminen gehetzt, durchgeschwitzt und tatsächlich den Tränen nahe - so steht der einflußreiche Gebieter über viele Investitionsmilliarden wie ein Häufchen Elend vor dem Bonner Bundeshaus.

Fast zweieinhalb Stunden hat der Minister für Verkehr und Sprecher der ostdeutschen CDU-Abgeordneten am vergangenen Mittwoch nachmittag im total überfüllten Fraktionssaal der Union etwa 300 aufgebrachten Betriebsräten aus der ehemaligen DDR gegenübergesessen, die nach Bonn gekommen sind, um Putz zu machen.

Jetzt reicht es ihm. Er ist am Ende der Veranstaltung so wütend geworden, daß er sich nur noch mit Mühe beherrschen kann. »Wenn wir das da nicht in den Griff bekommen«, sagt er mit Panik im Blick, »dann hauen die hier bald alles kurz und klein.«

Auch dies gehört zum Tollhaus Bonn: Während sich im Parlament die jeweils zuständigen Haushaltsexperten aller Parteien wechselseitig mit ihren sattsam bekannten Ansichten langweilen, findet die aufregendste Diskussion über den aktuellen Stand der deutschen Teilung wenige Meter nebenan statt - aber kaum jemand hörte zu.

»Es war«, freut sich der Sachse Manfred Kolbe grimmig, »als wäre plötzlich und unerwartet die ostdeutsche Realität über Bonn hereingebrochen.«

Weil aber kaum Großkopfete reden, sind die Medien nur mäßig interessiert. In den ostdeutschen Zeitungen wird das Ereignis aufmerksamer registriert als in der überregionalen Westpresse. Der west-östliche Zusammenprall zweier deutscher Realitäten geht im Bonner Allerlei unter.

Außer dem Minister Krause sind alle Landesgruppenvorsitzenden aus den neuen Ländern erschienen, die Fraktionschef Wolfgang Schäuble nur noch die »jungen Länder« nennen will. Und selbstverständlich sitzen an dem langen Vorstandstisch auch die Ministerkollegin Angela Merkel und Fraktionsvize Heiner Geißler.

Aber es ist weder der Finanzminister Theo Waigel gekommen, um die ihm unterstehende Berliner Treuhandanstalt gegen die massive Ostkritik in Schutz zu nehmen, noch läßt sich der Kanzler der Einheit blicken.

Dafür redet Joachim Grünewald, Waigels Parlamentarischer Staatssekretär aus dem Finanzministerium: Geld sei genug da, und man dürfe die Westdeutschen nicht mit immer neuen Milliarden-Summen überfordern. Aus dem Westen nichts Neues.

Als Grünewald dann aber die Arbeit der Treuhand verteidigt und Fehler als Lappalien abtut ("Wo gehobelt wird, da fliegen Späne"), bricht Hohngelächter aus. Und als er schließlich behauptet, kein einziger Betrieb in der ehemaligen DDR sei plattgemacht worden, solange Aussicht auf Sanierung bestand, geht der Tumult los.

»Ich bin nicht bereit«, ruft eine CDU-Betriebsrätin ins Saal-Mikrofon, »mir weiter diese Unverschämtheiten anzuhören.« Donnernder Applaus. »Herr Staatssekretär«, warnt ein Berliner Betriebsrat, der sich ebenfalls als CDU-Mitglied zu erkennen gibt, »ich möchte Sie herzlich bitten, uns nicht weiter zu provozieren.«

»Die Revolution im Herbst '89 ist unblutig verlaufen«, sagt ein dritter. »Es kann aber jetzt noch blutig werden.«

Vergebens versucht der Waigel-Vertreter weiterzureden. Unter dem Beifall des ganzen Saales entzieht ihm Krause das Wort. »Ich würde Sie bitten, daß wir im Rahmen der Bundesregierung über Ihren Redebeitrag diskutieren.«

So vollständig hat sich der Mecklenburger auf die Seite seiner Ost-Landsleute geschlagen, daß man tatsächlich glauben könnte, er gehöre dieser Regierung schon gar nicht mehr an.

Ist es da verwunderlich, daß sein Name inzwischen auch in der unendlichen Geschichte von der Großen Koalition auftaucht, neben dem des Duzfreundes Wolfgang Schäuble?

Krause, der Erfinder der »Zwangsanleihe«, ist mißtrauisch geworden. Natürlich wurden die Putschgerüchte über ihn und »meinen Freund Wolfgang« von interessierter Seite gestreut, vermutet er. Aber es würde Krause doch sehr interessieren, welcher seiner Widersacher diesmal hinter den Kulissen aktiv war: der alte Rivale Volker Rühe, um von eigenen Ambitionen abzulenken?

Oder der schon einschlägig bekannte Feind aus dem eigenen Ministerium, Dieter Schulte, sein Parlamentarischer Staatssekretär? Den hat er immer noch im Verdacht, seinerzeit die Presse darüber informiert zu haben, nach wie vielen Gläsern und wie laut der Minister Krause nachts am Klavier das Lied der Deutschen gesungen hat.

Muß man nicht davon ausgehen, daß die Bereitschaft der Westdeutschen, sich für den Aufbau im Osten zur Kasse bitten zu lassen, dramatisch sinkt? Natürlich hat Helmut Kohl, dem Parteifreunde ein geradezu »animalisches Gespür für Stimmungen« nachsagen, registriert, daß der niedersächsische SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder seine Partei auf dieses neue Wahlkampfthema einzustimmen versucht (siehe Seite 39).

Manchmal ist Krause auch schon die Idee gekommen, »ob's am Ende vielleicht der Alte selber war«, Helmut Kohl nämlich, der glaubte, einem etwas zu selbstbewußten Schäuble und seinem Krause einen Dämpfer geben zu müssen.

Das ständige Gerede über eine Große Koalition eignet sich aber auch vortrefflich, um von der Tatsache abzulenken, daß es eine solche immer größer werdende Koalition schon gibt: die der Westdeutschen gegen die Ostdeutschen quer durch alle Parteien.

Vielleicht war es ja ein Fehler, räumt der Minister selbstkritisch ein, in diesem Zusammenhang das Wort »Zwangsanleihe« überhaupt benutzt zu haben. Es steht in einem von Krause Anfang Juli verfaßten ersten Entwurf eines Papieres, aus dem später die Erfurter Forderungen der ostdeutschen CDU-Abgeordneten entstanden, wurde dann aber gleich getilgt und hieß fortan »Investitionsanleihe«.

Den Einfluß der Ostdeutschen sichern, ihre Interessen auch in der Fraktion vertreten, war Krauses ehrgeiziges Programm. Rein rechnerisch zählt seine Truppe mehr Mitglieder als die Landesgruppe der bayerischen CSU.

Aber obwohl er neben den 64 Ostauch noch die 9 West-Berliner Abgeordneten mitzählt, ist der politische Einfluß bei weitem nicht vergleichbar. Außer dem Erfolgserlebnis, ein paar Bonner Koalitionstage lang die innenpolitische Diskussion bestimmt zu haben, ist am Ende wenig übriggeblieben.

Die kraftvolle Erfurter Forderung ist schon jetzt zur Absichtserklärung geschrumpft. Sie steht zwar noch auf dem Papier, hat aber politisch kaum Chancen.

Trotzdem wollen sich weder Krause, der sogar Wetten anbietet, noch seine Gefolgschaft ausreden lassen, daß die Investitionsanleihe gute Aussichten hat, doch noch durchgesetzt zu werden.

»Die Katze ist aus dem Sack«, so redet der Landesgruppenvorsitzende von Sachsen-Anhalt, Reiner Krziskewitz, die Lage schön. »Sie hüppelt und hüppelt, und keiner fängt sie mehr ein.«

So will das natürlich auch Günther Krause.

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