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Es kann nur noch schlimmer werden

In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der arbeitslosen Akademiker vervierfacht. Die Chance, nach dem Examen einen Job zu finden, wird zusehends schlechter. Folge: Unter den Studenten wächst die Resignation, Hochschulabsolventen müssen sich künftig mit geringer qualifizierten und schlechter bezahlten Stellen begnügen.
aus DER SPIEGEL 23/1978

Einst gingen sie auf die Straße, um zu Zehntausenden gegen die Amerikaner in Vietnam oder den Schah von Persien zu protestieren. Heute lassen sich die Studenten von einer Protestbewegung faszinieren, die das Nichtstun, die Verweigerung zum Programm erhoben hat: 30 000 »Freaks, Freunde und Genossen« trafen sich Ende Januar in der Technischen Universität Berlin zum ersten bundesweiten »Tunix«-Kongreß. Ihr Motto: »Uns langt's jetzt hier -- wir hauen alle ab zum Strand von Tunix!«

Ein Jahrzehnt nach der Studentenrevolte ist an Deutschlands Hochschulen, einst Zentren politischer Unruhe, Apathie oder trotzige Resignation eingekehrt. »Die berufliche und pelitische Perspektivlosigkeit«, erkannte der Berliner Assistenzprofessor Peter Grottian, treibt die Hochschüler zu einer »Piepegal- und Ausstiegsmentalität«.

Vor wenigen Jahren konnten selbst linke Systemveränderer ihr Examen noch als Ticket für den »langen Marsch durch die Institutionen« nutzen. Inzwischen hält die Leistungsgesellschaft nur noch für jene Universitätsabsolventen gutdotierte Akademikerposten bereit, die unbeirrbar die Karriere-Normen -- zügiges Studium, gutes Examen und politische Abstinenz -- erfüllen.

»Ein Heer von Leuten. die in diesem Konkurrenzkampf keine Chancen haben«, so beobachtete der Göttinger Studentenpsychiater Professor Eckard Sperling, »bleibt auf der Strecke.«

Noch nie zuvor war die Aussicht, nach dem Studium auch einen Job zu finden, so schlecht. Im September des vergangenen Jahres waren erstmals 31 Prozent der rund 93 000 Universitätsabgänger von 1976 ohne Stelle. Während sich die Arbeitslosigkeit der Facharbeiter kaum erhöhte, vervierfachte sich die Zahl der erwerbslosen Akademiker und Fachhochschulabsolventen seit 1973 auf 40 000.

»Die Chance, ein Studium an einer Hoch- oder Fachhochschule durchführen zu können«, erläutert die Bundesregierung, »darf nicht gleichzeitig als ein Anrecht auf eine herausgehobene Berufs- und Lebensstellung ... im Sinne der traditionellen Akademikerpositionen im Beschäftigungssystem verstanden werden.« Der Sozialwirt als Taxifahrer, die Lehrerin als Putzfrau. der promovierte Physiker als Sozialfall -- schon fragt der konservative Bildungsforscher Professor Armin Hegelheimer: »Wollen wir die Abstiegsgesellschaft?«

Schwacher Trost für das verunsicherte akademische Jungvolk, das derzeit schwerer als je zuvor einen Job findet: Es kann nur noch schlimmer werden.

Unaufhaltsam rollt die Lawine der geburtenstarken Jahrgänge, nachdem sie Realschulen und Gymnasien passiert hat, auf die Universitäten und Fachhochschulen zu.

Wenn in diesem Jahr rund 200 000 Jugendliche mit Hochschulreife die Gymnasien verlassen, so werden es nach den Schätzungen des Wissenschaftsrats 1980 schon 230 000 und 1983 sogar 282 000 sein.

Selbst wenn nur 70 Prozent der Abiturienten -- 1975 waren es 95 Prozent -- studieren wollen, werden allein 1985 dann 136 000 Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt strömen. Bis zu diesem Jahr, so prophezeit die Finanzministerkonferenz, staue sich ein »Überschuß von mehr als 500 000 Hochschulabsolventen« an. Für eine halbe Million Akademiker würde der Arbeitsmarkt zum closed shop.

Betroffen von der Akademikerschwemme sind längst auch jene Berufe, die vor wenigen Jahren noch als besonders krisensicher galten. Nach der jüngsten Strukturanalyse der Bundesanstalt für Arbeit befanden sich im September des vergangenen Jahres unter den arbeitslosen Universitäts- und Fachhochschulabsolventen

* 11 170 Ingenieure, darunter 3041 Maschinenbauingenieure und 4428 Architekten -- Spezialisten wie Stadt- und Regionalplaner haben so gut wie keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt;

* 1391 Gymnasial- und 2945 Real-, Volks- und Sonderschullehrer -- gesucht sind allenfalls noch Bewerber für die Fächer Kunst, Musik, Sport und Religion;

* 6306 Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, darunter 1130 Volkswirte, 2276 Betriebswirte, 1000 Psychologen sowie 871 Soziologen und Politologen;

* 1568 Juristen -- sie haben nur Aussicht auf einen Akademikerposten, wenn sie ihr Examen mindestens mit »befriedigend« abgeschlossen haben.

Weitaus strenger als früher sind die Maßstäbe, welche die privaten und öffentlichen Arbeitgeber an die Bewerber anlegen. Zu diesem Ergebnis kamen Arbeitsmarktexperten auf einer Tagung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im vergangenen Dezember. Die Jungakademiker müssen ihr Examen nicht nur möglichst gut, sondern auch möglichst schnell absolviert haben dürfen -- auch als Promovierte -- nicht älter als 30 Jahre sein und sollten zumindest eine Fremdsprache beherrschen.

Für Naturwissenschaftler und Ingenieure sind EDV-Kenntnisse wichtig, für Juristen und Wirtschaftswissenschaftler ist der Abschluß einer kaufmännischen Lehre vorteilhaft. Wissenschaftliche Qualifikation wird kaum noch honoriert; allenfalls empirische oder berufsbezogene Promotionen können bei der Jobsuche helfen.

Bislang fanden rund 60 Prozent der Akademiker beim Staat Unterschlupf; doch künftig, errechneten die Finanzminister von Bund und Ländern können allenfalls noch 15 Prozent der Hochschulabgänger beim öffentlichen Dienst unterkommen.

In den Schulen und Hochschulen, Verwaltungen und Gerichten blockieren nun junge Leute, die Anfang der siebziger Jahre eingestellt wurden, für Jahrzehnte die Planstellen. 1975 beispielsweise war fast die Hälfte der Lehrer unter 35 Jahre.

Auch in der Industrie werden Akademikerposten eher knapper. Professor Hegelheimer schätzt, die »Absorbationsquote der privaten Wirtschaft« werde »von heute 20 Prozent auf längerfristig 14 Prozent sinken«.

Eine Umfrage der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände scheint diese miese Prognose zu bestätigen: Höchstens 10000 Akademiker könnten die Unternehmer pro Jahr übernehmen. Für die CDU steht inzwischen fest, daß bis in die neunziger Jahre 1,3 bis 2.2 Millionen Hochschulabsolventen »keine Chance auf einen Beruf haben, der herkömmlichen Vorstellungen entspricht«.

Die düsteren Aussichten veranlaßten den nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Johannes Rau kürzlich, eindringlich an seine Genossen zu appellieren. »Das darf uns nicht geschehen: daß sich eine ganze Generation als überflüssig empfindet.«

Als Vierjährige bekamen sie keinen Platz im Kindergarten, in den überfüllten Klassen litten sie unter dem bis dahin weithin unbekannten Schulstreß. und wie keine andere Generation vor ihnen sind sie von knappen Lehrstellen, vom Numerus clausus und dem Mangel an Arbeitsplätzen betroffen.

Der Bonner Mediziner Klaus-Dieter Höffken, der die psychotherapeutische Beratungsstelle bei der Uni leitet, diagnostiziert bei den Studikern seit etwa vier Jahren einen »Wechsel in den Krankheitssymptomen: Sie haben Angst, nicht über die Runden zu kommen«.

So halten sie sich so lange wie eben möglich an der Universität auf, lassen sich gelegentlich sogar über Semester hin krank schreiben, um dem unerbittlichen Kampf um einen Job möglichst lange zu entgehen. Lieber sind sie Studenten als arbeitslose Philologen oder Betriebswirte.

An der Freien Universität Berlin beispielsweise studieren nach den Schätzungen von FU-Präsident Eberhard Lämmert rund 10000 Immatrikulierte überhaupt nicht mehr -- sie nehmen nur noch die »sozialen Vorteile« wahr.

Trotz Regelstudienzeit, intensiver Studienberatung und einiger entrümpelter Studiengänge hat sich die durchschnittliche Studiendauer an den Hochschulen folglich kaum verkürzt, nach den neuesten Daten sogar in einigen Fächern eher noch verlängert.

In dem Universitätsklima von Angst und Resignation gedeiht die »klammheimliche Freude« am Terrorismus. Sie wird, so Grottian, für Studenten zur »zynischen Ersatzbefriedigung: Weil sie meinen, politisch und beruflich nichts Sinnvolles mehr tun zu können, denken sie, es sei gut, wenn irgendwo überhaupt noch was passiert, auch wenn es politisch sinnlos ist«.

Mescaleros, Stadtindianer, Kommunisten und Chaoten glauben sich um politische Opportunitäten, um Radikalenerlaß und Berufsverbote nicht mehr scheren zu müssen. Der verfassungstreue Lebensstil, so eine weitverbreitete Meinung, mache sich doch nicht bezahlt. solange auf dem Arbeitsmarkt nur für wenige erfolgreiche Musterknaben Platz ist.

Für den Chef des Bundeskriminalamtes. Horst Herold, gelten die »abgebrochenen Akademiker« als besonders anfällig für Terrorismus. In dieser gefährdeten Gruppe -- rund 20 Prozent der Studenten erreichen keinen Abschluß -- wurden, so Herold, die Schleyer-Entführer derzeit ihren Nachwuchs rekrutieren. Auch Innen-Staatssekretär Gerhart Baum mag nicht mehr leugnen, daß die Ursachen des Terrorismus »etwas zu tun haben mit dem Zustand unserer jungen Generation«.

Den Zustand zu verbessern, fällt angesichts leerer Staatskassen und hoher Arbeitslosigkeit schwer. Zwar produzieren Politiker aller Schattierungen, seit wieder einmal die Schreckensvision von einem »akademischen Proletariat« herumgeistert, eifrig Dokumentationen, Prognosen und Empfehlungen, doch das viele Papier kann nur notdürftig die Ratlosigkeit der Verantwortlichen überdecken.

Die Politiker begnügen sich meist damit, dem jeweiligen politischen Gegner die Schuld an dem Dilemma zuzuschieben. Und die Prognosen ähneln, so Ministerialdirektor Eberhard Böning aus dem Bonner Bildungsressort, einer »Logelei«. Sein Staatssekretär Reimut Jochimsen: »Je länger der Prognosezeitraum ist, um so unsicherer die Voraussage.«

So streiten sozialliberale Regierung und christdemokratische Opposition zunächst einmal darüber, ob es falsch war, die Hochschulen so weit für breite Bevölkerungsschichten zu öffnen. Immerhin studieren heute rund zwanzig Prozent eines Altersjahrgangs an den Hochschulen, 1960 waren es nur sechs Prozent.

Als Patentrezept gegen die Akademikerarbeitslosigkeit empfehlen denn auch christdemokratische Bildungspolitiker, durch Drosselung der Gymnasiastenzahlen die Hochschulen vor einem Massenansturm zu bewahren.

So will der CDU-Bildungsexperte und Bundestagsabgeordnete Anton Pfeifer den Jugendlichen Gymnasien und Hochschulen wieder sperren: »Wenn wir die Ströme anders lenken. dann ist das Problem nicht mehr so schlimm.« Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Hanna-Renate Laurien warnt ihre sozial demokratischen Kollegen davor, »die Abiturientenquote besinnungslos in die Höhe« zu treiben.

Diese bildungspolitische Strategie setzte das CDU-Land Baden-Württemberg in eine neue Verordnung um. Dort soll der Numerus clausus vorverlegt, der Konkurrenzkampf unter den Zehn-bis Elfjährigen ausgefochten werden: Auf das Gymnasium dürfen nur Kinder, die in Deutsch und Mathematik eine Durchschnittsnote von 2,5 und die eine -- Mitte der sechziger Jahre schon einmal abgeschaffte -- Sextanerprüfung bestanden haben.

Solche »Schlaumeierei« (Bildungs-Staatssekretär Reimut Jochimsen) trifft vor allem jene Benachteiligten, denen nach der sozialliberalen Maxime »Gleiche Chancen für alle? vor gar nicht so langer Zeit der Zugang zur höheren Bildung eröffnet worden war »Das Recht auf Bildung«, ahnt NRW-Wissenschaftsminister Rau, »soll wieder reserviert werden für angebliche Eliten.«

Durch die Frühauslese à la Baden-Württemberg würde sich zwar die Zahl der Hochschulabsolventen verringern -- aber frühestens im Jahre 1990, wenn der große Ansturm auf den Arbeitsmarkt sowieso vorbei ist. Zudem hätte jede Beschränkung des Gymnasialzugangs zur Folge. (laß die Abgewiesenen im Kampf um die knappen Lehrstellen die Real- und Hauptschüler verdrängen

Wenn nicht die weiterführenden Schulen und Universitäten einen immer größeren Anteil der Jugendlichen vorübergehend dem Arbeitsmarkt entziehen würden, dann müßten, so die Rechnung der FDP-Politikerin Helga Schuchardt rund 1.5 Millionen junger Menschen der geburtenstarken Jahrgänge auf eine berufliche Erstausbildung »verzichten. Streng beschied denn auch die Bundesregierung die Christen-Opposition: »Für die Politik der Öffnung der Hochschulen gibt es gegenwärtig keine Alternative.

Während der CDU-Arbeitskreis »Zukunftschancen der Jugend« nach der »Grobabstimmung« zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem ruft und die CDU CSU-Fraktion eine intensivere Arbeitsmarktforschung verlangt, um beide Bereiche »wieder stärker in Übereinstimmung zu bringen«, halten die Sozialdemokraten eine solche Bedarfsplanung für nicht verfassungskonform.

»Ausbildungschancen«, protestiert SPD-Minister Rau, »dürfen nicht an ökonomischen Verwertungsinteressen ausgerichtet werden.« Schließlich habe es ein »Gleichgewicht zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem« in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Und selbst kommunistisch regierte Länder, so die Antwort der Bundesregierung auf eine Oppositionsanfrage im Bundestag, »beschränken sieh in der Regel auf die Aufstellung von Fünfjahresplänen. die meist revidiert werden müssen«.

Auch das Argument der »Überqualifikation« entpuppt sich eher als ideologische Verbrämung einer elitären Zugangssperre. Konservative Bildungsplaner malen ein Heer von Akademikern an die Wand, das unter Niveau beschäftigt ist -- »Unzufriedenheit am Arbeitsplatz« aber, so die Union, berge »deutliche gesellschaftspolitische Gefahren«.

Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten. so hingegen die Bundesregierung, bewiesen, daß dort die Hochschulabsolventen in »als nicht adäquat empfundenen mittleren und gehobenen Positionen« nach wenigen Jahren eine »hohe Berufszufriedenheit entwickeln«.

Zudem unterschlagen die Oppositionspolitiker, daß es in der Bundesrepublik Überqualifizierte im Bereich des Handwerks längst gibt. Kraftfahrzeugmechaniker, Bäcker. Schreiner und Friseure verdingen sich in Anlernjobs am Fließband oder auf dem Bau, ohne daß hier je von einer Überqualifikation die Rede war. Laut wird der Wunsch. Bildungsangebot und Arbeitsmarkt stärker aufeinander abzustimmen, erst, seit Bürgersöhne und -töchter betroffen sind und sieh mit weniger angesehenen Jobs bescheiden müssen.

Doch noch immer sind Akademiker Privilegierte auf dem Arbeitsmarkt. Lazlo Alex von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: »Der Hochschulabsolvent wird immer -- wenn auch künftig im stärkeren Wettbewerb mit Gleichqualifizierten

eine bessere Chance haben, höhere Positionen in der Berufshierarchie zu erklimmen, als einer ohne diese Ausbildung.«

Zwar sträuben sich bei uns derzeit noch viele stellungslose Akademiker, den nächstbesten Posten anzunehmen, doch schon heute sind manche Wirtschaftswissenschaftler froh, als Sachbearbeiter bei einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer anfangen zu dürfen.

Mit zunehmender Arbeitslosigkeit aber werden auch Juristen, Betriebs- und Volkswirte ihre Ressentiments gegen das sogenannte Klinken-Putzen als Juniorverkäufer. Bezirksreisender oder Versicherungsvertreter aufgeben und »Beschäftigungsnischen« (Arbeitsmarktexperte Georg Juraschek) besetzen müssen. Und Philologen, denen die Schulen versperrt bleiben, tun gut daran, sich nach Ausweichmöglichkeiten im Tourismus umzusehen.

Und es wird nicht mehr lange dauern, daß sich deutsche Chefs -- wie ihre amerikanischen Kollegen -- eine Akademikerin als Chefsekretärin leisten können. Der Nürnberger Arbeitsmarktforscher Dieter Mertens prophezeit sogar, daß die Beschäftigung von Akademikern in untergeordneten oder »inadäquaten« Positionen sich »ähnlich wie die große Welle der Alphabetisierung im 19. Jahrhundert« auswirken könnte: »Es werden Entwicklungsschübe möglich.«

Tatsächlich ist die Struktur des Arbeitsmarktes auch abhängig vom Angebot an Arbeitskräften. Die Frage, wieviel Qualifikation für die herkömmliche Produktions- und Verwaltungsstruktur gebraucht werde, passe, so Mertens, »zu einer konservativen, wachstumsmüden und. reformabgewandten«, nicht aber zu einer »pragmatischen Gesellschaft«. Für sie müsse die Frage heißen: »Wie zieht die Gesellschaft als Ganzes den größten Vorteil aus der Bildungsexpansion?«

Zwar hat sich in einigen Wirtschaftszweigen die Nachfrage nach Akademikern in den vergangenen Jahren verringert. Professor Hegelheimer beobachtete »Entakademisierungstendenzen« bei den Wirtschaftsprüfern. Steuerberatern. Bank- und Versicherungskaufleuten. Maschinenbauingenieuren und Architekten. Hier konkurrieren die mehr praxisorientierten und jüngeren Fachhochschul-Absolventen immer erfolgreicher mit den Akademikern. die auch noch Anrecht auf ein höheres Einstiegsgehalt zu haben glauben.

Zugleich aber empfiehlt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung eine »Verwissenschaftlichung des Managements in Mittel- und Kleinbetrieben«. Und eine Prognos-Studie im Auftrag des Forschungsministeriums erbrachte, daß allein für die Erschließung der Meere, für Nahrungsmittelforschung, Kommunikationswissenschaften und Informatik künftig rund 500 000 Hochschulabsolventen gebraucht würden.

In der Psychiatrie, im Strafvollzug, beim Umweltschutz und in der Betreuung von Randgruppen gäbe es Platz genug für arbeitslose Soziologen, Sozialpädagogen, Psychologen und Naturwissenschaftler, würden die Sozialliberalen ihre Reformversprechen einlösen.

Auch die Zukunftsaussichten der Lehrer wären günstiger, wenn die Erwachsenenbildung verstärkt ausgebaut würde. »Solange es überhaupt sinnvolle Arbeitsaufgaben gibt«, meint der Bonner Bildungs-Staatssekretär Reimut Jochimsen, »sind nicht die arbeits- und ausbildungswilligen Menschen überzählig, sondern die Arbeit ist nicht vernünftig organisiert.«

In der Tat: Wenn nicht nur leere Staatskassen, sondern auch starre Laufbahn- und Gehaltsregelungen den öffentlichen Arbeitgeber daran hindern, das große Angebot an qualifizierten Kräften zu nutzen, dann müßte die Arbeit zumindest in diesem Bereich neu organisiert werden. Doch bislang widersetzte sich die mächtige Beamtenlobby jedem auch noch so schüchternen Versuch, das öffentliche Dienstrecht zu reformieren.

Solange der Staat die formale Bildung und das Alter höher bewertet als die Leistung im Beruf, ist es nur konsequent, wenn, wie in Nordrhein-Westfalen, rund 60 Prozent der Fachhochschüler nach ihrem Abschluß an die Universitäten strömen, weil sie mit einem Diplom oder Staatsexamen in der Tasche ein Leben lang mehr verdienen als ihre ehemaligen Mitschüler.

Und solange der Staat lebenslange Arbeitsplatzsicherheit bei steigendem Einkommen garantiert, ist es nur naheliegend, daß die enttäuschte Hoffnung auf einen angemessenen Job in Staatsverdrossenheit umschlägt. »Wir müssen den Hochschulabsolventen deutlich machen«, verkündet Wissenschaftsminister Rau, »daß 25 Prozent eines Jahrgangs nicht für jeden einzelnen die gleiche Scheibe vom Kuchen erwarten können wie früher fünf Prozent.«

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Clemens Christians, errechnete, daß rund 37 000 neue Stellen für Hochschulabsolventen geschaffen werden können, wenn alle öffentlich Bediensteten bei ihren Gehaltssteigerungen sich mit einem Prozent weniger zufriedengeben würden.

Assistenzprofessor Grottian und 80 Berliner Hochschullehrer glauben, mit ihrem Konzept sogar 120 000 bis 225 000 neue Stellen im öffentlichen Dienst zu schaffen, ohne daß dem Staat zusätzliche Kosten entstehen würden.

Ihr Vorschlag: Den besserverdienenden Staatsdienern vom Rang eines Majors, Richters oder Studienrates an müßten ein bis zwei Prozent ihres Gehaltszuwachses oberhalb des Inflationsausgleichs gekürzt, die Eingangsstufe in den höheren Dienst müßte von A 13 auf A 11 gesenkt und die Dienstaltersbesoldung reduziert werden.

Während die sozialliberalen Bildungspolitiker den Grottian-Plan mit Beifall bedachten (Ex-Bildungsminister Helmut Rohde: »Ein interessanter Vorschlag"), wehrten Gewerkschafts- und Beamtenfunktionäre strikt ab. Hinter diesen Solidarlösungen verberge sich nichts anderes, so Erich Frister, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), als »der Versuch, die Arbeitskraft künftig billiger einzukaufen«.

Die Befürchtung ist begründet. Denn auch eine Arbeitsgruppe beim Bonner Innenminister, die nach Stellen für Hochschulabsolventen im öffentlichen

Dienst Umschau halten soll, hat sich das Ziel gesetzt: »Es darf den Staat möglichst nichts kosten«, so Ministerialdirektor Eberhard Böning.

Ein solidarischer Verzicht auf üppige Einkommenssteigerungen solle gezielt für zusätzliche Arbeitsplätze eingesetzt werden. in den freien Berufen werde ein solcher Solidarverzicht, so Kornmissionsmitglied Böning. längst »erzwungen": Ingenieure und Anwälte drängen, weil der öffentliche Dienst dichtmacht« verstärkt auf den freien Markt und müßten »ja auch mit demselben Geld auskommen

Lazlo Alex, Bildungsexperte der Arbeitgeber, erinnerte denn auch bei einem internen Parlamentshearing die Bundestagsabgeordneten an die »triviale« Einsicht: »Die oberen Zehntausend können nicht eine Million stark sein.«

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