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PARTEIEN / WEHNER Es krankt

aus DER SPIEGEL 23/1968

Öfter als in früheren Jahren läßt sich der stimmgewaltige Herbert Wehner in diesen Wochen von Stieftochter Greta einen Spezial-Cocktail anrühren: ein Schuß Wodka, ein Schuß Glyzerin, verrührt mit rohem Eiweiß.

Dann setzt der rote Riese das brisante Gemisch an die Lippen und gurgelt seine heiseren Stimmbänder frei. Denn nur mit höchster Lautstärke kann der Ziehvater des SPD-Bündnisses mit der konservativen Bonner Christenunion den anschwellenden Chor seiner Kritiker noch übertönen.

Selbst Traditionsfeiern der SPD arten beim Auftritt des Festredners Wehner nun in Anti-Wehner-Demonstrationen aus. Der Schock von Baden-Württemberg war den Genossen im Lande Signal zum Angriff auf das Monument Wehner.

Feierlich wollte der SPD-Ortsverein des Mainstädtchens Hochheim vorletzten Samstag sein 50-Jahres-Jubiläum begehen. Feierlich wollte Herbert Wehner die Geburtstagsrunde in der Orts-Turnhalle anreden: »Meine Damen und Herren, liebe Freunde.« Da fielen ihm schon die Zwischenrufer ins Wort: »Wir sind Genossen.«

Nur mit Mühe konnte Wehner seine Festrede fortsetzen -- ein pathetisches Erinnern an die 100jährige Vergangenheit der Sozialdemokraten im Kampf für Demokratie und Freiheit.

Knapp die Hälfte der anwesenden Genossen -- Jungsozialisten und Studenten aus der nahen Metropole Frankfurt -- interessierte mehr die Gegenwart. Mit dem Sprechchor »80 a, 80 a« verlangten sie nach Diskussion jenes Artikels der Notstandsverfassung, der es unter anderem ermöglicht, durch Übernahme von Nato-Beschlüssen die Kontrolle des Parlaments zu unterlaufen. Wehner brüllte zurück: »Für Sie trifft Paragraph 51 (Unzurechnungsfähigkeit und verminderte Zurechnungsfähigkeit) zu

Dann titulierte er die Zwischenrufer als »Faschisten« und »Kommunisten«, die gekommen seien, »die SPD kaputtzumachen«. Die Attackierten revanchierten sich mit ihrem Urteil über Wehner: »Faschist« und »Gewerkschaftsverräter«.

Herbert Wehner, seit Jahren gewohnt, zwar nicht geliebt, doch als Autorität respektiert zu werden, zeigte Wirkung. Wieder in Bonn, wütete er am Montag letzter Woche wie ein weidwunder Tiger.

Eine Veranstaltung des Vereins der Auslandspresse wurde von Wehner kurzerhand zum Tribunal über seine Hochheimer Widersacher umfunktioniert: »Brüllkommandos versuchten mich niederzubrüllen. Das waren rote SA-Trupps!« Und: »Sie leisten Geburtshilfe für die Rechtsradikalen.«

Nicht die politisch steril gewordene Große Koalition, die der SPD das demokratische Gütesiegel der Regierungsfähigkeit aufprägen sollte, ist in Wehners Augen schuld an der Parteimisere. Schuld sind einfach die Deutschen: »Das deutsche Volk ist kränklich in der Seele.«

Widerworte wider Wehner-Worte walzt Wehner nieder. Den Auslandskorrespondenten gab er über die gedeckte Tafel im Restaurant »Tulpenfeld« lautstark zu Protokoll: »Die sich hysterisch Gebärdenden mit den roten Fahnen provozieren schwärzeste Reaktion.« Darum Wehners Warnung: »Noch ist Bonn nicht Weimar, noch nicht.«

Doch es krankt nicht nur die Linke an Hysterie, das Volk in seiner Seele, Bonn am Weimar-Bazillus -- es krankt nach Wehners Meinung auch die eigene Partei: »Die SPD krankt daran, daß sich viele Leute morgens beim Frühstück sagen: Wir verlieren doch.«

Wehner glaubt das zwar nicht. Aber »wenn die SPD eine Niederlage erleidet, ist sie selbst schuld«.

Resignation hat den Partei-Programmierer ergriffen. Denn auch er krankt -- an sich selber. Wehner letzten Montag, als ihn die Auslandsjournalisten bei einer politischen Tour d'horizont fragten, was er davon halte, daß die Bundeswehr Luftballons mit antikommunistischem Propaganda-Material gen Osten aufsteigen lasse: Er glaube nicht, daß man sich auf einen »Wettstreit mit den Dummheiten« der Kommunisten einlassen müsse. Und dann, nach einer kurzen Pause: »Ich bin kein Ratgeber, sondern ein Renegat.«

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