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»Es läuft einem eiskalt über den Rücken«

In einem schwunglosen Wahlkampf boten die Bewerber um das Präsidentenamt der USA ihrem Volk nur die Alternative zwischen zwei Spielarten von gemaßigtem Konservativismus. Ob der Wahlsieger diesen Dienstag Ford oder Carter heißt -- er wird nur gewonnen haben, weil die Wähler in ihm das kleinere Übel sehen.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Gerald Ford

Präsident und möglicher neuer Präsident der USA

Präsident hat er, nach eigenem Bekunden, nie werden wollen. Und kaum jemand wäre wohl auch auf den Gedanken verfallen, den fleißigen, aber farblosen Kongreßabgeordneten aus Michigan für das Weiße Haus zu nominieren. Sein Ehrgeiz war auf den Parlamentsvorsitz fixiert, »Speaker of the House« wollte er eines Tages werden.

Nur weil nacheinander der zweite und dann auch der erste Mann im Staat, Spiro Agnew und Richard Nixon, als Schurken entlarvt wurden, gelangte der honorige Durchschnittsamerikaner Gerald Rudolph Ford schneller an die Spitze des Staates als an die Spitze des Parlaments, gelobte aber, er wolle da oben gar nicht bleiben.

Doch einmal im Zentrum der Macht, änderte der Zufallspräsident seine Meinung. Das allerdings ist auch ziemlich das einzige, was sich geändert hat.

Gerald Ford, der gute Mensch von Michigan, aufrecht, offenherzig, phantasielos, konservativ, ist nicht mit seinem Amt gewachsen, er hat es auf seine Größe zurechtgestutzt. Es ist die sympathische Größe eines Mannes, der die Zeitungslektüre mit dem Sportteil beginnt, der einnickt, wenn Frau Betty ihn in Ballett oder Oper schleift, der inmitten der kulinarischen Genüsse von Peking Steak und Baked potato verlangt.

Dieser »Eisenhower ohne Generalssterne« (so sein Ex-Pressechef ter Horst) war nach den Alpträumen der Nixon-Zeit Balsam für die amerikanische Seele gewesen, mehr aber nicht. Die Politik überließ er den Beamten, die schon Richard Nixon gedient hatten.

»Es ist beinahe unerklärlich«, schreibt Kolumnist David 5. Broder, »wie jemand zwei Jahre lang das Weiße Haus bewohnen kann, ohne sich das Führungspotential des Amtes zu eigen zu machen.« Fords Weißes Haus, klagte ein Mitarbeiter, ist »eine große Suppenküche, in der Inkompetenz niemals bestraft, sondern zuweilen sogar noch belohnt wird«.

Nur zaghaft und knapp überstand der Präsident die Herausforderung aus der eigenen Partei durch den Ex-Schauspieler Ronald Reagan. Nur zögernd wagten es seine Berater, den unbeholfenen Mann auf Wahlkampf-Tournee zu schicken.

Denn auch mit dem nun allgegenwärtigen Präsidentensiegel ist Ford im Grunde der Abgeordnete aus Grand Rapids geblieben, der glaubt, die Nation schon zu führen, wenn er nur die einem eingefleischten Republikaner lebensgefährlich erscheinenden liberalen Programme der demokratischen Opposition stoppt -- so als sei er immer noch der Minderheitsführer im Repräsentantenhaus.

»Was ihm an Geistesgaben fehlt«, urteilt Ford-Sohn Steve über den Vater, »hat er durch harte Arbeit mehr als wettgemacht.« Und schließlich habe, so Ford-Intimus Robert Hartmann, »der Ackergaul erheblich mehr für die Welt getan als das Rennpferd«. Okay.

Robert Dole

Fords Kandidat für die Vize-Präsidentschaft

Daß er ein politischer Heckenschütze ist, hatte er schon im Senat bewiesen, als »selbsternannter Sheriff, der für die Nixon-Regierung durch das Plenum patrouillierte« ("The Washington Star"). ein Hitman für alte Gelegenheiten.

Daß diese Qualifikation aber ausreichen könnte, ihn bis ins zweithöchste Amt der USA zu tragen, hatte Robert Joseph ("Bob") Dole wohl selbst kaum erwartet obgleich Finsterlinge in diesem Amt beinahe schon republikanische Tradition sind: Spiro Agnew der letzte, Richard Nixon zuvor, berufen nur, um die Schmutzarbeit für die strahlende Nummer eins zu erledigen.

Gerald Ford wäre kein echter Republikaner, wenn er nicht ebenfalls einen Meister der schmutzigen Tricks engagiert hätte. Dole, der Selbstironie durchaus fähig: »Wenn Sie Richard Nixon mochten, werden Sie Bob Dole lieben.« Und: »Ich bin ein Ein-Mann-Zirkus. Präsident Ford zieht mich nur auf und sagt »los«.«

Visionen hat er nicht, nicht mal Positionen. Aber die stehen der Nummer zwei auch nicht zu, die muß immer nur angreifen. Das tat Dole.

Als er aber ein einziges Mal nicht nur aus sicherer Distanz feuern konnte. sondern sich seinem unmittelbaren Rivalen Walter Mondale zum direkten Duell im Fernsehen stellen mußte, offenbarte er nach den Worten der Kolumnistin Mary McGrory schlagartig die »öde Landschaft seines Geistes«.

Mit verbissener Miene klagte er an: »Wenn man die Toten und Verwundeten der Demokraten-Kriege in diesem Jahrhundert zusammenrechnet, kommt man auf ungefähr 1,6 Millionen, genug, um eine Stadt wie Detroit zu bevölkern.« Weltkrieg II ein Krieg der Demokratischen Partei? Die Demokraten eine Kriegspartei?

Dole, 1945 in Italien schwer verwundet, brauchte fast zwei Wochen, um seine Behauptung zurückzunehmen. »Es läuft einem eiskalt über den Rücken«, entsetzte sich der Autor Garry Wills, »wenn man daran denkt, daß dieser Mann nach dem 2. November möglicherweise nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt ist.«

Jimmy Carter

Ex-Gouverneur und möglicher neuer Präsident der USA

Als er, Ende 1974, ankündigte, er wolle Präsident der Vereinigten Staaten werden, fragte sogar »Miss Lillian«, seine Mutter: »Präsident wovon?« Denn eigentlich sprach -- und spricht vieles gegen einen Präsidenten James Earl ("Jimmy") Carter:

Ein Erdnußfarmer aus dem im Norden der USA immer noch arrogant belächelten Süden, ein südlicher Bapist obendrein, ein Nobody von Nowhere, ohne Harvard und einflußreiche Freunde, ohne Rückhalt im Big Business, in Partei oder Gewerkschaften -- das ist nicht das Holz, aus dem gemeinhin Amerikas Präsidenten kommen.

Knapp zwei Jahre lang mühte er sich, der Nation Jimmy Carter vorzustellen: durch eine Autobiographie ("Why Not the Best?"), endlose Zeitungsserien, Interviews, drei Fernsehdebatten und Hunderttausende von Händedrucken. Doch auch, als sieh dieser seltsame Heilige mit dem Modell-Gebiß bis an die Schwelle des Weißen Hauses emporgelacht hatte, fragte Amerika immer noch: »Jimmy Who?« und »Jimmy What?«

Unverändert fast ist der einstige Gouverneur von Georgia seinen Landsleuten ein Rätsel. Unverändert forschen sie nach dem »echten Jimmy Carter«. Offen bekennt ein Funktionär der Demokratischen Partei: »Wir wissen nicht, was wir da eingekauft haben.«

Denn wenn dieser Jimmy Carter im Gegensatz zu Gerald Ford eine Vision von und für Amerika hat, wie er behauptet, dann hat er es trefflich verstanden, sie für sich zu behalten.

Er trat an mit einer eigenartigen Programm-Mixtur. in der sich ein gemäßigter, von Rassismus freier Populismus, religiöse Gemeinplätze, moralischer Anspruch und Ressentiments gegen »die da« in Washington zu der beglückenden Formel verbinden: Vertraut mir nur, dann werdet ihr endlich wieder eine Regierung bekommen, die so gut ist wie das amerikanische Volk.

Kaum je ein Politiker vor ihm, ausgenommen vielleicht Kriegsheld Dwight D. Eisenhower, hat seine Kandidatur so sehr auf Vertrauen in die eigene Person und so wenig auf ein Programm gegründet wie Carter.

Jimmy, glaubt ein Mitarbeiter, »ist von dem Empfinden erfüllt, das ganze amerikanische Volk zu verkörpern«. Und dieses Volk will, meint er, nicht mit Programmen gelangweilt werden. sondern endlich wieder hoffen können auf die Größe Amerikas -- irrationaler geht"s kaum.

Offenbar aber glauben ihm viele Amerikaner, wenn er gelobt, er werde sie niemals belügen. Denn nach acht Jahren republikanischer Stagnation

Demokraten Mondale, Carter: »Ein Risiko, das man eingehen kann symbolisiert dieser Jimmy wohl tatsächlich für viele die Hoffnung auf einen Neubeginn.

Er packe, schrieb selbst die kritische »New York Times«, die Probleme Amerikas auf »eine menschliche, an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierte, im Wesentlichen liberale Art« an und verdiene allein schon deshalb seine Chance: »Und selbst wenn er ein Risiko darstellt, ist es eines, das man durchaus eingehen kann:«

Das Risiko allerdings offenbart sich täglich: nicht in Carters Unerfahrenheit -- er ist intelligent genug, schnell zu lernen -, sondern wie er fast besessen dem Erfolg nachjagt, seit er einmal eine Wahl (1966 zum Gouverneur) verloren und sich geschworen hatte, er habe »nicht die Absicht, jemals wieder zu verlieren«.

Wer sich ihm in den Weg stellt, ihn auch nur kritisiert, für den kennt der Prophet der Liebe keinen Pardon -- und insoweit ist der lautere Carter dem schurkischen Nixon durchaus ähnlich.

Walter Mondale

Carters Kandidat für die Vize-Präsidentschaft

Als es darum ging, seine gecharterte Wahlkampf-Boeing 727 zu taufen, kam von hinten, aus den Reihen der mitreisenden Reporter, ein geradezu unerhörter Vorschlag. »Why Not the Best?« Der Titel der selbstgefälligen Autobiographie Jimmy Carters, so hat. te James Reston schon vorher in der »New York Times« festgestellt, passe viel eher auf dessen zweiten Mann.

Und unrecht hatte er damit wohl nicht. Denn wenn in diesem Wahlkampf jemand Qualitäten bewiesen und an Statur gewonnen hat, dann Walter Frederick ("Fritz") Mondale.

Wenn er auftrat, war der Beifall für ihn oft herzlicher als der Applaus für den Chef. Da sprach, man spürte es. ein wahrer Liberaler, der nicht heute so und morgen anders redet, ein Mann, der vereinen möchte, nicht polarisieren.

Bei ihm, das ist sicher, wissen die Amerikaner, woran sie sind. Ihn führten deshalb Zeitungen wie die Denver Post« als einzigen Grund dafür an, daß sie die Wahl Jimmy Carters unterstützen. Er scheint ihnen, eher als der Spitzenmann, eine Politik der »Compassion« für die Schwachen der Gesellschaft zu garantieren.

Selbstbewußt ("Ich kenne die Probleme und bin ihnen absolut gewachsen") widersprach der Senator aus Minnesota gelegentlich sogar dem Mannschaftsführer. Und wenn ihn das Wetter oder die örtlichen Wahlhelfer nicht im Stich ließen, füllte er Säle und Marktplätze auch allein -- als loyaler Trommler für Jimmy Carter, der selber sagte, daß Walter Mondale »auf das höchste qualifiziert ist, das Land zu führen«.

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