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2000: Sport ES LEBE DIE SHOW

Je populärer der Sport in diesem Jahrhundert wurde, desto mehr nutzten ihn Politik und Wirtschaft für ihre Zwecke. Der dreimalige Olympiasieger Michael Groß schreibt über den Wandel der Athleten zu Ikonen der Unterhaltungsbranche.
aus DER SPIEGEL 52/1999

Olympische Spiele 2076. In vielen Wettkämpfen fallen Weltrekorde. Denn die erste Generation »gezüchteter« Athleten geht an den Start. Geklont von skrupellosen Wissenschaftlern, die von geldgierigen Managern und renommeegeilen Politikern angetrieben und gestützt werden. Das Publikum reagiert mit Gleichgültigkeit. Einige Medien jubeln: »Endlich! Doping durch kontrollierte, gesunde Manipulation ersetzt!«

Dicke Muskeln und perfekte Ausdauer von Geburt an. Horrorvision oder realistisches Szenario?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch: Irgendwo und irgendwann werden Menschen geklont werden - ob verboten oder nicht. Und der Sport, in dem meist der Körper entscheidet, drängt sich als Spielfeld mit hervorragender Erfolgskontrolle geradezu auf.

Der Sport würde damit zu einem Trendsetter. Im zu Ende gehenden Jahrhundert hat er sich mit der Rolle eines verlässlichen Nachzüglers begnügt. Denn ob Kommerzialisierung, Politisierung oder Betrug - welche Phänomene sich in anderen Bereichen der Gesellschaft auch etablierten, der Sport spiegelte sie bald wider.

Warum sollte es hier auch anders zugehen als im übrigen Leben, sind doch gerade im Sport der Konkurrenzdruck und das Leistungsprinzip elementar.

In diesem Sinne setzte ein Marathonläufer aus Italien den ersten Meilenstein des Jahrhunderts. Denn von Olympia 1908 ist vor allem Dorando Pietri in Erinnerung geblieben. Nicht weil er gewonnen hätte. Er lieferte die beste Show. Er hatte meilenweit geführt, torkelte dann über die Ziellinie, gestützt von Helfern. Daher die Disqualifikation. Dann das Gerücht, er soll gedopt gewesen sein, mit Strychnin. Leistung und Erfolg um jeden Preis. Und das 1908.

Machen wir uns nichts vor. Doping ist ein Teil des Sports. Das Problem ist nicht, dass Sportler - auch in Zukunft - künstlich nachhelfen. Sollen sie doch! Sie schaden sich selbst! Wie der gewohnheitsmäßige Einbrecher, der über kurz oder lang im Gefängnis landet.

Doping wäre erst ein Problem, wenn der Betrug als hoffähig betrachtet und als Kavaliersdelikt eingestuft würde. Dopingkontrollen sind deshalb genauso notwendig wie die Aufsicht gegen den Insiderhandel an der Börse. Aber, wie der Umgang mit Dieter Baumann zeigt, ist beim Thema Doping sehr viel Politik im Spiel. Vielfach behindern die Einzelinteressen von Funktionären, Verbänden oder sogar Ärzten, ob gewollt oder nicht, den Kampf gegen die Manipulation aus der Apotheke.

Kann es die vielbeschworene Trennung von Politik und Sport geben? Wie sollte es. Der Sport, und besonders Olympia, ist per se ein Politikum. Weil er ein Podium bietet für Demonstrationen von Stärke und weil er den Mächtigen Symbole liefert. Man denke nur an den Beginn der Politisierung, Hitlers Olympia 1936 in Berlin, das bis heute wichtige Rituale hinterlassen hat, allen voran den Fackellauf.

Die sechziger Jahre waren das Dezennium von Aufruhr und Emanzipation. Und was passiert 1968 im Olympiastadion von Mexiko? »Black Power": Tommie Smith und John Carlos recken auf dem Siegerpodest ihre schwarz behandschuhten Fäuste in den Himmel. Amerikaner demonstrieren gegen Amerika - und werden vom eigenen Team nach Hause geschickt.

Vier Jahre darauf springt der Nahostkonflikt auf die friedlichen Spiele von München über, eine Olympiade später heißt das politische Thema Rassismus: Schwarzafrikaner boykottieren das Fest der Welt. Zugleich gerät der Sport in den längst in der gegenseitigen Abschreckung erstarrten Kalten Krieg: Es folgen die Boykottspiele in Moskau 1980, denen der Westen fernbleibt, und in Los Angeles 1984, die der Osten meidet und bei denen der Schwarze Carl Lewis zum weltweiten Idol wird. Aber nicht, weil der Sport Vorreiter der Emanzipation war, sondern weil er sich angepasst hatte.

Das gilt auch für das IOC, das zwar neulich auf Druck von außen einige Reförmchen beschlossen hat, von der absolutistischen Herrschaftsform aber nicht lassen will. Marqués de Samaranch sei Dank. Die Kungelei um Mandate sowie Olympia- und WM-Orte wird so schnell kein Ende finden.

Wahre Reformen wurden nicht vom Sport selbst, sondern durch den Kommerz forciert. Auf dem Meilenstein des wirtschaftlichen Wandels steht die Jahreszahl 1984: Erstmals wurden in Los Angeles Olympische Spiele privatwirtschaftlich organisiert und zum betriebswirtschaftlichen Erfolg. Dank eines US-typischen Kostenmanagements, des Verzichts auf Prunkbauten und des Diktats der Medien als den entscheidenden Investoren.

Der Sport selbst wusste nicht so recht, wie ihm geschah. Vom Verkauf der Spiele war die Rede. Aus heutiger Sicht sympathisch naiv. Genauso wie der verlogene Ausschluss Karl Schranz' von Olympia 1972 in Sapporo wegen Verstoßes gegen den Amateurparagrafen. Von 53 des Professionalismus beschuldigten Skirennläufern sperrte das IOC nur einen, Schranz. Ein Exempel wurde statuiert, das letztlich kein Jahrzehnt später, welche Dialektik, zur Aufgabe des von Coubertin erfundenen Amateurgedankens durch das IOC selbst führte.

Los Angeles war aber nur Auftakt für einen schwerwiegenden Strukturwandel im Sport, der akut abläuft: die Aufspaltung in Arme und Reiche, die Organisation nach Angebot und Nachfrage, Sport als Teil des Showbiz.

Wie die U- und E-Musik wird es im nächsten Jahrhundert auch im Sport das klar getrennte Unterhaltungsgenre und den »ernsten« Teil geben.

Medienkonzerne managen den profitablen U-Sport: Formel 1, Fußball, Boxen. Die Verwertungskette wird kontinuierlich perfektioniert, Marken werden aufgebaut, der Fan als Konsument abgeschöpft. Diese Entwicklung ist gut, nützt dem Sport, wenn er es nur endlich wahrhaben wollte. Die andere Option wäre: Absinken in die Bedeutungslosigkeit.

Der Staat, Stiftungen und Enthusiasten an der Basis engagieren sich im »freien« E-Sport: Rudern, Hockey, Schwimmen. Diese freie Sportbetätigung müsste genauso eine hoheitliche Aufgabe sein wie die Möglichkeit des Museums- oder Theaterbesuchs zu sozialverträglichen Preisen.

Die rührenden Versuche von Verbänden, sich mit Regeländerungen den Massenmedien und anderen Geldgebern anzudienen und von Athleten wie Hand- und Volleyballspielerinnen mit Nacktfotos aus Seifenkisten einen Formel-1-Boliden zu machen, schaden eher. Man vergleicht sich, ohne je den Vergleich aushalten zu können - und wird von den Umworbenen zwangsläufig in einen Topf geworfen.

Mancher Athlet muss akzeptieren, dass es ihm nicht anders geht als Goethe und Schiller: gesellschaftlich bedeutend schon zu ihrer Zeit, aber kommerziell irrelevant. Die niemals konkurrenzfähigen Sportarten stellen sich einem übermächtigen Gegner, der alle Trümpfe in der Hand hält: das Publikum, das Fernsehen und die Sponsoren.

Der Sport muss endlich lernen, Zukunftsmodelle zu entwickeln, statt nur reaktiv den Alltagskrisen zu begegnen. Reines Lamentieren, dass bald »geklonte« Athleten die Arenen betreten, führt dazu, sie als Sieger zu feiern - und sich seinen Teil zu denken.

Rechtzeitiges Handeln erspart dem Sport die Entschuldigung und dem Publikum von 2076 das peinliche Schauspiel, wie man den neuesten »Klon-Sünder« bewerten soll. Denn: Im Reagenzglas geschaffene Athleten sind für ihr Stigma ja nicht verantwortlich - und können daher auch nicht bestraft werden.

Michael Groß, 35, gewann zwischen 1982 und 1991 dreimal Olympia-Gold und fünf Weltmeistertitel. Der promovierte Literaturwissenschaftler ist als Kommunikationsberater tätig.

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UMFRAGE Spiel, Satz und Sieg . . . »Wer ist der größte deutsche Sportler des Jahrhunderts?« Steffi Graf, Tennis 64 Boris Becker, Tennis 44 Max Schmeling, Boxen 39 Michael Schumacher, Formel 1 33 Franz Beckenbauer, Fußball 32 Katarina Witt, Eiskunstlaufen 17 Fritz Walter, Fußball 16 Hans Günter Winkler, Springreiten 10 Armin Hary, Leichtathletik 6 Kristin Otto, Schwimmen 3 Mehrfachnennungen möglich Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent

[GrafiktextEnde]

Michael Groß
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