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ERZIEHUNG / KLEINSCHREIBUNG Es plumpst

aus DER SPIEGEL 48/1968

Rudolf Krämer-Badoni, 54, schwankte zwischen Lob und Tadel. Dann fällte der ebenso konservative wie unkonventionelle Publizist ein abgewogenes Urteil: »Schade, daß ein so guter Vorschlag ausgerechnet aus dem Scheißländchen Rheinland-Pfalz kommt.«

Als der Autor (Hauptwerk: »Bewegliche Ziele") letzte Woche im hessischen Wiesbaden so differenziert gutachtete, lobte zur gleichen Zeit zehn Kilometer weiter südwestlich -- in der rheinland-pfälzischen Metropole Mainz -- der CDU-Landtagsabgeordnete Helmut Adamzyk, 42, den Vorschlag ohne lokalbezogene Einschränkung:

»Der Stein, der hier ins Wasser plumpst, schlägt Wellen bis an die Grenzen des deutschen Sprachraums.«

Adamzyk ist der Urheber des Vorschlags: Er hat die »Abschaffung der Großschreibung« angeregt.

In einer parlamentarischen Anfrage forderte er jüngst den Mainzer CDU-Kultusminister Bernhard Vogel auf, zwecks bundesweiter Verbreitung der Kleinschreibung »mit den übrigen Bundesländern entsprechende Verhandlungen aufzunehmen. Ferner solle Vogel schon vorweg verfügen, »daß die Kleinschreibung von Hauptwörtern in unserem Bundesland Rheinland-Pfalz nicht mehr als Fehler« gilt. Denn bis zur » einheitlichen Regelung in allen deutschsprachigen Ländern' (Bundesrepublik, Osterreich, Schweiz, DDR. Liechtenstein) mag Adamzyk nicht warten.

Die Überzeugung, daß beschleunigte Rechtschreib-Reform gerade dem Winzer- und Bauern-Ländchen bekömmlich sei, gewann der gelernte Lehrer Adamzyk in der einklassigen Volksschule zu Krähenberg (Kreis Zweibrücken). Dort gab er sich sieben Jahre lang Mühe, 30 Kindern deutsche Orthographie einzutrichtern.

Nun sammelt Adamzyk, der 1963 durch seine Wahl zum Landtagsabgeordneten von Lehrpflichten entbunden wurde, Verbündete für den Kleinschreib-Vorstoß nicht nur in allen Mainzer Fraktionen, sondern so weit die deutsche Zunge klingt. Er hofft, daß sich Schweizer. Österreicher und Ostdeutsche, aber zum Beispiel auch Hamburger, Hessen und Bayern der neuen Schreib-Praxis bedienen werden.

Der Optimismus des Oberlehrers außer Diensten verdient Beachtung. denn die letzten Bemühungen um eine Reform der seit 1901 verbindlichen Rechtschreibung wurden vor zehn Jahren eingestellt.

Damals -- im Oktober 1958 hatte ein Arbeitskreis von Germanisten. Schriftstellern, Pädagogen und Buchdruckern die » Wiesbadener Empfehlungen« verabschiedet: Den westdeutschen Kultusininistern und dem Bundesinnenministerium wurden darin Vorschläge zur künftigen Grod- und Kleinschreibung vorgelegt.

Unter Paragraph 1 wurde zum Beispiel bestimmt: »Die jetzige Großschreibung der »Hauptwörter' soll durch die »gemäßigte Kleinschreibung ersetzt werden.« Großschreiben wollte man nur noch »die Satzanfänge, die Eigennamen, einschließlich der Namen Gottes, die Anredefürwörter und gewisse fachsprachliche Abkürzungen«.

DDR-Schreibexperlen waren damit einverstanden, doch eine »Osterreichische Kommission für die Orthographiereform« und eine »Schweizerische Orthographiekonferenz« lehnten die Reformpläne der bundesdeutschen Kollegen ab.

Dr. Paul Grebe. Geschäftsführender Vorsitzender des Wiesbadener Arbeitskreises und Leiter der Mannheimer »Duden«- Redaktion, erinnert sich: »Damit war die Sache geschehen -- denn keiner wollte die Einheit im deutschen Sprachraum zerstören.

Kleingeschriebenes las man seither nur auf Visitenkarten von Snobs, in Geburtsanzeigen, Fernschreiben' Computer-Texten und in Fachblättern der Industriegewerkschaft Druck und Papier. In Schulen, Druckereien und Büros blieb alles beim Grollen.

Dann fand Helmut Kohl Geschmack am Reformieren. Der junge rheinland-pfälzische CDU-Führer gab In letzter Zeit in seinem Katholikenland Parolen aus wie »Die Zeit der Postkutsche ist vorbei« und begann an vielen alten Zöpfen zu säbeln.

Als der Mainzer Landtag unlängst eine umfangreiche Verwaltungsreform beschlossen hatte, nutzte Adamzyk die Gelegenheit für sein Kleinschreib-Projekt. Stolz verriet er dem Chef: »Ich bin schon dabei, die nächste Reform einzuleiten.« Kohl ("Warum denn nicht?") gab Adamzyk grünes Licht. Auch CDU-Fraktionsgeschäftsführer Willi Hörter unterstützte den Kleinschreib-Vorstoß im Parlament. Und der Oppositions-Sprecher Karl-Heinz Nass (SPD) gab sich heiter »weil ja dann wohl auch der Name Helmut Kohl bald kleingeschrieben wird«.

Doch den CDU-Landtagspräsidenten Otto van Volxem störte schon die Kleinschreibung in Adamzyks Anfrage-Manuskript. Er ordnete an, daß die »Schreibweise der Amtssprache hergestellt« werde, bevor der Text in die Druckerei kam.

Andere ärgerten sich auch: Die Mainzer »Allgemeine Zeitung' verwies die Kleinschreibler auf »das nächstliegende: Noch immer warten die Rheinland-Pfälzer auf die Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit«.

Im Kultusministerium bangen die Referenten vor neuer Arbeit, die ihnen nutzlos vorkommt. Dr. Hans Boelte, Minister Vogels Pressereferent, klagte: »Wenn der Vorstoß von der SPD käme, hätten wir's leicht -- so aber müssen wir das alles ernst nehmen.«

Aber Kultus-Chef Vogel überhörte das Gejammer seiner Subalternen und versprach dem Parteifreund Adamzyk, er werde »das Problem mit Sicherheit auf der nächsten Kultusministerkonferenz zur Sprache bringen«.

Doch nun wollen einige Mitarbeiter des Wiesbadener Arbeitskreises nichts mehr von einer Neu-Auflage ihres vor zehn Jahren gescheiterten Reform-Projektes hören, So befand Duden-Chef Grebe, der »lobenswerte Eifer« Adamzyks sei »von der Sache her sehr schön' aber politisch nicht mehr opportun«.

Grebe hat »Anhaltspunkte« dafür, daß »bei den Leuten in der DDR schon längst eine fertige Rechtschreib-Reform in der Schublade liegt«. Und: »Wenn jetzt bei uns irgend jemand vorprellt, dann werden die da drüben auf eigenen Wegen marschieren.«

Aber weder Bonn-fromme Politiker wie Volksvertreter Adamzyk noch Bonn-kritische Literaten wie Grebes einstiger Reform-Kollege Krämer-Badoni teilen die Besorgnis des Duden-Chefs. Krämer-Badoni bekannte, Grebes gesamtdeutsche Bedenken seien ihm »völlig wurscht«, denn: »Geschehen muß mal was.« Und auch Minister Vogel erkannte: »Die Entscheidung ist reif.«

Der rheinland-pfälzische Kultus-Chef sorgte gleichwohl dafür, daß zunächst noch nichts geschieht. Einen Mainzer Kleinschreib-Alleingang, den Adamzyk vorschlug und Grebe für »theoretisch möglich« hält, lehnte Vogel ab.

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