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Es regnet wie im Film

aus DER SPIEGEL 31/1948

Das Premierenpublikum am Berliner Kurfürstendamm zeigte sich unschlüssig. Die Eagle-Lion-Film schickte »It always rains on sunday« (Es regnet sonntags immer) über die Leinwand. Unter neuem Namen: »Whitechapel«.

Mit Whitechapel, dem Londoner Stadtviertel, verbinden sich filmisch so attraktive Vorstellungen, wie Unterwelt, Diebesware, Polizei und Gangsterverfolgung. Von allem ist auch etwas drin. Zum Schluß sogar die tolle Jagd nach einem entsprungenen Zuchthäusler kreuz und quer durch einen nächtlichen und regennassen Rangierbahnhof.

Aber nicht darauf kam es dem Produktionschef Michael Balcon und dem Regisseur Robert Hamer an. Die britische Filmindustrie ringt um einen neuen, unsensationellen Realismus, für den Noel Cowards »Begegnung« ("Brief Encounter") das kassenstarke Musterbeispiel ist. Sie sucht dem Alltag und seiner strengen Größe auf die Spur zu kommen, in bewußtem Gegensatz zu dem operettenhaften routinierten Schmelz Hollywoods und in der Hoffnung, die graziöse Kammerkunst der Franzosen zu erreichen.

Es ist ein Filmtypus, dem Fachleute die Achtung nicht versagen können. Aber es ist nicht der letzte Schwung darin, durch den auch die künstlerisch Anspruchslosen hingerissen werden können, die Leute, die ins Kino gehen, weil es am Sonntag immer regnet.

Der verregnete Sonntag auf der Leinwand ist ein Tag wie tausend andere in Whitechapel, wo neben Dieben und Hehlern auch viele ehrbare Leute wohnen. Eintönig spulen sich die kleinen Konflikte des Alltags ab.

Nur ein Ereignis durchschneidet sie alle diagonal: Der aus dem Zuchthaus Dartmoor entsprungene Verbrecher (John McCallum) flüchtet sich zu einer alten Freundin, einst Biermamsell, nun das achtbare und etwas schrille Eheweib eines kleinen Bürgers, eine Mrs. Sandigate.

Sie versteckt ihn zwei bange Tage lang im Doppelschlafzimmer. Ein dutzendmal wird er um ein Haar entdeckt. Der triste Spießersonntag bekommt dadurch Dämonie.

Die Frau (Googie Withers) wächst allmählich zu schmerzvoller Größe heran. Kurz vor Schluß placiert ihr Sweetheart einen rechten Haken auf ihre Kinnspitze. Als sie im Krankenhaus erwacht, ist alles wie ein böser Traum vorbei.

Die Kamera malt unerbittlich den grauen häßlichen Stadtteil und die bedrückend enge Stube der Familie Sandigate ab. Dazu pladdert der Regen herunter, wie man es nur im Film erleben kann.

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