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SPORTFERNSEHEN »Es soll menscheln«

Olympische Winterspiele, Fußball-Weltmeisterschaft, Leichtathletik- und Schwimm-EM - die TV-Sender haben 2002 zum »Supersportjahr« erklärt. Doch weil die Rechte immer teurer werden, darf kein kritischer Unterton der Journalisten die quotenträchtigen Inszenierungen stören.
aus DER SPIEGEL 7/2002

Als am Freitagabend im Universitätsstadion von Salt Lake City die Olympischen Winterspiele eröffnet wurden, hatte einer der »Teamchefs« den Großteil seiner Arbeit schon hinter sich. Zwei Jahre lang bereitete Werner Rabe diesen Moment vor. Er sondierte das Terrain in Utah, entwarf Sendepläne und baute mit seiner Mannschaft 36 eigene Kameras auf - damit Sven Hannawald oder Georg Hackl auf ihrer Medaillenjagd auch gebührend rüberkommen.

Als »Olympia-Teamchef« von ARD/ZDF trägt Rabe eine schwere Verantwortung: Rund 29 Millionen Euro an Gebührengeldern haben die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten für die Rechte an den Winterspielen bezahlt. Dazu kommen Produktionskosten von weiteren 12 Millionen Euro. Da sind nicht nur bei den Sportlern Superlative gefragt.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender erklärte das Jahr 2002 gerade feurig zum »Supersportjahr« voller »Großevents«. Teamchef Rabe zeigt sich da vergleichsweise bescheiden. Vor allem eine Mission gibt er den Mitarbeitern von ARD und ZDF für ihre Olympia-Berichterstattung

mit auf den Weg: »Es soll menscheln.« Damit es richtig menschelt, sollen unter anderen Waldemar Hartmann für die ARD und Wolf-Dieter Poschmann sowie Michael Steinbrecher fürs ZDF die Stars der Wintersport-Szene einvernehmen - allesamt erwiesene Profis in Sachen gefällig gefühliger Interviewtechnik.

Tatsächlich hätte es des mahnenden Hinweises auf ein bisschen Menschlichkeit nicht bedurft: Kaum ein Berufsbild im deutschen Fernsehen hat sich in den letzten Jahren stärker gewandelt als das der Sportjournalisten. Ob Waldi mit Hanni oder Poschi mit Anni: Man kennt sich. Man duzt sich. Man schätzt sich. Und - man braucht sich.

Die Athleten müssen auch bei sportlichem Totalausfall keine Angst vor verbalen Bodychecks haben. Viel größer ist die Gefahr, dass sie von einem mitfühlenden Reporter in den Arm genommen werden.

Seit öffentlich-rechtliche wie private Sender den Sport als Quotenbringer entdeckt haben, seit sie für die Übertragungsrechte wie ARD und ZDF für die kommende Fußball-WM dreistellige Millionensummen bezahlen und schon deshalb um die begehrte Ware einen gigantischen »Event«-Zirkus zelebrieren - seither mutieren immer mehr Fachjournalisten von kritischen Branchenbegleitern zu devoten Stichwortgebern.

Mittlerweile können Sender und Verbände schon völlig ungeniert Druck ausüben. So reklamierte der Deutsche Ski-Verband von der ARD »sauberen Journalismus«. Der frühere Slalomläufer Christian Neureuther hatte vorher gewagt, die Nachwuchsarbeit des Verbandes zu thematisieren.

Mit RTL klappt die Zusammenarbeit da schon besser. Selbst für den nötigen Klamauk ist sich beim Kölner Sender niemand zu schade: So moderierte Günther Jauch die Vierschanzentournee zeitweise in einem weinroten Skisprunganzug und wirkte - so dessen eigene Kinder - wie »das fünfte Teletubbie«.

Im »Supersportjahr« droht nun der endgültige Sieg der Jubelarien über den Journalismus. »Eigentlich eine unmögliche Situation«, sagt der Berliner Sportsoziologe Gunter Gebauer. »Die Sender jazzen dieselben Veranstaltungen hoch, die ihre Sportjournalisten dann kommentieren und kritisieren sollen.« Sein Münchner Kollege Josef Hackforth, Professor für Sport und Kommunikation, sieht eine »ernste Gefahr, dass die Grenzen zwischen Sportjournalismus und PR zunehmend verwischen«.

Jürgen Lange-Amelsberg hat vor kurzem damit begonnen, das Selbstverständnis von Sportjournalisten zu untersuchen. Dem Hamburger Professor für Sportjournalistik fiel dabei auf, wie unterqualifiziert viele der Probanden waren. »Die Mehrzahl waren Quereinsteiger ohne spezielle Ausbildung.« Das führe zu handwerklicher Unsicherheit und dazu, »journalistische Qualitätsmaßstäbe durch die Orientierung an den Kollegen zu ersetzen«. Die Altvorderen zeigen gern, wie''s geht.

So kündigte ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann im »Aktuellen Sportstudio« vor kurzem in Stadionsprecher-Manier mehrfach »den besten Vereinstrainer der Welt Ottmar Hitzfeld und den besten Torhüter der Welt Oliver Kahn« an, um eifrig nachzuschicken: »Ehrung, wem Ehre gebührt.« Die 1:5-Totalschlappe gegen Schalke vom selben Nachmittag streifte Poschmann nur kurz, um sich am Ende des Gesprächs vor seinen Gästen endgültig in den Staub zu werfen: »Das ist das Schicksal großer Menschen, ausgezeichneter Menschen, hochdekorierter Menschen.«

Die Zuschauer wollten es schließlich so, reden sich Senderchefs und Sportreporter gerne heraus. Sport als Spektakel, modern und moderat verpackt.

Die von Lange-Amelsberg befragten Berichterstatter spulten das Problem des Quotendrucks zwar auf Knopfdruck herunter, aber nur als Beweis, wie gut sie das System kapiert hatten. Konsequenzen daraus zogen sie nicht. Solch kleinlautes Bedauern von Berufszwängen und Autonomieverlust erinnert an einen Satz Karl Valentins: »Mögen hätt'' ich schon wollen, aber dürfen hab'' ich mich nicht getraut.«

Hinter solch schlichten Wahrheiten lässt es sich gut leben. Kritische Fragen würden zum unkalkulierbaren Risiko der teuren Inszenierungen. Doping? Wird in verquasten Alibi-Fragen versteckt.

Michael Steinbrecher etwa, juveniler Küchenpsychologe unter den ZDF-Sportbeauftragten, fragte den Sprint-Weltrekordler Maurice Greene: »Ein Thema, weswegen dieser Sport immer wieder in den Schlagzeilen ist, ist Doping. Andererseits waren diese Weltmeisterschaften populär wie nie. Heißt das, dass die Leute das einfach so akzeptieren?« Greene brauchte da von sich gar nicht erst zu reden.

Als Michael Schumacher bei einem Formel-1-Rennen Jacques Villeneuve fast von der Rennstrecke rasierte, hätte RTL-Reporter Kai Ebel - immerhin studierter Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Journalistik - eigentlich nach dem Grund dafür fragen müssen. Natürlich fragte er nicht.

Ebel, ein als Mechaniker verkleideter Motorsportfan, der für den Kölner Privatsender in der Boxengasse herumlungert, strebt vor allem eine »gute Zusammenarbeit« mit der Formel-1-Szene an - beruflich und privat: Gerade hat er sich in einem Werbespot für den Ferrari-Sponsor Vodafone zum Affen gemacht - ganz so wie in seinen Interviews: In der Boxengasse sucht er verzweifelt das »Telefongeheimnis«, das ihm Schumacher am Ende väterlich erklärt: »D2 heißt jetzt Vodafone.«

Ähnliches Niveau erreicht das PR-Engagement der ARD-Olympia-Moderatorin Franziska Schenk. In Anzeigen fragt sich die Bannerträgerin von Fondspolicen der WWK Versicherungen, weshalb ihr Geld »nicht einmal für mich schwitzen« könne? Längst gelten solch lukrative Werbeverträge von Sportreportern nicht mehr als anrüchig - welche Unabhängigkeit sollten sie schon verletzen?

Die Vorbilder für Interviewtechnik, so Lange-Amelsberg, kommen meist aus den eigenen Redaktionen. Es sind Typen wie Jürgen Emig, der während der Skandal-Tour-de-France 1998 daran erinnert werden musste, die deutschen Fahrer auch mal nach Doping zu fragen, während ringsherum schon Razzien stattfanden. Vielleicht dachte Emig, das sei verboten, weil die ARD als offizieller Sponsor des »Teams Telekom« die Tour begleitete.

Nur wenige Sportjournalisten können diesem Kuschel-Stil noch widerstehen. Und es werden immer weniger, denn wer heute als junger Sportreporter kritisch einsteigt, schafft es erst gar nicht ins System.

Marcel Reif etwa oder Michael Palme gehören noch zu dieser alten Reporterschule. Reif war letzter Chef des »Sport-Spiegel«, einer Nischensendung im ZDF, die einfühlsame Reportagen über Verlierer oder Vergessene des Sports zeigte und 1996 eingestellt wurde. »Wir haben alles probiert«, sagt Reif, »aber die Sender haben die Zuschauer mit zu viel Live-Veranstaltungen totgeschlagen.«

Mittlerweile hat er sich bei Premiere World mit dem System arrangiert. Michael Palme ist als Geschichten-Onkel in der Satire-Ecke des ZDF-»Sportstudios« hängen geblieben. »Man darf«, sagt er, »sich nicht verbiegen«, und beschreibt im nächsten Satz, wie er es dennoch tut. »Wir sind abhängig von der Ware, für die wir viel bezahlen und die wir nicht auseinander hebeln können.«

Waldemar Hartmann sieht das entspannter. Warum solle er nicht für gutes Geld nebenher Weihnachtsfeiern beim FC Bayern München moderieren? Weil da Interessen kollidieren könnten? »Das ist Kleingeistdenke«, findet Hartmann. Er habe genug »Eigenhygiene«, sagt die »Duzmaschine« ("SZ-Magazin"), die bei Interviews versucht, »so viel wie möglich aus einem rauszuholen«. Einst kitzelte er mit seiner Frage: »Ist das ein Handicap, Rudi Assauer, dass ihr quasi ohne den ersten Sturm antreten müsst?«, ein klares Ja aus dem Schalke-Manager raus.

Bei Olympia wird Hartmann dafür sorgen, dass es menschelt. So wie es vor vier Jahren in Nagano gemenschelt hat, als »Waldi« mit »Schorsch« Hackl in einem ARD-Almstüberl auf Hackls Sieg Weißbier trank. Für Reporter wie Michael Palme und dessen Rest-Kritik ist da kein Platz. Er wolle nie »Mittendrin statt nur dabei« sein, wie es das Deutsche Sportfernsehen seinen Mitarbeitern diktiert, sagt Palme.

»Wieso nicht?«, fragt Hartmann. »Wenn Sie heute nicht dazugehören, sind Sie auch nicht mehr dabei«, lacht er.

NILS KLAWITTER, MARCEL ROSENBACH,

MICHAEL WULZINGER

* Oben links: mit dem Fußballspieler Jens Jeremies vom FCBayern München; Mitte: mit Fußballer Kahn, Trainer Hitzfeld vom FCBayern München; rechts: mit Formel-1-Star Ralf Schumacher; unten:mit Sven Hannawald.

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