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Somalia »Es war für uns teuer genug«

aus DER SPIEGEL 42/1993

SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen, daß die ursprünglich humanitäre Uno-Mission in Somalia zur katastrophalen Militäraktion wurde?

Leotard: Es ist falsch, von einer katastrophalen Militäraktion zu sprechen. Was fehlte, war der politische Rahmen für eine erfolgreiche Durchsetzung der humanitären Hilfsaktionen.

SPIEGEL: Sind dafür die USA oder die Vereinten Nationen verantwortlich?

Leotard: Man sollte damit aufhören, der Uno alle Übel der Welt anzulasten. Die Uno ist durch internationales Recht legitimiert, in ganz seltenen Fällen über die Souveränität von Staaten hinweg zu intervenieren. Die Durchsetzungsfähigkeit der Uno hängt jedoch davon ab, welches politische Gewicht die Mitgliedstaaten ihr einräumen.

SPIEGEL: Den Somalia-Einsatz haben vor allem die USA vorangetrieben.

Leotard: Die USA haben als erste auf das menschliche Drama reagiert und die Initiative ergriffen. Damit überzeugten sie andere Staaten von der Wichtigkeit dieser Mission. Es ist allerdings richtig, daß in den letzten Wochen einiges schiefgegangen ist. Pakistaner waren die ersten, die fielen, heute fallen vor allem amerikanische Soldaten. Für diese Opfer im Namen der Menschenrechte empfinde ich Trauer und Mitgefühl.

SPIEGEL: Warum haben Staaten mit besonderen Afrika-Kenntnissen wie Ihr Land oder Italien die Uno nicht besser beraten?

Leotard: Fehlentwicklungen gab es bisher nur in Mogadischu. Sollten sie sich ausbreiten, und das kann ich leider nicht ausschließen, nähme die Krise neue Dimensionen an. Frankreich hat in seiner Zone im Westen des Landes, in den ärmsten Regionen, dank richtiger Einschätzung der Lage und der Qualität seiner Soldaten bemerkenswerte Erfolge erzielt. Aber dort gab es auch nicht die ethnischen und politischen Kämpfe städtischer Banden vor dem Hintergrund zunehmend radikaler Tendenzen im Islam.

SPIEGEL: Weshalb ziehen dann die erfolgreichen französischen Blauhelme überstürzt schon zum Jahresende ab?

Leotard: Von überstürztem Abziehen unserer Soldaten aus Somalia kann keine Rede sein. Die Uno ist schon lange über unsere Absicht unterrichtet, uns aus der Region zurückzuziehen und durch indische Blauhelm-Soldaten ersetzen zu lassen. Missionen müssen auch ihr Ende haben. Wir waren mit den Amerikanern die ersten, die eingegriffen haben - es war für uns teuer genug.

SPIEGEL: Sollten die deutschen Soldaten ihre Mission in Belet Huen ebenfalls beenden, wenn die US-Truppen in gut fünf Monaten abziehen?

Leotard: Ich habe als einer der ersten den deutschen Einsatz für nützlich und wertvoll erklärt. Er ehrt Ihr Land. Somalia war ein wichtiges Beispiel für die französisch-deutsche Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet. Wie lange die Deutschen in Somalia bleiben, ist Sache Ihrer Regierung. Bonn muß seine Entscheidung von der Lage und nicht von der Anwesenheit der US-Truppen abhängig machen.

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