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Briefe

Esel mit Mohrrübe
aus DER SPIEGEL 2/1995

Esel mit Mohrrübe

(Nr. 52/1994, Titel: Die Flucht ins Spirituelle - Sehnsucht nach Sinn)

Es wäre Zeit, die Sinnsuche nicht mehr als Weltflucht oder Hysterie ungenügend Aufgeklärter zu betrachten, der es mit Vernunft zu begegnen gelte, sondern die Ersatzreligion Aufklärung selbst, deren Ideale wir beharrlich preisen, kritisch zu hinterfragen. *UNTERSCHRIFT: München CHRISTIAN LEHMANN

Goethe zum Protagonisten der Psi"Wissenschaft« zu ernennen ist eine recht einseitige Interpretation. Natürlich forscht der suchende Faust am Anfang nach dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, aber der wissende Faust bekennt am Ende: _____« Der Erdenkreis ist mir genug bekannt. Nach drüben ist » _____« die Aussicht uns verrannt; Tor, wer dorthin die Augen » _____« blinzelnd richtet, Sich über Wolken seinesgleichen » _____« dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um: Dem » _____« Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm! »

Notabene: dem Tüchtigen! Damit ist wohl kaum diese Spezies gemeint, die aus der Langeweile einer saturierten Übersättigung ihre Zuflucht sucht in esoterischer Spinnerei. *UNTERSCHRIFT: Hemmingen (Nieders.) HEINRICH STEINBERG

Spiritualität - dieses obskure Objekt der Begierde - wird den Instant-Denker ewig an der Nase herumführen wie der Bauer den Esel mit der Mohrrübe. Wahre Esoterik gibt sich leise und verhüllt. _(* Auf der Esoterikmesse in Hamburg 1993. ) Lebenslänglicher unerschütterlicher Glaube, Geduld, gepaart mit Zweifeln und vermeintlichem Stillstand machen die eigentliche »Bezahlung« aus. *UNTERSCHRIFT: München ELISABETH MERU

Es gibt eine einfache Möglichkeit, um die Fähigkeit eines Wahrsagers oder Hellsehers zu testen. Wenn er in der Lage ist, die Lottozahlen vorherzusagen, dann ist er ein Hellseher, wenn er das nicht kann, dann ist er ein Scharlatan. *UNTERSCHRIFT: Fischerbach (Bad.-Württ.) RAINER MAY

Rebirthing ist keine Therapie. Es ist ein transformatorischer Wachstumsprozeß, eine sanfte und effektive Methode des Atmens. Durch Annehmen der abgelehnten Teile, die wir aufgrund früher Traumata (aus der Zeit der Kindheit, der Geburt und Konzeption) verdrängt haben, durch Auflösen von nicht mehr gültigen Entscheidungen heilen wir alte Wunden und kehren zu Selbstvertrauen und geistiger Klarheit und dem ursprünglichen Zustand unseres Körpers und Bewußtseins, den wir alle pränatal erfahren haben, zurück. *UNTERSCHRIFT: Berlin DR. INES HOWE

Es ist die Hilflosigkeit zwischen dem Wissen, was alles machbar ist, und dem täglichen Neandertalerverhalten, die uns Menschen auf die Suche nach Sinn führt. Dabei ist die Antwort: Der Sinn ist das Leben und das Verhalten das Ziel; denn: Leben hat elf Buchstaben: AUSLIEBETUN! *UNTERSCHRIFT: Kressbronn (Bad.-Württ.) WALTER K. SAILE

Es gibt keine »Flucht«, sondern höchstens eine Rückkehr ins Spirituelle. Denn ich bin eine Seele, die sich einen materiellen Körper angeeignet hat, um in dieser Welt die nötigen Erfahrungen sammeln zu können. Theoretisches Mickmack? Hab'' ich am Anfang auch geglaubt. Aber siehe da: Man kann mit seinem göttlichen Selbst experimentieren. Man braucht dazu nur das HU zu singen. HU (spricht sich YUUU) ist ein Urname für Gott. Man sitzt gemütlich, schließt die Augen, konzentriert sich auf das zwischen den Augenbrauen sitzende dritte (spirituelle) Auge und sagt das HU leise vor sich hin. Ich singe das HU seit zwölf Jahren und habe dabei Wunder erlebt. *UNTERSCHRIFT: Lausanne ( Schweiz) JEAN-PIERRE BOMMER

Früher haben Gläubige viele große Kirchen gebaut in der Hoffnung, in den Himmel zu kommen, von deren Türmen noch heute täglich, hastig und lautstark verzweifelt um Schäfchen gescheppert wird. Heute gibt das gleiche Volk für neue Illusionen viel Geld aus und nennt das Esoterik oder so. Wo ist bitte da der Unterschied? *UNTERSCHRIFT: Grassau (Bayern) ALOIS BLÜML

Es ist in der Tat eine Massenflucht zu verzeichnen unter jungen Menschen: Wer in der Diakonie arbeitet, kann ein Lied davon singen, vor allem über die evangelikale Dumpfheit und den pietistischen Radikalismus, der dem moslemischen nicht viel nachsteht. *UNTERSCHRIFT: Kirchheim (Bad.-Württ.) K. C. HERRMANN

Tatsächlich gibt es mit unserer Gesellschaft die geforderte, nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitende »Stiftung Warentest für Esoterik« schon seit 1987. Die »Spreu vom Weizen zu trennen« ist uns jedoch noch nicht gelungen, da es nach allen unseren Untersuchungen gar keinen esoterischen Weizen, sondern nur Spreu zu geben scheint. Die Spreu ist allerdings unterschiedlich stark verschimmelt, und entsprechend sind die Konsequenzen für den Konsumenten: im günstigsten Fall wertlos, nicht selten Durchfall erregend, zuweilen auch hochgiftig. *UNTERSCHRIFT: Roßdorf (Hessen) EDGAR WUNDER Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.

* Auf der Esoterikmesse in Hamburg 1993.

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