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Essens Streik

aus DER SPIEGEL 6/1947

Essen hatte am Montag die erste große

Demonstration nach dem Kriege in Deutschland. Die gesamte Belegschaft der Kruppwerke legte um 12.30 Uhr die Arbeit nieder und marschierte auf der Ernst-Thälmann-Straße, die sich quer durch die völlig zerstörte Gußstahlfabrik zieht, zum Kruppschen Hauptverwaltungsgebäude.

Der Demonstrationszug hatte eine Länge von fast drei Kilometern. Arbeiter und Angestellte marschierten in Vierer-Reihen, Fahnen und Plakate waren nicht zu sehen. Vom Hauptverwaltungsgebäude ging der Zug durch die Innenstadt zum »Glückauf«-Haus, dem Hauptquartier der Militär-Regierung.

Die Krupparbeiter hatten ihre Arbeit niedergelegt, weil die Versorgung im Ruhrgebiet und besonders in Essen in den letzten Wochen geradezu katastrophal geworden ist.

Am 30. Januar kam es im Kruppschen Lokomotivbau, der heute noch fast 4000 Arbeiter beschäftigt, zu einer lauten Protestkundgebung. Die Arbeiter ließen den Essener Oberbürgermeister Dr. Dr. Heinemann, der gleichzeitig Syndikus für Mühlheimer Bergwerksgesellschaft (Stinnes) und Erster Vorsitzender des Christlichen Vereins Junger Männer ist, benachrichtigen, daß sie mit 10 000 Mann vor das Rathaus kämen, wenn nicht bald etwas für sie-getan-werde. Daraufhin zogen die Kruppschen Betriebsvertreter am Freitag mit Oberbürgermeister. Heinemann zu Mr. William Asbury, dem Gouverneur von Nordrhein-Westfalen, um ihre Not selbst zu schildern.

Mr. Asbury konnte auch keine sofortige Besserung der Lage, die vor allem auf Transportschwierigkeiten beruhen soll, versprechen, doch sprach er dem Ernährungsminister Heinrich Lübke sein vollstes Vertrauen aus.

Am Samstagmorgen tagte in Oberhausen der erste Bezirk des Industrieverbandes Bergbau der Bergarbeitergewerkschaft. Die Delegierten erklärten, daß die Streiks auf den Schachtanlagen im Interesse des Volkes ein Ende finden müßten,

Am Montag traten dann trotz dieses Beschlusses die 600 Mann der Morgenschicht von »Gottfried Wilhelm« in den Streik, und auf verschiedenen Schächten der

Zeche »Zollverein« kam es zu Protestversammlungen von mehreren Tausend Arbeitern, die anschließend jedoch vollzählig wieder einfuhren.

In Duisburg griffen die Frauen ein. Die Frauen von Beeckerwerth blockierten die Zechentore zu den Schächten »Beeckerwerth« und »2/7« und hinderten ihre willigen Männer so an der Aufnahme der Arbeit. Einige Zechenoffiziere der North German Coal Control veranlaßten in Duisburg, daß sofort Brot für den Stadtteil Beeckerwerth ausgegeben wurde, und die Bergleute fuhren mit vierstündiger Verspätung ein, nachdem ihre besseren Hälften die Tore geräumt hatten.

Ungefähr 1000 Kumpels von »Viktoria-Mathias« und »Gottfried-Wilhelm« in Essen, denen sich noch 200 Mann von verschiedenen Kohlenverteilungsstellen anschlossen, marschierten durch die Stadt zum Essener Rathaus und schickten eine Abordnung zum Oberbürgermeister hinauf,

Zur Unterstützung der Demonstranten fand sich der ehemalige Essener Oberbürgermeister und Minister Heinz Renner (KPD) ein. Oberst Acworth, der Stadtkommandant von Essen fuhr mit seinem Wagen vor. Dabei gab es einen Inszenierungsfehler: Als er die Wagentür öffnete, stand vor ihm ein gutgenährter junger Bergmann, der gerade herzhaft in eine dicke Stulle biß.

Die Arbeitervertreter, unter ihnen auch Abgesandte der Kruppwerke, trugen im Sitzungssaal des Rathauses die Forderungen der Arbeiter nach Brot, Kartoffeln, Währmitteln und Kohlen vor.

Es kam zu turbulenten Szenen und heftigen Zwischenrufen, obwohl die Demonstranten so höflich waren, beim Betreten des Saales ihre Mützen, und Kappen abzunehmen. Als Oberst Acworth, der sich die Vorwürfe (nicht nur gegen die deutsche Verwaltung) anhörte, erklärte, es mangele an Benzin für Lastwagentransporte, gab es einige Zwischenrufe.

Der Stadtkommandant versprach, sofort zu Major Asbury zu fahren und ihm die Notlage zu schildern. Für die Arbeiter jedoch sei es sinnlos, die Arbeit niederzulegen und zu demonstrieren,

Oberbürgermeister Heinemann betonte, daß er darüber verhandele, eine Sonderzuteilung von Kartoffelschnitzeln, die für das gesamte Ruhrgebiet in Essen lagern, auf eigene Verantwortung aufzurufen. Dann nahm Oberst Acworth seine Reitgerte, die die ganze Zeit vor ihm auf dem Tisch gelegen hatte, und verließ den Saal. Am Nachmittag wurde bekannt, daß die Aufrufung einer Sonderzuteilung nicht gestattet würde.

Alle Demonstrationen verliefen in Ruhe. Ein großer Teil der Krupp-Arbeiter wußte nicht, welches Ziel die Demonstration eigentlich hatte und ging vom Bahnhof nach dem Marsch durch die Innenstadt nach Hause.

Am Dienstagmorgen ging die Krupp-Belegschaft wieder an ihre Arbeit. Auf den Zechen gab es noch Sitzstreiks.

Man hält es in Essen für aufschlußreich zur richtigen Beurteilung der Situation, daß bei Krupp am Montag und Dienstag die Betriebsräte gewählt wurden und daß auch in anderen Betrieben Wahlen stattfanden. Dabei wurde festgestellt, daß sich fast nur Kommunisten zu Sprechern der Arbeiterschaft machten.

In einer Stellungnahme erklärten die Essener Sozialdemokraten durch ihren Vorsitzenden Wilhelm Nieswandt, daß »bei den Demonstrationen und Teilstreiks Kräfte am Werk waren, die versuchen, im Ruhrgebiet eine Stimmung zu erzeugen, die angetan ist, die Krise zuzuspitzen. Nach einwandfreien Feststellungen waren bei den Kundgebungen auch Leute am Werk, die selbst zu denen gehört haben, die Deutschland in die Katastrophe geführt haben«.

Die Förderergebnisse im Ruhrgebiet sind durch diese Teil- und Sitzstreiks auf den Zechen nicht gesunken, sondern noch weiter im Ansteigen.

Es ging geordnet zu, als sich die Schlange der Protest-Streikenden in Vierer-Reihen auf das Hauptgebäude der Militärregierung zuwälzte

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