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Esther Bejarano, 96

aus DER SPIEGEL 29/2021
Foto: Axel Heimken / dpa

Sie wollte »so lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt«. Nun ist sie doch verstummt. Ihr Vater Rudolf Loewy, ein dekorierter Weltkriegsveteran, glaubte noch bis zur Reichspogromnacht 1938, dass Hitler nur ein deutsches Missverständnis sei. Dann war es endgültig zu spät für die Ausreise. Im April 1943 wurde Esther Loewy nach Auschwitz deportiert. Sie sang den Blockältesten Lieder von Schubert, Mozart, Bach vor und bekam zusätzliche Essensrationen. Für ein Häftlingsorchester wurde eine Akkordeonspielerin gesucht. Sie hatte nie ein Akkordeon in den Händen gehalten, aber dank ihrer Klavierkenntnisse bekam sie den Schlager des Sommers 1939 zusammen: »Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami«. Das rettete ihr das Leben. Das Mädchenorchester musste den Häftlingen Märsche oder Soldatenlieder vorspielen, beim Gang zur Zwangsarbeit und bei der Ankunft der Züge, so erinnerte sie sich später. Sie geriet in das quälende Dilemma, die Wahrheit zu kennen, aber nicht zu wissen, ob sie den Todgeweihten ein Zeichen geben sollte oder besser nicht. Erst nach dem Krieg erfuhr Esther Loewy, dass ihre Eltern und ihre Schwester Ruth da bereits tot waren, die Schwester auf der Flucht zurückgewiesen von Schweizer Grenzpolizisten und dann deportiert, die Eltern ermordet im litauischen Kaunas. Nach der Befreiung emigrierte sie nach Palästina. Sie diente während des Unabhängigkeitskriegs 1948 in der israelischen Armee und bekam mit ihrem Mann Nissim Bejarano zwei Kinder. Richtig heimisch wurde sie dort nie. 1960 zogen die Bejaranos zurück ins Land der Täter, eröffneten in Hamburg eine Wäscherei. Und sie sang weiter, trat auf bei der Friedensbewegung und Konzerten gegen Rassismus. Zusammen mit ihren Kindern sang sie Gettolieder, tourte noch als über 90-Jährige mit der Hip-Hop-Band Microphone Mafia, sang und erzählte. Als Zugabe gab es manchmal »Bel Ami«. Bis zuletzt hat sie sich die Zartheit und Unbedingtheit eines jungen Mädchens bewahrt. Ihre Stimme wird fehlen. Esther Bejarano starb am 10. Juli in Hamburg.

asm
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