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UNFÄLLE Ethische Größe

aus DER SPIEGEL 47/1966

Der Staatsanwalt ist dem Angeklagten »schon äußerlich sympathisch«. Hamburg hat er »in sein Herz geschlossen«. Mit dem Gefängnis-Pastor verbindet ihn ein Vertrauensverhältnis.

Nur eines steht dem Seelenfrieden des Schweizers Dennis Luthi, 34, im Wege: die deutsche Justiz. Weil sie darauf aus sei, so Luthi, »diesen armseligen, widrigen und schmutzigen Handel« vor Gericht »so zu veredeln, seine trüben Quellen so zu reinigen, den Unrat mit ethischer Größe zu versonnen und den Dung mit dem balsamnischen Weihrauch der Tugend zu parfümieren, daß der Gestank duftet«.

Der wortgewaltige Schweizer hat sich vor der Großen Strafkammer 3 beim Landgericht Hamburg wegen eines Deliktes zu verantworten, das in der deutschen Kriminalgeschichte einmalig ist: Laut Anklage hat er 15mal vorsätzlich Verkehrsunfälle herbeigeführt.

An Kreuzungen mit unübersichtlicher Vorfahrtsregelung soll er mit schrottreifen Wagen andere Autos absichtlich so gerammt haben, daß die jeweiligen Kollisionsgegner vor Polizei und Gerichten als Schuldige dastanden. 14 der Autofahrer jedenfalls wurden zu Geldstrafen verurteilt, und bei den Versicherungen aller 15 kassierte Luthi insgesamt 35 000 Mark.

Fündig wie einst auf Deutschlands Straßen wurde der gelernte Versicherungskaufmann während der zweijährigen U-Haft in der deutschen Strafprozeßordnung. Regierungsdirektor Dr. Krüger von der Hamburger, Gefängnisbehörde: »Allein seit dem 1. Januar 1966 lieh er sich die Strafprozeßordnung etwa 20mal aus.«

Frucht der Lektüre: Bereits zu Prozeßbeginn kam sich Luthi-Pflichtverteidiger Dr. Franz Reinhard überflüssig vor: »Der stempelt mich ja zum Zuhörer.«

Obwohl Luthi seinen Richtern darlegte, daß er von seinem Recht zu schweigen Gebrauch machen wolle, redete der »intelligente Bursche« (Reinhard) während sieben Verhandlungstagen mehr als sämtliche anderen Prozeßbeteiligten zusammen.

Weil sich Gerichtsvorsitzender Dr. Woldt der »Lüge und der Manipulation mit der Wahrheit« bedient habe, lehnte Luthi des Gericht als befangen ab - in einem 13 Seiten langen Antrag. Das Gericht wies den Antrag zurück.

Davon wiederum zeigte sich der in modisches Mohair gekleidete Eidgenosse so mitgenommen, daß er beantragte, »einen Beschluß über meine Verhandlungsunfähigkeit herbeizuführen«.

Das Gericht bat den Arzt des Untersuchungsgefängnisses herbei. Er befand: »Der Angeklagte ist in einem erheblichen Maße nervlich erregt. Er kann sicherlich der Verhandlung im Augenblick nicht folgen.«

Das Gericht ordnete eine Pause an. Danach befragte es den Arzt erneut. Da ließ Luthi durch seinen Anwalt erklären, er habe »den Arzt nicht von seiner Schweigepflicht entbunden«.

Das Gericht entließ den Doktor ungehört. Doch Luthi hatte nur geblufft: Zu spät erinnerte sich Staatsanwalt Christians daran, daß eine Schweigepflicht gar nicht bestanden hatte: Nicht Luthi, sondern das Gericht hatte den Arzt mit der Untersuchung beauftragt.

Zweieinhalb Prozeßtage vergingen über diesem Vorgeplänkel. Dann trat schließlich der erste von insgesamt 92 Zeugen auf. Luthi, auf der Anklagebank hinter höheren Aktenstapeln sitzend als sein Ankläger gegenüber, wies dem Zeugen, kaum daß er einen Satz zu Ende gesprochen hatte, bereits Widersprüche nach: Bei der Polizei und der Versicherung habe er andere Angaben als jetzt vor Gericht gemacht.

Damit war Luthi wieder am Zuge. In einer umfänglichen Proklamation - Manuskriptlänge: 32 Seiten, Vortragsdauer: mehr als eine Stunde - beantragte nun er, mehr als 80 Zeugen und Sachverständige zu laden, darunter einige, die in den USA wohnen.

Am sechsten Verhandlungstag hatte Luthi seine Richter, wo er sie haben wollte: Vorsitzender Dr. Woldt und Beisitzer Landgerichtsrat Graaf stellten einen Antrag gegen sich selbst: Sie erklärten sich für befangen.

Letzten Mittwoch gab die Große Strafkammer 3 dem Antrag statt.

Wann ein neues Gericht zusammentritt, ist ungewiß. Die Hamburger Justiz wartet jetzt auf Luthis nächsten Antrag

- den Antrag, aus der Haft entlassen zu

werden.

Angeklagter Luthi

Sieg am sechsten Tag

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