Zur Ausgabe
Artikel 1 / 86
Nächster Artikel

»Etwas anderes als Sex«

Muß das Grundgesetz geandert werden? Die Bundeswehr beschäftigt, anders als andere Armeen, keine Soldatinnen in Waffen. Feministinnen pochen auf Gleichberechtigung, Statistiker befurchten ein Rekrutenloch. Kommt die bundesdeutsche Berufsarmee mit Zeitsoldatin und weiblichem General?
aus DER SPIEGEL 46/1978

Mit den Waffen einer Frau: Läßt sich mit denen, außer im guten alten Lustspiel, noch etwas anfangen?

Jene Waffen, die bisher den Männern vorbehalten waren, sind es nicht länger. Mit Armeegewehren hantieren bereits Frauen in USA und China, in Zaire und in Israel, in Rhodesien und Kuba, Indien und Jugoslawien, Dänemark und Rumänien, Schweden und der Sowjet-Union. Neun Zehntel der Erdbevölkerung kennen die Frau in Waffen. Türkinnen fliegen »Starfighter«, bei den amerikanischen »Ledernacken« stoßen Rekrutinnen einem imaginären Feind mit dem Ritualschrei »kill, kill« das Bajonett in den Bauch.

Schrittbereiter der westlichen wie der östlichen Zivilisation sind, wie so oft, die USA: Gegenwärtig 108 000 Soldatinnen, davon 15 800 im Offiziersrang; davon sechs Frauen als Generäle oder Admiräle, zwölf Pilotinnen in der Marine und fünfzehn weibliche Offiziere, die Nuklearraketen bewachen. Gesetzlich erlaubt und damit denkbar wäre, daß es zwei Frauen sein werden, die auf den Befehl des US-Präsidenten gleichzeitig ihre Schlüssel am Schaltpult herumdrehen und den großen atomaren Schlag auslösen.

Die Militärakademie Westpoint schindet Frauen wie Männer. Nur das ebenso persönlichkeitsvernichtende wie traditionsbegründende U. S. Marine Corps hat es geschafft, seinen weiblichen General Margaret A. Brewer, 47, mit der Feigenblatt-Funktion eines »Director of information« abzufinden.

Die Zahl der Armeefrauen soll auf vorerst zehn Prozent, später auf 35 Prozent ansteigen. Dagegen nehmen sich die Ziffern Israels, des Staates mit der photogensten und meistphotographierten weiblichen Truppe, bescheiden aus: Ganze fünf Prozent der Soldaten sind Frauen. Ihr Anteil in der Sowjet-Union wird sogar nur auf 10 000 von etwa vier Millionen geschätzt.

Außer im Hitlerkrieg auf russischer Seite und außer in der Armee Nordvietnams haben Fraueneinheiten noch nie in nennenswertem Umfang Kriege beeinflußt. Auch die israelischen Soldatinnen, wie die Frauen der alten Tacitus-Germanen, kämpfen nicht mit, sondern ermutigen die Kämpfenden, üben erklärtermaßen einen »mäßigenden und das Benehmen der Männer verbessernden Einfluß« aus. Ein Hauch von weiblichem Arbeitsdienst und Schule der Nation umweht diese weiblichen »Charme-Brigaden«. Sonst dienen Frauen nur als Instrukteure.

Anders bei den Amerikanern. Im nächsten Krieg à la Vietnam würden freiwillig dienende Soldatinnen kämpfen. Noch denkt man nicht an den weiblichen Infanteristen in einem Schützenloch, wohl aber an Pilotinnen in einem Bomber und an Offizierinnen auf der Kommandobrücke eines Zerstörers. Heute schon tun Frauen Dienst in Luftabwehr-Batterien vom Typ »Hawk«, »Lance« und »Nike Hercules« wie auch in den Radarbatterien des rückwärtigen Gefechtsbereichs.

Verteidigungsminister Harold Brown hat dem Kongreß bereits vorgeschlagen, den Chefs der Teilstreitkräfte die Entscheidung darüber anheimzugeben, was denn nun als Kampfeinsatz (für Frauen verboten) und was als Nicht-Kampfeinsatz ("non combat use«, Frauen zugänglich) zu betrachten sei. So will er das Verbot unterlaufen.

Gebrochen hat der Kongreß bereits mit einer Jahrhunderte-Tradition: Frauen dürfen auf Kriegsschiffe. Bis zu fünfzig Prozent darf ihr Anteil auf Tendern, ozeanographischen Schiffen und sonstigen Marinehilfseinheiten betragen. Auf der USS »Vulcan« werden bereits die Urinierbecken herausgerissen, Haartrockner angebracht und Aluminiumwände eingezogen, um den Schlaf von Männern und Frauen getrennt zu halten.

So wird des Mannes liebstes, kostspieligstes und gefährlichstes Spielzeug, sein Heereskörper, von der Frauen-Phalanx klamm und heimlich penetriert. Noch stöhnen Altgediente wie der Vietnam-Heros William Westmoreland angesichts der Vergewaltigung hilflos vor sich hin: »Eine Frau mit Befehlshaber-Qualitäten wäre ein Monster.«

Da hat er sicherlich recht, der alte Kämpe mit Befehlshaber-Qualitäten, er muß sich nur bei Naßrasur im Spiegel besehen. Und Generalleutnant DeWitt Smith jun. hat auch nicht unrecht, der da sagt: »Wenn zum Angriff geblasen wird, können die Frauen doch nicht babysitten.«

Dennoch, die Karawane zieht weiter, die Revolution marschiert. Robert Nelson, Assistant Secretary of the Army, sieht in der Schwangerschaft nur eine »vorübergehende körperliche Unpäßlichkeit«. Und übrigens gibt es die Pille.

Man muß nicht Karl Marx befragen (obwohl auch das nicht schadet), um die Gründe für den vehementen Wandel auszumachen: Technik und Ökonomie.

Moderne Waffentechnik hat es dahin gebracht, daß in der US-Armee bereits 361 von insgesamt 377 Verwendungsmöglichkeiten für Frauen geöffnet sind. Die bisherige, in Friedenszeiten nur aus männlichen Freiwilligen bestehende Streitmacht kostet zuviel Geld. Soldatinnen hingegen haben meist keine Familie, weder Mann noch Kind. Die Kosten-Nutzen-Rechnung spricht für die Verwendung von Frauen in der Armee*.

Vor der Wahl, männliche Angehörige deklassierter Minderheiten oder

* Nach einer Studie der Brookins-Institution von Martin Binkin und Shirley Bach wird der Unterhalt eines weiblichen Soldaten 982 Dollar jährlich weniger kosten als der eines männlichen Kollegen. Diese Summe umfaßt nur die indirekten Kosten, die sich aus dem Umstand ergehen, daß Frauen im Schnitt 1,16 weniger Angehörige haben. Im einzelnen kostet es 225 Dollar weniger, sie unterzubringen. 350 Dollar weniger, sie ärztlich zu versorgen, Reisekosten liegen um 407 Dollar niedriger.

eben Frauen einzustellen, wählt der Armee-Psychologe die Frau. Frauen schneiden in den Leistungsprüfungen besser ab und werden seltener straffällig. Die vorgeschriebene Dienstzeit wird nur um 0,63 Prozent verfehlt, Schwangerschaft und Menstruation inbegriffen, bei Männern hingegen um 1,1 Prozent. Auf die physischen Kräfte kommt es im modernen Soldatentum immer weniger an.

Auch in der Bundesrepublik fängt es an zu rumoren. Aber das klassische Land einer unechten Innerlichkeit, von zwei verlorenen Kriegen gebeutelt, räumt seine hergebrachten Positionen langsamer als die umliegenden Gesellschaften.

»Täglich«, so sagt Kapitän zur See Kurt Fischer, Sprecher des Bonner Verteidigungsministeriums, »gehen bei uns Briefe von Frauen ein, die auf ihre Gleichberechtigung pochen und das Beispiel anderer westlicher Armeen anführen. Sie sind oft verbittert, wenn wir ihnen antworten, daß es nicht geht.«

Es geht im deutschen Staate West nicht, weil der Grundgesetz-Artikel 12 die freie Berufsausübung der Frauen einschränkt: »Sie dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten.« In keinem Fall aber ist das Grundgesetz vor Veränderungen durch Zwei-Drittel-Mehrheit geschützt. Und an dieser Gesetzesfront wird neuerdings gekämpft, von Kombattanten, die unterschiedlicher kaum sein können. Militärs wie Feministinnen, Christ- und Sozialdemokraten Seite an Seite.

So aktuell ist das Thema, daß der greise weise Graf Baudissin, Erfinder der »Inneren Führung«, mahnt und warnt: »Es wäre ganz entsetzlich, wenn wir uns in einer Zeit, in der es mehr um Kriegsverhinderung als um die Kriegsführung geht, auf den Weg zum »Volk in Waffen« begäben. Einer dieser Abwege wäre die weibliche Wehrpflicht oder Frauen in Uniform.«

Schon steckte »Bravo«, das Magazin für 1,3 Millionen Jugendliche, eine Mädchenblüte zur Ansicht in Uniform und ließ im Begleittext eine Andrea jubeln: »Die Hemden sind toll.« Nach dem Probeeinsatz war das Model ernüchtert: »Puhhh, wenn ich daran denke. daß ich schon von dem bißchen Schau-Marschieren Blasen an den Füßen bekam.«

Für Hamburgs »Morgenpost« übte Redakteurin Cornelia Waldbüßer im Drillich am Schützenpanzer »Marder«, »bis daß die Fingernägel brachen«. Bei der Abschußmeldung »Ziel vernichtet« wurde ihr »ein bißchen mulmig«, mehr noch bei der Unterweisung: »Die Bundeswehr ist dazu da, Gewalt zu empfangen und Gewalt auszufeilen.« Die Frauen im deutschen Military-Look sind Ausdruck eines Bewußtseinswandels. Was vor kurzem noch wie ein Schießbuden-Scherz gewirkt hätte, ist politisches Thema geworden. Die »Zeit« schrieb vom »Ernst dieser Angelegenheit«.

Es durfte gelacht werden (und wurde auch), als 1974 die Bestseller-Verfasserin Esther Vilar ("Der dressierte Mann") mit Offiziersmütze, aber zivilem offenen Kragen posierte, um einen militanten Coup zu landen. Antizyklisch höhnte die Münchnerin, das kuchenfressende Pelztierchen Frau beute den Mann aus, lasse ihn nicht nur arbeiten, denken und Politik machen, sondern auch noch, Gipfel der Ungerechtigkeit, das kriegerische Handwerk des Tötens einüben und kostbare Karriere-Zeit verlieren. Die gelernte Ärztin verlangte in einer Eingabe an das Bundesverteidigungsministerium eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, die wahlweise beim Militär oder beim zivilen Ersatzdienst abgeleistet werden könne.

Vier Jahre später, im Sommer 1978, war dann die Zeit reif für Alice Schwarzer (die der Vilar 1975 bei einem denkwürdigen Fernsehgespräch ins Messer gelaufen war). Zwar stellte die »Emma«-Herausgeberin klar: »Hier steht ein Jahr Wehrdienst gegen 20 Jahre Mutterdienst.« Dennoch führte sie im Juni ihren ersten Angriff auf die militärische Männer-Bastion: »Es muß uns um die grundsätzliche Forderung des Zugangs für Frauen zu allen Machtbereichen gehen, auch zum Militär! Von der Möglichkeit, den eigenen Frieden auch selbst verteidigen und notfalls sogar erkämpfen zu können -- davon können und dürfen Frauen sich nicht länger ausschließen lassen!«

Es fügte sich, daß Hans Apels Tochter Ingrid, 19, Politik machte. Sie legte dem Vater Oberbefehlshaber dar, aus Gründen der Gleichberechtigung dürfe die Bundeswehr Frauen nicht verschlossen bleiben. Der Minister denkt darüber nach, wenn auch futurologisch: »Ich kann mir sehr wohl einen Prozeß vorstellen, bei dem wir unsere Vorbehalte mit der Zeit überwinden.«

Seit Apel im Juli, kurz nach Alice Schwarzer, in den »Düsseldorfer Nachrichten« öffentlich nachdachte über das »sehr interessante Phänomen, nämlich, daß junge Frauen selbst fordern, die Bundeswehr solle ihnen geöffnet werden«, wird für ihn öffentlich vorgedacht. SPD-MdB Alfons Pawelczyk zeigte deutlich Flagge: »Wenn bei den Frauen der Wunsch zum Dienst in der Bundeswehr besteht, dann sollte man Freiwilligen auf Dauer den Zutritt nicht verwehren.«

Der Major außer Diensten und Bonner CDU-Abgeordnete Peter Kurt Würzbach hätte freiwillige Frauen gern gleich, und zwar fürs »sogenannte Hinterland«. Die Grundgesetz-Sperre, so sagt er, »scheint mir kein Hinderungsgrund zu sein«.

Würzbach denkt an die »niedriger werdenden Zahlen an Wehrpflichtigen ab 1985«. Und mit diesem Kalkül steht er nicht allein. Konnte die Bundeswehr ihren Bedarf an 200 000 Rekruten im letzten Jahr noch aus 310 000 Wehrfähigen auswählen (und einen großzügigen Anteil an Kriegsdienstverweigerern hinnehmen), so wird es 1990 nur noch 259 000 und 1994 nur noch 177 000 junge Männer zu mustern geben.

Schon planspielen Strategen des Menschen-Materials mit einer weiblichen Wehrpflicht, ersatzweise auch mit einer Verschiebe-Aktion: freiwillige Frauen in der Versorgung könnten Männer frei für die Kampftruppen machen. Daß es die Alternative zwischen Pflicht und Freiwilligkeit letztlich doch nicht geben wird, prophezeit der verteidigungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jürgen Möllemann: »Wer den Tätigkeitsbereich der Frau auf den militärischen Bereich ausdehnen will, öffnet den Weg zu einer Verfassungsklage mit dem Ziel einer allgemeinen Wehrpflicht der Frauen, die wir entschieden ablehnen.« Wir: die FDP.

Ins Planspiel griff nach den Parteien der »Deutsche Bundeswehr-Verband« ein mit dem Ziel, »Denkanstöße« für einen » Umdenkungsprozeß« zu geben. Die Interessenvertretung von Zeit- und Berufssoldaten zauberte das Kaninchen der Vilar aus deren Offiziersmütze. Jeder Jungbürger, gleich ob männlich oder weiblich, solle einer »Gemeinschaftsdienstpflicht« unterliegen, dabei

* Dr. Doris von Rottkay (r.) und Dr. Eva Neuland, die ersten Stabsärztinnen der Bundeswehr 1975 bei ihrer Einweisung.

** Franz Seidler: »Frauen zu den Waffen? Geschichte und Bestandsaufnahme. Marketenderinnen. Helferinnen, Soldatinnen.« Verlag Wehr und Wissen. Bonn; 413 Seiten; 48 Mark.

aber »grundsätzlich die Wahlfreiheit« zwischen Wehrdienst, Zivilschutz, Technischem Hilfswerk und Entwicklungshilfe, Unfallrettung, Umweltschutz, Krankenpflege und Deichwacht haben. Erwünschter Nebeneffekt: Die Gewissensprüfung der Wehrdienstverweigerer entfiele.

Durch dreijährige Voraussicht der jetzigen Entwicklung kam der Professor für Sozialkunde und Militärgeschichte an der Münchner Bundeswehr-Hochschule, Franz Seidler, just jetzt mit einem Buch zu Stuhle: »Frauen zu den Waffen?"**

Daß er selbst gegen sein eigenes Fragezeichen ist, erklärte er im Norddeutschen Rundfunk. Im Grunde hält er die weibliche Wehrpflicht für eine logische Entwicklung der Emanzipation. Da die Bundeswehr jedoch im nächsten Jahrzehnt kein Interesse haben könne, die Zahl der Rekruten zu verdoppeln, propagiert er als Schnell- und Radikal-Lösung »innerhalb der nächsten zehn Jahre« -- die Zeitsoldatin in einer ganz anderen Armee: »Eine Umstrukturierung der Bundeswehr in eine Berufsarmee könnte die Frauen der Möglichkeit näherbringen, daß sie in Uniform gleichberechtigt mit anderen männlichen Kameraden Dienst tun.«

Seidler beruft sich auf den »Gleichberechtigungs-Anspruch der Frauen, wie ihn die amerikanische Verfassung festlegt und wie er dort auch von den Frauen gerichtlich durchgesetzt worden ist«.

Minister Apel will den »offenen Dialog« über die Öffnung der Bundeswehr für Frauen auch deswegen, »weil mir meine Kollegen, insbesondere aus den USA, aber auch aus Ländern der Nato berichten, daß die Verwendung der Frauen in den Armeen sich positiv auswirkt«.

In »nirgendwo auf der Welt übertroffenem Maß« ("U. S. News & World Report") werden die Streitkräfte feminisiert wie in den Vereinigten Staaten. Nichts mehr von »Petticoat-Army«, nichts mehr von »Fort Lipstick«, wie das im Zweiten Weltkrieg gebildete Frauen-Hilfskorps im Volksmund wie im Film bespöttelt wurde. Eleanore Roosevelt, Frau von Franklin Delano, errang post mortem viele Siege. Sie, die sich in der Atmosphäre des New Deal für sittliche Liberalität in jedem Bereich, bis hin zum Sex, einsetzte, trat 1941 mit der Forderung nach »weiblichen Soldaten« an die Spitze einer Frauenrechtsbewegung.

Nach Kriegsende kümmerte das weibliche Hilfskorps, das der Zahl nach nicht mehr als zwei Prozent der Streitmacht ausmachen durfte, im gesellschaftlichen Abseits dahin. Den uniformierten Frauen gelang der Durchbruch erst, als zwei gesellschaftspolitische Strömungen zusammentrafen. Der Feminismus mobilisierte weiblichen Wehrwillen, der Anti-Militarismus im Zuge des Vietnam-Krieges zersetzte männlichen Wehrwillen. Aus den zwei Stimmungen machte sich der Staat sein Bestes. 1973 wurde die Wehrpflicht abgeschafft und das Frauenhilfskorps gleich mit aufgelöst.

Es ging um die zynisch-einfache Rechnung, ob für die neue Berufsarmee Männer aus den Randgruppen -- etwa Farbige aus den Slums des Nordens, auch Weiße aus dem Landarbeiterproletariat des Südens -- herangezogen werden sollten, oder aber Frauen: ökonomisch eine nicht zweifelhafte Frage. Das militärische Kalkül entschied für das nach Bildung und Status »höherwertige Menschenmaterial«. Die Helferinnen des Korps wurden als weibliche Vorhut in die Armee integriert und zum Teil glanzvoll dekoriert: Vorzeige-Objekte für eine Werbekampagne.

Mit der biologischen Eigenart der Frau arrangierte sich die militärische Männergesellschaft chevaleresk. Weil Frauen weniger Muskeln haben als Männer, dürfen sie beim Liegestütz Katzbuckel machen und statt Klimmzug am Reck mit angewinkelten Armen hängen. Daß Frauen vergewaltigt werden können -- die Armee richtet sich darauf ein und entwickelte spezielle Selbstverteidigungs-Kurse. Daß Frauen Kinder bekommen können -- die Marine berücksichtigte diesen Umstand und ließ spezielle Schwangeren-Uniformen für Matrosinnen kreieren.

Mit dem tradierten Frauen-Bild aber tat sich das Militär schwer. Zwar wurde das Langhaar des weiblichen Geschlechts bis kurz über den unteren Kragenrand beschnitten, aber man besteht auf »Make-up in good taste«, es sei denn, ein ärztliches Attest befreit von der Schminkauflage. Das Klischee vom modischen und reinlichen Wesen wurde zur innermilitärischen Regelung: Die Uniformen der Frauen werden im Gegensatz zu denen der Männer der Mode angepaßt, und im Manöver haben Soldatinnen Anspruch auf eine größere Duschwasser-Ration aus Spezialfahrzeugen.

Sonst aber werden Frauen wie Männer behandelt. Sie lernen liegend, knieend, stehend und aus dem Schützenloch schießen, sie üben mit dem Bajonett zu spießen oder mit dem Fallschirm abzuspringen, sie werden unterwiesen, aus Umzingelung auszubrechen, sie proben Dschungel-Kriegführung ebenso wie den Einsatz im winterlichen Hochgebirge.

Als größten Triumph feierte die Frauen-Soldateska 1976 die Öffnung der Militär-Akademien von Westpoint (Heer), Annapolis (Marine) und Colorado Springs (Luftwaffe), in denen für hunderttausend Dollar pro Kadett die Führungselite der Streitkräfte herangezogen wird. Westpoint-Generalleutnant Sidney B. Berry erwog zwar öffentlich seinen Rücktritt, als die Frauen kamen, blieb aber dann doch, um noch Schlimmeres zu verhüten.

Nirgendwo tobte der Geschlechterkrieg so heftig wie in Westpoint. Bis zur Schikane mußten Mädchen »Yes, Sir« oder »No, Sir« schreien. Trugen sie Uniformröcke statt Hosen, hörten sie bösartige Kommentare über ihre entblößten Beine. Der Verdacht, daß Weiblichkeit im Konkurrenzkampf Vorteil bringe, plagte männliche Kadetten fast bis zum Wahnsinn. Um sich als das stärkere Geschlecht zu beweisen, steigerten die jungen Männer ihre Anstrengungen, die Mädchen versuchten verbissen nachzuziehen oder das in Theorie wettzumachen, was sie körperlich nicht brachten.

Unter der Geschlechter-Konkurrenz stiegen der Leistungsdruck wie die Leistung. Der Sportausbilder stellte fest: »Mit viel Ermunterung, Druck und, wenn es sein muß, mit einem leichten Tritt in den Hintern sind Frauen zu sportlichen Hochleistungen fähig, die man kaum ahnen kann.«

Nirgendwo zeigte sich aber auch so deutlich wie in Westpoint, was Frauen nicht können, nämlich, das militärische Härtewesen mit Weiblichkeit durchdringen.

Zwar sagte der Kommandeur von Westpoint: »An Zwitterwesen sind wir nicht interessiert.« Aber er züchtet Mädchen heran, die mit Stahlhelm und Sturmgewehr durch Schlammlöcher, unter Stacheldraht-Verhauen hindurch und über Eskaladier-Wände jagen, sich fünf Meter tief fallenlassen, einen Gegner im Nahkampf mit dem Fauststock in den Schmutz schlagen, auf allen Wegen im Hauptgebäude rennen, an jeder Treppenkehre obligatorisch brüllen »Wir schlagen die Marine«, beziehungsweise die »Luftwaffe«, wobei das nächste Football-Spiel gemeint ist, und Ordnung halten im Spind:

Die Höschen müssen zu drei Ecken gefaltet zwischen den Drillichhosen und den Arbeitsblusen liegen. Die Büstenhalter haben ihren Platz unter den Handschuhen, wobei das rechte Körbchen im linken lagert.

Nicht nur in Westpoint, sondern in den gesamten Streitkräften wird der Geschlechter-Unterschied permanent wissenschaftlich gecheckt. Ergebnis: Männer bleiben im Bodybuilding die besseren Männer: Sie steigerten in der Grundausbildung ihr physisches Leistungsvermögen um durchschnittlich 50 Prozent, während die Frauen nur auf 24 Prozent kamen.

In Arbeitsgängen, die eine größere Handfertigkeit oder ausdauernde Konzentration erfordern, leisteten jedoch Frauen im Durchschnitt mehr als Männer. Auch fielen etliche Soldatinnen auf durch ihren Ehrgeiz und ihre Disziplin, eben durch ihre sogenannte »hohe Motivation«. Relativ wurden mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer zu Obersten befördert.

Im Vergleich zu Soldaten haben Soldatinnen in dem mit Sozialleistungen zu versorgenden Familientroß weniger Anhang, sie werden seltener drogenabhängig oder alkoholsüchtig, geschlechtskrank oder kriminell, sie desertieren auch nicht so oft.

Eine Studie wies Verteidigungsminister Brown den Weg, wie er mit Hilfe von noch mehr Frauen im Militär eine Milliarde Dollar im Jahr sparen könnte. Und das gleiche Papier regte auch an, daß Frauen hinein sollten in die ihnen noch verschlossenen Kampfeinheiten, wo in der Regel die eigentlichen militärischen Karrieren gemacht werden.

Was in den USA sich abzeichnet, kommt einem Umsturz der Biologie wie der abendländischen Anthropologie gleich. Nicht länger ist die Arbeitsteilung -- Mann jagt, erobert und schützt, Frau gebiert, hegt und pflegt -- von der Natur vorgeschrieben.

Bis zum Ersten Weltkrieg galt die Maxime: Die Geschlechter marschieren getrennt in der Aufzucht von Kanonenfutter und in der Bedienung von Kanonen. Die patriotische Stimmung, »dem Vaterlande dienen«, für das »wirklich Große« kämpfen wollen, erfaßte seit den Volksheeren der Französischen Revolution allerdings beide, den Mann wie die Frau. Während sich die traditionellen Frauchen damit begnügten, »für unsere lieben Feldgrauen« Strümpfe zu stricken, drängten sich die anderen, die emanzipatorisch bewegten Blaustrümpfe, in die tätige Teilhabe am Krieg.

»Um gerüstet zu sein, wenn die Schicksalsstunde schlägt«, hatte die Schriftstellerin Gertrud Bäumer, die Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine, ihre Leute dem Staat bereits während der politischen Vorscharmützel angedient. In eine Besprechung, die sie mit dem preußischen Innenminister führte, platzte 1914 die Nachricht von der allgemeinen Mobilmachung.

Das physisch schwächere Geschlecht wurde aus seinem familiären Schutzraum in die Etappe geholt: Frauen bauten Bunker und hoben Unterstände aus, sie arbeiteten in Munitionsdepots und auf Schreibstuben, sie pflegten zu Hunderttausenden die Verwundeten.

Wenn auch die alte Geschlechteraufteilung -- Männer an die Waffen, Frauen zur Hilfe -- unangetastet blieb, so infiltrierte das weibliche Geschlecht die Armee immerhin mit den bürokratischen Weihen von »Dienstverpflichteten«. Der ungeordnete Haufe der Troßweiher aus Wallensteins Lager bekam einen ordentlichen Status im Militär. Und in der Rüstungsindustrie halfen 700 000 Frauen, die aus wilhelminischer Behütung geholt worden waren, die gigantischen Materialschlachten zu führen.

Die Frauenrechtlerin Helene Lange schwärmte von dem Erfolg ihrer Geschlechtsgenossinnen: »Sie erlebten den Ruf der Zeit an ihre Kraft, ihre Mitarbeit, teils wie eine lang ersehnte Berufung, teils wie eine neue, hinreißende Forderung.« Während die bürgerliche Linie der Frauenbewegung triumphierte, geißelten die Frauen der Linken, von Rosa Luxemburg bis Klara Zetkin, die weibliche Beihilfe zum Krieg. Auf einer Frauenkonferenz in Bern 1915 erging ein Aufruf an »alle Frauen der kriegführenden Länder«, für den Frieden einzutreten. Aber die linke Internationale war längst, am ersten Kriegstag, zusammengekracht.

Jenseits der deutschen Ostfront formierten sich Frauen in ganz neuer historischer Dimension. Lenin setzte auf Karl Marx, der aus der Pariser Kommune den Gedanken einer allgemeinen Volksbewaffnung gezogen hatte. Die Sowjet-Regierung verpflichtete ein halbes Jahr vor Kriegsende alle Bürger, Männer wie Frauen, zu militärischer Ausbildung. Die Revolution revolutionierte fürs erste -- die Revision kam später -- die Einteilung der Gesellschaft in Geschlechterklassen.

Ein rotes »Frauen-Bataillon des Todes« kämpfte mit dem Ziel, »Soldaten zu beschämen« und die Männer zu zwingen, den »Krieg zum siegreichen Ende zu führen«. Partisaninnen operierten hinter den deutschen Linien, eine von ihnen, Soyja Kosmodemjanskaja, 18, hängten die Deutschen.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kamen auch deutsche Frauen der Herzkammer des Militärischen näher. Fünfhundert wurden »Nachrichtlerinnen«, 100 000 sollten es noch werden, um Männer frei zu machen für die Front. Aber die Kapitulation kam Ludendorffs Plan zuvor.

Obwohl Frauen bloß »Männerersatz« waren, habe es, so die Historike-

* Links: am Horchgerät der Flak; rechts: in der Heeresschule für Nachrichtenhelferinnen.

rin Ursula von Gersdorff, »eine Ironie der Geschichte« gefügt, daß die Emanzipation vorankam. Den Ersatzmännern war in Deutschland -- wie in England und den USA -- das Wahlrecht nicht länger vorzuenthalten.

Dieselbe »Ironie« ergab sich als logische Konsequenz der NS-Ideologie. Zwar entschied Adolf Hitler über die Aufgaben der Frau in seinem Reich: »Ihre Welt ist ihr Mann, ihre Familie, ihre Kinder, ihr Haus.« Aber der »Lebensraum«, den der Führer deutschem Muttertum und Mannesmut zu erobern trachtete, sprengte genau dies Prinzip.

Unter grotesken ideologischen Verrenkungen wurde die Frau als Kampfgefährtin des Mannes herangezogen, die Landnahme machte es erforderlich: Als deutsche Männer mehr als die Hälfte Europas besetzt hatten, wurden ihnen für den Schreib- und Fernmelde-, Flugmelde-, Luftschutzwarn- und Wetterdienst Frauen aus der Heimat hinterhergeschickt: Sie kamen, unterstellt dem Militärstrafgesetzbuch, erstmals in der deutschen Geschichte »in uniformierten, geschlossenen militärischen Einheiten«. Ihnen war das »Mitführen und Tragen von ziviler Oberbekleidung im Einsatz« verboten.

An Schiffchen und Schirmmützen, Sternen und Winkeln, Tressen und Borten sollten sie allzeit zu erkennen sein, und noch ein paar Tage vor der Kapitulation beschäftigte sich ein Befehl des Oberkommandos des Heeres mit der ganz korrekten Verteilung des glitzrigen »Gespinsts« ("Oberstabsführerinnen: 2 Litzen aus 5 mm Tresse u. 3 Litzen aus 10 mm Tresse, davon die untere mit Schlinge").

Hatten die Maiden zunächst nur die Schreibstuben-Hengste frei gemacht da

* 1978 bei ihrer Einführung als Kommandantin von Fort McClellan in Alabama.

für, an die Front geworfen zu werden, so kam nach Stalingrad ihr Vormarsch an die Flak, direkt an Kommandogerät und Scheinwerfer, in Erdbunker und unter Beschuß (aber mit dienstlich zugeteiltem BH, den die anderen Wehrmachtshelferinnen auf Kleidermarken kaufen mußten). Daß Frauen sogar als Flugzeugmechaniker und Marineschlosser dienten, wurde der Öffentlichkeit als Triumph deutschen Frauentums verkauft.

Die Generalität wand sich in der Männer-Frauen-Klemme. Einerseits sollte die Frau »allmählich ein Zugehörigkeitsgefühl zur Waffe und zu ihrer Einheit bekommen«. Andererseits mußte »beherrschender Grundsatz für jede Art von Fraueneinsatz ... bleiben, daß sich der »weibliche Soldat« nicht mit unserer nationalsozialistischen Auffassung von Frauentum verträgt«.

Männlicher Lorbeer war für weibliche Anti-Soldaten nicht gemacht. Das Eiserne Kreuz erhielten ausnahmshalber die Versuchsfliegerinnen Hanna Reitsch und Melitta Schilla-Stauffenberg sowie zwei Krankenschwestern.

Strammstehen und Grüßen in exakter Haltung, das »Bitte, vorbeigehen zu dürfen« und das »Zusammenscheißen« Untergebener, all das, was den Militärs lieb und teuer war, erwies sich nach anfänglichen Versuchen als untauglich für Frauen. Auf »Kommißmethoden«, so eine Studie, reagierten Helferinnen »mit Kopfschmerzen, Ohnmachten, vorgetäuschten Krankheiten, Wimmern, Schreikrämpfen, Erstickungsanfällen und Verwirrtheitszuständen«.

Behauptet wurde vom anmilitarisierten Weibe, daß »Lüge und Phantasie fließend ineinander übergingen« und daß es schwerer zu führen sei als der männliche Soldat, da »viel mehr zur inneren Auflehnung bereit«. Solcher Fraulichkeit könne allein die Ritterlichkeit Herr werden.

Das Volksopfer Frau für die Soldaten würdigte der Volksmund -- oder war es der Männermund? -- mit Sprüchen wie »Offiziers-Matratzen« und »Jagd-Puppen für die Jagd-Gruppen«, »Blitz-Huren« oder netter auch »Blitzmädels«. Die Propaganda beeilte sich, für den schlechten Ruf der uniformierten Damen den »Feind und die Juden« verantwortlich zu machen.

Aus mehr als gegebenem Anlaß kam vom Reichsluftfahrtminister die Anweisung: »Es darf nicht vorkommen, daß sich ein Leutnant von einer Helferin die Strümpfe stopfen läßt oder die Unterschriften ans Bett bringen läßt.« Himmler verhängte sogar ein »Tabu« über seine Mädchenschar: »Hier verstehe ich keinen Spaß, denn das sind unsere Töchter, sind die Schwestern von SS-Männern und sollen Bräute und Frauen für unsere jüngeren SS-Männer und -Führer sein.« Nach gemeinschaftlichen »Kameradschafts-Abenden« wurden sie »getrennt, geschlossen (abzählen lassen!) in die Unterkünfte« geführt.

Fast bis zur letzten Stunde wollte Hitler sein Bild der »deutschen Frau« wahren, die man »nicht in Frauen-Bataillone stecke und an die Geschütze stelle wie die Sowjets«.

In der »Roten Armee« dienten 700 000 Frauen. Sie fuhren im Gegensatz zu den deutschen Wehrmachtshelferinnen auch Panzer und bedienten Stalinorgeln. Eine weibliche Scharfschützinnen-Einheit vernichtete 3000 »Hitler-Soldaten«, wie es hieß. Als Einzelkämpferin schoß Leutnant Ludmilla Pawlitschenkow 309 Männer tot.

Ein weibliches Tagbomber-, ein Nachtbomber- und ein Abfangjäger-Regiment flogen gegen die Deutschen. Ein Mädchen-Minenräumboot fuhr auf der Wolga. Russische Partisaninnen gerannen zu Alptraumfiguren, die deutsche Parole von den »hinterlistigen Flintenweibern« durfte nicht fehlen.

Aber als der Untergang seines Reiches nahe war, akzeptierte auch Hitler im Februar 1945 »die probeweise Aufstellung eines Frauen-Bataillones«. Und auf einer Mittagslage im März faßte er einen revolutionären Entschluß: »Ob Mädchen oder Frau, ist ganz wurscht, eingesetzt muß alles werden.«

Am Ende des totalen Krieges kam in der Wehrmacht eine Frau auf 20 Soldaten. 450 000 Frauen (Krankenpflegerinnen nicht eingerechnet) hatten 300 000 Männer frei für die Front gemacht.

Vermißt, verwundet, gefallen, gefangen, geschändet -- auch das war Frauenschicksal in dem Krieg, der doch ausschließlich männerbestimmt war: Weibliche Offiziere gab es nicht.

Nach der Trennung in Ost und West marschierten die Deutschen auch in der militärischen Frauenfrage auseinander. Getreu ihrem Lenin, proklamierte die SED 1956 die Militarisierung gleich der ganzen Gesellschaft. Sie gipfelte schließlich darin, daß Frauen Berufssoldat wie auch Offizier werden können. Soldatinnen werden zwar nicht geschliffen, bleiben verschont von Gepäckmärschen, aber sie müssen ins Manöver und an den Schießstand.

Seit 1973 tauchen Frauen sogar bei den Grenztruppen auf. Über die Zahl der »Volksarmistinnen« bewahrt die DDR Stillschweigen, und offiziell wird auch daran festgehalten, daß die regulären Kampftruppen den Bürgerinnen der DDR verschlossen sind (wie nach dem Krieg auch wieder in der Sowjet-Union).

Das Anti-Beispiel deutscher Frauenmilitarisierung unter Hitler und Ulbricht leitete den Rechtsausschuß des Deutschen Bundestages, als er die verfassungsmäßigen Grundlagen für die Bundeswehr zu schaffen hatte. Leidenschaftlich führte die Berichterstatterin des Rechtsausschusses, Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) 1956 vor dem Plenum aus:

Es kam dem Rechtsausschuß darauf an, daß mit programmatischem Nachdruck im Grundgesetz ausgesprochen wird, daß unsere Auffassung von der Natur und der Bestimmung der Frau einen Dienst mit der Waffe verbietet. Das steht in keinem Widerspruch zu der Gleichberechtigung von Mann und Frau, wie wir sie in der Bundesrepublik verstehen. Wir glaubten, diese Grundauffassung ausdrücklich festlegen zu müssen, gerade in Gedanken an die militärischen Dienste, in die Frauen unseres Volkes in der Vergangenheit und letzt noch jenseits der Zonengrenze hineingezwungen wurden.

Der Grundgesetzartikel 12 (Freie Berufsausübung) erhielt den Zusatz: »Frauen dürfen nicht zu einer Dienstleistung im Verband der Streitkräfte durch Gesetz verpflichtet werden. Zu einem Dienst mit der Waffe dürfen sie in keinem Fall verwendet werden.«

Dennoch blieb die Bundeswehr kein Männerhaufen: In ihrem Lohn standen bereits zu Beginn der 60er Jahre 82 000 Frauen, allerdings in den traditionellen weiblichen Gefilden des Pflegens und Verpflegens, der helfenden Hand an Schreibmaschine und Telephon.

Kaum ein paar Monate im Amt, erkannte Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU), daß seine Männer-Streitmacht »nicht verteidigungsfähig« wäre ohne all die Angestellten oder auch beamteten Helferinnen. Die aber könnten im sogenannten »Ernstfall« nicht dienstverpflichtet werden, könnten kündigen, wegbleiben, könnten sagen »ohne mich«.

Von Hassel verlangte eine Gesetzesgrundlage für die Dienstverpflichtung und obendrein für die Verwendung von Frauen »im Verband der aktiven Streitkräfte«. Die Kalkulation mit Menschenmaterial ergab einen Bedarf von einer Million Frauen für den Tag »V«.

Der Minister lud die politischen Damen des Parlaments zu Kaffee und Kuchen, kam aber bei ihnen so recht nicht an. Lieselotte Funcke (FDP): »In allen kriegführenden Staaten standen am Ende des letzten Krieges andere Belastungen und Anforderungen, als sie in der vorherigen Planung vorgesehen waren. Das ist nicht vergessen.« Annemarie Renger (SPD): Der Minister solle seine Forderung »schleunigst und endgültig« aufgeben.

Im Notstandspaket bekam Hassel schließlich doch etwas: Im »Verteidigungsfalle« kann -- wenn es nicht genug Freiwillige gibt -- die »Freiheit der Deutschen, die Ausübung eines Berufs oder den Arbeitsplatz aufzugeben, eingeschränkt werden«, also wäre auch die Sekretärin an ihre Bundeswehrschreibmaschine gefesselt.

Hinzu kam die verfassungsmäßig verankerte Möglichkeit, auch nichtberufstätige Frauen von 18 bis 55 Jahren zur Mitarbeit »im zivilen Sanitäts- und Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation« zu verpflichten.

Der Verfassungssatz, daß Frauen »zu einem Dienst mit der Waffe ... in keinem Fall verwendet werden« dürfen, wurde verändert. Sie dürfen nunmehr »auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten«. Nun ging"s ans Dehnen.

Als der Bundeswehr Sanitätsoffiziere fehlten, kam das Bonner Verteidigungsministerium auf die Idee, Ärztinnen fürs Militär zu gewinnen. Zwar waren sich die Experten klar, daß sie an der Grenze des Grundgesetzes herumdoktern mußten, weil die Übergänge vom waffenlosen Dienst zum Dienst mit der Waffe fließend sind. Zwar gab es die üblichen Rechtsgutachten.

Aber es wurde eine windige Rechtskonstruktion ausgetüftelt für die Ärztin in Uniform, die Befehle gibt und Befehlen gehorchen muß, die dem Wehrstrafrecht unterliegt und den Mutterschutzbestimmungen, die wie ihre männlichen Kollegen an der Waffe ausgebildet wird und doch dem Anschein nach mit dem Grundgesetz unterm Arm herumläuft. Diese Dame kam durch eine Hintertür des Soldaten-Gesetzes und der regulären Nothilfe. Sie ist, natürlich, zum Gebrauch der Pistole nur berechtigt, aber nicht verpflichtet, so vermag sie sehr wohl zu schießen, ohne Kombattant zu sein.

Von Oestergaard eingekleidet, passierte die Offizierin das Parlament. Die CDU/CSU-Opposition stand jedoch wie ein Mann hinter der Abgeordneten Irma Tübler, die in den Ärztinnen eine Ausnahme und nicht den Anfang einer weiblichen Aufrüstung sehen wollte: »Wir wollen auf jeden Fall verhindern, daß es hier in der Bundesrepublik Deutschland Flintenweiber gibt.« SPD-Verteidigungsminister Georg Leber: »Verteidigung ist nicht nur reine Männersache.«

Lebers »Charme-Brigade« oder Lebers »Opferlämmer auf dem Altar des Jahres der Frau«, wurde gewitzelt, je nach Standort. Im Leserbrief-Teil des »Deutschen Ärzteblattes« genügte mancher Mediziner seiner »Pflicht, gegen Verirrungen meine Stimme zu erheben«. Auch gab die Phantasie bewegte Nacktbilder ein: »Die Gleichberechtigung so weit zu treiben, daß sich Tausende Männer von weiblichen Sanitätsoffizieren mustern lassen müssen, halte ich für einen fundamentalen Irrtum.«

Eine von den Offizierinnen (inzwischen 39 Ärztinnen, eine Zahnärztin, vier Apothekerinnen und eine Veterinärin) könnte eines Tages im Range eines Generals oder Admirals Inspekteur für das Sanitätswesen werden. Schon als Leber 1975 die ersten Frauen-Offiziere einführte, wußte er, um was es wirklich geht: »ein gesellschaftliches Ereignis von nicht kleinem Rang«. Wehr-Historiker Seidler sah einen »quasirevolutionären Akt«.

Daß sich die Militarisierung der Frau unbeschadet der Systeme, der Kontinente und der Kulturkreise vollzieht, ist ein Hinweis auf einen Prozeß, der nicht an der politischen Oberfläche schrabt, sondern tiefer in die Geschichte der Geschlechter greift.

Noch allerdings ist die Entwicklung in einer so frühen Phase, so daß nicht abzusehen ist, ob dabei die weibliche Ordonnanz in Uniform der Zier-Generalin herauskommt, siehe die Informationsdirektorin der »Mannes«, oder die Geschlechter-Parität.

Daß Frauen im Aggressionspotential durchaus Männern gleichen, leiten die amerikanischen Wissenschaftler John Money und Anke E. Ehrhardt aus ihren Untersuchungen männlicher und weiblicher Verhaltensweisen her. In wissenschaftlichen Arbeiten von Genetikern, Gehirn- und Hormonforschern, Medizinern, Soziologen und Psychologen fanden sie viele Hinweise, wenn auch nicht Beweise, »daß Aggression selbst -- ganz im Gegensatz zu der üblichen Annahme -- kein geschlechtstypisches Merkmal ist«. Allerdings wird Mädchen die Angriffslust nach altem Erziehungsideal frühzeitig abtrainiert.

Wo Frauen nur ermutigen und trösten, wie in der Armee Israels, haben sie ihre klassische Rolle, mögen sie auch noch so furchtlos sein. Andererseits sank der Mut israelischer Krieger sofort, wenn neben ihnen Frauen tot oder verwundet zu Boden fielen. Araber fühlten

sich durch weibliche Feinde bis zum Todesmut gereizt -- es gibt Probleme.

Um ihre aufreizende und tröstende Rolle loszuwerden, streiten Soldatinnen für so etwas wie ein geschlechtsneutrales Ansehen. Im kleinsten Detail wird angegangen gegen das traditionelle Frauenbild, dem Höflichkeit entgegengebracht und Sittlichkeit abverlangt wird:

Als der (männliche) Korvettenkapitän auf dem dänischen Minenleger »Fyen« dem (weiblichen) Offizier Lill-May Didriksen mal wieder die Tür zur Offiziersmesse aufhielt, fauchte die Frau: »Lassen Sie den Quatsch.« Auf Nato-Manöver in der Bundesrepublik, verlangten die »Marvas«, die Soldatinnen der niederländischen Königlichen Marine, mit Soldaten in einem Zelt untergebracht zu werden. Das Haager Verteidigungsministerium mußte eingeschaltet werden und befand abschlägig: »Wenn die Damen argumentieren, im Ernstfall seien getrennte Zelte auch nicht immer möglich, so mag das stimmen. Aber im Ernstfall denken die Männer an etwas anderes als Sex.«

Umgekehrt haben sich US-Soldatinnen während der diesjährigen Nato-Übungen geweigert, mit Männern in einem Zelt zu schlafen. Da die Zelte knapp waren, begründete der Kommandeur des 440. Fernmeldebataillons, Oberstleutnant Benjamin Donaldson, seine Entscheidung: »Die Alternative war, entweder im Gemeinschaftszelt zu schlafen oder unter den Sternen.«

So lapidar die Szenen im einzelnen sind, sie verdeutlichen, daß mit der Integration der Frau in die Wehrmacht das gesamte Umfeld von Sitten und Gebräuchen, die aus der Geschlechtertrennung und der Beschützerrolle des Mannes stammen, zur Disposition steht. Es geht eben nicht um die Tür, um das Zelt, sondern um das Rollenverständnis.

Da die Kastenschranken in den US-Streitkräften noch strikter bestehen als etwa in der Bundeswehr, wird streng bestraft, wer mit einem andersgeschlechtlichen (natürlich auch gleichgeschlechtlichen) Untergebenen oder Vorgesetzten ein Verhältnis eingeht. Obwohl inzwischen bei der U.S. Air Force in Europa ein Versuch gestartet wurde, der es vorsah, daß weibliche Soldaten auch in ihren Unterkünften werktags von 17.30 bis 22 Uhr und sonntags von 13 bis 22 Uhr Besuche empfangen könnten, wird der Grundsatz des Fraternisierungsverbots für so wichtig erachtet, daß selbst legalisierte Verhältnisse von Vorgesetzten und weiblichen Untergebenen mit Laufbahnstrafen geahndet werden.

Beispiel: Michael Jalinsky, ein Westpoint-Absolvent mit einer sehr guten dienstlichen Beurteilung, wurde abrupt als Kompaniechef abgelöst, als er Sergeant Sue-Anne Pierce heiratete. Der Captain ist jetzt »Alkohol- und Drogenbeauftragter« in Fort Devens, ein Posten, der nach Ansicht seiner militärischen Kameraden seiner Karriere sicherlich nicht dienlich ist.

Die gesamte Emanzipation der Frauen spitzt sich zu auf die Frage, ob Grete und Hans in der Armee gleichberechtigt sein können und wollen. Können: Ob die biologischen Unterschiede das zulassen. Wollen: Ob das überhaupt erstrebenswert ist.

Der konsequenten Frauen-Kämpferin, siehe Alice Schwarzer, kann der Grundsatz, das Prinzip, nicht zweifelhaft sein: Gleichberechtigung first. Aber auch werden wie der Mann? Bajonette in den Bauch rammen? »Kill, kill, kill« gröhlen? Atombomben zünden?

Die erfolgreichste Heerführerin der Weltgeschichte, Johanna von Orleans, »schön zugleich und schrecklich anzusehen«, siegt bei Schiller nur, solange sie hehr und unsinnlich bleibt. In Liebe entbrannt, ist sie nicht einmal mehr gut für den Scheiterhaufen, sondern nur noch für Tod und Niederlage.

Frau muß sich entscheiden. Führt Macht zu »Verkrüppelung der Leute«, zu »Steinwerdung«, wie empörte »Emma«-Leserinnen ihre Schwarzer wissen ließen? Ist Machtstreben gleichbedeutend mit »Männlichkeitswahn«? Wichtigstes Argument: »Neue Weiblichkeit kann doch nicht angepaßte Weiblichkeit bedeuten. Nein, danke, dann bleibe ich lieber »machtlos'.«

Die Frauen, bislang auf Zugewinn bedacht, fürchten neuerdings auch Verluste: »Wenn ich als Frau in die Armee integriert werden möchte, anerkenne ich den »Männlichkeitswahn«, entmännliche ihn zwar und mache ihn geschlechtslos. Aber ich verliere mich selber dabei.«

Alice Schwarzer hat die Paradoxie der Bewegung in ihrem klugen Kopf schon gelöst. Wenn sie könnte, wie sie wollte, so wollte sie gar nicht, was sie »grundsätzlich« können will: »Wäre ich ein Mann, ich wäre auch Wehrdienstverweigerer.«

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 86
Nächster Artikel