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GESCHWISTER SCHOLL Etwas für Frauen?

aus DER SPIEGEL 18/1953

Es war ein äußerst reizendes Gespräch«, sagte der Schauspieler, Regisseur und ehemalige Filmproduzent Kurt Meisel in Berlin, nachdem er in München den Zeitungskrieg zwischen der Familie Scholl und der CCC-Film durch einen »Waffenstillstand« mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Robert Scholl vorläufig beendet hatte.

Kurt Meisel hatte dem Vater der Geschwister Hans und Sophie Scholl, die 1943 »wegen Vorbereitung zum Hochverrat« hingerichtet worden waren (nachdem sie in die Halle der Münchener Universität antinazistische Flugzettel gestreut hatten), das von Axel Eggebrecht und Gerhard Grindel verfaßte Drehbuch zu dem geplanten CCC-Film »Geschwister Haller« überbracht.

Der Film soll nicht nur ein »Ehrenmal« für die Scholls werden, sondern - mit den Worten des Vorspanns - »ein Ehrenmal für alle, die im unbeirrbaren Glauben an Menschenwürde, Freiheit und Ehre sterben.«

Der bisher dritte Plan des Ehrenmals - eine zweite Fassung des Eggebrecht-Grindelschen Drehbuchs hatte Robert Scholl bereits verworfen - scheint dem alten Herrn im Münchener Vorort Neu-Harlaching endlich annehmbar. Ein Familienrat, den Vater Scholl für die nächsten Tage einberufen hat, soll nun entscheiden, ob die Hinterbliebenen der Geschwister am Gedenkfilm mitarbeiten oder ob sie sich abseits halten werden.

Kurt Meisel, der den Schollfilm inszenieren soll, versprach sich zunächst nicht viel vom Studieren des neuen Drehbuchs durch den Oberbürgermeister i. R.: »Der ist prinzipiell dagegen. Er denkt eben, da wird 'Am Brunnen vor dem Tore' draus. Er findet auch, die Zeit sei noch nicht reif. Ich stehe auf dem Standpunkt, sie ist überreif.«

Sobald ihr das Filmprojekt der CCC bekannt geworden war, hatte nämlich Inge Aicher-Scholl, die Schwester der Hingerichteten, über die Deutsche Presse-Agentur erklärt, sie wolle »alle rechtlichen und moralischen Mittel« aufbieten, um einen Geschwister-Scholl-Film zu verhindern.

Es blieb kein privater Streit zwischen der Familie Scholl und der CCC, denn schon drängelten sich von allen Seiten Persönlichkeiten in die Debatte.

* Der Rektor der Münchener Universität, Professor San Nicolo, empörte sich: »... muß ich vor der gesitteten Öffentlichkeit schärfsten Protest dagegen einlegen, daß Menschen, die ihr Leben für die Freiheit und die Ehre unserer Universität geopfert haben, und denen wir alle unsere Dankbarkeit und Verehrung entgegenbringen, zum Gegenstand mehr oder weniger kitschiger Filme gemacht werden. Es müssen uns selbst in der gegenwärtigen nicht gerade hochstehenden Zeit bestimmte ethische Werte verbleiben, vor denen Sensationslust und Geldverdienen haltzumachen haben. Sollte der Film doch gedreht werden, so will ich alles daran setzen, daß er in München nicht zur Aufführung gelangt.«

* Die Drehbuchautoren Eggebrecht und Grindel verteidigten sich: »... Jetzt mehren sich ... Angriffe, die uns als Geschäftemacher oder unbedenklich flinke Story-Fabrikanten erscheinen lassen. Deshalb stellen wir fest: Der Scholl-Film war für uns niemals ein industrieller Auftrag, sondern eine sehr ernste Verpflichtung. Monatelang haben wir daran gearbeitet, beinahe ohne Bezahlung, in einer beim Film durchaus unüblichen Weise ...«

* Widerstands-Autor Günther Weisenborn ("Der lautlose Aufstand") meinte: »Der

Protest Inge Scholls trifft einen Nervenpunkt des deutschen Filmschaffens ...«

Der Nervenpunkt des deutschen Filmschaffens ist ein Knoten vertrackter Probleme:

* Ist der deutsche Film von heute künstlerisch fähig, Geschehnisse aus der Kriegszeit wahrhaftig darzustellen?

* Können es sich deutsche Produzenten leisten, wahrhaftig zu sein, selbst auf das Risiko hin, daß der Film kein Geschäft wird?

* Welche Geschehnisse sollen überhaupt verfilmt werden? Ist nicht auch das politisch-psychologische Risiko zu groß, wenn die Masse des Publikums dadurch zur Opposition gereizt wird, daß zwar Filme über den Widerstand gedreht werden, das »Fronterlebnis« jedoch ignoriert wird?

Der Streit um den Fall Scholl rückte diese Fragen in ein Zwielicht. Die Familie Scholl, die anfänglich die erste Frage mit »Nein« beantwortet hatte, hätte das CCC-Projekt nur mit moralischen, nicht aber juristischen Mitteln verhindern können: Hans und Sophie Scholl sind »Personen der Zeitgeschichte« und schon länger als zehn Jahre tot. Es steht daher nach dem Gesetzbuch jedermann frei, sie »abzubilden«.

Auch urheberrechtlich hätte man dem Filmprojekt kaum beikommen können. Die Autoren Grindel und Eggebrecht hatten vorsätzlich Inge Aicher-Scholls Erinnerungsbuch »Die weiße Rose« als Quelle gemieden, abgesehen von einem Gespräch der Geschwister mit ihrer Mutter, kurz vor dem Ende, das wörtlich ins Drehbuch übernommen wurde.

Hans Scholl, im Film Martin Haller genannt, sagt ruhig: »Ich habe keinen Haß.« Sophie, im Film Irene, setzt hinzu: »Wir haben alles auf uns genommen.« Die Mutter: »Gelt, Irene, Jesus!« Das Mädchen: »Ja, Mutter, aber du auch!«

Diese Stelle will man, wenn es Frau Aicher-Scholl verlangt, streichen. Die Autoren haben andere Quellen: Falk Harnack, ehemals »künstlerischer Leiter« der ostzonalen Defa und heute Dramaturg bei Arthur Brauners CCC-Film, war in den Scholl-Prozeß verwickelt.

Zunächst jedoch war geplant, Inge Scholls Bericht im Drehbuch zu verarbeiten. Meisel: »Ich bin ja mit der 'Weißen Rose' in Frankfurt bei der (für die Bürgschaft zuständigen) Treuhand gewesen. Aber Inge Scholl ließ sich nicht darauf ein.« »SS-Staat«-Autor Eugen Kogon, der »Die weiße Rose« im Verlag der »Frankfurter Hefte« herausgegeben hat, schrieb dem Produzenten Brauner mehrfach, er hoffe, Frau Aicher-Scholl umzustimmen, aber es blieb bei der Hoffnung. Um sich »juristisch freizuhalten« (Meisel), entschloß man sich, »Die weiße Rose« nicht anzutasten.

So wenig aber die Familie Scholl rechtlich ausrichten konnte, so vernichtend drohte ihr moralischer Bann den Produzenten zu treffen und die materielle Basis des Projekts zu zerschlagen. Brauner: »Es war ja alles fix und fertig, alles kalkuliert!«

55 Prozent der auf etwa 800 000 Mark geschätzten Kosten wollte - nach monatelangen Verhandlungen - der Berliner Senat verbürgen. Bei den Berliner Filmfestspielen im Juni sollte ein würdiger deutscher Beitrag bereitliegen. Es sei, sinnierte Walter Busse über den NWDR, allerdings »sonderbar, daß Filme produziert werden, damit man auf Festspielen etwas vorzuweisen hat und nicht umgekehrt, wie man denken sollte, Filmfestspiele nur dann und nur deswegen veranstaltet werden, weil Filme vorhanden

sind, möglichst sogar solche Filme, deren Vorführung einige Festlichkeit unter den Zuschauern erwarten läßt.«

Obschon der Westberliner Kultursenator Professor Tiburtius über den RIAS kundtat, er finde das Drehbuch »ernsthaft und wertvoll«, beschwor sein Filmreferent die Firma noch einmal, den ungewöhnlich hohen Einsatz an städtischem Geld mit wirklicher Kunst zu lohnen, »selbst um den Preis der Zurückdrängung sonst selbstverständlicher kommerzieller Gesichtspunkte«.

Fünf Prozent des Risikos sollte die CCC-Film tragen und fünf Prozent der Allianz-Verleih, die restlichen 35 Prozent der Bund. Doch die für die Bundesbürgschaft zuständige Revisions- und Treuhandgesellschaft in Frankfurt schrieb am 7. April an Produzent Brauner: »Wir glauben, daß der Interministerielle Bürgschaftsausschuß ... auch einen Film, der nach einem anerkannt guten Buch über diesen Stoff gedreht wird, nicht verbürgen würde, so lange die Familie die Zustimmung verweigert. Es kommt unseres Erachtens in diesem Falle also nicht auf das formale Recht an, sondern darauf, daß Sie die Zustimmung der Angehörigen erreichen.«

Der Berliner Senat reagierte ähnlich, so daß Brauner seinen Scholl-Film ohne Einigung mit der Familie finanziell kaum hätte drehen können.

Das Drehbuch, dem der Vater der Geschwister Scholl nun zustimmt, hat zwar Hans und Sophie Scholl in Martin und Irene Haller umgetauft, den Oberbürgermeister Scholl zum Gymnasialdirektor Haller und auch den hingerichteten Philosophie-Professor Huber zum Musik-Professor Graber werden lassen; trotzdem ist es dem Bericht der Inge Scholl eher verwandt als dem Roman »Es waren ihrer sechs«, den Alfred Neumann 1943 nach den dürftigen Notizen schrieb, die über die Münchener Studentenrevolte ins Ausland gedrungen waren.

Die Drehbuch-Autoren Eggebrecht und Grindel einerseits und die Buch-Autorin Inge Scholl andererseits zeichnen vor allem die menschliche, oft auch übermenschliche Würde und Tapferkeit der Geschwister nach, ihre Jugendneigung zum NS-Regime und die frühe, sittlich begründete Abkehr.

Inge Scholl: »Wir fühlten uns beteiligt an einem Prozeß, an einer Bewegung, die aus der Masse Volk schuf.« Und: »Die Kameradschaft war etwas Schönes.«

Irene Haller (die von Gertrud Kückelmann dargestellt werden soll) im Drehbuch: »Es gab keine Feindschaften mehr, so hieß es damals. Und ich glaubte es. Genau wie Martin. Wir alle gehörten zusammen.«

Inge Scholl: »In mir begann eine gläubige, reine Welt zu zerbrechen, Stück um Stück. Was hatte man in Wirklichkeit aus dem Vaterland gemacht? Nicht Freiheit, nicht blühendes Leben, nicht Gedeihen und Glück jedes Menschen, der darin lebte. Nein, eine Klammer um die andere hatte man um Deutschland gelegt, bis allmählich alles wie in einem Kerker gefangen saß.«

Irene Haller im Drehbuch: »Ja, ich war still geworden. Schweigsam. Damals war ich gefangen - als ich noch frei war. Gefangen im eigenen Schweigen.«

Da das Drehbuch Sophie-Irene im Stadelheimer Gefängnis die eigene Entwicklung noch einmal überdenken läßt, wobei das Erinnern und Erzählen des Mädchens in Rückblenden einsinkt, gewinnt sie das Übergewicht über den Bruder. Gewiß nicht gegen den Willen des Produzenten Brauner, dem wohl ein politisch gehobener Frauenfilm vorschwebt. Brauner: »Millionen Mädchen, die heute vielleicht schon Ehefrauen sind, sollen sagen 'so war es bei mir auch'. Aber nur bis dahin.«

Alfred Neumann ("Der Teufel"), dessen Roman zu verfilmen man anfangs erwog, hat sein antinazistisches Geschwisterpaar weit problematischer und exzentrischer dargestellt. Er läßt den verbiesterten HJ-Helden Hans seinen Vater frech unterjochen, einem homosexuellen Bannführer willfahren und die Schwester aus Gründen der Weltanschauung verprügeln. Den Beinamputierten Hans zeigt er bei einem seltsamen Kult mit seiner eigenen Prothese.

Neumann porträtiert auch die Schwester mit Schattierungen: »Ja, ja«, wimmert sie, auf der Pritsche hockend, den Kopf zwischen den Fäusten, »ich wünsche, daß auch er verhaftet ist.«

In Neumanns Buch hat ein Freund der Geschwister - nicht ohne psychischen Schaden - beim Militär und in der Klinik einen Stupor simuliert. Die vielen Krankheiten

in Neumanns Widerständlern haben, sagte Grindel, die Filmleute vom Roman abgebracht. »Sonst heißt es, typisch, wer dagegen war, der war nicht in Ordnung.«

Ein Motiv aber wird sowohl von Inge Scholl als auch von Alfred Neumann breit behandelt, von Eggebrecht und Grindel aber nicht einmal angetippt: Das Schicksal der Juden unter Hitler. »Wir sind um das Thema rumgegangen«, bekennt Grindel. Man werde aber vielleicht doch noch den verfolgten Strafverteidiger, dem Irene Haller über die Grenze hilft, als einen rassisch Verfolgten darstellen.

Gerhard Grindel, Autor des Albers-Films »Und über uns der Himmel« und wortspielfreudiger Leitartikler und Theaterkritiker des Berliner »Abend«, der für das Scholl-Drehbuch vor allem als ehemaliger Widerständler angeheuert wurde, will den Film nicht gerade mit dem Wind der deutschen Restauration segeln lassen, doch auch nicht gegen die Brise: »Die Leute in Westdeutschland stehen sonst auf und singen das Horst-Wessel-Lied.« Und: »Der Film soll ja auch gesehen werden!«

Mit Rücksicht darauf hat Grindel aus dem Buch »einen Haufen von Hitlerbüsten und Parteiabzeichen herausgeworfen«, den der Mitautor Axel Eggebrecht (letztes Drehbuch: »Land des Lächelns«, erfolgreichstes: »Bel ami") dort aufgeschichtet hatte.

Der Berliner Chef des Allianz-Verleihs, Ferdinand Buttkus, war entsetzt: »Herr Eggebrecht hat das erste Buch geschrieben wie 1945, aus einem wilden Haß heraus.« Die selbst für damalige Verhältnisse auffallend scharfen Antifa-Kommentare, die Eggebrecht kurz nach dem Kriege über den NWDR schleuderte, sind dem damaligen Kriegsgefangenen und heutigen Filialleiter Buttkus noch in schreckhafter Erinnerung.

Außerdem will Buttkus vermeiden, daß die »akademischen Verbindungen und alles mögliche ankommen«. Er meint: »Die Allianz will ja keinen Sünderinnen-Skandal. Das liegt uns nicht.«

Carl Zuckmayer, dessen stärkere Natur am ehesten Abrechnung und Gestaltung, Reinlichkeit und Lebensdichte miteinander versöhnt hätte, war - als Brauner ihn um ein Drehbuch bat - nicht frei, obschon das Thema ihn, wie er dem Produzenten schrieb, sehr verlockte.

Das Drehbuch, dem man deutlich anmerkt, daß es nicht von Zuckmayer stammt, fand die Witwe des nach den Scholls hingerichteten Professor Huber in der Vorform des Treatments »zu simpel«. Hier stünden, schrieb Frau Huber, doch nur »Prinzipien gegeneinander und keine handelnden und leidenden Menschen«.

Das zu korrigieren, hätte einen außergewöhnlichen Autor erfordert. Auch Frau Aicher-Scholl kann mit ihrem Erinnerungsbuch zwar Bewunderung für die Geschwister und deren Gefährten wecken, aber vor dem strahlenden Opfer und der strahlenden Jugend der Widerstandskämpfer verschwimmen fast alle persönlichen Konturen, bis auf geringe und vielleicht zufällige Reste, die einen deutschen Film-Mann schon dazu verführen können, sich auf reine Tränendrüsen-Massage zu verlegen.

Ein zweiter Wunsch Frau Hubers wurde erfüllt. Ihr Mann bekam statt des nordöstlich klingenden Drehbuchnamens Grabow einen mehr süddeutschen: Graber.

Frau Huber stand bisher dem Filmprojekt skeptisch, aber nicht feindlich gegenüber. Daß die Scholls sich so lange dagegen sträubten, ließ auf dem Haselhorster CCC-Gelände zeitweise einen

besonderen Verdacht kursieren: »Die warten auf die Amerikaner.« Auch wenn der Verdacht sich bestätigt hätte, wäre das noch kein Argument gegen die Lauterkeit der Familie gewesen.

Denn bis der ferne Tag dämmert, an dem

* die Widerständler nicht mehr - wie Günther Weisenborn - von den Soldaten behaupten, sie hätten »im Frühlingswind der Front« gestanden,

* die Frontsoldaten die Widerstandskämpfer nicht mehr »Verräter« nennen,

* die deutschen Filmleute besser sind als heute,

wäre es vielleicht sogar das beste, die Amerikaner drehten den Scholl-Film, nachdem sie mit »Entscheidung vor Morgengrauen« mehr Verständnis für die deutsche Katastrophe bewiesen haben als irgendein deutscher Produzent oder Autor.

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