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ARCHITEKTEN Etwas gewundert

Mit Hilfe des Bonner Wirtschaftsministeriums setzten Westdeutschlands Architekten eine neue Gebührenordnung durch, die ihnen saftige Gewinne garantiert -- auf Kosten privater und öffentlicher Bauherren.
aus DER SPIEGEL 29/1976

Fünf Jahre lang brüteten die Bürokraten im Bonner Wirtschaftsministerium über einem Auftrag des Deutschen Bundestages. Doch für das Ergebnis der ausgedehnten Denkarbeit möchte der zuständige Ressortleiter nicht gern geradestehen. »Das ist kein Problem«, so distanzierte sich Wirtschaftsminister Friderichs, »das uns ernsthaft beschäftigt.«

Das Parlament hatte die Bundesregierung 1971 aufgefordert, die Honorare der Architekten, die sich bislang nach einer inzwischen 25 Jahre alten Gebührenordnung (GOA) aus dem Jahre 1950 bemessen, der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung anzupassen. Und der Gesetzgeber hatte auch Maßstäbe gesetzt: »Den berechtigten Interessen der Architekten und der zur Zahlung Verpflichteten«, so die Weisung des Bundestages von 1971, sei »Rechnung zu tragen«.

Doch die Verordnung, die der Bundesrat vorletzte Woche -- mit ein paar Korrekturen -- billigte, legt den parlamentarischen Richtsatz höchst einseitig aus: Die neue Honorartafel verhilft den Architekten zu Einkommenszuwächsen« wie sie keiner vergleichbaren Berufsgruppe bisher beschert wurden. zahlen müssen den Mehrwert Eigenheimer und öffentliche Kassen. Ungeniert verkündet die amtliche Begründung auf dem ohnehin konjunkturempfindlichen Bausektor einen gewaltigen Preisschub: Die Mindestkosten für private Baupläne werden bis zu 33 Prozent steigen, die Höchstpreise gar bis 67 Prozent. Die Gesamtkosten werden, so konstatieren die Verfasser des Dekrets kühl, »rein rechnerisch« je nach Bausumme um 0,4 bis 1,9 (untere Grenze) oder gar um 1,2 bis 3,8 Prozent (obere Grenze) anwachsen. Auch für die öffentlichen Haushalte wird sich die Architekten-Bescherung, wie es weiter lapidar heißt, »belastend auswirken«. Selbst Rudolf Jochem, Justitiar des Bundes Deutscher Baumeister. räumt ein: »Die Zahlen hören sich furchtbar an.«

Das Produkt aus dem Hause Friderichs belegt beispielhaft, wie das Zusammenwirken einer Lobby mit der Bonner Bürokratie funktioniert, wenn die Kontrolle der politischen Führung fehlt.

Dabei herrscht seit langem Einigkeit unter allen Beteiligten, daß die GOA der Novellierung bedurfte. Die alte Gebührenordnung litt daran, daß sie zu sehr an einem durch die technische Entwicklung überholten Berufsbild der Architekten orientiert war. Die Gebührenordnung bewertete die planerische Leistung, gemessen an dem Arbeitsaufwand, zu hoch, vernachlässigte dagegen die Bauüberwachung, die viel Zeit beansprucht. Hier hat die Novelle für bessere Transparenz gesorgt.

Ihr entscheidender Mangel ist jedoch die höchst dubiose Methode, mit der die neuen Honorare ermittelt wurden.

Zunächst hatte der zuständige Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, Franz-Hermann Depenbrock, das Battelle-Institut beauftragt, ein zeitgemäßeres Vergütungssystem zu entwickeln. Das Resultat aber erschien den Beamten zu kompliziert. »Eine Fülle weiterer Untersuchungen wäre nötig gewesen«, so Depenbrock, »eine Honorarordnung wäre in vertretbarer Zeit nicht zustande gekommen.«

Die Ministerialen gaben daher bei dem Berliner Professor Karlheinz Pfarr eine neue Expertise in Auftrag. Pfarr schien den Friderichs-Beamten besonders geeignet, weil der gelernte Diplomkaufmann und Bauingenieur an der Technischen Universität einen Lehrstuhl für Baubetriebswirtschaftslehre betreut. Als Prokurist und Leiter des Rechnungswesens bei dem Oberhausener Groß-Bauunternehmen Küppers hatte er zudem die Praxis kennengelernt und als Gutachter schon für die Architektenvereinigung gewirkt.

Zweifel an Pfarrs Neutralität kamen den Beamten nicht. Bedenken regten sich auch nicht, als der Professor sein Konzept vorlegte.

Dabei ist die Pfarr-Methode, Grundlagen für eine angemessene Honorierung zu ermitteln, ziemlich ungewöhnlich: In einer Fragebogen-Aktion wandte sich der Wirtschaftslehrer ausschließlich an die Architekten. Sie sollten in 1700 vorbereitete »Objektbögen« die nach ihrer Ansicht erforderlichen Honorare für Gebäude-Planung eintragen und zusätzlich die notwendigen Kosten ihrer Büros offenlegen. »Ich gebe zu«, meint selbst Lobbyist Jochem, »daß man vom System her Unrat wittern kann. Aber diese Methode haben nicht wir in die Debatte geworfen.«

Die Befragten nahmen die Chance wahr, sich gründlich zu bedienen. Und die Beamten des Wirtschaftsministeriums akzeptierten die Wunschliste ohne nennenswerte Abstriche.

Die Folgen: Eigenheimer müssen nunmehr bei einem Projekt von 200 000 Mark Baukosten (ohne Mehrwertsteuer) zwischen 19 390 und 24610 Mark für Planungskosten einkalkulieren. Bei einem 500 000-Mark-Haus fallen Honorare von 45 150 bis zu 55 350 Mark an, dazu jeweils 5.5 Prozent Umsatzsteuer.

Mit diesen Beträgen sind jedoch nur die »Grundleistungen« abgegolten, »besondere Leistungen« kosten extra. Werden etwa Fachleute zur Rationalisierung eingeschaltet, darf der Architekt noch einen Koordinierungszuschlag erheben.

Zweifel hätten den Beamten nicht nur wegen der horrenden Zahlen kommen können. Höchst fragwürdig scheinen der Leitung des Ministeriums nachträglich auch die Pfarrlichen Standes-Grundsätze. Auf Seite 14 seines Gutachtens legte der Professor dar, die Gewinne der Architekten müßten in jedem Fall so reichlich bemessen sein, daß Hochschulabsolventen gar nicht erst in Versuchung geraten, sich im öffentlichen Dienst zu verdingen. Zudem forderte Pfarr, die Honorierung müsse »so gestaltet sein, daß auch konjunkturelle Einbrüche personell und ohne wesentliche Substanzeinbuße durchgestanden werden können«.

Zumindest diese Thesen ihres Gutachters hätten die Gehilfen des sonst pingelig auf liberale Prinzipien bedachten Wirtschaftsministers stutzig machen müssen. Denn gerade in der von Friderichs hochgehaltenen freien Marktwirtschaft müßten sich auch Honorarsätze im freien Wettbewerb entwickeln. Erst recht widerspricht es der staatlichen Rolle, einen freien Berufsstand gegen das Risiko von Konjunktureinbrüchen abzusichern und ihm durch garantierte Gewinne die Möglichkeit zu verschaffen, in besseren Zeiten für schlechtere vorzusorgen.

Friderichs-Pressesprecher Dietrich Vogel räumt denn auch kleinlaut ein: »Mich hat das alles auch etwas gewundert.«

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