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BRESLAU-SENDUNG Etwas im Gange

aus DER SPIEGEL 17/1963

Der Osterfriede der Flüchtlingsfunktionäre war dahin. Im Anschluß an die Nachrichtensendung des Ersten Fernseh-Programms bat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am Ostersonnabend alle ehemaligen Einwohner Breslaus, ihn bei einer geplanten Dokumentarsendung über die schlesische Hauptstadt zu unterstützen.

Schon nach dem ersten Fernsehaufruf protestierte Dr. Herbert Hupka, stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, telephonisch beim stellvertretenden NDR-Intendanten von Hammerstein-Equord. Dann alarmierte er seinen Landsmannschafts -Chef, den niedersächsischen Vertriebenenminister Erich Schellhaus, in dessen Urlaubsort Berchtesgaden.

Minister Schellhaus - unterstützt von seinem Vize Hupka und dem Bund der Vertriebenen - forderte nun seinerseits die ehemaligen Bürger Breslaus öffentlich auf, dem NDR die erbetene Hilfe zu verweigern. Vom Fernsehen verlangte er, es solle sich weiterer Aufrufe an die Breslauer enthalten.

Der NDR hatte von den, Alt-Breslauern ihre Personalien wissen wollen; ferner: wie lange sie in Breslau gewohnt haben, ob der Ehepartner auch aus Breslau stamme, ob sie Mitglied einer Vertriebenenorganisation und wann und wo Kinder geboren seien.

Die Schlesier-Personalien sollten als Unterlage für eine Repräsentativ-Umfrage dienen, die der NDR mit Hilfe führender westdeutscher Demoskopie -Institute vornehmen lassen will, nachdem am 7. Mai im Ersten Programm des Deutschen Fernsehens eine Sendung des NDR-Chefreporters Jürgen Neven-du Mont »Polen in Breslau - Porträt einer Stadt« ausgestrahlt worden ist.

Die Fragebogen, die noch nicht formuliert sind und mit denen der NDR die Meinung der Breslauer zu erforschen gedenkt, sollen Material für eine zweite Neven-du-Mont-Sendung über Breslau ergeben.

Daß Schlesier-Chef Schellhaus und andere Vertriebenenfunktionäre schon vor einer Sendung, die noch niemand gesehen hat, und vor einer Umfrage, deren Form und Ergebnis noch unbekannt sind, hektisch protestierten, erschien der »Zeit« verdächtig. Kommentierte das Wochenblatt: »Der Versuch, den Breslauern den Mund zu verschließen, weckt nur den Verdacht, daß viele Vertriebene keineswegs in allen Punkten mit den offiziellen Erklärungen der Landsmannschaft einverstanden sind.«

So behauptet Minister Schellhaus, seiner Landsmannschaft gehörten etwa 750 000 Schlesier - ohne Familienmitglieder - an. Zählt man die Angehörigen hinzu, dann müßten tatsächlich fast alle der rund 2,4 Millionen in der Bundesrepublik lebenden Schlesier von der Landsmannschaft erfaßt sein - was schon deshalb unglaubhaft ist, weil noch eine Konkurrenz-Organisation besteht: die Landsmannschaft der Oberschlesier, die ihrerseits über 100 000 Mitglieder haben will, Angehörige nicht eingerechnet.

Offenbar um dem Zwielicht solcher Verdachtmomente zu entrinnen, tat Minister Schellhaus, der im vergangenen Jahr gefordert hatte, jede Verzichterklärung auf ostdeutsche Gebiete sollte als Landesverrat mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft werden, einen waghalsigen Schritt nach vorn. Er begründete seinen Protest gagen die Umfrage -Bitte des NDR: »Es könnten bei unseren Leuten Hoffnungen geweckt werden, daß es jetzt losgeht und etwas im Gange ist.«

Der Schlesier-Führer - wörtlich genommen - glaubt also, seine Landsmänner könnten Aufruf und Umfrage als regierungsamtliche Maßnahme auffassen, die zur Vorbereitung eines Marschbefehls zurück nach Breslau dienen soll.

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