Zur Ausgabe
Artikel 54 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Etwas ist faul im Garten Eden«

SPIEGEL-Redakteur Gunar Ortlepp über das Ende der Traumwelt Südsee (VI) *
aus DER SPIEGEL 49/1985

Die Messer sind gewetzt, geschärft sind die Macheten, in den Bürgerhäusern und Stammeshütten stehen die Jagdflinten bereit. Die Neukaledonier warten.

Wartend sehen sie einer ungewissen, von Düsternis umwitterten Zukunft entgegen, und jedermann hat dabei das Grauen schon vor Augen, die lodernden Brandfackeln, die Verwüstungsorgien, das große Gemetzel - den gnadenlosen Bürgerkrieg zwischen »Loyalisten« und »Independantisten«, zwischen Schwarz und Weiß, arm und reich, zwischen dem Busch und der Stadt.

Ruhe herrscht wieder in Neukaledonien. Nach den evenements, den blutigen »Vorfällen« vom November 1984, als die melanesischen Rebellen sich gegen das französische Regime erhoben und eine sozialistische Republik Kanaky ausriefen, nach den langen Wochen, als sie die Nickelminenstadt Thio belagerten, Rathäuser okkupiert hielten und mit Straßenbarrieren den Verkehr über die Insel lahmlegten, sind Gesetz und Ordnung zurückgekehrt ins Territorium.

Ein jähes Auflodern, ein Ausbruch wilden Hasses, ein Krawall, ein Meuchelmord, eine hochgehende Bombe, dergleichen passiert mitunter. Im übrigen aber waltet Frieden im Land, überwacht von den aus Frankreich über 18 000 Kilometer herantransportierten Schwadronen der Gendarmerie mobile, den Einheiten der Compagnie republicaine de securite, die Quartier bezogen haben in Hotels und die fehlenden Touristen ersetzen.

Eloi Machoro, der charismatische Anführer des Aufstands, ist tot, »versehentlich« zur Strecke gebracht von Scharfschützen der Staatsmacht. Die meisten der Brandstifter und Mordbuben sitzen hinter Schloß und Riegel. Die Straßen sind wieder frei und sicher, der Ausnahmezustand ist aufgehoben, es gibt keine nächtlichen Sperrstunden mehr. In den Gemeinden weit draußen, in den Dörfern der Stämme, in der Hauptstadt Noumea nimmt das Leben wieder seinen alltäglichen Gang.

Ende September, zehn Monate nach dem Wahlboykott der »Nationalen Befreiungsfront sozialistischer Kanaken« (FLNKS), der die Unruhen auslöste, ist abermals gewählt worden, nach neuen, in Paris ausgetüftelten Spielregeln. Unter dem Schutz der Waffen eines Polizeiaufgebots von 6000 Mann, verstärkt durch mehrere Armee-Kompanien und 1200 Marineinfanteristen, stimmte Schwarz gegen Weiß. Friedlich vollzog sich der Gang zu den Urnen. Es gab zwei Sieger und vollends verhärtete Fronten, eine unheilvolle Lage.

Und weiter schwelt es in der Stille, es wachsen Zorn, Verbitterung und Wut, es reift die Saat der Gewalt. Was ist, kann so nicht bleiben. Ob Caldoche oder Kanak, ob Walliser, Polynesier, Vietnamese oder Javaner - sie alle in dieser gemischt-rassischen Gesellschaft blicken sorgenvoll ins heraufdämmernde Morgen, und eines weiß jeder: Niemals wird es wieder so sein, wie es war vor dem heißen November ''84, als in Neukaledonien die Zukunft begann.

400 Kilometer lang, 50 Kilometer breit: Auf der Karte erscheint Neukaledonien wie ein Riesenschiff, verankert im Südwesten vor den Archipelen Melanesiens, in strategisch äußerst günstiger Position, mit fernem Ausguck nach Australien und Neuseeland. Der »Grande Terre« vorgelagert und gleichfalls dem französischen Territorium einverleibt sind im Norden die kleinen Belep-Inseln, im Süden die Insel der Pinien, im Osten die Loyaute-Inseln Ouvea, Lifou und Mare.

Ungewöhnlich für die pazifische Region wirkt das »Große Land«, wenn man

von den so viel engeren Vulkan-Inseln oder den von schmalen Palmenhainen beschatteten Korallenringen der Atolle kommt. Rollende Hügel und weite Ebenen, geprägt von den gespenstisch bleichen Stämmen vereinzelter Niaouli-Bäume, dehnen sich entlang der Westküste. Dort grasen die Rinderherden der legendären »Broussards«, der seit Generationen ansässigen weißen Viehzüchter im Busch.

Hinter dem breiten Streifen Flachland aber zieht sich endlos die Kette der dunklen Gebirgsmassive hin, die das Rückgrat der langen Insel bilden, und steil windet sich die Straße hinauf in die zerklüftete Wildnis von Wäldern und Gestrüpp, von knorrigen Kaurifichten, bizarren Kandelaber- und hochragenden Säulenzypressen, Baumfarnen und rotbraun nackten Laterithängen. Hier und da weist ein Schild am Wegrand in eines der Seitentäler, wo ein Kanakenstamm siedelt in traditionellen Rundhütten und massiven Häuschen unter Wellblech und seine kleinen Yam- und Tarofelder hegt.

In diesen Bergen aus metamorphem Gestein liegt Neukaledoniens Reichtum verborgen - Eisen und Kobalt, Chrom, Kupfer, Gold, Blei und Zink, und vor allem: Nickel. Der Welt viertgrößter Nickelproduzent ist Frankreichs melanesische Domäne, nach der Sowjet-Union, Kanada und Australien; und dieser leuchtend grüne Schatz bröseligen Erzes, so versicherte Ingenieur Gerard Cheyrezy, sei auch in Jahrhunderten nicht zu erschöpfen.

Cheyrezy, in Diensten der staatlich kontrollierten Societe Metallurgique Le Nickel, ist Chef der Abbau-Operationen von Thio, wo die SLN nun schon seit 1880 buddelt. Einst hatte er in Zentralafrika

für Kaiser Bokassa jene berühmten Diamanten geschürft, die dann den Staatspräsidenten Giscard ins Unglück lockten. Jetzt lebte er seit acht Jahren in der kleinen Minenstadt am Fuß der Berge. Er hatte mit seiner Frau und den drei Kindern zu den Eingeschlossenen gehört in den November-, Dezemberwochen der Belagerung, eine kitzlige Affäre, denn Eloi Machoro war ein »sehr entschlossener Mann« gewesen, »der gefährlichste von allen«, »der perfekte Revolutionär«.

Wir rollten über die historische Brücke, auf der Machoros Guerrilleros ihre Barrikaden von Eisenstangen, Drahtverhauen und großen Autoreifen errichtet hatten. Nun war die Route nach Noumea wieder offen, die Situation bereinigt, Thios gesamte SLN-Belegschaft von 253 Mann nach Monaten des Streiks zur Arbeit zurückgekehrt.

In Serpentinen fuhren wir durch den regen- und nebelverhangenen Geisterwald hoch in die aufgerissene Landschaft, in der Bagger wühlten, Caterpillars Erdmassen verschoben und schwerbeladene Laster durch den Matsch kurvten. Kaum ein Mensch war zu sehen, doch man ahnte die Multimillionen investierten Kapitals. Vom Minenzentrum aus, auf ein tausendfüßiges Metallgerüst gestützt, trugen die sich durchs Gebirge windenden Förderbänder das Erz ins Tal, zum Hafen von Thio, wo es verschifft wurde, teils als Rohstoff nach Japan, teils zum Hüttenwerk vor Noumea, in dem die Barren von Nickelmatte und Ferronickel entstanden, bestimmt für Frankreichs Fabriken und den europäischen Markt. Nickel, ausgebeutet vom SLN-Giganten und etlichen kleineren Caldoche-Unternehmen - seit einem Jahrhundert hat es Neukaledoniens Schicksal gelenkt durch Zeiten des Glanzes und des Jammers. Nickel ist so gut wie das einzige Exportprodukt des Territoriums, und wenn die Nickelkurse stürzen in Perioden weltweiter Rezession, muß Mutter Marianne herhalten mit Zuschüssen für die verschuldeten Kinder auf ihrem entwerteten Südsee-Hort.

Ihrem allzu festen Vertrauen auf den unendlichen Segen des Nickels haben es die Kaledonier zu verdanken, daß die Große Erde, so karg besiedelt, eine landwirtschaftlich unterentwickelte Insel blieb. Und Nickel war es letzten Endes auch, das Neukaledoniens Tragödie heraufbeschwor.

New Caledonia, Neu-Schottland, so taufte Captain Cook die von ihm für Europas Weltbild entdeckte Insel - mag sein, daß ihre hohen Bergrücken, von See aus betrachtet, ihn ans rauhe schottische Hochland erinnerten. 1774, auf seiner zweiten Reise durchs Unbekannte, war er mit der »Resolution« und »Adventure« vor Balade an der Nordostküste vor Anker gegangen. Er verbrachte mehrere Tage an Land, und da er, wie es seiner Art entsprach, den Insulanern mit Vorsicht und Respekt entgegentrat, ihre Kultur und Bräuche achtete, genoß er Gastfreundschaft und Häuptlingsehren.

Doch die nach ihm kamen, waren oft von rüdem Schlag und Dünkel, und mörderisch oft war der ihnen bereitete Empfang auf der bald weithin verrufenen Insel der Kannibalen, die sich Kanaken, zu deutsch »Menschen« nannten - ein Name, mit dem die Europäer dann alles bezeichneten, was da an Wilden in der Südsee lebte zwischen Neuguinea und den Marquesas.

Mit den Entdeckern, Walfängern und gestrandeten Matrosen, den Händlern auf Suche nach essenzhaltig aromatischem Sandelholz, den »Blackbirders« auf Jagd nach Sklaven für die Zuckerrohrplantagen Queenslands, mit den Aposteln des Christentums auf Seelenfang, so begann auch in Neu-Schottland der Einzug der Zivilisation.

Und im fanatischen Wetteifer zwischen den Puritanern von der Londoner Missionsgesellschaft und den französischen Patres der Societas Mariae entbrannte auch hier, genau wie auf Tahiti, die alte Rivalität zwischen Briten und Franzosen, die bis zur Gegenwart in Ozeanien jedenfalls nicht erloschen ist, die weiterflackert im gallischen Argwohn gegenüber den anglophonen Nachbarn Australien und Neuseeland, im Groll der »Aussies« und »Kiwis« über Frankreichs fortdauernde Präsenz in ihrem Meer.

Aber da sitzen sie nun seit fast schon anderthalb Jahrhunderten, als die letzte europäische Kolonialmacht im Südpazifik, die auch die erste war. 1842 hatten sie, allem britischen Ränkespiel zum Trotz, Tahiti zum Protektorat erklärt. 1853, nachdem drei Jahre zuvor die gesamte Mannschaft des französischen Vermessungsschiffs »Alcmene« von Kanaken

abgeschlachtet und dem Vernehmen nach aufgefressen worden war, hißte ein Konteradmiral Kaiser Napoleons III. bei Balade die Trikolore. 1863 wurde Neukaledonien Sträflingskolonie und blieb es über drei Jahrzehnte lang.

An die 22 000 Sträflinge, darunter 4837 Kommunarden des Pariser Aufstands von 1871, sind auf die Südsee-Insel verfrachtet worden, hinzu kamen zu Tausenden freie »Colons«, Farmer und Viehzüchter. Denn anders als Tahiti war Neukaledonien von Anfang an zur Besiedlung vorgesehen; und ganz anders auch, niederträchtiger als mit den schönen Sonntagskindern Tahitis, verfuhren die weißen Herren mit den schwarzen Kanaken, diesem »wilden Volk von Menschenfressern«, »faul«, »falsch« und »feige«, von »abstoßendem Angesicht«, wie die ersten Maristen-Väter bereits zu schmähen wußten.

Ohne viel Federlesens, in arroganter Mißachtung melanesischer Lebensart, familialer Tradition und tribaler Hierarchien, machten Missionare, Siedler und Verwaltungsbeamte sich ans kolonisatorische Werk des großen Landraubs. Die Stämme wurden von den fruchtbaren Küstenstrichen, der sakralen Erde ihrer Ahnen, vertrieben, in die Berge verbannt, wo man ihnen Reservate zuwies, eine Kopfsteuer auferlegte, sie zur Zwangsarbeit aushob. In ihre Täler und Dörfer drangen die Viehherden ein, zerstörten die Ernten, zertrampelten die Begräbnisstätten.

Von Anfang an haben sich die Urbewohner gegen diese Schreckensherrschaft zur Wehr gesetzt und stets schwer dafür büßen müssen unter den Vergeltungsschlägen der Strafexpeditionen. 1878 rief der hohe Häuptling Atai zum Aufstand gegen die Tyrannen. Mehr als 200 Europäer, über 1000 Melanesier fielen den Massakern zum Opfer, Tausende wurden vertrieben. 1917 kam es wiederum zur Erhebung, 11 Weiße und 200 Rebellen fanden den Tod.

Entmündigt, zermürbt, seines sozialen Zusammenhalts beraubt, demoralisiert durch Feuerwasser, dahingerafft von eingeschleppten Krankheiten - unaufhaltsam, wie es schien, trieb das schwarze Volk dem Untergang entgegen. 50 000 Menschen schätzungsweise siedelten auf der großen Insel bei Ankunft der Franzosen. 1921 war die melanesische Bevölkerung um die Hälfte geschrumpft, und bald, so ließ sich schon voraussehen, würde sie wohl ganz und gar dahingeschwunden sein.

Die Melanesier Neukaledoniens sind nicht ausgestorben, sie haben sich regeneriert. 62 000 leben derzeit im französischen Territorium, auf ihrem angestammten Grund und Boden, mit einem neuerwachten Kanakenstolz, dessen Geburtsstunde

schlug in den alles verändernden Jahren des gewaltigen Kriegs, als die jungen Amerikaner ihnen ihre Selbstachtung zurückgaben.

»Ah, les Americains!« Jeder angejahrt Alteingesessene, schwarz oder weiß, ob in Noumea oder tief im Busch, gerät glänzenden Auges ins Schwärmen, wenn er jener herrlichen Zeiten gedenkt. »Und wenn«, sagte abends im Bistro der rüstige Caldoche, dem ein tüchtiger Schuß Kanakenblut den Teint verdunkelte - »wenn Frankreich hier wirklich das Feld räumen sollte, dann werden wir Ronald Reagan bitten: Monsieur le President, akzeptieren Sie Neukaledonien als 51. Bundesstaat.«

Im März 1942, vier Monate nach dem Überfall auf Pearl Harbor, waren die ersten Truppen gelandet mit Jeeps und Trucks, Bulldozern, Sherman-Panzern und Kanonen, um die strategisch hervorragende und mit guten Häfen gesegnete Nickel-Insel, keine 1000 Meilen entfernt von der Korallenmeer-Küste Australiens, zu schützen vor den mit Macht nach Süden vorstoßenden Japanern, und bis Juni 1944 diente Noumea als Hauptquartier der US-Streitkräfte, danach als Nachschubbasis der alliierten Operationen im Südpazifik.

»Ah, les Americains!« Nur die alten Erben der seit Generationen im Wohlstand herrschenden Patrizier-Familien in und um Noumea denken ohne sonderliche Begeisterung zurück an die kurze Epoche, in der das Wunderwerk der modernen Technik eindrang und ein neuer egalitärer Geist sich kundtat in der verschlafenen Kolonie und ihrer verknöcherten Gesellschaft.

Eine fabelhafte Flut von Dollars und Gütern schwemmte damals herein, der Schwarzmarkt rief: Bereichert Euch! Neue Vermögen wurden gescheffelt, es blühte das Paradies der Parvenüs. Und zum erstenmal fanden die Melanesier Einlaß in die bislang für Weiße reservierte Arbeitswelt der anständig bezahlten Jobs.

Zum erstenmal auch wurden sie von den generösen Kriegern als richtige Menschen angesehen. Zum erstenmal, im freundlichen Umgang mit den Happygo-lucky-Jungs, von denen dann viele nicht zurückkehrten von Guadalcanal, den Salomonen und Gilberts, erahnten sie, was es auf sich haben könnte mit den demokratischen Idealen der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

»Der Krieg hier war ein Freudenfest«, sagte Jean-Marie Tjibaou, Führer der Kanakischen Befreiungsfront FLNKS. Und nach dem Krieg, von den Alliierten geführt im Namen der Menschenrechte und Selbstbestimmung gegen Sklaverei und Völkermord, begannen auch in Neukaledonien die Zeiten der rapiden Veränderungen.

1946 wurde das Eingeborenengesetz abgeschafft, das den Melanesiern die Freizügigkeit verweigerte und sie noch immer zu Frondiensten zwang. Sie erhielten die französische Staatsbürgerschaft und traten ein ins politische Leben, obwohl das allgemeine Wahlrecht erst 1951 für sie in Kraft trat. Im selben Jahr wurden ihnen die weiterbildenden Schulen geöffnet, 1960 erwarb sich der erste Kanak das Baccalaureat, 1969 kehrten die ersten zurück von den Universitäten der fernen Metropole.

Sie hatten in Frankreich Kommilitonen kennengelernt, die aus den jungen unabhängigen Staaten Westafrikas stammten, aus Senegal, Mali, der Elfenbeinküste, Kamerun. Sie hatten den stürmischen Mai ''68 miterlebt, die Studentenbarrikaden von Paris und Nanterre, die Rebellion der Jugend gegen Staatsmacht und verstaubte Talare. Sie hatten die glorreiche Republik in ihren Fundamenten erbeben und einen General de Gaulle von der traurigen Gestalt gesehen.

Aufsässigen Geistes kamen sie heim, Kanak sollte kein Wort der Schmach mehr sein. Die Parteien der Autonomisten, voran die einst von Kirchenmännern gegründete Union Caledonienne, machten mobil gegen die übermächtige Welt der Caldoches und ihrer verbündeten Ethnien, und wieder war es das grüne Gold der Berge, das Neukaledoniens Geschicke bestimmte.

Es war der große Nickel-Boom der sechziger und frühen siebziger Jahre gewesen, der eine Woge neuer Einwanderer auf die Grande Terre geschwemmt hatte, von Franzosen aus dem Mutterland, von Insulanern aus Wallis und Futuna und Französisch-Polynesiern von den Inseln unter dem Wind. Es war diese andauernd massive Immigration, gefördert durch die Regierung in Paris und herzlich willkommen geheißen von den weißen Kaledoniern, die den melanesischen Anteil an der Bevölkerung des Territoriums von zuvor 51 auf inzwischen 42,6 Prozent zurückdrängte.

Und es war die 1972 einsetzende große Nickel-Flaute, die Neukaledoniens einzig

bedeutende Industrie nach den Jubeljahren der glänzenden Export-Profite in eine nicht enden wollende Krise und das Land bei wachsender Arbeitslosigkeit in sozialen Unfrieden zwischen Schwarz und Weiß stürzte.

Damals begann die blutige Ära der gewaltsamen Demonstrationen, der Zusammenstöße mit der Polizei, der Toten auf den Straßen von Noumea. 1975 forderte ein Abgeordneter in der Territorialversammlung erstmals die Unabhängigkeit für die »originären und legitimen Besitzer« der neukaledonischen Inseln, ein Recht, das in der französischen Verfassung ausdrücklich verbrieft ist - vorausgesetzt daß eine Mehrheit der Loslösung von Frankreich zustimmt. Zur Verwirklichung ihres Freiheitsdrangs jedoch, selbst dann, wenn sie die gesamte melanesische Wählerschaft hinter sich hätte, fehlen der Kanakischen Befreiungsfront zur Zeit 16 285 Stimmen.

Das Territorium Neukaledonien - Grande Terre und vorgelagerte Inseln - ist an Bodenfläche so groß etwa wie Rheinland-Pfalz. Von seinen rund 145 000 Einwohnern sind 62 000 Melanesier und 54 000 Europäer. Hinzu kommen 12 000 Walliser und mehr als 5000 Ostpolynesier sowie an die 7000 seit Generationen bereits ansässige Vietnamesen und Javaner, wohlhabende Geschäftsleute zu beachtlichem Teil, und all diese Minoritäten fügen sich problemlos ein in die kleinfranzösische Insel-Gesellschaft, deren Leben sich überwiegend in Noumea und seiner verhältnismäßig dicht besiedelten Umgebung entfaltet, denn gleich dahinter beginnt »la brousse«, der Busch, mit nur noch spärlich verstreuten Ortschaften, Zivilisations-Oasen in weiter Einöde.

Französisch wie der Sitz einer Unterpräfektur irgendwo im Midi, so liegt Noumea auf seiner Halbinsel der vielen Buchten und Hügel, eine Stadt von schmucklosen Kastenbauten, die vom pragmatischen Sinn ihrer Bürger zeugen und davon, daß kein vernünftiger Mensch im Territorium gern Investitionen aufs Spiel setzt für unbewegliches Gut. Europäisch dicht kriechen im Berufsverkehr die Autoschlangen über Berg und Tal. Im Centre Ville, um die geräumige Place des Cocotiers, wo zur Weihnachtszeit die Flamboyants in roter Pracht erblühen, patrouillieren unermüdlich die Politessen und klemmen Strafzettel hinter Scheibenwischer.

In Noumea, wenngleich der schöne Nickel-Rausch längst verflogen ist, kann man noch immer tüchtig Geld verdienen, aber geruhsam auch läßt sich das Dasein genießen unter der Südsee-Sonne auf dem langen Strand der Anse Vata, vor dem die Segel der Windsurfer kreuzen; gut läßt es sich tafeln bei getrüffelten Pasteten, farcierten Krabben und Langusten aus französischer Küche mit dem weitgereisten Chablis dazu.

Eine Stadt von provinziellem Charme ist Noumea, und wenn abends in Charles Monins Hotel-Bistro die Kartenspieler ihr Blatt ausreizen, wenn hinter dem Thekengedränge das am Ort gebraute »Number One« aus dem Zapfhahn zischt, dann steigen im Kneipendunst Erinnerungen auf ans alte Frankreich der Krimis mit Jean Gabin.

Die weißen Kaledonier, nach so langen Zeiten insularer Existenz, geben einen besonderen Typ von Galliern ab, denen gern nachgesagt wird, daß sie bis zum heutigen Tag, ähnlich wie die waschechten Australier, am Sträflingsmakel ihrer Vorfahren trügen. Von der roten Gesinnung der Kommunarden allerdings haben sie nicht die Spur bewahrt.

Aus erzkonservativem Herzen lieben sie das ferne Vaterland, doch traditionsgemäß mißtrauen sie auch allem, was Paris da ausbrütet an territorialer Einmischungspolitik, was da aus Frankreich auf ihre Insel kommt an staatlicher Repräsentanz.

Es ist eine kleine Provinz, in der ein paar große Caldoche-Familien, dominierend in Handel, Latifundien und Nickel, ihre Fäden ziehen, ihre Interessen wahren, ihren Einfluß geltend machen - die Ballande, Montagnat, Pentecost und dergleichen, allen voran Jacques Lafleur, der überall in den Konsortien sitzt, das für die Zukunft vielleicht doch verheißungsvolle Tourismus-Geschäft samt »Casino Royal« kontrolliert und die Gaullisten-Partei anführt im Kampf der Republiktreuen gegen die Separatisten.

Lafleurs Parteifreund Dick Ukeiwe aber, bis zu den September-Wahlen Chef der Territorialregierung, seither Präsident im Territorialkongreß, steht als Zeuge dafür ein, daß auch ein reinblütiger Melanesier Karriere machen kann in dieser multirassischen Gesellschaft, in der es keine Rassenschranken geben soll, sondern nur freie und gleiche französische Bürger, »zwei Farben, ein Volk«.

Einen Dick Ukeiwe freilich, glutäugig und smart, gibt es nur einmal, und Integration ist ein großes Wort. Spärlich an Zahl sind die Kanaken, denen dank ihrer Ausbildung und Anpassungsfähigkeit ein Stück Aufstieg vergönnt war in der politisch-ökonomischen Welt der westlichen Werte. Sehr viel geringer als bei Europäern ist der melanesische Anteil am Stellenmarkt, sehr viel höher unter melanesischen Erwerbsfähigen die Arbeitslosigkeit, die sie heimtreibt aus dem Reich der baren Zahlung in die Geborgenheit des Stammes und der Subsistenzwirtschaft.

Eine Insel, zwei Völker. In getrennten Welten existieren Schwarz und Weiß nebeneinanderher, belastet mit einer über Generationen ererbten Bürde der Verachtung und des Hasses, unversöhnlich in ihren Denk- und Lebensweisen, die einen im Licht urbaner Moderne, die anderen draußen im Dunkel des Buschs, in den Dörfern an der Ostküste oder auf Lifou und Mare, wo in den runden hohen Versammlungshütten noch immer die Feuer der Ahnen glimmen, wo noch immer die Häuptlinge, Clan-Chefs und Familienväter wachen über »la coutume«, übers tribale Gesetz, über Brauchtum, Eintracht und brüderliche Teilung von Geld und Gut. _(Gaston Flosse, Regierungspräsident ) _(Französisch-Polynesiens. )

»Busch gegen Stadt, das ist die typisch koloniale Situation«, sagte der einstige Priester Jean-Marie Tjibaou, der die Union Caledonienne und ihre vier verbündeten Parteien anführt auf dem schmalen Pfad zur kanakisch-sozialistischen Unabhängigkeit, ein sanfter, gemäßigter, vorsichtiger Mann, von ganz anderem Wesen als Machoro, der wilde Rebell.

Die Stadt: Für Tjibaou und seine Mitverschworenen ist sie die Inkarnation der Ausbeutung, Ursprung aller Armut und Misere auf dem Land, dem geheiligten Grund und Boden der Väter, in dem das Bauernvolk der Kanaken seine Wurzeln hat. Die Erde gehört nicht dem Menschen, der Mensch gehört der Erde, so ist es überliefert von alters her. Auch sagt das Gesetz, daß du nicht essen darfst, wenn dein Nächster hungert, und das soll wieder gelten im freien sozialistischen Kanaky.

Natürlich, Tjibaou weiß es wohl: »Die Rückkehr zum Leben der Ahnen ist ein schöner Mythos, der in den Köpfen geistert. Niemand in dieser modernen Zeit kann sie ernsthaft wünschen, kein Weg führt dahin zurück. Doch eines soll wieder so sein, wie es damals war: daß kein Mensch den anderen mehr ausbeutet in unserem Land.«

»Die wahren Militanten der Kanakenfront, das sind höchstens 4000 Mann«, sagte im Rathaus von Noumea Roger Laroque, seit 32 Jahren ununterbrochen Bürgermeister, ein Patriarch von 75, auf den Krückstock gestützt. »Wenn es wirklich zur Unabhängigkeit kommen sollte, zur völligen Trennung von der Republik, werden sie als Diktatoren herrschen.«

»Ich bin mein Lebtag noch nie in Frankreich gewesen. Dies hier ist meine Heimat«, erzählte Georges Guillermet.

Er gehörte zur vierten Generation, ein alter Broussard, der von Jugend an im Sattel gesessen und Vieh gezüchtet hatte, bis die mürben Knochen nicht mehr mitmachten. Im kleinen Flecken La Foa, 110 Kilometer nördlich der Hauptstadt, hockte er in seiner Fleischerei an der Kasse, die Metzgerschürze über den Shorts, während nebenan zwei hünenhafte Söhne Rinderseiten an die Haken wuchteten.

Georges Guillermet klagte. Mitterrand und die Sozialisten in Paris, nur sie hatten den Kaledoniern diese böse Suppe eingebrockt. Sie allein hatten das Drama heraufbeschworen mit ihrer Politik des Wankelmuts und der Schwäche. Sie hatten die Kanaken bestärkt in ihrer Forderung nach Unabhängigkeit für ihr Land. »Aber mein Land ist es auch. Ich bin hier geboren, wie meine Eltern und meine Großeltern. Was Recht ist, muß Recht bleiben, Monsieur.«

»Die Regierung der Republik trägt eine sehr schwere Verantwortung für das, was auf diesem Territorium geschah und weiter geschieht«, sagte Bürgermeister Laroque, dessen Vorfahr schon 1843, zehn Jahre vor Hissen der Trikolore, auf Neukaledonien gelandet war mit Monseigneur Douarre und den ersten Maristen-Patres.

Und ähnlich wie der Bürger- und der Metzgermeister grollen und schimpfen sie alle in der Gemeinschaft der weißen Loyalisten, die eingeborenen Caldoches wie die aus dem Mutterland zugewanderten Metros, darunter viele »Pieds noirs«, Algerien-Siedler von ehedem, die schon einmal,

Anfang der sechziger, aus ihrer Heimat davonzogen, als es unwiderruflich aus war mit dem Traum von »Algerie francaise«.

»Neukaledonien ist nicht Algerien, wo sich eine Million Pieds noirs und fast acht Millionen Moslems gegenüberstanden. Hier wurde ein künstlicher Konflikt geschaffen. Die Kanakische Befreiungsfront ist ein Kind der sozialistischen Regierung«, sagt Dick Ukeiwe. »Mitterrand hat den Separatisten die Unabhängigkeit versprochen. Aber Herr Mitterrand ist nicht befugt, das Territorium aus der Republik zu entlassen. In der Konstitution der französischen Republik steht geschrieben: Unabhängigkeit ja, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sie verlangt, in demokratischer Abstimmung.

»Warum hat die FLNKS im November ''84 die Wahlen zur Territorialversammlung boykottiert? Warum haben ihre Anführer wie Machoro die Urnen mit der Axt zertrümmert und Stimmzettel verbrannt? Warum sind sie auf die Barrikaden gegangen, haben Farmen, Rathäuser, Läden, Tankstellen angezündet, Städte sequestriert, Menschen vertrieben? Warum herrschten wochenlang Mord, Furcht und Anarchie auf der Insel, während die Staatsmacht keinen Finger rührte, um Gesetz und Ordnung wiederherzustellen?

»Weil sie keine Mehrheit finden, weil die Bevölkerung zu 70 Prozent, zu denen viele Melanesier zählen, für ein französisches Neukaledonien votiert - deshalb verweigerten sie sich freien Wahlen in diesem Land, deshalb mißachteten sie die Spielregeln der Demokratie, deshalb suchten sie uns heim mit Terror und Chaos, und ihre Komplizen sind die Sozialisten in Paris«, sagte Präsident Ukeiwe, der Kanak de Gaulles.

»Es ist wahr, wir empfinden mehr Sympathie für die Sozialisten, weil die Sozialisten guten Willens, weil sie uns wohlgesonnen sind«, sagte Jean-Marie Tjibaou. »Aber auch eine linke Regierung repräsentiert für uns noch immer das kolonialistische Frankreich, und Monsieur Mitterrand ist ein französisches Produkt.«

Er hat es nicht leicht, der Mann mit der roten Rose. Schwer und glücklos trägt Francois Mitterrand an seinem Amt. Schwerer zu entwirren auch, als er wohl je sich erträumen ließ, ist der kaledonische Knoten, verheddert wie nie zuvor.

»Offen für alle Formen der Entkolonisierung« wolle er sich zeigen, hatte Mitterrand versichert, bevor er 1981 in den Elysee-Palast einzog als vierter Präsident der Fünften Republik. Neukaledoniens

Separatisten, die für ihn gestimmt hatten, feierten seinen Sieg als Ouvertüre zur Freiheit, und verheißungsvoll in der Tat begann die Ära Mitterrand.

Die Bodenreform, unter Giscard ins Werk gesetzt, wurde mit neuem Elan vorangetrieben, von der Regierung aufgekaufte Ländereien gingen zurück in melanesischen Besitz. Mit Wohlwollen für die kanakische Sache waltete Frankreichs Hochkommissar, freilich auch mit gehöriger Rücksichtnahme auf die europäischen Siedler.

Denn selbstverständlich ließ sich im Territorium keine Politik machen über die Köpfe der bürgerlich-konservativen Majorität im Territorial-Parlament hinweg, und so kam sie bald herauf, die Zeit der Eiertänze, der Hinhaltemanöver und mißverstandenen Versprechen, der Beschwichtigungen und Enttäuschungen, des wachsenden Unmuts und Argwohns bei Schwarz wie Weiß gegen die schwankenden Gestalten in Paris - bis dann die Kanaken-Führer die Geduld verloren; bis Machoro mit Gefolge nach Libyen reiste, um bei Gaddafi Rat und Hilfe zu holen; bis die Sezessionsparteien sich zusammenschlossen und in offenem Aufruhr die Unabhängkeit der »Sozialistischen Republik Kanaky« ausriefen.

Neukaledonien eine »zerrissene Insel« (so »L''Express"), ausgeliefert »einer Handvoll Wilder« (so »Le Figaro"), alle Autorität beim Teufel, der Bürgerkrieg dicht vorm Ausbruch - schlimm und nach noch schlimmerem Unheil sah es aus auf dem »Caillou«, Frankreichs »Kieselstein« in der Südsee, als die Pariser Zentrale eilends die Feuerwehr losschickte: die Gendarmerie-Schwadronen und Kompanien der republikanischen Sicherheitspolizei, mit der Order, Ruhe ins Spiel zu bringen, tunlichst Gewehr bei Fuß.

Im Januar flog der Staatspräsident selbst zur Blitzvisite nach Noumea, empfangen von einer Stadt in wogendem Blau-Weiß-Rot, begrüßt von seinen weißen Mitpatrioten wie ein Zauberlehrling, der böse Geister entfesselt hatte, wie ein Verräter an den Gütern und der Ehre der Nation. »Caledonie francaise!«, forderten die Transparente, und: »Mitterrand raus!« Doch es war nicht mehr der alte Francois Mitterrand, dem die separatistischen Kanaken so vertrauensvoll ihre Stimme gegeben hatten. Es war ein gewandelter Mitterrand, der vor den Kaledoniern von den »Interessen« der französischen Republik im Pazifik sprach und ihnen die Errichtung einer strategischen Basis in Noumea ankündigte. Es war ein Mitterrand im Schatten des großen Generals, der sich Monate später auch auf dem Atombomben-Atoll Mururoa als ein entschiedener Hüter der souveränen

Rechte Frankreichs im Stillen Ozean präsentierte.

Ein unabhängiges Neukaledonien in enger Bindung an die französische Republik, vergleichbar etwa dem Verhältnis »freier Assoziation« zwischen den Cook-Inseln und Neuseeland - das ist es, was Mitterrand jetzt in Aussicht stellt; darüber soll vor Ende des Jahres 1987 in einem Referendum entschieden werden. Es ist eine Lösung, von beiden Seiten als fauler Zauber verworfen, und herzlich verhaßt im Lager der Loyalisten ist der Mann, der sie erdacht hat: Edgar Pisani, ehemals Landwirtschaftsminister unter de Gaulle und EG-Kommissar, vom Elysee in den Wochen schwerster Bedrängnis entsandt, um Frieden zu stiften auf der unseligen Insel.

Ja, aber Frieden auf wessen Rechnung! Wo, so empören sich die europäischen Bürger, bleibt da die Gerechtigkeit, wenn dieser »Betrüger« mit zweierlei Maß mißt und die Kanaken begünstigt auf Kosten der demokratischen Mehrheit? Die »Ausgeburt eines Monsters« nannten »Les Nouvelles Caledoniennes« den von Pisani entworfenen Plan (benannt nach dem derzeitigen Premierminister Fabius), der die Aufteilung des Territoriums in vier weitgehend selbstverwaltete Regionen festlegt - in die weiße Region Süd mit Noumea und Vororten (85 000 Einwohner) und die überwiegend von Melanesiern besiedelten Regionen Nord, Mitte und Loyaute-Inseln (insgesamt 60 000 Einwohner).

Ende September, diesmal unter freudiger Beteiligung der Befreiungsfront, ging Neukaledonien wiederum zu den Urnen, zur Wahl der vier Regionalversammlungen und der Ratsmitglieder für den Territorialkongreß. Das gaullistischen »Rassemblement pour la Caledonie dans la Republique« und die rechtsextreme »Nationale Front« erhielten knapp 60 Prozent; auf 35,2 Prozent brachten es die FLNKS und die gemäßigte »Liberation Kanak Socieliste«.

Selten nach einer demokratischen Wahl zeigten sich die Sieger so verbittert und die Verlierer so strahlend. Denn wenngleich den Konservativen mit 29 der 46 Sitze eine solide Majorität im Territorialkongreß zufiel - in drei der vier Regionen zogen als Mehrheit die Kanaken in die Parlamente ein, und triumphierend schwenkte Tjibaous Jungvolk in den Dörfern die Farben von Kanaky, Blau-Rot-Grün mit dem Pfeil-Emblem in der Sonnenscheibe.

Der weite Busch samt seiner Nickel-Berge in Separatisten-Hand, die Loyalisten zurückgedrängt auf den Brückenkopf Noumea: Dies ist die Konstellation,

die das Votum erbrachte, die vielleicht schon auf Neukaledoniens Zukunft hinzielt, auf eine Zukunft, die keine der beiden verfeindeten Parteien will.

Aber noch ist nichts verloren. Im knisternden Frieden Pisanis, überwacht von einem energischen Hochkommissar und seinen Sicherheitstruppen, die inzwischen, wie der ultrarechte »Combat caledonien« meldete, Noumea zur »ville galante« verlottern ließen, warten die weißen Siedler auf bessere Tage. Auf den kommenden März warten und hoffen sie, die Wahlen zur französischen Nationalversammlung, die zutiefst ersehnte Niederlage der Sozialisten. Dann bleibt zwar noch immer Mitterrand als Staatspräsident bis 1988 im Amt, doch ein gaullistischer Regierungschef Jacques Chirac würde »Caledonie francaise« retten, er hat es versprochen.

Derweil geht Jean-Marie Tjibaou behutsam seinen Weg, darauf bedacht, daß kein zweiter Machoro ihm in die Quere kommt. Ruhe sei die erste Bürgerpflicht des Kanaken. Was Tjibaou braucht, sind Zeit und Geld zur Entwicklung der eroberten Buschregionen, zur Einarbeitung ihrer politischen Gremien, zum beschleunigten Vollzug der Bodenreform, zum Aufbau von kleinen Handwerksbetrieben, von Viehzucht- und Fischerei-Kooperativen. Was ihm fehlt, sind Führungskräfte, Fachleute, Wirtschaftsexperten, neue Lehrer für neue Schulen. Es gibt höchstens 50 melanesische Universitätsabsolventen auf der Grande Terre und ihren Inseln. Das Volk ist auf die Freiheit nicht vorbereitet.

Dennoch, Unabhängigkeit in Assoziation mit Frankreich, unter französischem Schutz, mit französischer Hilfe, wie im Fabius-Plan anvisiert: Allenfalls als Interimslösung wäre Tjibaou gewillt, sie hinzunehmen. »Assoziation«, sagte er, »widerspricht unserem Projekt. Wir wollen nicht, daß Paris für und über uns entscheidet. Das hier ist unser Land. Unser Ziel ist die Unabhängigkeit der sozialistischen Kanaken.« Aber wie läßt dieses Ziel sich verwirklichen? Wie die Mehrheit finden, die für die Unabhängigkeit stimmt? »Wir müssen die Herzen der Menschen verändern«, sagte der einstige Priester Tjibaou.

Und wenn das Ziel erreicht ist: Was wird dann aus den europäischen Siedlern, was soll mit den 33 000 Caldoches geschehen, die seit Urgroßväters Zeiten hier zu Hause sind? »Wir werden sie nicht davonjagen. Wer bleiben und friedlich mit uns leben und arbeiten will, hat nichts zu fürchten in Kanaky.«

Sie fordern das ihnen entrissene Erbe zurück. Ihre eigenen Herren wollen sie wieder sein wie die anderen in die Unabhängigkeit entlassenen Völker Ozeaniens, in Papua-Neuguinea und auf den Salomonen, in Fidschi und Westsamoa, in Kiribati und Tuvalu, wie ihre nächsten Nachbarn im vormals französisch-britischen Kondominium der Neuen Hebriden, deren 80 Inseln seit fünf Jahren den Staat Vanuatu bilden.

Es sind die jüngsten Nationen der traurigen Tropen, die man die Dritte Welt nennt. Sie haben mehr Schulden als Palmen und Probleme wie Sand am Meer.

»Seht euch doch an, was aus Vanuatu geworden ist, wie die Leute dort drüben in der Hauptstadt Vila darben in wirtschaftlicher Misere, bei erbärmlichen Mindestlöhnen, fünf Sechstel niedriger als unser Minimaltarif«, sagen die weißen Kaledonier. Aber die Kanaken verlangen ihr Land.

Ihren eigenen Weg wollen sie gehen, ohne Frankreich, allein zwischen Tradition und Moderne, im großen Durcheinander der Daseinsweisen, der dörflichen und urbanen Lebensformen, der überlieferten Hierarchien und demokratischen Systeme, der Subsistenzwirtschaft und Geldökonomie, in dieser neuen Welt dynamischen Wandels, der, wie überall in den Archipelen der Südsee, den letzten Triumph westlich-technologischen Fortschritts anzukündigen scheint.

Doch ein alter Brite, Überbleibsel aus kolonialen Zeiten, den ich unterwegs traf, war da ganz anderer Ansicht.

»Sie überschätzen den Einfluß unserer Zivilisation auf die Menschen dieser Inseln hier«, belehrte er mich. »Eines Tages gehen auf dem Planeten Erde die Lichter wieder aus, und dann erblüht erneut das alte Südsee-Paradies.«

Ende _(Beim Besuch des Staatspräsidenten ) _(Mitterrand am 19. Januar 1985. )

[Grafiktext]

DATUMSGRENZE POLYNESIEN MIKRONESIEN ÄQUATOR MELA-NESIEN VANUATU NEUKALEDONIEN Kilometer VANUATU (NEUE HEBRIDEN) BANKS-INSELN Espiritu Santo Pentecost Malekula Ambrym Epi Efate Vila Eromanga Tanna NEU-KALEDONIEN Neukaledonien Balade Ouvea LOYAUTE-INSELN Lifou La Foa Thio Mare Regionen Noumea Insel der Pinien

[GrafiktextEnde]

Gaston Flosse, Regierungspräsident Französisch-Polynesiens.Beim Besuch des Staatspräsidenten Mitterrand am 19. Januar 1985.

Gunar Ortlepp
Zur Ausgabe
Artikel 54 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.