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SOWJET-UNION Etwas weltfremd

300 Friedenskämpferinnen aus Skandinavien zogen durch Moskau und warben für Abrüstung auch im Osten.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Für Vigdis Wollan, 26, ist allein der Gedanke an einen Atomkrieg unerträglich. Die Krankenschwester aus Oslo malt sich dann aus, sie müßte auf ihrer Station zu Tode geweihte Verbrannte behandeln. Als sie von den Nachrüstungsplänen der Nato hörte, beschloß sie, für Abrüstung zu kämpfen - in West und in Ost.

Auch Eva Nordland, 60, Dozentin für Pädagogik in Oslo, hielt »dramatische Aktionen« für notwendig, die Supermächte vom Wettrüsten abzubringen. Vigdis Wollan und Eva Nordland entschieden sich für einen Friedensmarsch. Vorige Woche zogen sie mit rund 300 Gleichgesinnten durch Leningrad und Moskau, gegen die Aufrüstung der Supermächte. »Wir mußten halt was tun«, sagt Vigdis Wollan, »die Zeit ist reif.«

So etwas hat es in der Geschichte der Sowjet-Union noch nicht gegeben, nie zuvor erlaubten die Genossen eine Demonstration von Westlern auf ihren Straßen. Jetzt jedoch will der Kreml offenkundig dem Westen wie den eigenen Bürgern zeigen, wie ernst er es mit seinem eigenen Abrüstungswillen meint.

Daß die Russen die skandinavischen Frauen als Werkzeuge ihrer eigenen Propagandaziele in Anspruch nehmen könnten, ficht die Organisatorin nicht an. Eva Nordland: »Natürlich nutzen sie uns aus. Aber dasselbe tun wir auch.«

Leicht machen es die Sowjets ihnen dabei nicht. In monatelangen Verhandlungen mit der Führung der parteigelenkten Friedensbewegung, dem »Komitee zum Schutz des Friedens«, mußten Abgesandte der »Frauen für Frieden« die Bedingungen des Marsches, der am 29. Juli in Minsk endet, aushandeln. Das Ergebnis ist eine seltsame Mischung aus westlichem Happening und östlicher Politveranstaltung, die Szenerie bestimmen lila Gewänder (der Zugereisten) und allzu betont lässige Freizeitkleidung (der Geheimpolizisten).

Texte von Transparenten und Flugblätter sind vorab sorgfältig abgesprochen. Die Gäste dürfen, so sieht ein förmlicher Vertrag vor, keine Kritik an den Kremlherren üben. Die Kommunisten verpflichteten sich dafür, eine Losung zu dulden, welche die von Moskau bereits abgelehnte Null-Lösung empfiehlt: »Keine Atomwaffen in Europa, im Westen und im Osten.« Zudem erklärten die Genossen sich bereit, den Marsch nicht einseitig für Agitationen gegen die Nato zu mißbrauchen.

So ernst nahmen die Gastgeber ihr Wort indes nicht. Als die Friedensmarschierer mit der Bahn in Wyborg an der finnisch-sowjetischen Grenze eintrafen, streckten ihnen die Sowjets Plakate mit groben Parolen gegen US-Präsident Reagan entgegen; nach Protest entschuldigten sich die Veranstalter: ein Versehen.

In Leningrad und in Moskau gingen die Versehen weiter. In der sowjetischen Hauptstadt hatten Mitglieder der kommunistischen Jugendorganisation »Komsomol« gar ein Poster gemalt, das amerikanische Raketen mit Dollarscheinen und einem Hakenkreuz zeigt. Die offizielle Dolmetscherin übersetzte Schweden-Kritik an der »amerikanischen Politik« mit »amerikanischer aggressiver imperialistischer Politik«. Entschuldigung: In Moskauer Sicht sei US-Politik stets aggressiv und allzeit imperialistisch.

So gut es ging, versuchten die Gastgeber unkontrollierte Kontakte zwischen Bürgern und Marschierern zu verhindern - aus Furcht, vor allem junge Leute könnten sich durch die Gäste verleiten lassen, ähnliche Märsche auch in der Sowjet-Union zu veranstalten.

Erst kürzlich machte eine »Gruppe für die Vertrauensbildung zwischen den USA und der UdSSR« in Moskau von sich reden. Rechtzeitig vor Ankunft der skandinavischen Gesinnungsgenossen verhafteten die Behörden die beiden wichtigsten Mitglieder, ohne Risiko: Die Friedensfreunde suchten gar keine Kontaktaufnahme.

In Moskau empfingen 200 ausgesuchte Sowjetbürger die Gäste, Passanten oder Spontis hatten keine Chance näherzukommen. Schon lange vor Beginn des Begrüßungszeremoniells hatte Polizei in Festtagsuniform den Vorplatz von Moskaus »Rigaer Bahnhof« abgesperrt, das Komitee für Staatssicherheit seine Zivilisten, manche mit Sprechfunkgeräten unter den Jacketts, zwischen die bestellten Zuhörer und um den Platz verstreut.

Zu flüchtigen Kontakten mit Moskauern kam es erst, als ein Zug Skanidnavier plus ausgewählter Landeskinder, von Polizei gedeckt, die zwei Kilometer in Richtung Hotel »Kosmos« marschierte. Schaulustige umarmten spontan Demonstrantinnen, einigen Sowjetfrauen standen Tränen in den Augen.

Längere Zeit mitlaufen allerdings mochten nur wenige. Zu fremd schienen den Einwohnern augenscheinlich die buntgekleideten Frauen, die ungebunden und etwas weltfremd amerikanische Volkslieder sangen. Eine sowjetische Journalistin: »Das sind die Leute hier nicht gewohnt.« Die hauptstädtischen Medien hatten den Friedensmarsch denn auch vorher nicht angekündigt.

Ohne ungebetene Zuschauer wanderten die Friedensfreunde am vorigen Donnerstag über Feld und Wiesen zu einem Ferienlager für Jugendliche, einige Kilometer außerhalb von Moskau. Die Öffentlichkeit stellten einige hundert Mitglieder des »Komsomol« her, die mit Bussen herangeschafft wurden.

Trotz der Kluft zum Sowjetvolk halten die Organisatoren des Friedensmarsches ihre Mission für erfüllt. »Einige Leute«, so die dänische Journalistin Janne Houman, »werden wir mit unseren Gedanken inspiriert haben.«

Und Organisatorin Eva Nordland, die Pädagogin, hofft unbeirrt, der Zug könne - auf längere Sicht - abrüstungswillige Sowjet-Politiker durchaus beeindruckt haben: »Vielleicht wird ja einer von denen mal Außenminister. Dann hätten wir gewonnen.«

S.89Nina Tereschkowa, Vizevorsitzende des örtlichen Friedenskomitees, inLeningrad.*

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