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MÜNCHEN Eucharistie mit Eurovision

aus DER SPIEGEL 31/1960

Gerade wir Christen sind mißtrauisch geworden gegen Massenveranstaltungen; denn wir wissen, wie rasch sich ihrer die Dämonen bemächtigen.

Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz, 1959.

Der Innenminister des schwarz-weiß blauen Freistaats zwischen Main und Inn hat den öffentlichen Notstand laut Artikel 58 des bayerischen Polizeiorganisationsgesetzes ausgerufen: Aus allen Teilen der Welt und aus Bayern sind die Kinder der Heiligen Römischen Kirche im Anmarsch zum 37. Eucharistischen Weltkongreß, zur größten religiösen Demonstration, die Deutschland je erlebte.

Die Pilger kommen in der Woche des Jahres, die für derartige Massenballungen am wenigsten geeignet ist: vom 31. Juli bis zum 7. August. In dieser ersten Augustwoche

- hat München den stärksten Touristenzustrom

des ganzen Jahres,

- läuft der Sommerschlußverkauf und

- liegt der »lange« (verkaufsoffene)

Samstag, zu dem die Hausfrauen aus

Nieder- und Oberbayern in hellen

Scharen in Richtung Stachus zu wallfahrten

pflegen.

Münchens Polizeipräsident Anton Heigl tippte denn auch den motorisierten Katholiken auf die Schulter. »Es dürfte für Sie... überhaupt zweckmäßiger sein, Ihr Fahrzeug in eine Garage einzustellen.« Für die Umleitung nicht katholischer Fahrzeuge wurde die in Tag- und Nachtschichten hochgezogene Autobahnbrücke München-Freimann, eines der größten Hochbrückenprojekte Deutschlands, von Erzbischof Joseph Kardinal Wendel gerade noch zur rechten Zeit geweiht.

Doch birgt das Pilgerzentrum München neben dem drohenden Verkehrschaos noch Gefahren besonderer Art. So warnt der kirchenamtliche Kongreßführer die Eucharisten aller Länder vor der Kühle der Münchner Sommernacht und des Münchner Trinkwassers (acht Grad Celsius).

Wie sehr die Veranstalter um das körperliche Wohlbefinden der geistlichen Touristen bemüht sind, erweist überdies die Empfehlung des Generalsekretariats, den Durst am besten mit »schwarzem Tee, auch getrocknetem Obst« zu löschen, obwohl die altbayrischen Bierbrauer in demselben Prospekt die Landesdevise verkünden: »In Bayern trinkt man Bier.«

Ratschlagten die Kongreß-Organisatoren: »Richtige Nahrung hält Sie... für die gewissen Beanspruchungen (des Kongreßbesuchs) fit..« Neben Traubenzucker-Tabletten und Flüssigkeitsaufnahme nur »jeweils am Abend« gehöre zum »richtigen Wohlfühlen« auch »wasserdichtes Schuhwerk und geeigneter Regenschirm«.

Vielen hoffenden Gläubigen freilich stellt sich - nach den zwei Millionen Briefen an das Generalsekretariat - ein katholischer Weltkongreß angenehmer dar. Brief aus Holland: »Wir sind 30 Personen, kommen zum eukalyptischen Weltkongreß nach Oberammergau mit Passionsspiel.« Andere verlangen »Zimmer mit Blick auf den Hafen«, Auskunft über »Angelmöglichkeiten in bayerischen Gebirgsbächen« und Einquartierung bei einem »Floßerhauptmann in Lenggries« (bei Bad Tölz).

Gesichert ist die Unterbringung immerhin für ebenholzfarbige Katholiken, die bei den privaten Quartiergebern am stärksten gefragt sind. Für die 460 avisierten Bischöfe - 3000 wurden geladen - dient als Refugium der Bayernlandtag Maximilianeum. Papstvertreter Kardinal Gustavo Testa - »Ich brauche keinen Luxus« - wird in den nach Kriegszerstörungen eigens zur Kongreßeröffnung wiederhergerichteten »Reichen Zimmern« der prunkvollen königlichen Residenz domizilieren.

Laut Pressekommuniqué des Kongreß-Büros rücken »selbstverständlich die Katholiken Bayerns enger zusammen. Manche schlafen im Kämmerlein, um ihr eigenes Schlafzimmer anzubieten«.

Die Stadtverwaltung ihrerseits wies den Pilgern Schulen, Waisenhäuser, Altersheime, Sport-, Renn-, Zelt- und sonstige Plätze an. Trotz aller Anstrengungen aber werden sich viele Pilger ein Obdach weit außerhalb Münchens, etwa in Augsburg oder Ingolstadt, suchen müssen.

Um die Teilnehmer am großen, Pilgeraufmarsch über solche Quartierkümmernisse hinwegzutrösten, hat München - für die Zeit des Kongresses zur stellvertretenden Hauptstadt der katholischen Christenheit aufgerückt - beschlossen, sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen. Für das festliche Make up des Pilgerzentrums stellten die Stadtväter zwei Millionen Mark bereit und fanden zudem noch auswärtige Spender: Bund und Land stifteten je zwei Millionen, die Fürstin von Monaco, Gracia Patricia geb. Kelly, und der Fürst von Liechtenstein griffen ebenfalls zum Scheckbuch.

Selbst der Münchner Hauptbahnhof, 15 Jahre lang eine aufgeräumte Bombenruine, glänzt plötzlich mit Glasbedachung, asymmetrischem Vordach und Deutschlands größter - im Beisein von Kongreßklerikern eröffneter Wechselstube.

Katholische Jugendgruppen aus Freiburg, Speyer und der Pfalz haben dreihundert (nach einer Zeitungsente der offiziellen Festschrift »Der Weltkongreß« gar dreitausend) Zentner Weizen und achttausend Liter - ein für sogenannte Agapen gesammelt - für altchristliche »Liebesmahle«, über deren liturgische Gestaltung die »Herder-Korrespondenz Orbis Catholicus« sich sorgte: »(Es) bleibt eine besonders delikate Aufgabe des jeweiligen Pfarrers, um einer solchen Agape die zu befürchtende Steifheit zu nehmen und sie dennoch über dem Niveau des ortsüblichen Münchner Weißwurst-Essens zu halten.«

Als unermüdlicher Kongreß-Sammler tat sich auch der CSU-Landtagsabgeordnete Hans Merkt hervor: Mit Amateurphotos von zwei früheren Eucharistischen Kongressen zog Merkt laut offizieller Festschrift »Tag und Nacht« als Laienprediger durch Bayerns Diözesen, »mit dem Hute in der Hand ganz zwanglos« Kongreß-Almosen von »armen Witwen« und »Altersheimen« für sein »Reisebüro der Liebe« heischend.

Mit seiner nach einem südchilenischen

Indianer-Kapuziner getauften. Aktion »Silbermöwe« beschaffte er diverse Flugbilletts (Preis: 2500 bis 5441 Mark) für besonders bedürftige Pilger, darunter allerdings auch für den Erzbischof von Bombay nebst Sekretär.

Die oberbayrischen Gläubigen ermöglichten durch ihre Spenden die Anreise exotischer Eucharisten, etwa von Kanaken-Schwestern Guineas und Indianern aus den Dschungeln Südamerikas.

Hauptattraktion:

»Schlangenpater« Josef Schwarzmaier, 80, aus Aparecida (Brasilien), der laut Merkt »noch die giftigsten Schlangen mit der blanken Hand fängt«.

Angesichts solchen Opfersinns der Gastgeber wollten die Gäste sich dankbar erzeigen: Ein spanischer Bischof bringt eine Reliquie des heiligen Franziskanermönchs Paschalis Baylon (1540-1592), des Patrons der Eucharistischen Weltkongresse, Italiens früherer Außenminister Giuseppe Pella ein Vortragsmanuskript »Die Eucharistie und die Nächstenliebe« mit.

Pella hat sich mit seiner Themenwahl einer Aufgabe unterzogen, zu deren Bewältigung die Einsichten und intellektuellen Kräfte eines normalen Eucharistie -Pilgers allerdings kaum ausreichen

dürften: nämlich allgemeinverständlich darzulegen, was Eucharistie nach dem gegenwärtigen Stand der katholischen Dogmatik eigentlich bedeutet.

Eucharistie (griechisch: Danksagung) war urspünglich nur eine Bezeichnung für das Dankgebet bei Beginn des Abendmahls. Später umfaßte der Begriff das Abendmahl - das dritte der sieben katholischen Sakramente - insgesamt und meint heute speziell das gesegnete Brot und den gesegneten Wein. Für katholische Gläubige sind die geweihten Abendmahlselemente - das Brot als Leib und der Wein als Blut Christi - Mittel der Begegnung mit Christus und Gott.

Erläutert der Münchner Prälat Dr. Michael Schmaus: »Das Kreuzgeschehen wirkt in die Eucharistiefeier real hinein, insofern der wahre Leib und das wahre Blut Christi in jenem Opferzustand gegenwärtig sind, durch den sie auf Golgatha ein für allemal geprägt wurden. Der Sinn der Gegenwart des Leibes und Blutes Christi sowie der Wirkgegenwart von Golgatha liegt darin, daß die Kirche in das Opfergeschehen ihres Hauptes, welches ihr Herr und Lebensquell ist, eingeht...«

Die Eucharistie wiederholt mithin nicht nur die Feier, die Jesus in der Nacht vor seiner Hinrichtung mit den Jüngern beim letzten Abendmahl beging. Sie ist zugleich das intimste Geheimnis des christlichen Glaubens und die ausdrucksvollste Form von Gebet und Gottverehrung, die der katholischen Kirche bekannt ist. Dennoch vollzieht die Römische Kirche diese Eucharistie nicht in der Verborgenheit des Tabernakels*: Der in die Brotgestalt eingegangene Gott wird auf dem Platz des Münchner Oktoberfestes öffentlich zur Schau gestellt und per Eurovision den Fernsehern der Westeuropäischen Länder ins Haus gebracht.

Selbst »der Augenblick der Wandlung (Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi durch den Priester) werde auf dem Bild festgehalten und damit aus dem geheimnisvollen Dunkel des Mysteriums in das grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt«, gesteht der katholische Laie Heinz Graf, Münchner Fachschuldozent und Mitglied der »Liturgischen Kommission des Eucharistischen Weltkongresses«.

Graf weiß eine einfache Rechtfertigung: Da die Kirche nicht mehr - wie jahrhundertelang - »das öffentliche Leben bestimmt«, sei es notwendig, solche Mysterien »der modernen Welt von Zeit zu Zeit wieder vor Augen zu führen«.

Dieses Ziel vor Augen, scheut sich die katholische Kirche in der Tat nicht, alle Mittel der modernen Nachrichtentechnik im Dienste ihrer mystisch-eucharistischen Groß-Demonstration auszuschöpfen.

Dazu der evangelische Theologieprofessor Dr. Peter Meinhold: »Wir Evangelischen vermögen freilich mit dem Heiligen Abendmahl keine internationalen Kundgebungen zu verbinden. Die ganz unmittelbare Gegenwart des Herrn im Abendmahl ist immer von dem Mysterium der kirchlichen Handlung umgeben, das verlorengeht, wenn es in die große Öffentlichkeit hineingestellt wird.« Die protestantische Kritik gipfelt in der Frage des Erlanger Theologieprofessors Dr. Bernhard Klaus, »ob sich nicht auch hinter der eucharistischen Idee der Machtanspruch Roms verberge«. Die Kongresse seien nicht nur »machtvolle Selbstdarstellungen der Weltkirche«, sondern eben auch Roms Versuch, sich »zuständig zu erklären für die Probleme der Völker der Welt«.

Was immer an derartigen Vorwürfen richtig sein mag, der katholische Klerus hat wenig getan, um sie zu vermeiden: In einer eigens für den Münchner Gläubigen-Aufmarsch verlegten »Geschichte der Eucharistischen Kongresse« erklärt beispielsweise der Münchner Jesuitenpater Rudolf von Moreau: »Laizismus, Liberalismus und andere Irrlehren... stritten der Kirche das Recht ab, die Menschheit zu belehren, Gesetze zu geben und die Völker auf den Weg zur ewigen Seligkeit zu leiten? So fanden sich nun (in der Eucharistischen Bewegung) mehr denn je glaubenstreue Katholiken in der Idee zusammen: Jesus Christus ist der Herr der Welt:«

Indes: Die Idee zu dieser internationalen Macht-Kundgebung stammt nicht etwa aus den vatikanischen Gärten, sondern ausgerechnet aus dem Land, das dank seinem ausgeprägten Nationalbewußtsein einstmals die Zentralgewalt des Papstes besonders nachhaltig bekämpfte: aus Frankreich.

Wie Frankreich seit der Jungfrau von Orleans mehr durch seine Damen als durch seine Männer berühmt geworden ist, so war es auch ein französisches Fräulein, das die eucharistische Weltbewegung auslöste, die Laienkatholikin Maria Martha Emilie Tamissier (1844 bis 1910) aus Tours.

Mit 29 Jahren (Jesuitenpater Franz von Tattenbach jüngst vor der Münchner Presse: »Ein junges Mädchen") hatte sie die Vision eines göttlichen Auftrags, nämlich - so Tattenbach: »Die ganze Welt retten durch die Heiligste Eucharistie.«

Heute nennen die deutschen Bischöfe die Eucharistiefeier »das Wichtigste auf Erden«, damals brauchte die Seherin, unterstützt von dem blinden Domherrn Gaston de Ségurde, acht Jahre, bis Papst Leo XIII. seine Zustimmung erteilte: 1881 fand in Lilie - wegen der nicht eben kirchenfreundlichen Gesetze der französischen Republik hinter verschlossenen Türen - der erste Eucharistische Kongreß statt. Ausländische Teilnehmer: 363.

Entsprechend dem Ziel der katholischen Aktivisten, das religiös indifferent gewordene französische Volk zu neuer, römisch-katholischer Gläubigkeit zu erwecken, blieb die Eucharistische Bewegung 25 Jahre lang auf das französische Sprachgebiet beschränkt*. Der Vatikan wartete ab und hütete sich, offizielle Vertreter zu entsenden.

Erst nach dieser Bewährungsfrist ging Rom daran, die Eucharistische Bewegung der längst vergessenen Maria Martha Emilie Tamissier dem Gesamtkatholizismus dienstbar zu machen. Der »eucharistische Papst« Pius X. (1903-1914) bestimmte 1905 Rom als Tagungsort und eröffnete höchstpersönlich den Kongreß.

Fortan waren die Päpste auf jedem Kongreß durch einen Kardinal-Legaten vertreten: Die Eucharistischen Wallfahrten wurden - ohne zeitlichen oder örtlichen Turnus - nach Bedarf festgesetzt: großartige Schauspiele, in denen das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche aller Welt optisch vorgeführt wurde.

Zentrale Demonstrations-Themen waren nun:

- das Papsttum, das sich in dem triumphalen Empfang des Kardinal-Legaten manifestierte,

- das Priestertum und seine Verfügungsgewalt über den Leib Christi sowie

- die Einheit der Kirche, versinnbildlicht durch die versammelten Völkerscharen.

Rom ging sogar noch einen Schritt weiter. Es etikettierte - offiziell erstmals 1912 in Wien - die eucharistischen

Massenaufmärsche als »Weltfronleichnamsfeste«.

Die Absicht war eindeutig. Seit den Zeiten des Tridentinischen Konzils (1545 bis 1563) hat nämlich das Fest Fronleichnam eine aggressiv-missionarische Bestimmung. Den »Sektierern und Ungläubigen«, dekretierten damals die Kirchenväter, müsse gezeigt werden, »daß die siegreiche Wahrheit über die Lüge und Häresie triumphiert, damit ihre Gegner, im Anblick eines solchen Glanzes und solcher Freude der gesamten Kirche, gelähmt und zerbrochen erbleichen oder vor Scham ergriffen und verwirrt wieder zu Verstande kommen«.

Im Laufe der Jahrhunderte ist die Kirche zwar im Ton, nicht aber in der Sache, sanftmütiger geworden. Johannes XXIII. nannte in einer Antwort an die Fuldaer Bischofskonferenz den Münchner Kongreß »eine Einladung an alle (Nichtkatholiken) ins Mutterhaus«. Bei anderer Gelegenheit schlug er als Rezept für die Einigung der christlichen Konfessionen vor: »Seht Brüder, das (Rom) ist die Kirche Christi... Kommt, kommt! Das ist der Weg, der offen ist zur Begegnung, zur Rückkehr.«

Mit Bedacht legte der päpstliche Hofstaat die Kongresse in die Frontgebiete des Glaubensstreits:

- nach London (1908), wo ein päpstlicher Legat erstmals seit 350 Jahren anglikanischen Boden betrat,

- nach Chicago (1926), um laut Münchner »Klerusblatt« den »49 Millionen Protestanten in den USA... die Einheit der von Christus gestifteten Kirche vor Augen zu führen«, und

- nach Manila (1937), das der Kirche als Vorposten des Christentums in Asien erschien.

München allerdings wurde - von Papst Pius XII. - aus gänzlich anderen Gründen zum Austragungsort der 37. Internationalen Gläubigen-Versammlung bestimmt: Die Fuldaer Bischofskonferenz nannte diese Wahl »das Abschiedsgeschenk seiner Liebe zu Deutschland«, speziell aber zu München, wo Pius einst als Nuntius für Bayern und später als Nuntius für Deutschland tätig war.

Triumphierte das »St. Konradsblatt« der Erzdiözese Freiburg: »(Das) ist die große Weltstunde, da wir Deutschen wieder Gastgeber aller Rassen sein werden.« Und: »Man wird auf uns blicken, vom Himmel und von der Erde... Du und ich, ob katholisch oder nicht, sind im Sommer 1960 die Visitenkarte Deutschlands:«

Tatsächlich versucht München voll deutscher Gründlichkeit, mit den vorangegangenen Eucharistischen Weltkongressen zu konkurrieren. Ein gewagtes Unterfangen, denn:

- in Chicago (1926) wurden 1,7 Millionen Menschen aufgeboten, um die sieben rotgestrichenen Pullman-Sonderwagen des Kardinal-Legaten auf dem Bahnhof zu begrüßen, und

- in Rio de Janeiro (1955) wurde gar der Antoniusberg an der Bucht Guanbara zu einem Drittel abgetragen. Eine Million Tonnen Gestein mußten ins Meer gekippt werden, um für eine Million Kongreßteilnehmer 390 000 Quadratmeter Anbetungsfläche zu schaffen.

Die Pius-Stadt München hat dem als Hauptattraktion nur eine Altarinsel inmitten der Oktoberfestwiese entgegenzustellen - eine hölzerne Riesenanlage, die über 600 Kubikmeter Holz und 7500 Quadratmeter Verschalungsbretter verschlang. Sie kostete die Männer des Bundesgrenzschutzes 14 000 Arbeitsstunden. Lobt Münchens Sicherheitsdirektor Dr. Martin: »Hier konnten die Pioniere endlich einmal ohne Rücksicht auf fiskalische Bedenken große Mengen Holz verarbeiten.«

An Anbetungsfläche hat München gegenüber Rio de Janeiro allerdings fast dasselbe zu bieten: Die Theresienwiese, außerhalb der Saison Schafwiese, umfaßt 375 000 Quadratmeter. Im Unterschied zu allen anderen Kongreßorten aber liegt die »Wies'n« nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum der Bayern-Metropole, deren Straßenverkehr sich nachmittags im Schneckentempo vollzieht.

Wenn jedoch die Hamburger »Zeit« bereits den völligen Zusammenbruch des Verkehrs voraussah, so machte sich das Blatt die Tagträume des ehrgeizigen Kongreß-Generalorganisators, des Münchner Weihbischofs Neuhäusler, zu eigen. Neuhäusler hatte ernsthaft geglaubt, trotz der gespannten weltpolitischen Lage würden die Gläubigen - auch aus anderen Erdteilen denn aus Bayern - legionenweise herbeiströmen.

Mittlerweile hat der Weihbischof seine Prognose längst von 1,3 Millionen Besuchern (München hat etwas über eine Million Einwohner) auf »maximal eine Million« Kongreßtouristen heruntergeschraubt. Indes: Noch nicht einmal diese Besucherzahl ist bis heute garantiert.

Mag Kongreß-Organisator Neuhäusler enttäuscht sein, Münchens Oberpolizist Martin fühlt sich durch das Ausbleiben von 300 000 Eucharisten erleichtert und glaubt seither, des Fremdenansturms Herr zu werden. Diese Hoffnung stützt er auf seinen Gehirntrust, der seit vier Jahren die Eigengesetzlichkeiten von Massenveranstaltungen an Ort und Stelle studiert, sowie auf die Muskelkraft seiner Ordnungshüter.

Die Erfahrungen beispielsweise beim Feuerwerk zu Münchens 800-Jahr -Feier (500 000 Schaulustige) stimmen den Sicherheitspolizisten wohlgemut. Martin: »Tote null. Ausfallquote (Ohnmächtige und total Erschöpfte) tagsüber fünf bis sechs Prozent; abends drei Prozent.«

Falls sich die fromme Hoffnung von Weihbischof Neuhäusler auf eine Million Besucher erfüllt, können mithin schlimmstenfalls 60 000 Menschen wegen Kreislaufschwäche infolge des stundenlangen Stehens »ausfallen«. Für sie ist Gesundheitskommissar Conewein zuständig, der vorsorglicherweise ein Wunder wirkendes Mittel en gros bereitgestellt hat: Meerwasser, auf Flaschen gezogen und mit Zitronensaft versetzt.

Am Tage nach dem Schlußgottesdienst wollen die altbayrischen Brauereien auf der Gebetswiese unverzüglich mit dem Aufschlagen ihrer überdimensionalen Bierzelte beginnen; wegen der Eucharistie-Feier mußte die Oktobergaudi zum erstenmal seit 150-Jahren um acht Tage verschoben werden. Der Eucharistische Altar ist bereits jetzt zum ortsüblichen Festmeterpreis veräußert.

* Schränkchen auf katholischen Altären, das zur Aufbewahrung der Hostien dient.

* Einzige Ausnahme: Der 8. Kongreß in Jerusalem, wo sich der Vatikan den Schismatikern der kriechischen Kirche annähern wollte:

Eucharistie-Kundgebung (Chicago 1926): Im Anblick solchen Glanzes

Organisatoren Tattenbach, Neuhäusler: Reisebüro der Liebe

Kardinal-Legat Testa

Gastgeber aller Rassen

Kongreß-Polizist Martin

Ausfallquote sechs Prozent

Eucharistie-Altar (München): Gralsburg auf der Wies'n

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