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NAHOST Eure Glückseligkeit

Die Freude an Titeln und bilderreichen Anreden ließ die arabische Höflichkeit zu einem komplizierten System werden.
aus DER SPIEGEL 14/1981

In flotter Fahrt holperte der zweirädrige Eselskarren durch eine der Gassen des Kairoer Basarviertels. Schimpfend wichen Passanten, Lastenträger und Händler zur Seite.

Doch sie erregten sich nicht allzusehr. Denn der Junge auf dem Wagen, der, den Rücken an einige Käfige mit Gänsen gelehnt, sein Zugtier zu solcher Eile antrieb, entschuldigte sich so formvollendet, daß ihm keiner böse sein konnte.

»Vorsicht und Verzeihung, o mein Bascha (Pascha)«, rief er mit schriller Stimme auch noch zerlumpten Bettlern zu.

Die ausdrückliche und beinahe schon demütige Anerkennung der Überlegenheit des anderen in dieser Anrede wird nicht als Übertreibung empfunden, sondern gehört mit zum guten Ton auf arabischen Straßen.

Die Neigung zur bildhaften Schmeichelei ebenso wie ein feines Gespür für soziale Unterschiede haben in den arabischen Ländern bis auf den heutigen Tag eine in anderen Völkern kaum übliche Vielfalt von höflichen Anrede- und Begrüßungsformen bewahrt.

Durch mehr als ein Dutzend Titel können Araber ihren Gesprächspartnern den Grad ihrer Wertschätzung zu erkennen geben.

In Ägypten, dem volkreichsten arabischen Staat, wird die offizielle Anrede »Sajjid« (Herr) beispielsweise nur im Schriftverkehr der Behörden verwendet. Die einfachen Herren, die breite Masse der Arbeiter und Handwerker gibt sich mit der anspruchslosen Anrede »Usta« (Meister) zufrieden. Mit »Raijis« (hocharabisch Präsident, Steuermann) werden Dienstboten, ungelernte Arbeiter und Kellner beglückt. »Muallim« (Lehrer) heißt es bei Vorarbeitern, Inhabern von Geschäften, Werkstätten und Kaffeehäusern.

Wendet sich jemand aus der unteren Mittelklasse an einen Unbekannten, so schmeichelt er ihm häufig mit einem aufwertenden »Basch-muhandis« (Oberingenieur), Hinweis auf die soziale Stellung von Technikern.

Bei Europäern vermutet der Mann auf der Straße durchweg Wissen und Gelehrsamkeit: Wenigstens »Chawaga« (Lehrmeister) heißen die Männer aus dem Westen deshalb oft beim Volk. Araber untereinander bezeichnen sich auch gern als »Ustadh« (Professor). Von dieser Anrede leitet sich die spanische Höflichkeitsform »usted« ab.

Handfester Sinn für soziale Abhängigkeitsverhältnisse kommt in dem weitverbreiteten Titel »Effendim« (türkisch »mein Herr") zum Ausdruck. In Armee und Polizei kennzeichnet diese Anrede die Hierarchie besser als Achselstücke und Schultersterne.

Auch wer auf der sozialen Stufenleiter ganz unten rangiert, hat wenigstens Anspruch auf hochachtungsvolle Anrede durch die eigenen Kinder. Die müssen die Eltern zeitlebens mit »Hadritak« (Deine Gegenwart) titulieren.

Die gleiche Anrede verlangen auch die Lehrer an Schule und Universität. Selbst gleichrangige Mitglieder des Lehrkörpers können sich untereinander nur schwerlich einer nivellierenden Anrede bedienen. Ein bekannter Professor muß als »Eure Glückseligkeit« (saadtak) bezeichnet werden, bei einem einfachen Dozenten tut''s dagegen auch »Eure Herrschaft« (sijadtak).

Ebenso deutlich wie von unten nach oben wird die soziale Stellung des Angesprochenen auch von oben nach unten klargestellt. Dem »Sidi« (mein Herr, im Sinne von Herr und Meister) des Hausangestellten steht das herabsetzende »anta« (du) oder »Walad« (Knabe) des Hausherrn gegenüber. Als Knabe in diesem Sinne gilt auch ein Türhüter, der schon im Greisenalter ist.

Besonders standesbewußte Arbeitgeber reden ihr Personal oder sozial tiefer stehende Unbekannte schon mal mit einem unwirschen »Achuna«, einer ins Lächerliche verzerrten Form von »unser Bruder« an.

Im allgemeinen, besonders wenn die sozialen Verhältnisse nicht klar sind, bleibt man höflich. Araber nennen sich gern untereinander »Bei«. Dieser Titel stammt aus der Zeit des osmanischen Reiches und ist etwa mit dem wienerischen »Baron« zu vergleichen. Für einfache Soldaten und Polizisten ist der Offizier natürlich immer ein Bei. Selbst befreundete Studenten verschönern untereinander die Gesprächsatmosphäre durch gelegentliche »Bei«-Anreden.

Regierungsbeamte aber halten es für selbstverständlich, vom normalen Bürger als Bei gewürdigt und bezeichnet zu werden. Auch untereinander gebrauchen sie noch gern die vornehme Anrede, obgleich das eigentlich nicht mehr statthaft ist, denn der Titel wurde 1952 offiziell abgeschafft.

Jugendliche untereinander sind da unkomplizierter und sagen einfach »anta« (du) zueinander -- aber meist nur, wenn sie sich kennen. Ein unbekannter Gleichaltriger wird immerhin noch »ach« (Bruder) oder »Captain« genannt.

Besonders schwierig ist die richtige Anrede von Frauen. Nicht genug, daß der Araber zwischen männlichen und weiblichen Du- und Sie-Formen, »Glückseligkeiten« und »Herrschaften« unterscheiden muß -- er hat auch die Stellung des Ehemanns zu respektieren. Eine Frau, deren Ehepartner einen mittleren oder gehobenen Beamtenposten innehat, ist eine »Hanum« (Frau).

Alle anderen Frauen sind »Mütter« (umm). Heißt der älteste Sohn Gamal, dann wird seine Mutter für ihre Umwelt zur »Umm Gamal« ("Mutter von Gamal").

Hat die Frau keinen Sohn, dann wird ihr einer zugeschrieben. So hieß die berühmteste arabische Sängerin »Umm Kulthum« (Mutter von Kulthum). Die in der ganzen arabischen Welt gefeierte Sängerin aber war kinderlos.

S.202Saudi-König Chalid, Emir Chalifa von Bahrein.*

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