Ein EU-Pulli macht noch keinen Wahlkampf

Warum der Europa-Hoodie für alles steht, das im Wahlkampf schiefläuft

Dieser Beitrag wurde am 14.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Wer im langweiligen Europawahlkampf noch irgendwie über Europa reden will, kommt an ihm kaum vorbei: dem Europa-Hoodie. Christian Lindner trägt ihn, EU-Kommissar Günther Oettinger hat ihn und selbst Kevin Kühnert wurde schon damit gesehen. Der Europa-Hoodie ist das politische It-Piece des Frühlings.

Dabei ist er alles andere als neu: Die Europa-Pullis von "Études", "Vetements" (800 Euro) und "König Souvenir" gibt es seit Jahren. Vor allem die letztgenannte Version mit einem fehlenden Stern (für den Brexit) ist heute wohl am bekanntesten. Auch SPD-Europakandidatin Katarina Barley trägt sie. Mit einem Preis von 60 Euro ist der “Souvenir”-Hoodie kein Schnäppchen, aber noch bezahlbar. Ist das etwa das Geheimnis seines Erfolgs? Sicher ist jedenfalls:

Kurz vor der Europawahl ist der Europa-Hoodie im Mainstream angekommen.

Unterschiedliche Prominente zeigen sich gerade mit den Europasternen: Johannes B. Kerner, Vivienne Westwood, Palina Rojinski – selbst Philipp Amthor (CDU) hat seinen Anzug für den Europa-Hoodie kurz abgelegt. Der Hype kennt – anders als Europa – keine Grenzen.

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Der Topfpflanzen- und Gartenmöbel-Anbieter "Butlers" verkauft den Europa-Hoodie jetzt als Last-Minute-Schnäppchen für 26 Euro ("Diana und Butlers love Europe! Sie auch?").

Zeitgemäß in Zusammenarbeit "mit der bekannten Influencerin Diana zur Löwen" und zugunsten der proeuropäischen und parteiübergreifenden "Pulse of Europe"-Bewegung. Natürlich ist das Kleidungsstück ("50 Prozent Polyester") längst ausverkauft. Kein Wunder: 

Es geht um Europa. Wer könnte da dagegen sein?

Nur wofür steht eigentlich ein Zeichen, auf das sich von Christian Lindner bis Kevin Kühnert alle einigen können? Man könnte Wichtiges sagen: Zukunft, Zusammenhalt, Frieden und Demokratie. Das stimmt natürlich irgendwie alles. Wenn sich Bürgerinnen und Bürger zu Europa bekennen, ist das eine gute Sache. 

Und doch scheint der Hype seltsam. Vor allem bei Politikerinnen und Politikern fragt man sich oft: Ist der Europa-Hoodie wirklich noch ein politisches Statement oder einfach die Flucht ins Unbestimmte? Für Europa – darauf kann man sich in der zivilisierten Mitte der Gesellschaft offenbar gerade noch einigen. 

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Doch wen sollte man "für Europa" am 26. Mai dann eigentlich wählen? Während die erlaubte Stimmenzahl pro Wahlzettel begrenzt ist, wird die Auswahl der "Für Europa"-Bewegungen gefühlt jeden Tag noch größer. Zusätzlich zu den schon bekannten Für-Europa-Parteien.

Die paneuropäische Kleinpartei "Volt" plakatiert schon seit Wochen für ein "Europa wie wir es wollen". Nur wie sie Europa will, das erklärt sie auf keinem der Plakate. Es ist das Hoodie-Prinzip: Großes Statement, aber bitte keinen Streit.

Doch mit dieser Haltung verliert das Demokratie-Gerede um den Europa-Pulli seinen Sinn. Selbst das Europaparlament, per Defintion überparteilich, ist in diesen Tagen oft konkreter als viele Hoodie-Statements: 

Wir in Europa stehen vor zahlreichen Herausforderungen, von der Migration bis zum Klimawandel, von der Jugendarbeitslosigkeit bis zum Datenschutz.

Wahlkampagne des Europaparlaments

Jugendarbeitslosigkeit, Migration, Datenschutz. Es sind nur Stichworte, doch selbst sie provozieren vermutlich mehr Menschen in Europa als die meisten Hoodie-Postings.

Ist der Europa-Hoodie am Ende nur die Bomberjacke der kreativen oberen Zehntausend?

Wer den Europa-Hoodie verstehen will, muss ihn vermutlich anfassen. 

Der blau-gelbe Kapuzenpulli ist ein Wohlstands-Outfit. Er steht fast niemandem, doch er ist warm und weich. Ein Anti-Outfit für moderne Großstadt-Menschen. Eher ausgelegt für gemäßigtes, nordeuropäisches Klima. Selbst in der billigen Butlers-Variante dürfte er kaum geeignet sein, um in Athen über die Schuldenkrise zu diskutieren oder vor Lampedusa Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten.

Offensichtlich will das bislang aber auch niemand. Denn die meisten Träger, so scheint es auf vielen Fotos, genügen sich auch selbst. 

Der Hoodie mit den gelben Sternen verlegt den Bauchnabel auf Brusthöhe. Er sagt: Schaut her! Mir geht es gut. Wir müssen hier nicht unglücklich sein. Wie gut wir es haben!

Und das stimmt vermutlich. Wer 60 Euro für einen Pullover hat, dem geht es gut. Doch reicht das in einer Zeit, in der Grenzen dichtgemacht, Sozialprogramme gekürzt und Demokratien in Frage gestellt werden?

Der Europa-Hoodie gibt darauf keine Antworten. Wer ihn trägt, kann sich unabhängig vom Wahlausgang geschützt fühlen. Und sagen: Ich war für Europa. Nur wofür das dann in Zukunft eigentlich steht – das ist eben die Frage.