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VERFASSUNGSSCHUTZ Eva und das Phantom

Schleswig-Holsteins höchster Verfassungsschützer wurde in den einstweiligen Ruhestand geschickt, wegen einer privaten Telephon-Affäre.
aus DER SPIEGEL 43/1976

V or Jahren dachte Roland Schmidt, 51, Leiter der Abteilung Verfassungsschutz im Kieler Innenministerium, mal laut über seine Karriere nach: »Ich stehe ständig zwischen der Möglichkeit, das Bundesverdienstkreuz zu erhalten oder auswandern zu müssen.«

Mit dem Orden wird das wohl nun nichts mehr. Am Sonnabend nach der Bundestagswahl schickte Regierungschef Gerhard Stoltenberg den höchsten Verfassungsschützer des Landes in den einstweiligen Ruhestand.

Infolge »von Vorgängen, die nicht im Bereich des Verfassungsschutzes liegen«, so lautete die offizielle Begründung, sei »das besondere Vertrauensverhältnis« zerstört, das zwischen einem Verfassungsschutz-Chef und seinem Dienstvorgesetzten »vorhanden sein muß«.

Die spärliche Mitteilung ließ Schlimmstes befürchten. Die oppositionelle SPD tippte sogleich auf eine »Telephon-Abhör-Geschichte«, in die Schmidt verwickelt sei; Oppositions-Partner FDP beantragte einen Untersuchungsausschuß, der sich mit Schmidts Amtsenthebung im besonderen und »Zweifeln an der Arbeit der Verfassungsschutzabteilung« im allgemeinen befassen soll »Watergate an der Waterkant«, sprach da schon ein Landtagsabgeordneter, aber er wollte nur witzeln.

Denn der Fall langt höchstens für ein plattdeutsches Melodrama mit freilich verwirrendem Handlungsverlauf. Die Hauptpersonen: der in 20 Staats-, davon neun Verfassungsschutz-Dienst-Jahren bislang tadelfreie Jurist Roland Schmidt, dessen Ehefrau Eva, eine gebürtige Griechin' ferner eine mit Frau Schmidt befreundete »verlassene Ehefrau« (Roland Schmidt) sowie ein von der »Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung« schon vor längerem ausgemachtes »Phantom«, das durchs Innenministerium »flatterte«.

Der erste Aufzug auf der Kieler Heimatbühne: Vom März dieses Jahres an meldet sich bei Eva Schmidts Freundin, der mittlerweile geschiedenen Ehefrau eines Abteilungsleiters im Kieler Innenministerium, sowie hei Bekannten der Familie und in der Schule der Kinder, aber auch bei hohen Beamten im Innenministerium wiederholt ein Anonymus mit offenbar verstellter Stimme, das Phantom.

Ob es männlich ist oder weiblich, ist schwer auszumachen. Es stößt mal Drohungen aus wie: »Der Krebs frißt dich, du Prolet« (so hielt einer der Angerufenen fest) mal schimpft es,, Feigling« oder »dumme Sau«. Dann wieder vernehmen die Fernsprechteilnehmer im Hörer nur ein »Klopfen und Pfeifen« oder ein »Krähen mit zugehaltener Nase«.

Im zweiten Aufzug betritt Verfassungsschützer Schmidt die Szene. Nachdem die belästigte Freundin von Frau Eva zunächst, wie Schmidt erläutert' mit Unterstützung ihres Sohnes »amateurhaft« versucht hat, die anonymen Telephonate zu identifizieren, bietet der Chef selbst fachmännische Hilfe an:

Am Telephon der bedrängten Dame läßt er von einem Mitarbeiter seiner Abteilung einen geeigneten »dienstlichen Apparat«, ein besonders präpariertes Tonbandgerät, installieren -- für Schmidt .. im positiven Sinne« ein Akt, um »einem bedrohten Bürger zu helfen": für Schmidts Dienstherrn, Innenminister Rudolf Titzck, jedoch eine zwar »außerdienstliche Manipulation«, von der sieh aber »gerade« der Leiter des Verfassungsschutzes »völlig« fernzuhalten habe.

Unterdessen haben aber auch schon Staatsanwaltschaft und Kripo die Fahndung nach dem Phantom aufgenommen. Fangschaltungen ergehen. daß etliche der anonymen Anrufe aus dem Behördennetz der schleswig-holsteinischen Landesregierung kommen, an das -- unter einer Geheimnummer -- beispielsweise auch der Telephonapparat in der Privatwohnung der Eheleute Schmidt in der Kieler Stadtrandgemeinde Kronshagen angeschlossen ist.

So nimmt das Stück denn nun auch im dritten Akt eine Wendung, wie sie dem Ohnsorg-Theater gut anstünde: Das Phantom ist eine Eva, womöglich die vom Verfassungs-Schmidt. Kriminalpolizeiliche Ermittlungen ergeben, daß Ehefrau Schmidt es höchstwahrscheinlich war, die ihre Freundin wie auch alle möglichen anderen Fernsprechteilnehmer in- und außerhalb des Kieler Landeshauses anonym anklingelte -- aus welchen Motiven auch immer.

Am 24. August wurde Frau Eva dem »dringenden Tatverdacht«, so die Staatsanwaltschaft, konfrontiert. Ehemann Roland nahm, »als der Vorwurf gegen meine Frau erhoben wurde, den ich und meine Frau bestreiten«, zunächst einmal Urlaub und ließ sich dann krank schreiben. Ins Amt kehrte er nicht mehr zurück, denn den Oberen war inzwischen Schmidts Einsatz mit dienstlichem Gerät auf privatem Terrain bekanntgeworden.

Mittlerweile erklärt Schmidt seine Nachbarschaftshilfe damit, daß auch er sowie seine Frau seit »ein bis zwei Jahren Opfer von Drohanrufen« gewesen seien. Er habe nun bei der Freundin des Hauses das Dienstgerät angeschlossen, um herauszufinden, ob es sich in beiden Fällen -- sowohl bei den anonymen Anrufen an die Schmidts als auch bei denen an die Freundin -- um denselben Anrufer gehandelt habe.

»Dann wäre«, so Schmidt, »es ausgeschlossen gewesen, daß die Anrufe bei mir mit meiner dienstlichen Tätigkeit zu tun hatten.« Und so war es wohl auch.

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