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Indien Ewige Ehre

Machtwechsel in der volkreichsten Demokratie der Welt: Der Sieg der Hindu-Partei könnte Instabilität bringen.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Geruhsam hielt der alte Premierminister gerade Mittagsschlaf, als er seinen Job verlor. »Ich wachte eben auf, da hörte ich, daß du den Auftrag bekommen hast, die neue Regierung zu führen. Ich gratuliere«, telefonierte Narasimha Rao, 74, an A. B. Vajpayee, 69.

Mit diesem beiläufigen Gespräch zwischen zwei Männern, die ihr Leben lang persönliche Freunde und politische Gegner waren, endete ein Kapitel indischer Geschichte: Die 110 Jahre alte Kongreßpartei, mit ihren charismatischen Figuren wie Jawaharlal Nehru und seiner Tochter Indira Gandhi seit der Unabhängigkeit die beherrschende Kraft des Subkontinents, war hinweggefegt worden - und eine neue, beunruhigende politische Kraft, die nationalistische Hindu-Partei BJP, an die Macht gekommen.

Ende voriger Woche wurde Vajpayee mit seiner neuen Mannschaft von elf Ministern in einem prunkvoll bemalten Saal des majestätischen Präsidentenpalastes aus britischer Kolonialzeit vereidigt.

Nachdem die Zeremonie mit ihren traditionellen Fanfarenstößen und der von einer Militärkapelle gespielten Nationalhymne ausgeklungen waren, begab sich Vajpayee freilich nicht in die offizielle Residenz des Regierungschefs, sondern in den weißgestrichenen, vergleichsweise bescheidenen Bungalow an Neu-Delhis Raisina Road Nr. 6, wo der Junggeselle mit dem Hang zur Poesie seit 20 Jahren lebt.

Vielleicht hält Vajpayee es für sinnlos, für knapp zwei Wochen umzuziehen. Bis zum 31. Mai hat Staatspräsident Sharma ihm Zeit gegeben, seine Regierung parlamentarisch abzusichern. Mit Hilfe ihrer engen Verbündeten wie der militanten Hindu-Partei Shiv Sena kann die BJP auf 195 Abgeordnete rechnen - es fehlen mindestens 75, um ein Vertrauensvotum zu überstehen.

In Indien, das in einem halben Jahrhundert Unabhängigkeit nur elf Regierungswechsel erlebte, beginnt jetzt, was einheimische Publizisten bereits als »Italianisierung der Politik« beschreiben. Jahrzehntelang war die Kongreßpartei die einzige nationale Kraft, mit Vertretungen in jeder Ecke des Landes. Sie war die Partei des Mannes von der Straße, der Reichen wie der Armen, der Hindus wie der Moslems, der oberen wie der unteren Kasten.

Das erste Anzeichen ihres Niedergangs wurde 1969 sichtbar, als die Partei sich zum erstenmal spaltete. Heute gibt es über ein halbes Dutzend Gruppierungen, die in ihrem Namen das Wort »Kongreß« führen.

Die Woge der Sympathie, die nach den Mordanschlägen auf Indira Gandhi (1984) und ihren Sohn Rajiv Gandhi (1991) aufwallte, festigte den angeschlagenen Koloß noch einmal. Jetzt aber half nichts mehr: Die Kongreßpartei, die im letzten Parlament noch über 260 Sitze verfügte, brachte es diesmal nur auf 136.

Rao, der mit seinem Wirtschaftsliberalismus die volkreichste Demokratie der Welt modernisieren wollte, gelang es nie, die Massen anzufeuern - etwa mit dem alten Schlachtruf des Kongresses: »Garibi hataö« - Nieder mit der Armut! Es war peinlich, den alten Herrn im Wahlkampf zu sehen: Im Hubschrauber schwebte er ein, landete unter Tausenden von Bauern, die stundenlang auf diesen Augenblick gewartet hatten, sich aber alsbald verständnislos davonmachten, wenn er anfing, über Inflationsrate, Stabilität und Auslandsinvestitionen zu dozieren.

Vergebens versuchte nach dem Debakel der Kongreßpartei eine Koalition von kleinen und regionalen Parteien der Nationalen und Linken Front die Machtergreifung der BJP zu verhindern. Doch um eine Mehrheit zu erreichen, brauchte ihr Kandidat Deve Gowda die Unterstützung der demoralisierten Rao-Truppe. Die war auch versprochen worden, doch ging die offizielle Mitteilung beim Staatspräsidenten erst ein, als dieser Vajpayee schon mit der Regierungsbildung beauftragt hatte. Mittagsschläfer Rao hatte das Schreiben nicht rechtzeitig abgeschickt, angeblich ein Versehen.

»Eine Konspiration zwischen Kongreß und BJP«, erregte sich dagegen ein neugewählter Unberührbarer aus der National-Linken Front. Das ist nicht gänzlich ausgeschlossen: In den Augen der unteren Kasten vertreten Kongreßpartei und BJP trotz tiefer ideologischer Unterschiede die Interessen der Brahmanen und der Oberschicht und versuchen demnach vereint, den Ansturm der Entrechteten abzuwehren.

Wahrscheinlicher aber ist, daß der bedächtige Rao die Zeit für sich arbeiten lassen will: Wenn Vajpayee scheitert, wird der Staatspräsident wahrscheinlich den Chef der zweitgrößten Partei im Parlament mit der Regierungsbildung beauftragen - Rao.

Trotzdem stehen Vajpayees Chancen nicht schlecht. Die BJP, die 1984 lediglich zwei Mandate errungen hatte und bis vor kurzem »Furcht und Berührungsangst« verbreitete, weil sie den Tiger des religiösen Chauvinismus losließ, so der Kolumnist Nikhil Chakravartty, hat mit ihrem Erfolg eine ganz neue Respektabilität erworben.

Zwar ist die Gefahr eines neuen Religionskriegs zwischen den zwei größten Glaubensgemeinschaften des Landes - den Hindus (80 Prozent) und den Moslems (12 Prozent) - nicht gebannt. Aber »Macht überzeugt«, meint einer der engsten Mitarbeiter Vajpayees. »Wir haben jetzt etwas anzubieten, viele Abgeordnete werden zu uns überlaufen.«

»Wir leben einen Tag oder keinen. Deine Ehre aber ist ewig, Mutter Indien!« stand auf einem safran-weiß-grünen Banner, unter dem Hunderte von Parteiarbeitern das Regierungsmandat wie den Anbruch einer neuen Ära feierten. Y

Die Regierungsbildung wurde mittags vom Premier verschlafen

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