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SOWJET-UNION Ewiger Ruhm

Sie gehören zu den angesehensten Bürgern: die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges. Zum 40. Jahrestag des Sieges stehen die alten Kämpen im Mittelpunkt. *
aus DER SPIEGEL 14/1985

Der Anschlag, maschinengeschrieben, hängt an vielen Haustüren Moskaus: Veteranen des Krieges könnten die »Jubiläumsmedaille zu Ehren des 40. Jahrestages des Sieges über den Faschismus« empfangen.

Bedingung: der Besitz anderer Orden, verliehen etwa für die Verteidigung Moskaus oder Stalingrads. »Ordensbuch und Ausweis sind mitzubringen.«

Wenn die Sowjet-Union am 9. Mai zum 40. Mal den Sieg über Hitlerdeutschland feiert, werden die alten Soldaten, mit neuer Medaille an der linken Brustseite, im Mittelpunkt stehen. Sie haben den Kopf für Mütterchen Rußland und Väterchen Stalin hingehalten, und die Partei dankt es ihnen auch heute noch: mit Rentenerhöhung für alle damals Eingezogenen und mit Verbesserungen in der Krankenfürsorge.

Die besonders tapferen »Helden der Sowjet-Union« brauchen fortan keine Steuern mehr zu zahlen. Freilich wurden damals nur 11 600 dieser Auszeichnungen, davon ein Drittel an Unteroffiziere und Gemeine, verliehen.

Die sechseinhalb Millionen Veteranen gehören zu den angesehensten Bürgern des Landes, neben den Akkordarbeitern an der »Produktions- und Erntefront«. Sie brauchen sich nirgendwo in Schlangen einzureihen, Sitzplatz in Bus oder Straßenbahn ist garantiert.

Wenn ordensbehängte Babuschkas - auch sie gibt es - auf der Straße lärmende Jugendliche zur Ordnung rufen, kommt selten Widerrede; Normalbürger, ohne Orden, bekommen in solchen Fällen manches Unflätige zu hören.

Am nationalen Feiertag, dem 9. Mai, holen die ehemaligen Kämpfer ihre braunen Käppis und Uniformblusen mit den roten Sergeanten-Streifen oder den goldenen Leutnants-Sternen aus dem Schrank und versammeln sich vor dem Moskauer Bolschoi-Theater oder im Gorki-Park. Manche recken Schilder mit den Namen ihrer früheren Einheit in die Höhe, um die Suche nach alten Kameraden zu erleichtern. Angehörige Gefallener oder Vermißter forschen noch immer nach dem Verbleib ihrer Verwandten.

Traurig stellen die Übriggebliebenen bei solchen Gelegenheiten fest, daß ihr Kreis wieder kleiner geworden ist, singen Lieder von den ruhmreichen Schlachten, sagen Gedichte über die teure Heimat auf und berichten, Tränen in

den Augen, dem Publikum ihre vollbrachten Taten: So war es.

Für jede Familie, sagt der frühere KZ-Häftling Mark Telewitsch, heute Redakteur der populären Autozeitung »Hinter dem Lenkrad«, ist dieser Tag »ein Freudentag«. Bereits am 25. April wollen sich die Sowjets »im Geist von 1945« in Torgau an der Elbe mit den amerikanischen GIs wiedertreffen, die schon damals dabei waren.

Im Moskauer Bezirk Kunzewo, unweit Stalins ehemaliger Datscha, ist ein 130 Hektar großer Gedenkkomplex mit Statue in der Mitte im Bau. Für das Monument spendet die Bevölkerung seit Monaten auf das Konto 7008828 der städtischen Bank. Der Veteran Wiktor Semjonow, Oberst im Ruhestand, gab laut »Moskauer Abendzeitung« 1000 Rubel.

In der sowjetischen Tagesschau kommentieren Historiker und Teilnehmer die Schlachten von damals. Zur Feier des Siegestages entstehen Theaterstücke, Dokumentarstreifen und Bücher. An einer neuen Kriegsenzyklopädie wird gearbeitet.

Sinn der Kampagne ist nicht nur, den Zusammenbruch des Faschismus zu feiern, sondern den Bürgern mit Hilfe der Vergangenheit die Stärke von Partei und System zu demonstrieren und so das angekratzte nationale Selbstbewußtsein zu festigen.

Die Veteranen sind stets dabei. Zu Beginn jeden Schuljahres am ersten September ziehen sie landauf, landab in die Klassen und berichten über ihre Erinnerungen. Zweck der Übung, so sagt das Präsidiumsmitglied des Veteranenkomitees Nikolai Wolkow, ist zum einen die Warnung vor den Schrecken eines neuen Krieges, zum anderen die »Erziehung zur Heimatliebe«.

Die Partei fordert mehr. In einer ZK-Erklärung verlangte sie voriges Jahr, bei der Jugend müsse das »Gefühl des Hasses« gegen die Feinde der Heimat gefördert werden. Manchem Veteranen gehen solche Worte gegen den Strich. Ein Funktionär: »In unseren Dokumenten findet man so eine Formulierung nicht. Das wäre furchtbar.«

Für den Einsatz von gestern und heute genießen die Veteranen viele Vergünstigungen. Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges (Ausweis grün) erhalten unter anderem Telephonanschluß und Wohnung außer der Reihe, zahlen weniger Steuern und dürfen einmal im Jahr zum halben Preis mit der Eisenbahn fahren, egal wohin.

Kriegsinvaliden (Ausweis rot) fahren ganz umsonst, bekommen überdies je nach Verletzung bis zu einer doppelten Rente und gratis einen Kleinwagen Marke »Saporoschez« im Wert von knapp 13 000 Mark.

Das Fernsehen sendet regelmäßig Gesprächsrunden mit ausgesuchten Kämpfern. Ein Moderator, selbst die Ordensspange am Revers, animiert mit feierlicher Stimme seine Gäste, von der Vergangenheit zu berichten. Flieger erinnern sich dann, wie sie trotz widriger Witterung und heftigem Beschuß ihre Bomben ins Ziel brachten, Infanteristen, wie sie nachts vor dem Angriff zur Klampfe griffen, Partisanen, wie sie hinter den feindlichen Linien Brücken sprengten.

Die Kamera schwenkt von Orden zu Orden, von Gesicht zu Gesicht, Wochenschaustreifen zeigen dazwischen vorwärtsstürmende Truppen. Dann kommt der Enkel ins Bild, der seine Helden-Großmutter, ehemals Sanitäterin an vorderster Front, wunderbar findet - romantischer kann Krieg kaum präsentiert werden.

Die Offiziellen weisen diesen Vorwurf indes energisch zurück. Alles sei, so heißt es, »gesunder Patriotismus«.

Zum Siegestag erhält jeder überlebende Weltkrieg-II-Teilnehmer, auch wenn er ihn schon hat, den »Orden des Vaterländischen Krieges« - selbst jeder Polizist und Geheimpolizist. Nun darf ihn sich endlich auch Marschall Sergej Sokolow, 73, anheften, der heutige Verteidigungsminister, der als Oberst 1945 leer ausgegangen war.

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