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JAPAN Ewiges Lächeln

Er ist unscheinbar und unbedeutend - Noboru Takeshita, nächster Premier der bedeutenden Wirtschaftsmacht Japan. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Am späten Abend ging Ministerpräsident Yasuhiro Nakasone in Klausur. Fast zwei Stunden lang hing er »tiefen Gedanken« nach - und brachte sie dann kalligraphisch schön mit Pinsel und Tusche in einem vierseitigen Brief zu Papier.

Kuriere trugen das Schreiben in das nur wenige hundert Meter von der Premier-Residenz entfernte Hauptquartier der Liberaldemokratischen Partei (LDP), wo Abgeordnete und Minister schon gespannt warteten. Feierlich, wie bei einer Preisverleihung, wurde der versiegelte Brief geöffnet und verlesen:

»Nach reiflicher Überlegung«, schrieb Nakasone, habe er sich entschieden, LDP-Generalsekretär Noboru Takeshita zu seinem Nachfolger als Partei- und Regierungschef vorzuschlagen.

Der Vorschlag kam einer Ernennung gleich. Denn die drei Kandidaten für die Nakasone-Nachfolge - Takeshita, Finanzminister Kiichi Miyazawa und der ehemalige Außenminister Shintaro Abe - hatten sich in tagelangen Verhandlungen nicht verständigen können, wem von ihnen der Vortritt gebühre. Sich von den insgesamt 445 LDP-Parlamentariern aber wählen lassen, wie es die Parteistatuten vorschreiben, mochten die Chef-Aspiranten auch nicht. Denn eine Kampfabstimmung hätte bei den Anhängern der unterlegenen Kandidaten »böse Gefühle« wecken können.

So gaben sie denn Nakasone freie Hand, seinen Nachfolger allein zu bestimmen - in der traditionell von Hinterzimmer-Mauscheleien bestimmten Parteipolitik Japans ein beispielloser Vorgang. »Statt einer Wahl gab es nur einen Tauschhandel«, kommentierte der frühere Premier-Berater Masaya Ito.

Yasuhiro Nakasone, 69, muß Ende dieses Monats als Regierungschef abtreten, weil seine Amtszeit als Parteivorsitzender endet. Die LDP hat seit ihrer Gründung 1955 alle japanischen Premiers gestellt, stets ihren gerade amtierenden Vorsitzenden. So fällt nun auch Noboru Takeshita mit dem Parteivorsitz quasi automatisch Anfang November die Regierungsgewalt zu.

Der Wechsel hätte drastischer kaum ausfallen können. Kein Politiker in der LDP war auszumachen, der es an Beliebtheit oder Ansehen bei den Japanern Nakasone gleichtun konnte, schon gar nicht Takeshita, der in Popularitätsumfragen stets abgeschlagen auf hinteren Plätzen landete. Auch über die Kleinwüchsigkeit des ewig gefroren lächelnden Takeshita wurde offen gespöttelt .

Eine kürzlich von der LDP verbreitete Biographie-Broschüre versucht das Bild vom schwächlichen Takeshita zurechtzurücken: »Obwohl er kaum 165 cm groß ist, hat sein mächtiger, muskulöser Brustkorb einen Umfang von 100 cm.« Auch sei Herr Takeshita Träger des schwarzen Gürtels im Judo.

Nakasone, groß gewachsen, mit einer stolzen Samurai-Aura, war ein Premier zum Vorzeigen, der sogar international eine gute Figur machte. Er ist auch der erste japanische Regierungschef, der passabel Englisch spricht.

Mit Stolz vermerkten Japaner, daß er sich bei seinem ersten Besuch in Washington eine halbe Stunde lang mit Präsident Reagan auf englisch unterhielt und sich die beiden danach nur noch mit Vornamen ansprachen: Ron und Yasu.

Da kann Takeshita nicht mithalten. Er kriegt kaum einen Satz auf englisch zusammen - obgleich er kurz nach dem Krieg vier Jahre lang als Englischlehrer in der Schule seines Heimatdorfes Kakeya wirkte. Als international erfahren kann Takeshita nicht gelten.

Neben dem intellektuellen Miyazawa dem Wunschkandidaten der Industrie und dem weltgewandten Abe war Takeshita »der japanischste der Kandidaten«, urteilt der ehemalige Premier-Berater Masaya Ito: »Unscheinbar und persönlich unbedeutend. Kein wirklicher Politiker, sondern ein Manager der Politik.«

Gerade das könnte ein Grund für Nakasone gewesen sein. Takeshita zu küren: Es sichert dem Ehemaligen weiterhin politischen Einfluß. Schon hat der neue Boß angekündigt, er werde seinen Vorgänger zum »außenpolitischen Berater« berufen.

Mit frischen Ideen, mit politischen Programmpunkten, die auch nur in Nuancen von der konservativen Grundströmung der LDP abwichen, ist Takeshita, 63, nie hervorgetreten. Als seine Stärke gilt das geduldige Taktieren im Hintergrund. Er versteht Politik im klassischen japanischen Sinn: Der Konsens ist alles, individuelles Vorpreschen nichts.

Takeshita sei »genial im Umgang mit Geld, Menschen und Posten«, meint Hayasaka Shigeso, Privatsekretär des Ex-Premiers Tanaka. Takeshita ist Vermittler, nicht Macher.

Schon während seiner Schulzeit in der abgelegenen Provinz Shimane im Südwesten Japans war Takeshita bekannt für seine Fähigkeit, Streit zu schlichten: Deswegen wurde er, erzählt er gern, auch nie verprügelt. In der Endphase des Krieges wurde der damals 20jährige zum Kamikaze-Piloten ausgebildet, kam aber nicht mehr zum Einsatz.

Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und einem Zwischenspiel als Dorflehrer wandte sich Takeshita der Politik zu: Seit 29 Jahren ist er Abgeordneter in Tokio, bislang elfmal wiedergewählt.

»Ich glaube nicht, daß ich sehr intelligent bin«, sagt Takeshita über sich selbst, »außerdem schadet es nichts, bescheiden zu sein.« Als seine herausragenden Eigenschaften nennt er Ausdauer und Vorsicht: Seine politische Karriere verdankt er geduldigem Abwarten. Seit 1951 schon hängt sein politisches Motto als Kalligraphie hinter seinem Schreibtisch: »Berge und Flüsse reden nicht.«

Und Noboru Takeshita handelt gewiß nicht. Masaya Ito: »Er wird Nakasones Politik weiterführen, ohne Nakasone zu sein. » _(Als Zeichen des Sieges wird einer ) _("Daruma«-Puppe ein Auge ausgemalt. )

Als Zeichen des Sieges wird einer »Daruma«-Puppe ein Auge ausgemalt.

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