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BONN / BRANDT-REISE Excelenta Domnul

aus DER SPIEGEL 33/1967

Zur Bonner Jungfernfahrt gen Osten ertönten keine Nationalhymnen. Mit Düsenpfiff statt Deutschlandlied zog Bonns Außenminister und Vizekanzler Willy Brandt letzten Donnerstag ins kommunistische Lager ein.

Als erste Paktgenossen der Sowjets empfingen die Rumänen westdeutschen Außenminister-Besuch hinter dem Eisernen Vorhang.

Als Brandts achtsitziger Hansa-Jet HFB 320 (von der Bundesregierung bei der Hamburger Flugzeugbau gechartert, weil Bundeswehr und Lufthansa in Bukarest keine Landeerlaubnis haben) mit 27 Minuten Verspätung auf dem Flugplatz Baneasa landete, kalauerte der rumänische Außenminister Corneliu Manescu bei 34 Grad Celsius: »Ich habe ja immer gesagt, wir werden Brandt hier einen warmen Empfang bereiten.«

Weil der einzige Jet deutscher Bauart erst weit hinter dem ausgerollten roten Teppich zum Stehen kam, tauschten die Rumänen und ihr Gast in einer Benzin-Lache mitten auf der Piste händeschüttelnd die Begrüßungssprüche aus.

Dann flüchteten Manescu und Brandt zu dem Mercedes 300 SEL, den Rumäniens Außenminister fährt; einen schwarzrotgoldenen Stander hatte AA-Pressechef Ruhfus tags zuvor von Bonn herantransportiert. Kettenraucher Brandt bot Kettenraucher Manescu Feuer,

In der Strada Stefan Gheorghiu Nr. 1 hatte Rumäniens KP-Regierung dem westdeutschen Gast ihr erstes Gästehaus am Platze herrichten lassen: das Lustschlößchen, das einst König Carol seiner Geliebten, Madame Lupescu, bauen ließ.

Oben im Schlaf gemach (Türschild: Excelenta Domnull Vizekanzler Willy Brandt) fand »Seine Exzellenz Herr Vizekanzler« auf dem breiten Bett der Lupescu einen rotgestreiften Pyjama sorgsam gefaltet. Auf dem flauschigen Bettvorleger harrten rotgeränderte Leder-Slipper. Im saalgroßen Badezimmer -- Marmor in Beige und Spiegel rundum -- gab es Nivea-Creme, Gillette-Rasierzeug und Fichtennadel-Badeelixier.

In den gleich prächtigen Zimmern gegenüber, wo einst der König verschnaufte, packte derweil Brandt-Sohn Lars, 16, seinen Koffer aus. Dann vertauschte er den Reisedreß -- grüne Kord-Jacke, offenes Hemd und gelockerte bunte Krawatte -- mit einem blauen Konfirmanden-Anzug, um so Vaters Staatsgeschäfte zu verfolgen.

Des deutschen Außenministers Bukarester Erkundungstour begann um 17.05 Uhr am »Denkmal der Helden des Kampfes für die Freiheit des Volkes und des Vaterlandes, für den Sozialismus«. Vor dem Monster-Ehrenmal über dem »Freiheitspark«, im Stil der Stalinzeit erbaut, legte Brandt einen Kranz aus dunkelroten und weißen Nelken mit schwarzrotgoldener Schleife nieder. Zehn Minuten später eröffnete der deutsche Außenminister in Corneliu Manescus Arbeitszimmer am Boulevard der Republik den politischen Handel mit der arrivierten rumänischen KP-Prominenz von heute.

Tatsächlich saß Brandt seinem Kollegen Manescu zur zweiten Verhandlungsrunde -- nach einem Winterbesuch Manescus in Bonn -- früher gegenüber, als Bonn lieb sein konnte.

Der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Rumänien im Januar 1967 war in den vergangenen Monaten der Aufbau einer Abwehrfront aller übrigen Ostblockstaaten gefolgt, die sich von Bonn nicht gegen die DDR ausspielen lassen wollten. Um diese Blockade ihrer Ostblockpolitik nicht noch zu verschärfen, hätte die schwarz-rote Regierung am Rhein Brandts Bukarest-Fahrt am liebsten auf nächstes Jahr verschoben.

Doch die Rumänen drängten auf baldigen Gegenbesuch. Sie wünschten, den Kontakt -- vor allem im Interesse ihres Außenhandels -- zu aktivieren und führten außerdem zeitliche Gründe für ihre Eile an: Nach seiner sicheren Wahl zum Präsidenten der Uno-Vollversammlung Anfang September werde Außenminister Manescu monatelang nicht mehr in Bukarest sein; deshalb erbitte man trotz Klima-Unbill Brandts Besuch in-I Hochsommer-Monat August.

Bonns Rumänien-Botschafter Erich Sträfling, 48, riet der AA-Zentrale, den Wunsch der Rumänen zu erfüllen, da die Aufstockung der deutschen Handelsmission zur Botschaft in Bukarest unter den angenehmsten Bedingungen vonstatten gegangen sei.

Alle befürchteten Reibungen zwischen der Bonner und der Ost-Berliner Botschaft (Bukarester Diplomatenjargon: »West- und Ostgoten") hatten die Rumänen mit Geschick verhindert. Als Sträfling im Juli sein Beglaubigungsschreiben überreicht hatte, gratulierten rumänische Diplomaten ihren Kollegen aus Bonn beim Cocktail: »Nun haben wir hier zum erstenmal einen deutschen Botschafter, denn vor dem Kriege war es ja nur ein Gesandter.« Daß in Bukarest auch ein Genosse DDR-Botschafter residiert, war ihnen scheinbar ganz entfallen.

Dabei hatten die geschäftstüchtigen Rumänen freilich stets das Ziel fest im Auge, zuvörderst ihr wachsendes Defizit im Handel mit der Bundesrepublik abzubauen.

Als Brandt letzte Woche vor allem die Friedfertigkeit der Bonner Ostpolitik beschwor ("Wir wollen in diesem Teil der Welt keinen Zwist säen"), ließ ihn der sonst stets lächelnde Manescu kühl abfahren: »Das wird Ihnen auch nicht gelingen.« Dann verwies der Rumäne auf die schwierige Handeislage.

Bonns Außenminister beeilte sich, dem schönen, harten Mann an der anderen Seite des Konferenztisches beim zweiten Campari-Soda die baldige Liberalisierung des Warenverkehrs zu verheißen, nach dem Grundsatz: Wer mit Bonn volle Beziehungen unterhält, wird wirtschaftlich bevorzugt.

So hatten die Bonner noch in letzter Minute angeregt, einen Briefwechsel zwischen dem damaligen Wirtschaftsminister Schmücker (der im September 1966 Bukarest besucht hatte) und dem rumänischen Außenhandelsminister Gheorghe Cioara, in dem Richtlinien für eine »wirtschaftlich-technische Kooperation« der beiden Länder fixiert worden waren, in ein beiderseits zu unterzeichnendes Regierungsabkommen umzuformulieren.

Noch am Abend vor Brandts Ankunft war ungewiß, ob die Vertrags-Juristen den Text-Umbau rechtzeitig schaffen würden. Zwanzig Stunden später jedoch stießen Manescu und Brandt vor einem Massenaufgebot von Kameras nach umständlicher Unterzeichnungszeremonie mit Sekt auf das neue Papier an.

Brandt wurde richtig feierlich: »Ich wünsche, daß diesem Baustein noch viele hinzugefügt werden und daß ein schönes Haus daraus wird.«

Er tat dazu, was er konnte. Im Bukarester Ministerpräsidenten-Palais, einer architektonischen Mischung aus Hitlers Reichskanzlei und Café Kranzler, lud er Rumäniens Regierungschef Maurer, einen rustikalen Altkommunisten deutscher Abstammung, dessen Sohn in Bukarest das deutschsprachige Gymnasium besucht, nach Bonn ein.

Dem Botschafter Sträfling hatte der reisefreudige Maurer nämlich vor kurzem anvertraut: »Wenn ich nun schon in Washington war, warum soll ich da nicht auch einmal an den Rhein kommen? Das ist schließlich viel näher.«

Brandts Besuch bei Maurer dauerte vier Stunden, doppelt so lange wie geplant. Maurer spendete Lob: »Es war das beste Gespräch, das ich in letzter Zeit hatte.«

Fürs Wochenende rüstete der deutsche Vizekanzler, müde und von brütender Hitze verschwitzt, zum Ausflug ans Schwarze Meer, wo ihn zweierlei erwartete: in der Sommerresidenz von Mamaia der mächtigste Mann des kommunistischen Rumäniens, Parteichef Nicolae Ceausescu, und am Badestrand ringsum die gesamtdeutsche Ferien-Oase der Brüder und Schwestern aus West und Ost.

Bei soviel Show-Geschäft am Tage überraschte Brandt am letzten Donnerstagabend während eines Herrenessens im Palast des Ministerrats mit einer rhetorischen Abweichung vom eingefahrenen Bonner Ost-Kurs.

Was alle Ostblockstaaten unter Vorantritt der Sowjet-Union seit Jahren verlangen -- Bonn müsse endlich die Realitäten in Europa, also auch bestehende Grenz- und Trennungslinien, anerkennen -- und was CDU/CSU samt Kanzler Kiesinger noch bis vor kurzem strikt abgelehnt haben, das hielt der SPD-Außenminister nun nicht mehr für ausgeschlossen: »Wir stimmen darin überein, daß man bei dem Problem der europäischen Sicherheit von den bestehenden Realitäten auszugehen hat.«

Und in freier Rede fügte Brandt dem vorbereiteten Text seiner. Tischrede kühn hinzu: »Das gilt auch für die beiden politischen Ordnungen, die gegenwärtig auf deutschem Boden bestehen.«

Es müsse endlich ganz klar sein, so erläuterte Bonns Außenminister anderntags die Kursabweichung, »daß es nicht mehr bundesdeutsche Politik ist, den anderen Teil Deutschlands bei den Bemühungen um eine europäische Friedensordnung auszuklanimern«.

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