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Israel Explosives Pulver

Mit Magnesium aus dem Toten Meer will Volkswagen leichtere Autos bauen.
aus DER SPIEGEL 21/1996

In der Grabenrinne zwischen Afrika und Asien wurde schon manche Legende geboren. Hier, so will es die Bibel, erstarrte Lots Ehefrau zur Salzsäule. Von der Feste Massada, hoch über dem Toten Meer, stürzten sich später, 73 nach Christus, Hunderte von Israeliten lieber in den Tod, als sich den römischen Eroberern zu ergeben.

Vergangenen Donnerstag schritten höchst gegenwärtige Männer am Strand des Toten Meeres entlang, um Geschichte zu schreiben: Am tiefsten Punkt der Erde, 400 Meter unter Normal Null, besichtigten VW-Chef Ferdinand Piech und sein Aufsichtsrat Gerhard Schröder, Ministerpräsident von Niedersachsen, in Sodom den Rohbau eines neuen Chemiewerkes, das zu 35 Prozent VW gehört.

Porsche-Enkel Piech empfand »Stolz«, weil der deutsche Volkswagen-Konzern mit rund 250 Millionen Mark so viel in Israel investieren will wie noch kein anderes europäisches Unternehmen zuvor. Längst vorbei die Zeit, als empörte Juden die Schaufenster von VW-Händlern in Jerusalem demolierten und VW-Käfer auf Tel Avivs Straßen anzündeten.

Noch bedeutender fand Diplom-Ingenieur Piech, daß sich sein Konzern nun den Zugriff auf ein Metall gesichert hat, das für die Automobilproduktion in der Welt künftig unverzichtbar werden könnte.

Zusammen mit dem halbstaatlichen israelischen Unternehmen »Dead Sea Works« (DSW) will VW am Toten Meer vom kommenden Jahr an 27 500 Tonnen Magnesium jährlich gewinnen. Das Metall soll dem deutschen Autofabrikanten helfen, bis zum Jahr 2000 das Automobil zu bauen, das auf 100 Kilometer nicht mehr als drei Liter Sprit verbraucht.

Magnesium ist mit Abstand das leichteste Metall, das heute im Autobau eingesetzt wird. Es ist um 75 Prozent leichter als Stahl und wiegt sogar noch 30 Prozent weniger als das Leichtmetall Aluminium - ein entscheidender Vorteil für das Metall: Ein um 100 Kilogramm leichteres Auto braucht auf 100 Kilometer rund einen halben Liter Benzin weniger.

Dabei ist Magnesium als Autometall bereits bewährt. Bis in die siebziger Jahre hinein verbaute Volkswagen in jedem VW-Käfer rund 20 Kilogramm des Leichtmetalls. Doch das moderne Aluminium wurde dann für die Autobauer zunehmend attraktiv: Der Rohstoff Bauxit war reichlicher und billiger zu haben, außerdem läßt sich der Konkurrenzstoff Magnesium nicht eben leicht verarbeiten.

In Pulverform ist das Magnesium explosiv, auch in fester Form kann es entflammen. Im Rohzustand läßt es sich schlecht schmieden, und beim Zerspanen sowie bei der thermischen Verarbeitung des Leichtbaustoffs besteht Brandgefahr. Doch mittlerweile haben Techniker Verfahren entwickelt, die weltweit zu einer wahren Goldgräberstimmung in der Magnesiumindustrie geführt haben.

Nach Zugabe bestimmter Spurenstoffe können mittlerweile aus Magnesium dünnwandige Teile hergestellt werden - fest wie Stahl, fast so korrosionsfrei wie Aluminium und wegen hervorragender Gießeigenschaften ideal zu verarbeiten. Bei Volkswagen soll sich der Stoff künftig in Armaturenbrettern, Getrieben, Ölwannen und Lenkrädern finden (siehe Grafik). Auch für Felgen, Schaltgehäuse und Sitze könnte das Rohmaterial bei VW künftig vom Toten Meer kommen. In Kassel und einem eigens gegründeten Institut im israelischen Beerscheba wird an neuen Verfahren getüftelt, die einen umfassenderen Einsatz ermöglichen sollen.

Bis zu 80 Kilogramm Magnesium könnten in einem Mittelklassewagen verbaut werden, rechnen VW-Techniker vor; gegenwärtig sind es gerade mal zwei Pfund.

Daß das Leichtmetall auch für Härtefälle taugt, bewies vor Jahren schon Mercedes-Benz. Weil die Sicherheitsgurte komplett an den Sitzen des Cabrios befestigt werden sollten, suchten die Konstrukteure des SL Roadsters 1989 nach einem extrem bruchfesten Material. Die Wahl fiel auf Magnesium. Gewichtseinsparung, ganz nebenbei: 23 Pfund. _(* Bei der Besichtigung der ) _(Magnesium-Anlage in den »Dead Sea ) _(Works«. )

Der japanische Autobauer Daihatsu experimentiert seit langem mit Magnesiumlegierungen in Motorblöcken und Zylinderköpfen. Auch für Radaufhängungen soll das Leichtmetall gut sein. Am häufigsten wird Magnesium gegenwärtig in Minibussen und Kleinlastwagen, sogenannten Pick-ups, eingesetzt. Hier ist das Einsparpotential am größten.

Jahrelang war der Einsatz des Magnesiums dadurch behindert, daß es rund zehnmal so teuer war wie Stahl. Doch den Wettbewerbsnachteil wollen die Israelis nun ausgleichen.

Beim unwirtlichen Sodom, dem wohl heißesten Industriestandort der Erde, verdampfen in riesigen künstlichen Poldern bei stets gleißender Sonne jährlich 300 Millionen Kubikmeter des extrem salzhaltigen Wassers aus dem Toten Meer. Aus den verbleibenden Mineralien gewinnen die Techniker der Dead Sea Works vor allem Düngemittel, Streusalz und jede Menge wertvoller Mineralstoffe.

Nach der Verdampfung des Wassers bleibt Carnallit übrig, das den Rohstoff Magnesium in großen Mengen enthält. Vor drei Jahren haben jüdische Einwanderer aus der früheren Sowjetunion ein Verfahren mitgebracht, das den israelischen Ingenieuren nun die Gewinnung des Metalls aus dem Salz zu einem ordentlichen Preis ermöglicht: durch Elektrolyse aus dem Zwischenprodukt Magnesiumchlorid.

Für das Joint-venture mit VW - das israelische Unternehmen DSW hält 65 Prozent - wurden moderne Produktionshallen in die Wüste am Berg Sodom gebaut, die mit ihrem bunten Anstrich wie hübsche Konstrukte aus dem Stabilbaukasten anmuten.

Aber auch der Ehrgeiz der Architekten kann nicht überdecken, daß das Werk wie ein bizarrer Fremdkörper in der urtümlichen Landschaft wirkt. Israelische Naturschützer haben dem staatlichen Unternehmen immerhin einige umweltschonende Produktionsverfahren und Transportwege abringen können.

Fast wäre das deutsch-israelische Mammutprojekt noch am maroden israelischen Staatshaushalt gescheitert. Statt der versprochenen 38 Prozent wollte Israels Finanzminister plötzlich nur noch 30 Prozent des Kapitals einschießen. Doch dann erinnerte VW-Chef Piech den Minister erfolgreich an eine schriftliche Zusage von Jizchak Rabin.

Dem im November letzten Jahres ermordeten Regierungschef hatte besonders an dem Projekt gelegen, das er als eine Art »Friedensdividende« begriff. Jedes Hotel, jede Fabrik an den Grenzen, so pflegte Rabin zu sagen, schütze Israel besser als eine Panzerkompanie.

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Magnesium im PKW-Bau

[GrafiktextEnde]

* Bei der Besichtigung der Magnesium-Anlage in den »Dead Sea Works«.

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