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EXPORT IN SCHWARZ-ROT

aus DER SPIEGEL 35/1967

Der Nachtisch war grün und nannte sich nach dem »Fröschle": Mint Caecilia. Die uniformierten Stehgeiger der United States Marine Band, die fiedelnd an die Tische kamen, mischten in ihr amerikanisches Potpourri zwanglos die Melodie, zu der sich von jenem »Eberhard, dem mit dem Barte, Württembergs geliebtem Herrn« singen läßt. Und auf den Kaffee folgte im East Room dann sogar etwas Mozart, Auszüge aus der Sinfonia Nr. 35 in D-dur, vertont vom National Gallery Orchestra unter Richard Bales, nach jedem Satz kennerisch beklatscht und schließlich schmetternd beendet vom »Hello Dolly« der Marine Band, die zum Tanz in .die Halle lockte.

Aber niemand tanzte. Die Kiesingers standen eine Weile tapfer im Geplärr der Trompeten und fischten sich unfroh ein bißchen Konversation aus dem Krach. Dann brachten die Johnsons sie zum Auto. Lange vor Mitternacht ging der Präsident. ungetanzt und bald gefolgt von Ladybird, zu Bett. Auf der Tanzfläche begann endlich der Run der weiblichen, Party-Gäste auf Perry-Mason-Darsteiler Raymond Burr und das Turnier der schmucken jungen Offiziere um Lynda Bird Johnson.

Schräg vis-à-vis im Blair House, dem Prominentenasyl der US-Regierung an der Pennsylvania Avenue, saßen die Kiesingers noch ein bißchen en familie mit Tochter Viola und Schwiegersohn Volkmar Wentzel. Es ging auf ein Uhr, als Familienoberhaupt Kiesinger, die Hände in den Taschen seiner zweireihigen Smokingjacke versenkt, den Abend mit einem zarten Kopfschütteln Revue passieren ließ. Doch die Impressionen, ungeordnet und vom schnellen Wechsel ein wenig verzerrt, wollten sich nicht zum Bilde fügen. Kontraste drängten sich vor, auch Vergleiche. Erinnerte ihn Johnson, erinnerte ihn nicht zumindest dieser gefurchte Kopf vor dem wildbewegten circensischen Hintergrund an einen Römer? Nero? Nein. Vespasian? Vielleicht.

Anderntags wunderten sich Washingtons Gesellschaftskolumnisten darüber, daß dieses Staatsdinner für Kanzler Kiesinger am letzten Dienstagabend im Weißen Haus offenbar der »Gemütlichkeit« ermangelt hatte, die bei so prominenter deutscher Beteiligung doch eigentlich obligatorisch gewesen wäre. Am Weißen Haus lag es nicht, das hatte für die Gemütlichkeit getan, was es eben konnte. Sollte es an den Gästen gelegen haben?

Es hatte an den Gästen gelegen, ja es hatte sogar in deren Absicht gelegen. Was den Berieselungseffekt der erprobten, gut gemeinten Zurüstungen des Johnson-Hausstands gestört hatte, das war das Kontrastprogramm der neuen deutschen Welle, deren Richtstrahler in Amerika noch nie so vernehmlich empfangen worden waren. Es war, mehr noch, eine Dramatisierung, eine szenische Darstellung des ersten, ungeschriebenen Satzes von Kurt Georg Kiesingers Regierungserklärung, der da lautet: Ich bin anders als mein Vorgänger. Was in diesem Fall bedeuten sollte: Wo Ludwig Erhard in Weihnachtsliedern geschwelgt und ob der texanischen Anrede »My Friend« feuchte Augen bekommen hat, da wird man mich gelassen finden und ohne Illusionen.

So problematisch es im allgemeinen sein mag, mit einem Stück auf Tournee zu gehen, das zu Hause schon keine vollen Häuser mehr hat, so profitabel war es hier. Kiesingers Export in Schwarz-Rot hat am Broadway der amerikanischen Politik gute, wennschon nicht sehr ausführliche Kritiken gehabt. Denn was das heimische Publikum nicht mehr von den Stühlen reißt, weil inzwischen höhere Eintrittspreise dafür bezahlt werden müssen, das kommt bei Gastspielen noch an: die Tatsache, daß deutsche Politik seit langem nicht so präsentiert worden ist.

So -- das heißt: so eloquent, so weitläufig, so selbstsicher. Daran hat, gerade in Amerika, Willy Brandt, der Außenminister, der aus der Emigration kam, seinen Anteil -- auch wenn er auf dieser Reise im Schatten des Kanzlers den Unmut über seine zwangsläufige Deklassierung hinter einer endlosen Serie von Radio-Jerewan-Witzen verbarg.

Denn auch im Ausland ist es Kiesinger, der präsentiert, moderiert, moduliert. Er verfügt selbst auf englisch über ein Arsenal an Echo-, Hall- und Tremolier-Effekten, das einer Beatle-Platte Ehre machen würde. Er ist für die Große Koalition sozusagen die Elektronik hinter »Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band«.

Kiesingers entscheidender Effekt auf dieser Amerika-Reise aber war und blieb der demonstrative Kontrast: Wo Erhard staunte, ließ Kiesinger sich bestaunen. Wo Erhard fragte, gab Kiesinger Auskunft. Und wo Erhard sich Rat holte, gab Kiesinger welchen.

Das wäre freilich nicht möglich gewesen, hätte Kiesinger das nämliche Amerika gemeint, das Erhard meinte, und hätte der den nämlichen Johnson angetroffen, den Erhard antraf. Beides aber war anders.

Kiesinger traf einen Johnson, der vielleicht zum erstenmal in seinem Leben bohrendem Zweifel begegnet ist, der ins Grübeln geraten ist, ja sogar ins Reden darüber, was er wohl falsch gemacht hat.

Kiesinger traf einen Johnson, dessen Lasten so ungeheuer viel schwerer wiegen als seine eigenen, daß eine unverhoffte Mischung aus Anteilnahme, Erleichterung und dem Drang, Beistand für den geprüften Mann wenigstens herbeizuwünschen, die Distanz verringerte, die der empfindliche Schwabe zwischen sich und den zugreif enden Texaner gelegt weiß, wohl auch wissen möchte.

Wie alle Menschen, die ihn intensiv beschäftigen -- sich selber eingeschlossen -, sieht dieser deutsche Kanzler auch den Präsidenten der USA als Handelnden in einer bestimmten Rolle, als Person eines Dramas. Dieses Drama aber wandelt sich mehr und mehr zur Tragödie. Und ein Mann von Kiesingers ausgeprägtem Sinn für solche Unterscheidungen kann das nicht mit ansehen, ohne wenigstens verbal und zu Protokoll der Geschichtsschreibung gegen das Klischee vom großen Bruder in Washington, zu dem man immer noch gelaufen kommen kann, Protest einzulegen.

Amerika, du hast es besser? An der Festtafel im State Dining Room des Weißen Hauses versah Kiesinger Goethes Stoßseufzer mit einem dicken Fragezeichen. Für ihn war Amerika nie das Gelobte Land, Stätte der Verheißung und der Bestätigung zugleich. Und heute ist es für ihn ein besonders schwieriger, weil besonders mächtiger und zugleich besonders beanspruchter Bündnispartner, dem gegenüber wir uns Weder selbstbewußt genug aufgeführt noch klar genug ausgedrückt haben.

Die Eloquenz, die Weltläufigkeit und die Selbstsicherheit, die Kurt Georg Kiesinger dabei geholfen haben, beide Versäumnisse mindestens optisch und akustisch nachzuholen, entstammen wiederum der Distanz. »Koert Tschortsch Kaisinger«, wie der Sprecher des National Press Club in Washington ihn nannte, ist Amerika nicht »erlegen«. Das Land fasziniert ihn in seiner Vielgestalt, die er besser zu kennen glaubt als die meisten Amerika-Fans. Den American Way of Life hingegen kann er missen: den servogelenkten, von milder Streichermusik aus Lautsprechern durchfluteten und von Martinis befeuchteten Alltag des Mittelklasse-Amerikaners. Kiesingers wahre Bindung an Amerika ist eine Privatsache.

Sooft er konnte, ließ er das Blair House und dessen lautlosen Service im Stich und fuhr zum Essen oder auch nur zu einem Nickerchen in die Kalorama Road 2204 zu Tochter und Enkelkind. Dort konnte man ihn, deutsch und laut, »Hoppe, hoppe, Reiter« vorsagen hören, komplett mit einem großväterlichen »Ha, ha, ha«, wozu die amerikanische Staatsbürgeria Caecilia-Domenica Wentzel, besser bekannt als »Fröschle« (Johnson zu Kiesinger: »Wir sind glücklich, daß Ihre Enkeltochter Bürgerin unseres Landes ist"), sich auf einem an Sprungfedern befestigten Schaukelpferd wiegte,

Und anstatt auf Lyndon Johnsons Farm In Texas verbrachten die Kiesingers zwei Tage auf einem kleinen Landhaus im Shandor Valley, gleich bei Leesburg, Virginia, gut 30 Meilen von Washington. Das Haus gehört dem Architekten -- Ehepaar Price, wohnhaft Kalorama Road 2202 und mit Wentzels nachbarschaftlich verbunden. Nur die Sicherheitsbeamten nahm Kiesinger, wohl oder übel, mit. Ein Pferdestall wurde ihr Quartier. Zwei Tage lang war Bebenhausen in Virginia.

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