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RUSSLAND Extrem verschwiegen

Wladimir Putin hat seinen Finanzfahnder und früheren Datschennachbarn zum Premier ernannt und damit selbst Vertraute verblüfft. Ist der Neue der nächste Präsident?
aus DER SPIEGEL 38/2007

Wiktor Subkow verströmt den strengen Charme der alten Zeit. Ohne vom Blatt aufzusehen, ohne jedes Lächeln und mit altsowjetischem Vokabular, liest der Neue den Abgeordneten der Staatsduma sein Regierungsprogramm vor. Stabilität durch mehr Subventionen für die Landwirtschaft wolle er schaffen, die Rüstungsindustrie ankurbeln und die Renten erhöhen - »durch mehr Steuereinnahmen«, wie er erklärt.

Es ist Freitag vergangener Woche, als der Geheimdienstler Subkow Regierungschef des größten Flächenlands der Erde wird, einen Tag vor seinem 66. Geburtstag.

Schwierigkeiten bereitet ihm die Duma selbstredend nicht, denn der Vorschlag stammt vom Präsidenten höchstselbst. Mit 381 gegen 47 Stimmen gibt sie ihr Plazet für einen Mann, den viele Abgeordnete zwei Tage zuvor noch nicht einmal gekannt hatten. Selbst Parlamentschef Boris Gryslow, Vorsitzender der Kreml-treuen Partei Einiges Russland, soll erst im Nachhinein von der Ernennung Subkows erfahren haben, dessen Kandidatur er dann binnen Stunden durchzudrücken hatte.

Es war wieder einer dieser Taschenspielertricks, mit denen Wladimir Putin selbst die Seinen gern überrascht. Diesmal traf es vor allem die beiden Vizepremiers Sergej Iwanow und Dmitrij Medwedew - bislang hatten sie als Anwärter auf den Premiersposten gegolten, dem mutmaßlichen Sprungbrett für die Putin-Nachfolge. Medwedew, Aufsichtsratschef des Energiegiganten Gasprom, hatte noch am Tag vor Putins Entscheidung öffentlich gewarnt, jede Umorganisierung der Regierung wäre »gleichbedeutend mit mehreren Bränden und Überschwemmungen«.

Der Präsident, der laut Grundgesetz nächstes Frühjahr seinen Posten räumen muss, hielt offenbar etwas anderes für brandgefährlich. Fast täglich hatten die Auguren in den zurückliegenden Monaten darüber orakelt, ob sich die Waagschale eher auf die Seite Iwanows neige - der Symbolfigur von Geheimdienst und Militär - oder auf die Medwedews, eines Wirtschaftsliberalen ohne KGB-Hintergrund. Sich für einen von beiden zu entscheiden, so könnte Putins Überlegung gewesen sein, hieße womöglich, eine Spaltung der politischen Elite zu riskieren.

Dass der Kreml-Chef als Kompromisskandidaten aber ausgerechnet Subkow erwählte, hat die letzten Wirtschaftsliberalen im Dunstkreis des Kreml entsetzt - neben Medwedew also Wirtschaftsminister German Gref und den Chef des Finanzressorts, Alexei Kudrin. Sie sind die Verlierer im Machtspiel des verschlossenen Autokraten Putin. Denn der neue Premier will die Rolle des Staats bei der »sozialen Frage« verstärken und verspricht »Kaderveränderungen« - gemeint ist wohl die Entlassung der liberalen Minister.

Subkow wird - wie Putin - den Saubermann geben: Er will ein »Gesetz gegen Korruption« durchbringen und dazu eigens einen neuen Geheimdienst schaffen - das wäre dann der siebte im Putin-Staat.

Seine Karriere begann Subkow im Leningrader Gebiet. In den sechziger Jahren war er Vizechef des Landwirtschaftsgutes Rote Slawin, 1985 stieg er zum Abteilungsleiter der KPdSU-Bezirksleitung auf.

In die neue, die postsowjetische Zeit, startete er 1991 gemeinsam mit dem KGB- Auslandsaufklärer a. D. und damaligen St. Petersburger Vizebürgermeister Wladimir Putin. Dem diente er im Komitee für Außenwirtschaft, und zwar so erfolgreich, dass der Chef mit ihm eine Datschen-Kooperative gründete. Bedienstete erlebten Subkow als »strengen, aber auch effektiven Leiter« - und als extrem verschwiegen.

Offenbar war das für Putin Grund genug, dem Getreuen 2001 die Leitung der Bundesbehörde zum Kampf gegen Geldwäsche anzuvertrauen. Schon die von ihm dann formierte »Finanzaufklärung« baute Subkow als einflussreichen, wenn auch weithin unterschätzten Geheimdienst auf.

Dessen Späher erkundeten heimliche Finanzierungswege tschetschenischer Untergrundkämpfer und nahmen Russlands Banken ins Visier, darunter auch getarnte Banditenkassen. Die Observierungsergebnisse durfte der Hardliner dem Präsidenten oftmals direkt vortragen. Mal lud ihn Putin zu einer Sitzung des Sicherheitsrats ein, mal empfing er ihn unter vier Augen in der Präsidentenresidenz Nowo-Ogarjowo.

Dass Subkow das Ohr des Präsidenten besitzt, wurde deutlich, als Putin im Februar überraschend dessen Schwiegersohn Anatolij Serdjukow, einen früheren Möbelhändler und Steuerfahnder, zu Russlands Verteidigungsminister ernannte.

Treu und effizient, doch alt und blass genug, um keinen krankhaften Ehrgeiz zu entwickeln - Subkow wäre genau der Mann, den Putin benötigt, sollte er ab Mai nächsten Jahres einen zeitweiligen Hausmeister für den Kreml brauchen. Einen, der ihm den Sessel freihält, bis er selbst wieder kandidieren darf.

Der neue Premier war noch nicht im Amt, da hielt er es vorigen Donnerstag bereits für »möglich«, bei der Präsidentenwahl am 2. März zu kandidieren. Ein Mann wie Subkow hätte so etwas nie aus eigenem Antrieb gesagt. »Gut, dass nun auf der Kandidatenliste noch ein weiterer Mensch aufgetaucht ist«, bestärkte ihn Strippenzieher Putin einen Tag später.

Dass Subkow tatsächlich der nächste Präsident sein könnte, diese Überzeugung hatte bis Freitagabend vergangener Woche viele aus der Kreml-Umgebung erfasst. Ob man das für gut oder schlecht halten müsse, tat ein staatsnaher Oligarch als nebensächlich ab: Es sei »nicht so wichtig, wie der neue Präsident heißt - interessanter ist, was Putin machen wird«. UWE KLUßMANN

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