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MEDIZIN / MAYO-KLINIK Fabrik der Ärzte

aus DER SPIEGEL 2/1961

Das Ziel der seltsamen Pilgerschar ist eine kleine Stadt inmitten hügeliger Maisfelder und dunkelrot gestrichener Gehöfte, »ein Ort am Rande des Nirgendwo«, wie ein zeitgenössischer Autor poetisch schrieb. Die Stadt heißt Rochester; das »Nirgendwo« ist der US-Bundesstaat Minnesota. Die Pilger: Bresthafte, Kranke und Verlorengegebene, aber auch ulkus- und infarktbedrohte Gesunde aus allen Staaten Amerikas, allen Ländern der Hemisphäre. Das Heil, das sie erhoffen, ist von dieser Welt.

Denn der Ort in der welligen Prärie, wo noch vor knapp hundert Jahren der Sioux-Häuptling »Kleine Krähe« die bleichgesichtigen Eindringlinge massakrieren ließ, während an den Universitäten von Prag, Wien oder Heidelberg seit Epochen traditionsreich die ärztliche Kunst gelehrt wurde, gilt weithin als das Mekka der modernen Medizin. Er dankt diesen Ruhm den beiden Söhnen eines englischen Landdoktors, einer Schar von fast tausend Ärzten und einem 19stöckigen Gebäude im pseudomaurischen Stil der zwanziger Jahre, das sich über das Farmland des »Heuschreckenstaates« wie eine Zwingburg über erobertes Land reckt.

In diesem Hochhaus, der »Mayo -Klinik«, enden die Pilger-Karawanen, die unablässig zu Luft und Lande eintreffen: 500 Menschen täglich, über 150 000 im vergangenen Jahr. Sie kommen mit Autobussen und Straßenkreuzern über drei Highways, mit den Expreßzügen von zwei Eisenbahnlinien und den Zubringermaschinen von drei Luftfahrtgesellschaften. Mit ihnen reisen Anverwandte, aber auch Ärzte, die der Mayo-Klinik eine geschäftliche Visite abstatten.

So überschwemmt jedes Jahr fast eine halbe Million Besucher die kleine Präriestadt, und so entstand das Paradoxon von Rochester - der 37 000-Seelen-Ort, der auf Karten mit großem Maßstab nicht verzeichnet ist, dennoch aber als Weltmetropole der Medizin legendären Leumund hat.

»Europäer werten die Mayo-Klinik als besonderen Beitrag zur amerikanischen Kultur, wie das Automobilwerk oder die Gurkenkonservenfabrik« schrieb der Autor Adolph Regli. »Die Amerikaner erblicken in ihr eine moderne medizinische Großtat, die dem Talent Amerikas für die Massenproduktion entsprossen ist.« Um das Phänomen an einem europäischen-Beispiel zu verdeutlichen, müßte man sich vorstellen, daß etwa das Kreisstädtchen Niebüll in Schleswig-Holstein eine Mainmutklinik hätte, zu der Patienten und Ärzte aus allen Kontinenten wallfahren.

Was die Mayo-Klinik überdies in den Rang des Außerordentlichen erhebt, ist die Tatsache, daß sie nicht eine Klinik im deutschen Sinne ist, also nicht eine Anstalt, in der (meist bettlägerige) Kranke behandelt werden. Die Mayo -Klinik repräsentiert vielmehr eine Organisationsform, die in Deutschland nahezu unbekannt ist: die' ärztliche Gruppenpraxis.

Die beiden Medizin-Wolkenkratzer von Rochester, das pseudo-maurische Bauwerk der zwanziger Jahre und ein neuer 17-Millionen-Dollar-Bau aus wetterbeständigem Aluminium, sind im Grunde nichts anderes als eine ins Mammuthafte gewachsene Sprechzimmer -Praxis. In den Räumen des Gebäude -Komplexes werden Patienten untersucht, aber nicht behandelt. Die Medizin-Wolkenkratzer enthalten modernste diagnostische Apparaturen, doch kein einziges Bett, in dem ein Patient aufgenommen werden könnte.

So verbirgt sich hinter der (für deutsche Begriffe irreführenden) Bezeichnung »Mayo-Klinik« eine riesige Diagnose-Maschinerie, in der täglich rund 2000 Patienten inspiziert werden. Nach Abschluß ihrer (durchschnittlich vier bis fünf Tage dauernden) Untersuchung werden sie mit einer präzisen Diagnose entlassen. Die Sorgfalt, mit der die Mayo-Ärzte unter Zuhilfenahme raffiniertester Techniken ihren Befund erarbeiten, hat der Klinik in amerikanischen Mediziner-Kreisen die Bezeichnung »Oberster Gerichtshof für verurteilte Patienten« eingebracht. Mit anderen Worten: Gegen ein Urteil der

Mayo-Experten gibt es praktisch keine Berufung.

Mit dem Befund der Mayo-Klinik können die Patienten zu ihrem Hausarzt zurückkehren. Sie können sich (falls das notwendig sein sollte) in ihrer Heimatstadt in einer Klinik und von einem Chirurgen ihrer Wahl operieren lassen - sofern sie nicht vorziehen, in Rochester zu bleiben und die Behandlung einem der 350 Fachärzte im Stabe der Mayo-Klinik zu übertragen. In diesem Fall würde der Patient, nachdem seine Diagnose in der Klinik erarbeitet worden ist, in eines der neun Hospitäler eingewiesen, die sich im Bannkreis der Diagnose-Wolkenkratzer angesiedelt haben.

Diese Hospitäler verfügen nach dem Vorbild der amerikanischen Beleg-Krankenhäuser zwar über einen eigenen Verwaltungs-, nicht aber über einen eigenen Ärzte-Stab. Als behandelnde Ärzte sind ausschließlich Mediziner der Mayo-Klinik zugelassen. Am Ende seines Hospital-Aufenthalts bekommt der Patient zwei Rechnungen: Er zahlt gesondert die Unterbringungskosten (an das Krankenhaus) und die Kosten für die medizinische Behandlung (an den Arzt).

Diese Symbiose hat Rochester vollends zu einem kommunal-medizinischen Unikum gemacht. Das Präriestädtchen im Tal des Zumbro verfügt mit der Mayo-Klinik nicht nur über die größte private Arzt-Praxis der Welt - der Pilgerstrom der Kranken hat auch bewirkt, daß sich das ortsansässige Hospital der »Schwestern vom heiligen Franziskus« zum größten Privat-Krankenhaus der Welt ausgewachsen hat: 950 Betten, 1100 Angestellte. Tagesdurchschnitt: 60 Operationen; tägliche Unterhaltskosten: 15 550 Dollar.

Vor allem vier Patientengruppen stellen sich nach den Erfahrungen der Mayo-Ärzte in Rochester zur Untersuchung und Behandlung:

- »Patienten, die sich nur einmal zur Vorbeugung gründlich untersuchen lassen wollen« (rund 150 große amerikanische Firmen beordern ihre leitenden Angestellten jährlich einmal zu einer solchen Generalinspektion nach Rochester);

- »Kranke, die ihrem Hausarzt nicht mehr trauen und es nun einmal ganz genau wissen wollen«;

- Kranke, deren Leiden nur durch einen Spezialisten beurteilt und behandelt werden kann«, ferner

- »Patienten, die hierher geschickt werden, weil ihre Ärzte nicht mehr weiterwissen«.

So wurde der Name der Klinik auch Lesern deutscher Tageszeitungen vertraut, als beispielsweise im November 1957 die neunjährige Christine Kälberer aus Ötlingen per Flugzeug nach Rochester abreiste, weil nur bei einer Operation durch Mayo-Ärzte die Hoffnung zu bestehen schien, ihren angeborenen Herzdefekt zu beseitigen. Im August 1958 wurde der neunjährige Andreas Guck aus Offenbach, der gleichfalls herzkrank war, zu einer Operation in die Mayo-Klinik transportiert.

Ebensoviel Beachtung war im April 1959 dem Rochester-Trip der 21jährigen bayrischen Näherin Elisabeth Mussauer beschieden, die sich in der Mayo-Klinik wegen eines Lochs in der Herzscheidewand einer diffizilen Herz-Operation unterwarf, nachdem ein Spenderkomitee und Soldaten der US-Armee Geld für ihre Flugkarte und Behandlung gesammelt hatten. Im September desselben Jahres spendeten Deutsche und Amerikaner 53 500 Mark, um der sechsjährigen Karola Lorenz aus Münchweiler, die an einem Defekt der Herzkammer -Scheidewand litt, die Reise nach Rochester zu ermöglichen.

Daß der Ruhm der Mayo-Klinik sich nicht nur auf die Schlagzeilen der Tagespresse, sondern auch auf die Anerkennung der Mediziner gründete, wurde auf dem Münchner Chirurgen-Kongreß 1958 deutlich. Zu jenem Zeitpunkt hatte in Deutschland lediglich Professor Zenker einige Eingriffe unter Benutzung der Herz-Lungen-Maschine ausgeführt. In Rochester dagegen waren bereits Hunderte von Patienten mit Hilfe der von Mayo-Ärzten bis zur Einsatzreife weiterentwickelten Apparatur am trokkengelegten Herzen operiert worden.

Als der 40jährige Mayo-Chirurg John W. Kirklin in München das Podium bestieg, um den versammelten Ärzten über seine Erfahrungen bei rund 400 Herz-Operationen unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine zu berichten, stellte ihn einer der prominentesten deutschen Chirurgen, der 67jährige Heidelberger Professor K. H. Bauer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, mit den Worten vor: »John Kirklin ist der beste Herzchirurg an der besten Klinik ... »

Der Ruf der Mayo-Ärzte lockte prominente Patienten auch zu weniger komplizierten Eingriffen in die Prärie von Minnesota. So tauchte beispielsweise im November 1958 der Imperator von Wolfsburg, Heinz Nordhoff, in Rochester auf, um seinen Managermagen untersuchen zu lassen und sich der Operation zu unterwerfen, zu der ihm die Mayo-Spezialisten rieten.

»Mr. Volkswagen himself« war angetan vom traulichen Umgangston der Mayo-Ärzte ("Oft hieß es: 'Good luck, Heinrich!'") und zeigte sich, wie das Ortsblatt »Post Bulletin« schrieb, tief beeindruckt von der Arbeitsweise der Mediziner-Fabrik. »Dies ist eine verblüffende Einrichtung«, kommentierte er. »Als Ingenieur beeindruckt mich besonders, wie die Ärzte jeden einzelnen meiner Körperteile überprüften.«

Ähnlich bewundernd äußerten sich deutsche Ärzte, die zur Komplettierung ihrer Kenntnisse regelmäßig die Medizin-Zentren in den Vereinigten Staaten besuchen. So versicherte beispielsweise der Hamburger Internist Dr. Carl Kahlen, der fast jährlich eine Rundreise durch die großen Kliniken Amerikas unternimmt: »Die Mayo-Klinik ist die vollkommenste Institution für präzise medizinische Diagnostik. So etwas gibt es nicht ein zweites Mal.«

Viele Ärzte erblicken deshalb in der Mayo-Klinik eine Modell-Lösung des Problems, das durch die lärmendbejammerte »innere Krise der Medizin« heraufbeschworen wurde. Sie entstand paradoxerweise durch den Fortschritt.

Mit dem sich stetig steigernden Tempo, mit dem die naturwissenschaftlich forschenden Mediziner während der letzten fünfzig Jahre in neue Gebiete vorstießen, revolutionäre Erkenntnisse, Theorien und Methoden erarbeiteten, entsprossen der Medizin neue Zweige: Hämatologie, Gastroenterologie, Endokrinologie, Kardiologie* spalteten sich ab von der Inneren Medizin, dem Kernstück aller medizinischen Disziplinen.

Eine verwirrende Fülle neuer Instrumente und Apparate füllte die Waffenkammern der Medizin, und neue verfeinerte Untersuchungs- und Behandlungstechniken bewirkten eine Entwicklung, die das amerikanische Ärzteblatt »American Journal of Public Health« vor kurzem lakonisch umriß: »Der Spezialist ist dabei, die beherrschende Rolle in der medizinischen Praxis zu übernehmen.«

In einem anderen amerikanischen Fachblatt beklagte der Medizin-Autor Albert Deutsch, daß die Tage vorbei seien, »in denen der bärtige Mann mit der kleinen schwarzen Tasche die wesentlichsten medizinischen Erkenntnisse seiner Zeit bequem in seinem Kopf unterbringen konnte«.

Dem praktischen Arzt ist es längst nicht mehr möglich, sich über alle medizinischen Neuigkeiten auf dem laufenden zu halten. Allein in den Vereinigten Staaten erscheinen 900 medizinische Journale, »und kein Arzt könnte sie alle lesen«, konstatierte der amerikanische Wissenschafts-Autor Warren R. Young, »selbst wenn er jede Nacht ohne Schlaf durchlesen würde«.

In demselben Maße, in dem sich medizinische Erkenntnisse und technische Daten vervielfachten, verästelte sich das Spezialistentum. 36 medizinische Spezialfächer wuchsen auf dem Boden neugewonnenen Wissens.

Noch vor 25 Jahren war nur jeder fünfte Mediziner als Facharzt eingetragen; heute ist das Verhältnis auf 3 : 5 gestiegen. Kommentierte Autor Deutsch: »In der Medizin ist endgültig die Ära des Spezialistentums angebrochen.« Diese ungestüme Entwicklung, so lamentieren die Internisten, drohe »Einheit und Zusammenhalt der Inneren Medizin« zu sprengen.

Mit verbissenem Eifer suchen die Traditionalisten, wie der Mediziner Morawitz formulierte, »der Inneren Medizin trotz aller notwendigen und unvermeidlichen Spezialisierung den Universalcharakter zu erhalten«. Der Züricher Professor Löffler konnte den deutschen Ärzten auf einem Kongreß in München versichern, daß dieses Vorhaben »noch gelungen« sei.

Aber daß die Universal-Internisten nur einen siegreichen Rückzug kämpfen,

läßt sich aus den Klagen selbst der Fachärzte herauslesen. »Die Aufsplitterung in Fachgebiete«, bekannte Professor Dr. Hans Neuffer, Präsident des »Deutschen Ärztetags«, bereits vor einigen Jahren, »ist heute sogar schon so weit fortgeschritten, daß selbst der einzelne Facharzt sein Gebiet nicht mehr ganz übersehen kann ... »

Sogar innerhalb der Teil-Spezialgebiete haben sich schon wieder Spezialfächer herausgebildet, wie zum Beispiel die Virologie oder die Proktologie*. Im Fachgebiet der Chirurgie beispielsweise etablierten sich Fachärzte für Anästhesie, für Neuro-Chirurgie, für Kiefer-Chirurgie, für Urologie, Orthopädie und Thorax-Chirurgie.

»Es besteht kein Zweifel«, bekannte auf dem 6. Kongreß für Innere Medizin der Göttinger Arzt Professor Schoen, »daß der Fortschritt der Medizin mit zunehmender Spezialisierung erkauft werden muß.«

Dieser Zwang konfrontierte die Ärzteschaft einem schwer zu lösenden Problem: Wie kann der Spezialist sinnvoll in die Untersuchung und die Behandlung des Patienten eingeschaltet werden? »Nur mit Schrecken«, entsetzte sich der Kölner Medizinprofessor Schulten, »kann man an den Kranken denken, der von Organspezialist zu Organspezialist geht, ohne daß ein wirklicher Arzt die Zusammenhänge findet.« Die Internisten fordern deshalb nachdrücklich, daß die ärztliche Verantwortung für den Patienten jeweils in nur einer Hand liegen dürfe.

Daß die Fachärzte ihrerseits in dem beengten Bereich ihres Spezialgebiets leicht die Fähigkeit zur allgemeinen Diagnose verlernen, geht aus einem Referat des Professors Neuffer hervor. In der »Medizinischen Klinik« berichtete er: Fachärzte kleiner Spezialgebiete hätten sich oftmals geweigert, »den allgemeinen Sonntagsdienst zu übernehmen, weil sie nicht in der Lage seien, eine Blinddarmentzündung zu diagnostizieren«.

So vernunftvoll die Forderungen der Internisten deshalb auch sein mögen die Gegebenheiten der deutschen Alltagspraxis unter dem Diktat der Krankenkassen erschweren das ideale Zusammenspiel zwischen praktischem Arzt und Facharzt. Der Patient wertet die Überweisung an den Spezialisten nicht selten als Eingeständnis medizinischen Unvermögens, und der praktische Arzt, der oftmals darauf angewiesen ist, »Scheine zu machen«, wie es im Ärztejargon heißt, muß befürchten, einen Patienten zu verlieren.

So berichtete der Kölner Internist Schulten: »Als ich praktische Ärzte fragte, warum sie ihre Herzpatienten zum EKG ins Röntgen-Institut und nicht zu einem mit der nötigen Apparatur ausgerüsteten Internisten schickten, der doch im Regelfalle bessere Vorkenntnisse zur Beurteilung habe, erhielt ich die für unsere Verhältnisse charakteristische Antwort, daß beim Internisten die große Gefahr bestünde, daß er den Kranken ganz in seine Behandlung übernähme.«

Die überweisenden Ärzte, klagte der Professor, statteten den Kranken oft nicht einmal mit einem brauchbaren überweisungsbericht aus. Häufig werde nur ein Zettel mitgegeben, etwa mit dem Stichwort »Zur Herz-Untersuchung« oder »Verdacht auf Magen-Erkrankung«. Schulten: »Es ist eine große Ausnahme, daß man eine klare Zusammenfassung der bisherigen Beobachtungen und der Problemstellung bekommt. Auch Befund-Dokumente, wie Röntgenbilder, Elektrokardiogramme und so weiter, muß man häufig mühsam nachfordern.«

Der Kölner Internist wertete das als Auswirkung beruflicher Überlastung, witterte aber bei seinen Kollegen auch »Unzulänglichkeitsgefühle« und »mangelnde Geistesschulung«. Ein noch vier bedenklicherer Grund für diese Nachlässigkeit sei die Scheu vieler Ärzte, sich klar und schriftlich festzulegen. Schulten sieht darin ein nationales Problem: »Neidvoll hören wir von der hervorragenden Zusammenarbeit der Ärzte in Praxis und Krankenhaus, wie sie in den Vereinigten Staaten üblich ist.«

Tatsächlich ist in den Vereinigten Staaten längst verwirklicht worden, was in Deutschland bislang papierene Forderung blieb. In Groß- und Kleinstädten schlossen sich praktische Ärzte und Fachärzte als Geschäftspartner zusammen, und so entstand eine Organisationsform, die von Medizin-Historikern als typisch nordamerikanischer Beitrag zur Entwicklung der Medizin gewertet wird: die Gruppenpraxis.

Die Definition des Begriffs ist noch immer umstritten. Die »American Medical Association« versteht unter Gruppenpraxis: »Mehrere Ärzte, die mindestens drei Jahre lang in gemeinsamer Praxis arbeiten, wobei die Praxis-Einkünfte nach einem vorher vereinbarten Plan unter den Ärzten aufgeteilt werden.«

Heute sind bereits 12 000 amerikanische Ärzte in 800 Gruppenpraxen organisiert - und Fachleute schätzen, daß bis spätestens 1966 drei von vier praktizierenden amerikanischen Ärzten ihren Beruf innerhalb einer Gruppe ausüben werden. »In zunehmendem Maße«, schrieb ein Fachkommentator, »betrachten die amerikanischen Ärzte die Gruppenpraxis als Voraussetzung für hochqualifizierte ärztliche Betreuung und als unausweichlichen Schritt in Richtung auf die Medizin der Zukunft.«

Denn die Vorteile liegen auf der Hand: gemeinschaftliches Wartezimmer, gemeinschaftliches Büro, gemeinschaftliche Bibliothek, gemeinschaftliches Labor wie auch die genieinschaftliche Benutzung von Elektrokardiographen und Röntgengeräten ermöglichen rationelleres Arbeiten bei geringerem Aufwand.

Eine Patientin, die vom Internisten

der Gruppe etwa an den Gynäkologen der Gruppe verwiesen wird, geht der Praxis nicht verloren; kollegiale Aussprachen erleichtern bei schwierigen Fällen sowohl Diagnose als auch Behandlung innerhalb der »group practice«. Eine solche Gruppe kann aus nur drei Ärzten bestehen - aber auch aus Hunderten, wie die Mayo-Klinik, der Welt größte und älteste Gruppenpraxis.

Sie entstand, wie noch heute viele Gruppenpraxen, aus familiärem Zusammenschluß. Und ihre Geschichte ist, wie viele Erfolgsstorys aus den amerikanischen Pioniertagen, so farbig wie die Legende vom Aufstieg etwa der Fords oder Rockefellers.

Sie begann zu einer Zeit, als die Ärzte noch im Bratenrock, eine Nelke im Knopfloch und die Operationsnadeln am Rockaufschlag, die Patienten auf ausgehängten Küchentüren operierten, als die Chirurgen ihre Hände nach der Operation reinigten und nicht vorher, als zwar das Stethoskop, aber noch nicht das Fieberthermometer erfunden war in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

»Die Story der Mayos«, schrieb der Autor Adolph Regli, »reicht von der Szenerie des indianischen Wilden Westens bis zur dramatischen Atmosphäre im Operationsraum, vom Tumult eines Wirbelsturms und vom Lärm rasender Sonderzüge bis zur Geschichte der Mayo-Klinik in Rochester, die heute als medizinisches Mirakel weltberühmt ist, als 'Klinik in den Maisfeldern'.«

Im Jahre 1858 ließ sich der englische Einwanderer William Worrall Mayo, Hugenotten-Abkömmling und Doktor der Medizin, 39 Jahre alt, als Landarzt in Minnesota nieder, nachdem er sich bereits erfolglos als Goldsucher, Landvermesser und Farmer versucht hatte. Aber auch an human-medizinischer Betreuung war in dem rauhen Grenzer -Staat kaum Bedarf. Erster Patient der neuetablierten Praxis war eine kranke Kuh.

Nach Ausbruch des Bürgerkriegs (1862) wirkte Dr. Mayo als Arzt einer Musterungskommission, doch bald mußte er mit den Bürgern von Minnesota an einer anderen Front kämpfen. Die Sioux -Indianer hatten das Kriegsbeil wieder ausgegraben.

»Der kleine Doktor«, wie Mayo wegen seiner napoleonischen Körperkürze genannt wurde, bewährte sich an dieser neueröffneten Heimatfront bei der Verteidigung von Neu-Ulm gegen die Sioux -Horden. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurden 39 Rothäute, die weiße Frauen und Kinder abgeschlachtet hatten, gehenkt und am Ufer des Minnesota River eingescharrt - was die Ärzte der Umgebung, die unter akutem Mangel an Leichen für Sektionen litten, als Glücksfall werteten. Sie öffneten nächtens das Massengrab und verteilten die Leichen untereinander; Dr. Mayo ergatterte dabei den hünenhaften »Häuptling mit der zerschnittenen Nase« ("Chief Cut Nose").

Er sezierte die Leiche und präparierte das Skelett für weitere Studien. An diesem Indianer-Gebein, das in einem großen Eisenbehälter in des Doktors Arbeitszimmer lagerte, unterwies William Worrall Mayo seine beiden Söhne William ("Will") und Charles ("Charlie") in der Anatomie.

Noch im Abc-Alter begann für die Mayo-Brüder die Lehrzeit in allen Zweigen ärztlicher Tätigkeit. Vater Mayo bestand darauf, die Knaben in die Anfangsgründe der pathologischen Medizin einzuführen, er nahm sie häufig zu Autopsien mit. Sohn Will war noch so klein, daß er das Zerschneiden der Leiche auf dem Seziertisch nicht beobachten konnte. »So wurde er eben auf den Tisch gestellt«, vermerkt die Mayo-Biographin Helen Clapesattle, »und konnte sich an den Haaren der Leiche festhalten.«

Die Söhne begleiteten Vater Mayo auf Krankenbesuchen, beobachteten ihn im Ordinationszimmer, wurden eingeweiht in die elementaren Begriffe der Anatomie, Pathologie und Chemie. »Wir wuchsen mit der Medizin auf, wie ein Bauernsohn mit der Landwirtschaft«, erklärte Will Mayo später einmal. »Wir kamen gar nicht auf den Gedanken, jemals etwas anderes werden zu wollen als Ärzte.«

Die beiden Mayo-Söhne erwarben das Doktor-Diplom in den achtziger Jahren. Vater Mayo, dessen Praxis sich auf 40 Meilen im Umkreis von Rochester erstreckte, nahm sie in seine Ordination auf. »Dr. Mayos Söhne waren talentierte, sorgfältige, idealistische, fleißige Arbeiter«, notierte in einer der vielen Mayo-Biographien der Autor Regli, »Dr. Will, der ältere, erwies sich als geschickter Chirurg-Geschäftsmann, Dr. Charlie, der jüngere, entwickelte sich zu einem erfindungsreichen Operateur. Zusammen bildeten die beiden Brüder eines der großartigsten Teams der Medizin. Sie wagten sich abenteuerlustig in wenig bekannte Gebiete vor, experimentierten furchtlos, wenn Präzedenzfälle fehlten.«

Die Mayos waren betriebsam und phantasievoll. Abwechselnd besuchten sie die großen medizinischen Kongresse und Zentren in den USA wie auch in Europa, um die modernsten Operationstechniken der damals aufstrebenden Chirurgie zu erlernen. So kam es, daß in dem Maisstädtchen Rochester Eingriffe vorgenommen wurden, die selbst in berühmten Kliniken als Renommier -Operationen galten. Das wiederum führte dazu, daß die Ärzte aus der Umgebung und gar aus den Nachbarstaaten nach Rochester reisten, um den Mayos beim Operieren zuzuschauen und von ihnen zu lernen.

Schauplatz der von den Ärzte-Kollegen begafften Operationen war das Privathaus einer Mrs. Carpenter, einer Zimmervermieterin im Norden der Stadt, denn in Rochester gab es damals noch kein Krankenhaus.

Eine solche Institution entstand erst, nachdem am 21. August 1883 ein Wirbelsturm die Stadt zerfleddert hatte. Dr. Mayo senior bewog die Oberin vom Kloster des heiligen Franziskus, ein Notspital für die Opfer des Tornados einzurichten. Aus dieser Notlösung entstand dann das Marienhospital, das sich in den folgenden Jahrzehnten dank der Tätigkeit der Mayo-Brüder zum größten Privatkrankenhaus der Welt entwickelte.

Schon Anfang der neunziger Jahre war der Ruf der Mayos so legendär, daß die Eisenbahnverwaltung den Brüdern in dringlichen Fällen einen Sonderzug zur Verfügung stellte und ihnen Wegerecht einräumte. In einem »special train« ratterten sie, während die fahrplanmäßigen Personenzüge auf Nebengeleise geschoben wurden, zu todkranken Patienten durch den Mittleren Westen.

Die Abgelegenheit von Rochester erwies sich als Vorteil: Die Brüder Mayo konnten die Technik mancher Operation an Hunderten oder Tausenden von Fällen erproben, weiterentwickeln und verfeinern, während die Chirurgen in den Großstädten, wo mehrere Kliniken einander die Patienten abwarben, sich mit wenigen Fällen begnügen mußten.

Als Musterungsarzt hatte Vater Mayo die Vorteile der Kopf-bis-Fuß-Inspektion schätzen gelernt. Er übernahm diese Routine in die Alltagspraxis und bestand darauf, jeden Patienten, ungeachtet der Beschwerden, die er vortrug, ganz zu untersuchen. Bei dieser Art Generalinspektion, die noch heute für jeden Mayo-Patienten obligatorisch ist, wurden oftmals Defekte entdeckt, die dem Patienten entgangen waren; oder es stellte sich heraus, daß die Beschwerden auf einer anderen als der vermuteten Ursache beruhten.

Diese zeitraubende Routine wurde auch beibehalten, als der Patientenstrom nach Rochester immer stärker anschwoll und die Mayos gezwungen waren, weitere Ärzte als Partner in ihre Praxis aufzunehmen: zuerst einen Spezialisten für Innere Medizin, dann einen Experten für Labor-Untersuchungen, schließlich einen Fachmann für Nerven-Erkrankungen und einen für Schilddrüsen-Erkrankungen. Dennoch mußten die Brüder bald dazu übergehen, die meisten auswärtigen Patienten an den Arzt des Heimatorts zurückzuverweisen, nachdem sie ihnen die Diagnose gestellt und die Behandlungsvorschrift bekanntgegeben hatten.

»Da sie (neben dem Operieren) ihre gesamte Zeit und Arbeitskraft nur dem Sichten, Werten und Ausdeuten der Anzeichen und Symptome aller möglichen Krankheiten widmeten«, schrieb Biographin Helen Clapesattle, »erwarben die Mayos und ihre Mitarbeiter eine Erfahrung in der Differentialdiagnose*, die kein Praktiker, der seine Zeit auf Untersuchung und Behandlung aufteilen mußte, je erreichen konnte.«

Schon um die Jahrhundertwende war Rochester unverkennbar ein Heilzentrum. Sanatorien und Rekonvaleszentenheime, Hotels, Gasthäuser und Apotheken siedelten sich an, und sogar ein Krankenwagendienst für körperbehinderte Patienten etablierte sich.

Der Ruhm der Klinik gründete sich vor allem auf die »chirurgischen Wunder«, die beide Brüder in Rochester vollbrachten. So wurde Dr. Will in Ärztekreisen vor allem wegen seiner Operationsmethode zur Beseitigung von Magenkrebs gefeiert. Aber er wurde auch berühmt durch seine Operationen von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren. Dr. Charlie galt als einer der Begründer moderner Kropfchirurgie und als Pionier in der chirurgischen Behandlung des Nervensystems.

In einem altväterlichen Honorierungssystem paßten die Mayos ihre Rechnungen dem Einkommen der Patienten an. Vermögende Patienten zahlten auch für triviale Eingriffe vierstellige Summen, minderbemittelte Patienten dagegen brauchten selbst für komplizierte Untersuchungen oder Operationen nur einen geringen Betrag zu entrichten. Die Mayos gestatteten Teilzahlung, verzichteten aber darauf, einen zahlungsunfähigen oder -unwilligen Patienten gerichtlich verfolgen zu lassen. Niemals wurde eine Rechnungssumme durch Zahlungsbefehl oder Pfändung eingetrieben, wenn ein Appell an seine Honorigkeit erfolglos blieb. (Diese Honorar-Grundsätze gelten an der Klinik noch heute. Gegenwärtig werden 15 Prozent aller Patienten gratis behandelt, 15 Prozent zahlen eine unterdurchschnittliche Summe.)

Der professionelle Ruhm der chirurgischen »wonder boys« vom Lande war

um die Jahrhundertwende so gefestigt, daß beispielsweise 1905 Dr. William Mayo junior mit der höchsten Auszeichnung bedacht wurde, die Amerikas Ärzteschaft zu vergeben hatte: Er wurde zum Präsidenten der großen Ärztevereinigung »American Medical Association« gewählt.

Als Vater Mayo - fast 92 Jahre alt 1911 starb, hatte sich die Ordination der »Drs. Mayo & Company« bereits zu einem medizinischen Großunternehmen entwickelt. Den Brüdern war geglückt, was sonst den Fords und Rockefellers, den Industriegenies 'und Ölspekulanten beschieden war - sie waren in die neureiche Geldaristokratie Amerikas aufgerückt. Ihr Bankkonto belief sich auf über eine Million Dollar.

30 000 Besucher strömten jährlich nach Rochester, vor allem Patienten, aber auch Ärzte, und die Stadt-Chronik berichtet, daß die Kutscher die Ankommenden mit der Frage begrüßten: »Sind Sie Arzt oder Patient?« Die Gastwirte hängten Schilder in die Speisesäle mit der Aufschrift: »Die Gäste werden gebeten, bei Tisch nicht über Krankheiten zu sprechen!«

28 Ärzte und Assistenten beschäftigte die Praxis der Brüder Mayo. Die alten Ordinationsräume waren mittlerweile zu klein geworden, und 1912 entschlossen sich die Mayos zur Errichtung eines Gebäudes, das genau den Bedürfnissen ihrer Praxis entsprechen sollte. Dr. Henry Plummer, Schilddrüsenspezialist und Leiter des Mayo-Labors, hatte die Brüder zu der Ansicht bekehrt, daß die Gefahren der Spezialisierung nur vermieden werden könnten, wenn die verschiedenen Spezialisten dem Patienten gegenüber als Einheit funktionierten. Dr. Plummer: »Die Medizin muß zu einer kooperativen Wissenschaft werden.«

So entstand aus der Landarzt-Praxis eine vollständige Klinik mit eigenen Laboratorien: die erste private Gruppenpraxis, der erste Zusammenschluß einer Schar von Ärzten auf privater Basis.

Diese Institution war jedoch nicht einem vorgefaßten Plan entsprossen. »Mein Bruder und ich werden die Väter der Gruppenmedizin genannt«, erklärte Dr. William Mayo später einmal in einer medizinischen Diskussion. »Wenn wir es waren, so wußten wir es nicht. Wir haben immer nur versucht, die Probleme, die sich aus der wachsenden Praxis ergaben, so zu lösen, daß wir möglichst ungestört unserer chirurgischen Tätigkeit nachgehen konnten.«

Die Medizin-Millionäre hatten sich stets zu humanitären Idealen bekannt und empfanden es als »Schande, reich zu sterben«. Dieser Auffassung entsprang ein nobler Plan: Die Mayos gründeten 1915 mit 1,5 Millionen Dollar die »Mayo-Stiftung für medizinische

Erziehung und Forschung« (Mayo Foundation for Medical Education und Research) und boten sie der Universität von Minnesota als Geschenk an. Die Stiftung sollte künftig begabten Ärzten die Forschung auf nahezu allen Gebieten der Medizin ermöglichen.

Nachdem die Universität, trotz anfänglicher Bedenken, die Stiftung in ihre Obhut genommen hatte, erhöhten die Mayos ihre Einlage auf 2,5 Millionen Dollar.

In den zwanziger Jahren gingen die Brüder daran, auch die Klinik in größerem Rahmen neu zu organisieren. Sie brachten ihr Vermögen, insgesamt 10,5 Millionen Dollar, in eine neugegründete Holdinggesellschaft (Mayo Association) ein, die von neun Treuhändern gemanagt wurde. Den Zweck dieser Neugruppierung legten sie in der Schenkungsurkunde fest: »Studium und Erforschung der Erkrankungen und Verletzungen des Menschen sowie deren Ursachen, Vorbeugung, Behebung und Behandlung ...«

Keine Privatperson sollte vom Reineinkommen der Gesellschaft profitieren. Die Ärzte der Mayo-Gruppenpraxis wurden mit einem festen Jahressalär entlohnt, das ein Komitee festsetzte. Alle Gelder, die der Klinik-Leitung nach Abzug der Gehälter und Unkosten verblieben, mußten der »Mayo Foundation« überwiesen werden. Sollten die Treuhänder jemals zu der Überzeugung komimen, daß die Klinik den schriftlich niedergelegten Zwecken nicht mehr dienen könnte, so sollte das Vermögen einer erstrangigen medizinischen Fakultät übertragen werden.

Ende der zwanziger Jahre hatte sich die Praxis der Mayo-Gruppe wiederum so stark ausgeweitet, daß ein neues Klinik-Gebäude geplant werden mußte. 1928 errichteten die Mayos in Rochester den ersten Wolkenkratzer: das Drei-Millionen-Dollar-Bauwerk im pseudomaurischen Stil, 15 Stockwerkehoch und von einem vierstöckigen Glockenturm gekrönt.

Als die Brüder 1939 starben - Dr. Charlie im Mai an Lungenentzündung, Dr. Will im Juli an Magenkrebs -, kommentierte ein englischer Mediziner in einem Nachruf: »Nun hat der Tod eine Partnerschaft gelöst, die durch 40 Jahre auf die Medizin Amerikas und wahrscheinlich der Welt einen größeren Einfluß ausgeübthat als irgendein anderer Faktor in neuerer Zeit.«

Rund 600 wissenschaftliche Arbeiten hatte jeder der Brüder geschrieben; nahezu alle großen Medizin-Zentren und alle berühmten Kliniken der Welt hatten sie bereist. Universitäten und Standes-Organisationen verliehen ihnen so viele Ehrendoktorate und Ehrenmitgliedschaften, daß die Ehrendoktor -Roben zwei lange Glasschränke füllen und die Ehrendiplome die Wände eines riesigen Konferenzsaales in der Mayo -Klinik bedecken. Die Eintragung unter dem Namen Dr. Charles Mayo in der 1938er Ausgabe von »Who's who« ist die umfangreichste im ganzen Band.

Längst war die Klinik vom persönlichen Ruhm der Mayos unabhängig ge-Worden, obgleich zumindest die Namenstradition durch Dr. Charlies Sohn, den Chirurgen Dr. Charles W. Mayo, aufrechterhalten wurde (der noch heute dem elfköpfigen Führungskomitee der Klinik angehört). Die Mayo-Brüder hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren selbst die Entwicklung gefördert, die der Inneren Medizin innerhalb der Klinik zu einer immer stärkeren Stellung verhalf.

William Osler, Professor für Innere Medizin an der Universität Oxford, kommentierte damals: »Die Zeit der Chirurgie ist vorbei, und sie wissen's! Die Brüder Mayo, die Heiligen Kosmas und Damianus von Amerika*, haben in ihrer Klinik der Inneren Medizin den gleichen Rang eingeräumt wie früher der Chirurgie.«

Diese Akzentverlagerung trug wesentlich dazu bei, daß die Klinik nach dem Tode der Brüder weiter einen steilen Aufschwung nahm. Er wird symbolisiert durch den zweiten Medizin-Wolkenkratzer, den die Mayo-Ärzte 1953, genau 25 Jahre nach der Errichtung ihres ersten Hochhauses, in Betrieb nahmen.

Wie Schlösser am Rhein werden diese beiden Medizin-Hochhäuser heute als Touristen-Attraktion zur Schau gestellt: Täglich um 10 Uhr beginnt eine einstündige Führung durch die Klinik. Der eigenartige Fremdenverkehr, den die Klinik bewirkt, hat Rochester in eine Karawanserei der Kranken verwandelt und das Stadtbild nachhaltig geprägt.

In den 38 Hotels der Stadt logieren mehr Invalide, Lädierte, Bandagierte, Deformierte, als man gemeinhin in Luxusherbergen zu Gesicht bekommt. In den 76 Restaurants von Rochester hängen zwar keine Schilder mehr, die

den Gast mahnen, nicht von seiner Krankheit zu sprechen, aber auch weiterhin gehört es zum Ritus einer Mahlzeit, daß Tischnachbarn ihre Untersuchungskarten zum Vergleich zücken.

Selbst der Tourismus der Angeknackten, der Noch-Gesunden und Hypochonder, die mehr an den Sehenswürdigkeiten auf ihrem Röntgenbild als an Sehenswertem im Stadtbild interessiert sind, hat des Fremdenverkehrs liebstes Kind, die Andenken-Industrie, beflügelt - mit neckischem Ergebnis. Rochester dürfte der einzige Ort der Welt sein, aus dem die Besucher Aschenbecher, Anhängsel, Tabletts oder Zigaretten-Etuis mit Aufschriften zum Andenken an eine Klinik heimtragen können. In der lokalen Woolworth -Filiale und in den Drugstores liegt Souvenir-Tinneff mit Bildern der Mayo -Klinik aus, sogar ein Sporthemd mit dem Brustaufdruck »Mayo Clinic, Rochester« ist für einen Dollar zu haben.

Daneben werden die Produkte der Scherzkartenhersteller feilgeboten, Postkarten mit Witzen über Blut-Entnahme und Gedichten über eine Routine-Untersuchung in der Klinik. Ein Büchlein verrät im Stil der Comics, was ein Patient bei der in der Mayo-Klinik üblichen Generaluntersuchung erlebt. Titel: »What's your Trouble? The Story of a Trip through the Clinic« (50 Cent).

Ein anderer Autor namens Dr. Earl Crary bewältigte das Erlebnis in Knittelversen: »They whizzed us through Rochester« (25 Cent). Selbst die Postkarten mit Hundeporträts, die überall in Amerika verkauft werden, tragen in Rochester eine lokalbedingte Aufschrift. Unter fragenden Dackel-Augen etwa: »What's up, doc?« (sinngemäß: Was fehlt mir, Herr Doktor?)

Die Biographie der Gebrüder Mayo, als Taschenbuch für 50 Cent in jedem Drugstore zu haben, ist lokaler Bestseller. Als Nachttischlektüre empfiehlt sich ein gutes Dutzend Broschüren, die Aufschluß über jegliche Art Operation, über Arthritis und Krebs verheißen oder verraten, »wie man mit seinen Migräne-Kopfschmerzen leben kann« (How to live with your migraine headache).

Eine private Fluggesellschaft, die Gopher Aviation Incorporated, hat sich mit einem Dutzend Privatmaschinen auf die Beförderung von Kranken spezialisiert. Doch der Flughafen kann die erweiterten Dienste der Chartermaschinen und der regulären Gesellschaften (22 Flüge täglich) nicht mehr verkraften, so daß die Stadt schon im nächsten Jahr einen neuen 4,5-Millionen-Dollar -Aeroport in Betrieb zu nehmen gedenkt, zu dem die Mayo-Organisation einen Kredit von einer halben Million Dollar beisteuert. (Die Klinik ist Rochesters größter Steuerzahler: 1,1 Millionen Dollar im Jahre 1960.)

Die Allgegenwärtigkeit, mit der die Klinik das Leben und das Bild der Stadt beherrscht, hat offenkundig auch dazu geführt, daß sich bei einem beträchtlichen Prozentsatz der Ortsansässigen ein Anti-Mayo-Komplex entwickelte. Im Gegensatz zu den Patienten, die Strapazen weiter Überlandreisen ertragen um sich in der Klinik untersuchen zu lassen, schrecken nicht wenige Eingeborene davor zurück, Leib und Leben dem anonymen Ärzteheer anzuvertrauen.

Ein Mediziner namens Harold Wente, der diesen Horror vor der marmornen Pracht der Medizin-Hochhäuser bei seinen Mitbürgern richtig diagnostizierte, unternahm vor einigen Jahren das Wagnis, im Schatten der Mayo -Klinik gemeinsam mit einem Dutzend anderer Ärzte eine kleine medizinische Gruppenpraxis einzurichten. Heute ist die Olmsted Medical Group in Rochester ein florierendes Unternehmen.

Außerdem profitiert noch ein rundes Dutzend anderer Ärzte von der Abneigung der Rochesterianer, sich etwa wegen eines eingewachsenen Nagels in das Labyrinth der Mayo-Klinik vorzuwagen.

Daß die größte Gruppenpraxis der Welt dem uneingeweihten Besucher anfangs die Sinne verwirrt, hat auch der Medizin-Autor Deutsch festgestellt: »Auf den ersten Blick erscheint die Mayo -Klinik als riesige Medizin-Fabrik, in der Patienten am laufenden Band und auf so unpersönliche Weise verarztet werden, als seien sie defekte Maschinen, die der Reparatur durch einen Mechaniker bedürfen.«

Das Getriebe, auf das der Patient stößt, sobald er am uniformierten Portier vorbei durch die hotelartige Drehtür die Klinik betritt, ist geeignet, die erste Impression zu verstärken. Patientenscharen eilen durch indirekt illuminierte Korridore, Leuchtzeichen flackern von den Wänden, Meldekarten werden über tresenähnliche Schalter hinweggereicht, Fahrstühle befördern Patiententrauben von Abteilung zu Abteilung.

In den obersten drei Etagen des Aluminium-Wolkenkratzers (10., 9. und 8.) sind die Fachärzte für Innere Medizin untergebracht, im 7. Stockwerk befinden sich die Abteilungen für Augenheilkunde, Neurologie und Psychiatrie. Ein Stockwerk tiefer haben sich die Spezialisten für allgemeine, orthopädische, neurologische und Gefäß-Chirurgie sowie für postoperative Behandlung einlogiert.

Stockwerk 5 beanspruchen die Fachärzte für, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, für Geburtshilfe und Gynäkologie, Kinderheilkunde und Dermatologie. Wieder ein Stockwerk tiefer sitzen die Experten für plastische Chirurgie, Zahnheilkunde, Proktologie und Urologie; das 3. Stockwerk füllt die Abteilung für diagnostische Röntgenologie. Die restlichen beiden Etagen enthalten die - Büros der Verwaltung. Der Wolkenkratzer im pseudo-maurischen Stil beherbergt die Labors, die Archive und die Bibliothek.

Erst ein Blick hinter die marmornen Kulissen der Klinik gibt Aufschluß, warum den Mayo-Ärzten der Pionier -Ruhm zugeschrieben wird, das eingeborene amerikanische Talent für die Massenproduktion sowie die Organisations-Schemata der industriellen Fertigung erstmals im Bereich der medizinischen Praxis eingesetzt zu haben. In Medizinerkreisen gilt das Diagnose -Zentrum von Rochester als erste »vollmechanisierte Klinik«.

Und in der Tat: Krankengeschichten, Röntgenbilder und Laborbefunde rutschen durch Spezialschächte von Etage zu Etage und werden per Rohrpost in die verschiedenen Krankenhäuser geschossen. Förderbänder baggern aus dem riesigen Archiv Krankengeschichten vergangener Jahrzehnte zu dem Arzt, der einen alten Patienten erneut untersucht. Hollerith-Maschinen werten im Elektronentempo die gesammelten 2,3 Millionen Krankengeschichten aus, die Diagnosen und Daten aller Patienten, die seit 1907 in der Klinik untersucht wurden - ein Wissensschatz, der wertvolle medizinstatistische Aufschlüsse zu geben vermag.

Das auf der Welt einmalige, gewaltige Archivmaterial ermöglicht beispielsweise statistische Aussagen über seltene Krankheiten, denen ein Arzt in seinem Leben vielleicht nur ein einziges Mal konfrontiert ist. Wann immer in medizinischen Publikationen über seltene Krankheiten referiert wird, weist der Autor auf den Erfahrungsschatz hin, über den die Mayo-Klinik infolge der bei ihr gehorteten Krankengeschichten verfügt. Für die wissenschaftliche Forschung haben sich die Krankengeschichten, Röntgenaufnahmen und die eine Million Präparate, die in der Mayo-Klinik archiviert sind, als »Goldminen« erwiesen, wie die »Saturday Evening Post« schrieb.

In der Röntgenabteilung spuckt eine Batterie von Spezialmaschinen schon sechs Minuten nach der Aufnahme das fertig entwickelte und schnellgetrocknete Röntgenbild aus. In den Labors haben Dutzende anderer Maschinen die Arbeit übernommen, die früher nur von hochtrainierten technischen Assistentinnen ausgeführt werden konnten.

Eine Spezialmaschine beispielsweise führt automatisch alle Arbeiten aus, die bei der Bestimmung des Blutzuckergehalts früher in mühseligen manuellen Verfahren bewältigt werden mußten: Das Blut wird verdünnt, dialysiert*, mit Reagenzien vermischt; binnen einer Minute mißt die Maschine den Farbniederschlag und eine angeschlossene elektrische Schreibmaschine tippt selbsttätig das Meßergebnis auf das Untersuchungsformular. Andere Maschinen messen automatisch den Harnstoff im Blut oder im Harn oder bestimmen in einem Drittel der Zeit, die früher benötigt wurde, die Stoffwechselwerte (Grundumsatz).

Ein Heer von 1500 Assistenten, Angestellten, Laboranten, Schwestern und Krankenpflegern ist aufgeboten, damit der untersuchende Arzt seine Zeit nicht auch an zweitrangige Labor- und Schreibarbeiten verschwenden muß - wie etwa unter der aufwendigen Krankenkassen-Bürokratie in Deutschland. Und jeden Monat beraten verschiedene Komitees, wie die mechanischen Vorgänge der Untersuchung noch weiter vereinfacht werden könnten.

Dennoch wird vermieden, daß der Kranke, wie die Kritiker des Mayo-Systems behaupten, sich hilflos einer entseelten Maschinerie - ausgeliefert fühlt. Jeder Patient, der sich am Aufnahmeschalter im Erdgeschoß zur Untersuchung meldet, wird stets einem der Mavo-Internisten überstellt, der fortan als Hausarzt dieses Kranken fungiert.

Dem Internisten obliegt es, den Patienten nach erster gründlicher Untersuchung, falls sich das als erforderlich erweisen sollte, durch weitere Fachärzte des Hauses examinieren zu lassen und gemeinsam mit diesen Spezialisten eine Diagnose zu erarbeiten und eine Therapie festzulegen, wobei aber er allein verantwortlich für Befund und Behandlungsvorschläge ist.

In einer Terminzentrale (Central Appointment Desk) werden nach den Angaben des Internisten die Termine für die Besuche in den verschiedenen Abteilungen, Labors und Röntgenstationen festgelegt (siehe »Patient Nr. 2 306 914«, Seite 50). In den nächsten drei, vier Tagen wird der Patient, wie es in der Terminologie der Mayo-Klinik heißt, »durch die Mühle gedreht« (to go through the mill). »Die Spürhunde der Wissenschaft schnappen nach ihm, während er durch die Labor- und Untersuchungsräume gejagt wird ...«, beschrieb die Autorin Lucy Wilder ihre Rochester-Erfahrung. Wenn die Jagd nur lange genug dauert, ist es unausweichlich, daß jemand die Spur aufnimmt.«

Das Zusammenwirken verschiedener Spezialisten unter Einsatz vielfältiger diagnostischer Apparaturen und Labortests erspart dem Patienten nicht nur Zeit, sondern mindert auch die Gefahr der Fehldiagnose. Diese Gefahr droht besonders dann, wenn der Arzt die technischen Untersuchungsmethoden selbst nicht beherrscht oder die Labor-Resultate nicht richtig zu deuten vermag.

»Gewisse Serumveränderungen, zum Beispiel ein erniedrigter Takata-Ara-Wert, kommen unter anderem auch bei chronischen Leber-Erkrankungen vor«, berichtete der Kölner Professor Schulten. »Nun erlebte ich es, daß ein Arzt wegen eines Takata-Wertes ... dem Patienten erklärte, seine Leber funktioniere nur halb. In Wirklichkeit war die Leber völlig normal, und es lag ganz etwas anderes, nämlich ein Myelom* vor, bei dem diese ganz unspezifische Serumveränderung auch vorkommt.« In einer Gemeinschaftspraxis wie der Mayo-Klinik werden in einem solchen Fall automatisch die in Frage kommenden Spezialisten für Leber-Erkrankungen hinzugezogen, um Fehl-Interpretationen auszuschließen.

Auch bei der Untersuchung in einer deutschen Klinik wird der Patient nach demselben Prinzip in den einzelnen Abteilungen examiniert. Daß sich die Mayo-Klinik dennoch einen Ruf erwerben konnte, der den deutscher Universitätskliniken überschattet, ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen:

Da es sich bei der Klientel der Mayo -Ärzte nur um Privat-Patienten handelt, die je nach Einkommen die ärztlichen Leistungen bezahlen müssen, erzielt die Klinik Überschüsse. Diese Summen fließen sämtlich in die Forschung, so daß es den Mayo-Ärzten möglich ist, auf allen Gebieten in großzügiger Weise zu forschen. Die schmalen Etats deutscher Universitätskliniken dagegen gestatten vergleichsweise nur dürftige Anstrengungen. Die deutschen Krankenhäuser sind in der Regel Zuschußbetriebe und können Gelder für die Forschung kaum abzweigen.

Auch der Zeitfaktor verschafft den Mayo-Ärzten einen Vorsprung. Das stattliche Korps der Hilfskräfte und die Rationalisierung der Schreibarbeit entlasten den Mayo-Arzt, so daß er sich in weitaus stärkerem Maße der Forschung und der Fortbildung widmen kann, als das in einer deutschen Klinik möglich wäre.

Als weiterer Hauptgrund für das wissenschaftliche Renommee der Ärzte -Hochburg in Rochester gilt die hochkarätige Organisationsform der Mayo -Klinik, die eindeutig der überständigen hierarchischen Ordnung an den deutschen Kliniken überlegen ist.

An den Kliniken der deutschen Universitäten bestimmt mit hohepriesterlicher Autorität weitgehend der Direktor (Chefarzt) - er allein ist Beamter auf Lebenszeit -, auf welchem Gebiet in seiner Klinik wissenschaftlich gearbeitet wird. Entsprechend der Spezialisierung des Chefarztes und seiner engsten Mitarbeiter - sie sind lediglich Beamte auf Widerruf und können jederzeit, wenn das Wohlwollen des Chefarztes erlischt, ihren Job verlieren - sind die Kliniken im allgemeinen »organ-orientiert«.

Schwerpunkte bilden sich heraus: So gilt beispielsweise gegenwärtig Professor Sarre von der Universitätsklinik Freiburg als Autorität für Nierenkrankheiten oder Professor Henning von der Universitätsklinik Erlangen als Experte für Magen-Darm-Erkrankungen.

Es ist unvermeidlich, daß der Patient an einer Klinik, an der das Schwergewicht wissenschaftlicher Arbeit etwa auf der Erforschung der Leber liegt, vor allem unter dem Blickwinkel der Leberkrankheiten untersucht wird. Ist gleichzeitig die Untersuchung durch eine Autorität auf dem Gebiet der Herz-Erkrankungen erforderlich, wird der Patient notgedrungen die Reise zu einer Klinik antreten müssen, die sich hauptsächlich um die Erforschung dieses Organs bemüht.

Sollte sich daneben aber auch noch die Untersuchung anderer Organe als erforderlich erweisen und sollte der Patient auf eine Untersuchung durch die führenden Kapazitäten Wert legen, so würde er eine Rundreise durch die Mehrheit der deutschen Universitätskliniken antreten müssen, von Chefarzt zu Chefarzt. Jeder dieser Spezialisten würde ein mehr oder minder knappes Untersuchungsresümee an den behandelnden Arzt schicken; Rückfragen wären mühevoll, Diskussionen der Experten untereinander könnten wegen der raumlichen Entfernung nur in seltenen Fallen stattfinden.

Die Mayo-Klinik dagegen beherbergt führende Kräfte der verschiedenen Forschungsgebiete, wie sie in Deutschland die Chefärzte der verstreut liegenden Universitätskliniken repräsentieren, unter einem Dach.

Und als »eindrucksvollsten Aspekt« der Arbeit in der Mayo-Klinik notierte Autor Deutsch die Ungezwungenheit, mit der die Ärzte einander konsultieren. »Durch ein Klopfen an die Tür kann eine Beratung arrangiert werden. Die untersuchenden Fachärzte mögen ohne Verzug auf der Stelle einen schwierigen Fall diskutieren, das Problem aus dem Gesichtswinkel ihres Fachgebiets analysieren und den Patienten, falls sich das als notwendig erweisen sollte, noch einmal gemeinsam im Lichte ihrer Diskussionen untersuchen.«

Litte beispielsweise eine Patientin an Brustkrebs, so würden an einer solchen Beratung und Untersuchung teilnehmen: Internist, Chirurg, Röntgenologe, Gynäkologe und Endokrinologe. Stets wäre dabei die Krankengeschichte komplett mit sämtlichen Unterlagen, den Test-Ergebnissen aus dem Labor und den Röntgenaufnahmen zur Hand.

Daß in Deutschland dagegen die Befunde der Spezialisten dem behandelnden Arzt keineswegs immer vorliegen, ist ein Faktum, das von den Ärzten immer wieder beklagt wird. Schreibt der Kölner Professor Schulten: »Ich kenne Krankenhäuser, wo selbst bei der Verlegung von einer Abteilung auf die andere Röntgenbilder neu angefertigt werden, weil die erste Klinik sie nicht abgibt.«

Was die in der Mayo-Klinik arbeitenden Spezialisten über die Organisationsform hinaus zu einer geschmeidig funktionierenden Mediziner-Equipe werden ließ, ist jene vornehmlich den Angelsachsen angeborene Fähigkeit und Bereitwilligkeit zum »team work«. Daß es den deutschen Medizinern oftmals an den dafür erforderlichen Eigenschaften mangelt - der Internist Professor Schoen zählte sie auf einem Fachkongreß auf: »Unvoreingenommenheit, Offenheit, Belehrbarkeit ohne Geltungsbedürfnis, Achtung vor der Meinung des Anderen, Einfühlungsvermögen und Takt« -, ist Diskussionsthema auf deutschen Mediziner-Treffen. So erhob sich der Züricher Professor Löffler auf einer Münchner Tagung zu eindrucksvoller Selbstkritik: »Wir haben, wir Alemannen, besonders Mühe, uns in die Equipe zu finden.«

In der Mayo-Klinik wird ausdrücklich darauf geachtet, daß sich störrischer alemannischer Geist nicht einzunisten vermag. Kandidaten für vakante Stellen werden sorgfältig auf ihre Eignung für die Arbeit innerhalb einer Gruppe beurteilt. Bevorzugt werden ausgeglichene Charaktere; Mediziner mit deutscher Professoren-Allüre oder kontinentalem Chefarzt-Dünkel haben innerhalb der Klinik keine Überlebens-Chance.

Freilich gewährt die Organisationsform der Klinik kaum Spielraum, in dem berufliche Arroganz wuchern könnte. Denn in der Mayo-Klinik gibt es keinen Chefarzt: Die Mayo-Ärzte regieren sich selber - durch einen elfköpfigen Ausschuß, dessen Mitglieder nur einmal für eine vierjährige Periode gewählt werden. Für alle Mayo-Ärzte gilt die Regel, daß sie sich im Alter von 65 Jahren pensionieren lassen müssen. Diese weise Praktik bewirkt, daß 70 Prozent aller Mitglieder des Ärztestabes jünger als 50 Jahre sind.

Als Mitglied der riesigen Mayo-Ärzteschär bleibt der Mediziner »Gleicher unter Gleichen« (wie die Mayo-Maxime lautet) und unbeeinflußt etwa von der Lehrmeinung eines, zumeist hochbetagten Einzelchefs, von dessen Wohlwollen zwangsläufig Arbeit und Stellung abhängen.

So ist es den Mayo-Medizinern auch leichter möglich, sich unbefangen auf die Erforschung eines Teilfachgebiets zu spezialisieren. An der Mayo-Klinik gibt es beispielsweise Fachärzte für Endokrinologie, die sich wiederum innerhalb ihres Fachgebiets, der Erforschung der inneren Sekretion, auf die Erforschung allein der Hirnanhangdrüse spezialisiert haben.

Das tägliche Zusammenwirken, auf das die Ärzte in einer Gruppenpraxis

wie der Mayo-Klinik angewiesen sind, bringt mit sich, daß die Fachärzte stets über die neuen Entwicklungen in anderen Fachgebieten auf dem laufenden bleiben und nicht der Krankenschein-Routine verfallen.

Die Mayo-Klinik fordert diesen Erfahrungs- und Wissensaustausch über die Zusammenarbeit am einzelnen Fall hinaus: Morgens zwischen sieben und acht, zur Mittagsstunde und nach Beendigung der Konsultationen um 17 Uhr versammeln sich die Ärzte auf jeder Etage in eigens eingerichteten Sälen zu Konferenzen, Seminaren, Demonstrationen und Kolloquien über die neuesten medizinischen Veröffentlichungen.

Führende Wissenschaftler werden regelmäßig eingeladen, vor dem Stab der Mayo-Klinik über den neuesten Stand ihrer Forschungsarbeiten zu referieren. So hat der Patient die Gewähr, daß bei seiner Untersuchung auch neueste Erkenntnisse schon berücksichtigt werden können.

»Eine gut eingespielte ärztliche Gruppenpraxis«, resümierte der französische Arzt Gabriel G. Nahas seine Beobachtungen während eines Besuchs in der Mayo-Klinik, »kann das Niveau ärztlicher Betreuung einer ganzen Gegend heben.«

Auch in anderen europäischen Ländern haben die Ärzte durchaus die Vorteile der Gruppenpraxis erkannt, und namentlich in den skandinavischen Staaten schlossen sich Mediziner zu Gruppenpraxen zusammen.

In Deutschland dagegen widersetzen sich vor allem die älteren, traditionsbewußten Ärzte, die Gruppenpraxis als zeitgemäße und zukunftsträchtige Organisationsform zu akzeptieren. Sie fürchten, daß die in Gruppen zusammengeschlossenen Fachärzte verlockt werden könnten, sich in ungerechtfertigtem Maße gegenseitig Patienten zuzuweisen.

Die Gegner der Gruppenpraxis lassen dabei freilich außer acht, daß die Gepflogenheit, sich auf kollegialer Basis gegenseitig Patienten zuzuschieben, in Deutschland längst besteht. Und sie übersehen, daß sich derartige Praktiken für den Kranken nicht so schädlich auswirken können wie die Sorge der Solo -Ärzte, durch Überweisung an einen fremden Facharzt einen Patienten zu verlieren.

Sie ignorieren auch das am Beispiel der Mayo-Klinik erwiesene Faktum, daß nur die Gruppenpraxis im Bereich der freien Ärzteschaft die Forderung nach »hochgradiger Spezialisierung in engster Zusammenarbeit« erfüllt, mit der allein die »innere Krise der Medizin« überwunden werden kann.

Besonders unter jüngeren deutschen Ärzten mehren sich deshalb die Befürworter der Gruppenpraxis. Ihnen erscheint es unsinnig, daß beispielsweise in einem Stadtbezirk mehrere Arztpraxen bestehen sollen, die sämtlich, wenn überhaupt, über ungenügende Röntgengeräte und veraltete Laboratorien verfügen, während bei einem Zusammenschluß dieselben Ärzte ihre Gemeinschaftspraxis mit modernsten Geräten ausstatten könnten, die wiederum rentabler genutzt werden würden.

Urteilte der Kölner Internist Professor Schulten über die Vorteile, die sich aus der Einführung der Gemeinschaftspraxen auch in der Bundesrepublik ergeben würden: »In jedem Falle ließe sich die diagnostische und therapeutische Leistungsfähigkeit der praktizierenden Ärzte in Deutschland ganz wesentlich heben.«

* Hämatologie: Lehre vom Blut; Gastroenterologie: Lehre von Magen und Darm; Endokrinologie: Lehre von der inneren Sekretion; Kardiologie: Lehre vom Herzen.

* Virologie: Lehre von den Virus-Erkrankungen; Proktologie: Lehre von den Enddarm-Erkrankungen.

* Differentialdiagnose: Bei einem mehrdeutigen Krankheitsbild werden die verschiedenen Symptome ähnlicher Krankheiten oder die Symptome in ihrer Abhängigkeit und Wichtigkeit gegeneinander abgewogen, bis sich das eigentliche Krankheitsbild herausschält.

* Kosmas und Damianus: Nach der Legende

zwei Brüder, Wunderärzte, Märtyrer, Schutzheilige der Ärzte und Apotheker. Sie lebten zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian (284 bis 305 nach Christus).

* Dialyse: Chemische Trennungsmethode.

* Myelom: Geschwulst, die vom Knochenmark ausgeht.

* Für die Brüder William und Charles Mayo.

Mayo-Klinik: Am Rande des Nirgendwo eine Diagnose-Maschine

Simplcissimus

Moderne Medizin à la Mayo: Das Spezialisten-Fließband

Mayo-Klinik 1914: In der Eisenkiste ein Indianer-Skelett

Gründer-Sohn William

Im mittleren Westen ...

Klinik-Gründer William Worrall Mayo

... der Oberste Gerichtshof ...

Gründer-Sohn Charles

... für verurteilte Patienten

Mayo-Comics: Für den Tourismus der Brestraften ...

Mayo-Scherzkarte

... Andenken im Drugstore

Mayo-Labor: Mister Volkswagen war beeindruckt

Mayo-Patientin Karola Lorenz

Aus der Bundesrepublik ...

Mayo-Patient Nordhoff

... zu Inspektion und Operation ...

Mayo-Patienten Guck, Elisabeth Mussauer

... in die Prärie

Mayo-Arzt Kirklin

»Bester Chirurg der besten Klinik«

Gründer-Enkel Charles

Die Landarzt-Söhne stifteten ...

... 13 Millionen für die Forschung: Mayo-Monument in Rocheste

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