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»Fachwissen verschenkt«

aus DER SPIEGEL 24/1994

An optimistischen Worten hatte es nicht gefehlt. Es bestehe Einvernehmen darüber, schrieb Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) im März an BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert, »daß die Effizienz des Bundeskriminalamts dauerhaft gesteigert werden kann«.

Bisher allerdings hat die Umorganisation des Amtes, die nach dem mißglückten Antiterror-Einsatz von Bad Kleinen angeordnet wurde, in der Behörde hauptsächlich für Verdruß gesorgt. Das Klima im Wiesbadener Amt, kritisiert die Gewerkschaft der Polizei, sei seit Bad Kleinen geprägt durch »gegenseitige Schuldzuweisungen im Führungsbereich« und »Mißtrauen auf allen Ebenen«.

Bei der Umstrukturierung, behaupten die Gewerkschafter, seien »übereilte und sachfremde Entscheidungen« getroffen worden. Der Umbau werde »die Leistungsfähigkeit« des Bundeskriminalamts »beeinträchtigen«.

Verunsichert fühlen sich vor allem die rund 4500 Mitarbeiter. Von geplanten Veränderungen wie der Auflösung und Zusammenlegung von Referaten oder der Reduzierung von bisher 12 auf 9 Abteilungen erfuhren manche Fahnder erst über den Flurfunk oder aus der Zeitung. Viele der Bediensteten beklagten sich beim Personalrat, sie seien über die Umorganisation schlecht informiert worden.

Auch die Führungsspitze wird umgekrempelt: Letzte Woche hat Kanther drei hochrangige BKA-Beamte zu Hauptabteilungsleitern ernannt. Zusammen mit ihrem Chef Zachert und dessen Stellvertreter Bernhard Falk sollen sie eine Art fünfköpfigen BKA-Vorstand bilden.

Faktisch wird Zachert, der bei der Aufarbeitung des Fehlschlags von Bad Kleinen selbst in die Kritik geriet, durch die kollektive Führung zum Frühstücksdirektor degradiert, der Repräsentationspflichten wahrnimmt und seine Ehrenämter bei Interpol pflegt. Entscheidungen über Polizeieinsätze, etwa im Kampf gegen Terroristen, soll künftig Vizepräsident Falk treffen.

Die wohl plausibelste Neuerung, die Zusammenlegung der Abteilungen Links- und Rechtsterrorismus in Meckenheim bei Bonn, erzeugt intern den größten Unmut: Die Beamten, die zur Zeit von der BKA-Zentrale in Wiesbaden aus nach Terroristen der Roten Armee Fraktion und anderen linksextremistischen Gewalttätern fahnden, wollen in Wiesbaden bleiben.

Kein einziger der 200 Terroristenjäger mag freiwillig nach Meckenheim umziehen, was kostspielige Folgen hat. Von November an werden kurzerhand erst mal 75 Beamte nach Bonn abgeordnet - mit Anspruch auf Trennungsgeld, Unterbringung, Erstattung von Fahrtkosten und Rückkehrgarantie nach sechs Monaten.

Die Abteilung, die den Fehlschlag von Bad Kleinen mit zu verantworten hat, soll deshalb nach und nach mit Absolventen der Polizeischule aufgefüllt werden. Die bisherigen Antiterror-Spezialisten erhalten dann in Wiesbaden andere Aufgaben, etwa bei der Rauschgiftfahndung oder der Jagd auf Wirtschaftskriminelle.

»So wird Fachwissen verschenkt«, schimpft ein hochrangiger Fahnder, »beim nächsten Einsatz könnte Bad Kleinen noch übertroffen werden.«

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