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MANÖVER Fällige Generalprobe

In der Ostsee erregte die größte Schiffsarmada seit dem Zweiten Weltkrieg Aufsehen. Ganz unauffällig zog die Sowjetflotte wieder ab.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Aus allen Weltmeeren und von allen Sowjetflotten marschierte heran, was der Admiralität lieb und teuer ist -- von modernsten Einheiten bis hin zu »Swerdlow«-Kreuzern vom alten Eisen, die Raketenfreund Chruschtschow einst »lahme Enten« nannte, tauglich allenfalls für Staatsbesuche.

Ein Landungsboot der »Iwan Rogow«-Klasse (13 000 Tonnen), das zur Pazifik-Flotte gehört, kam aus dem Indischen Ozean und brauchte fünf Wochen bis zur Einfahrt in die Ostsee, das »Friedensmeer« (DDR-Propaganda). Der Riese, erst 1978 in der Werft von Kaliningrad/Königsberg fertiggestellt, transportiert 400 Marineinfanteristen plus 40 Kampfpanzer und noch drei Luftkissenlandungsboote an Bord.

Die sowjetische Schwarzmeerflotte entsandte den Hubschrauberträger »Leningrad«, der mit seinen 18 Helikoptern -- gegen U-Boote -- die Fernsicherung der Manöver übernahm.

Aus dem hohen Norden, aus Murmansk, dampfte der Flugzeugträger »Kiew« an. Seine zwölf Senkrechtstarter leisteten Schützenhilfe, als 10 000 Sowjetarmisten den Sowjetstrand bei Pillau eroberten, am Nordausgang der Danziger Bucht -- nur 30 Kilometer von Walesas Volksrepublik Polen entfernt.

Obwohl das großartige, nur durch Nebel behinderte Landungsmanöver sich akkurat als Drohgebärde eignete, setzt ein Zusammenziehen von 60 Kriegsschiffen über derartige Distanzen langfristige Planung voraus. Fregattenkapitän Volker Hogrebe vom Flottenkommando in Glücksburg: »Wir gehen von einer Vorbereitungszeit von etwa anderthalb Jahren aus.« Doch Anfang 1980 regierte in Polen noch ganz unangefochten Edward Gierek.

West-Beobachter waren beeindruckt von der Fähigkeit der Sowjets zu amphibischen Operationen. Obwohl nicht eingeladen, konnten die Zuschauer alle Bewegungen der Sowjets verfolgen.

Jeder noch so kleine Verband wurde von einer Küstenwacht zur anderen weitergereicht. In internationalen Gewässern verfolgten Aufklärungsflugzeuge S.162 den Kurs der Sowjetschiffe, hefteten sich westliche Begleitboote an die schwimmende Wehr der UdSSR.

Oft trennten nur wenige Meter die Bordwände, wie SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Mallmann ausmachte, als er mit einer Do-28 der Bundeswehr ein Landungsboot der »Ropucha«-Klasse in der zulässigen Höhe von 300 Metern überflog. Die Rohre der Luftabwehrgeschütze auf dem Sowjetkreuzer »Murmansk« folgten vorsichtshalber der Anflugbahn des fremden Flugzeugs.

Allein fünfmal übten die Sowjetmariner kleinere Landungsunternehmungen. Dann probte am 11./12. September die gesamte Armada an der samländischen Küste das Anlanden, Inbesitznehmen und Verteidigen eines größeren Gebietes. Es war, so der Flotten-Experte Siegfried Breyer, »die jetzt fällige Generalprobe« für Moskaus Interventionspotential zu Wasser.

Denn zum ersten Mal waren auch zivile Transportschiffe einbezogen. Daß die Sowjetmatrosen trotz Warschauer Pakt ganz unter sich blieben, läßt laut Breyer auf Planungen für ein sowjetisches Gegenstück zur »Rapid Deployment Force« (schnellen Eingreiftruppe) der USA schließen.

Weniger schnell ging nach Abschluß der Übungen (Sowjetagentur Tass: »Ziele erreicht") die Rückfahrt zu den Heimatflotten vor sich. Nach der Konzentration verdrückten sich die Einheiten in kleinen Rudeln.

Nur jeden zweiten oder dritten Tag schwamm ein Häuflein Schiffe aus der von den Sowjets als Binnenmeer ("Baltik") betrachteten Ostsee, der Reihe nach. Zuletzt passierten vergangenen Montag drei Landungsboote den Großen Belt mit Ziel Murmansk. Ende der Woche waren nur noch die »Iwan Rogow« und eine Lenkwaffenfregatte im Baltischen Meer.

Im schleppenden Abzug der nicht zur sowjetischen Ostseeflotte gehörenden Kriegsschiffe sehen westliche Marineexperten nichts Außergewöhnliches. Sie verweisen auf eine Proklamation aus dem Jahr 1951, mit der sich die dänische Regierung ausbat, daß innerhalb von 24 Stunden nicht mehr als drei Kriegsschiffe einer Nation ohne Anmeldung durch den Belt fahren.

Um sich dieser, für die Sowjetmacht wohl ehrenrührigen Anmeldepflicht bei den Dänen zu entziehen, schickten die Sowjets nie mehr als drei Schiffe gleichzeitig durch den Belt.

S.161Am 12. September bei Pillau.*

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