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Kommunikation Fahndung nach der Killer-Idee

Der Standard GPRS verspricht neue Dienste: Per Handy sollen sich die Nutzer informieren und amüsieren.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Jeder bekommt eine zweite Chance - auch Mobilfunk-Unternehmen. Nach der Pleite mit Wap, das erstmals Online-Abfragen per Handy ermöglichte, aber kaum Nutzer gefunden hat, ruhen nun die Hoffnungen der Branche auf vier Buchstaben: Mit Hilfe des neuen Standards GPRS ("General Packet Radio Service") wollen sie M-Commerce, dem mobilen Handel, endlich Schwung verleihen.

GPRS werde eine »neue Ära der Mobilkommunikation« einläuten, jubelt die Telekom-Tochter T-Mobil. Das System sei »die nächste Stufe auf dem Weg ins mobile Multimedia-Zeitalter«, tönt der Konkurrent D2 Vodafone. Und Viag Interkom verspricht den Kunden »ungeahnte Nutzungsmöglichkeiten«.

Technisch betrachtet, bedeutet GPRS in der Tat einen historischen Schnitt. Erstmals werden Verbindungen nicht mehr in Sekunden abgerechnet, sondern in Bytes. Vor der Übermittlung werden die Daten zerlegt, über gerade offene Kanäle gesendet und dann beim Empfänger wieder zusammengesetzt.

Der hat ständig Kontakt mit dem Netz, er ist »always online«, und kann so permanent mit E-Mails, Aktienkursen oder Wetternachrichten versorgt werden - schneller, komfortabler und billiger als bisher, so versprechen die Anbieter.

Bislang freilich ist der Start ins GPRS-Zeitalter eher schleppend verlaufen. Wie bei der Einführung von Wap sind auch diesmal zu Beginn kaum geeignete Geräte auf dem Markt. Technische Schwierigkeiten haben zudem den Start des GPRS-Netzes um Monate verzögert, eigentlich sollte es schon im Sommer vergangenen Jahres stehen. Das Übertragungstempo ist zwar schneller als bisher, aber noch weit entfernt von der Geschwindigkeit, die anfangs versprochen wurde.

Dass Surfen per Handy nun billiger werde, stimmt ebenfalls nicht in jedem Fall. Die ersten Tarifmodelle, die vorgestellt wurden, mit Tagesgebühren, monatlichen Grundpreisen und Abrechnungen pro Zehn-Kilobyte-Paket können es unter Umständen sogar weit teurer machen, als es Wap je war.

»Viel zu kompliziert«, schimpft Alexander Samwer, Mitbegründer des mobilen Portals Jamba, »wer weiß schon, wie viel ein Kilobyte ist?« Was den Telekommunikationsfirmen derzeit aber am meisten zu schaffen macht, ist die Ungewissheit, was im mobilen Netz überhaupt Zuspruch finden mag: Werden Spaßangebote wie Spiele, Horoskope oder Comics die Renner sein? Oder laden sich die Nutzer eher Informationen wie Aktienkurse oder Verkehrsnachrichten auf das Handy? Wofür also sind die Kunden bereit, Geld auszugeben? Unter großem Druck versuchen alle Mitspieler im drahtlosen Geschäft, eine Killer-Idee aufzuspüren, die Handy-Telefonierer massenhaft mobilisieren könnte - gesucht wird das Moorhuhn des Mobilfunks.

Viel hängt für die Telekommunikationsfirmen davon ab, ob die neuen Dienste erfolgreich sein werden. Schließlich ist GPRS die Generalprobe für UMTS, das Nachfolgesystem, das auch Musik und bewegte Bilder auf die mobilen Endgeräte bringen soll. Sollte schon GPRS nicht richtig einschlagen, dann müssten die hoch verschuldeten Konzerne wohl auch ihre milliardenschweren Investitionen in Lizenzen, Infrastruktur und Vermarktung von UMTS in den Wind schreiben.

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