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Polizei Fahne im Dienst

Die Polizei hat ein neues Aktionsfeld entdeckt: den Kampf gegen Alkoholismus und Spielsucht in den eigenen Reihen.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Als Jürgen Benger eine Flasche Wodka stahl, wurde er gleich erwischt. Der Ladenbesitzer rief die Polizei, eine Funkstreife nahm ihn mit auf die Wache.

Doch die Hoffnung des Alkoholikers, »daß sich endlich mal einer um mich kümmert, statt immer nur wegzusehen«, erfüllte sich nicht. Sein Chef ließ ihn mit der Ermahnung laufen: »Mach das nie wieder!« Erst ein weiterer Diebstahl brachte Benger ans Ziel: Seine Behörde schickte ihn zur Entziehungskur. Das Ungewöhnliche an dem Fall: Benger ist Polizist, seit 26 Jahren im Staatsdienst und fast ebensolange alkoholkrank.

Seit seiner durchs Klauen erkämpften Kur ist der Polizeioberkommissar trocken. Inzwischen arbeitet er als einer von fünf Suchtberatern im Dezernat »Sozialbetreuung« beim West-Berliner Polizeipräsidium. Dort kümmert er sich um alkohol- und spielsüchtige Kollegen.

Gezielte Hilfe für die Gesetzeshüter tut not. Denn Benger ist kein Einzelfall: Auf fünf Prozent wird die Zahl alkoholabhängiger Polizeibeamter in der Bundesrepublik geschätzt, als gefährdet gelten noch einmal so viele. »Wer immer noch behauptet, er habe keinen Alkoholiker in seinem Bereich, der ist blind«, sagt Horst Olszewski, Direktor der Bereitschaftspolizei in Nordrhein-Westfalen.

Schichtdienste, Gewalt bei Großeinsätzen gegen Autonome oder Hausbesetzer, bei Demonstrationen, Hilfeleistung bei tödlichen Unfällen, das alles stecke keiner einfach weg. Olszewski: »Die Belastungen durch den Dienst sind so groß, daß der Schritt zum Alkoholiker eher klein ist.« Die Schwierigkeiten in den eigenen Reihen - Suff, Glücksspiel, psychisch überforderte junge Beamte - wachsen.

Lange Zeit haben Polizeibehörden und Innenministerien die Sünden ihrer Ordnungshüter tabuisiert, vertuscht oder verharmlost. Doch der Problemdruck * Mit Therapeuten Benger und Krinzner (2. u. 4. v. l.). wächst. Im Herbst ist ein bundesweites Treffen von Suchtberatern, Ärzten und Therapeuten geplant, die sich ausschließlich mit dem Alkoholismus von Polizisten beschäftigen wollen. Ziel der Veranstaltung ist ein einheitliches Hilfsprogramm für suchtgefährdete Gesetzeshüter in den Ländern.

Daran hapert es bislang. Nur Berlin und Hamburg haben hauptamtliche Suchtberater eingesetzt.

Die Berliner haben inzwischen rund 400 Beamte betreut. Ihre Bilanz: »Ein Drittel wird trocken, ein Drittel schafft es nach Rückschlägen, drei Selbstmorde wegen Alkohol pro Jahr, der Rest säuft weiter« (Benger).

Die Quote von gut 30 Prozent süchtiger Polizisten, die es im ersten Anlauf schaffen, liegt weit über dem westdeutschen Schnitt bei der Alkoholiker-Therapie. Der stagniert bei 5 bis 8 Prozent.

Benger führt den Berliner Erfolg sowohl auf gezielte Aufklärung der Vorgesetzten über den Umgang mit den suchtkranken Kollegen als auch auf eine intensive Nachbetreuung der Kranken zurück. Benger: »Hier lernen sie wieder, richtig Dienst zu machen, bevor sie an ihren alten Arbeitsplatz zurückgehen.«

Seit die Berliner Polizei die interne Trunksucht offensiv bekämpft, sind Schlagzeilen über Vergehen angesäuselter Ordnungshüter seltener geworden.

»Der Polizist als Säufer ist natürlich viel prekärer als der Maurer, der zur Flasche greift«, sagt der Polizeibeamte Gerhard Kandt*, der weiß, wovon er spricht.

Seine Dienstwaffe hat Kandt, der ohne die Berliner Suchtberater »kaputtgegangen« wäre, abgegeben. Er hat Angst, daß er »draußen noch immer durchdrehen könnte«.

Der 56jährige, der drei Entgiftungen hinter sich hat, berichtet, er sei vor zwei Jahren »in die Klinik zwangseingewiesen« worden, weil er seiner Frau gedroht habe, »ihr mit dem Hammer den Schädel einzuschlagen«.

Kandt gehört zu denen, die von Suchtberatern bei der Polizei als »Alt-Lasten« bezeichnet werden: ältere Beamte, deren Alkoholismus von Kollegen wie Vorgesetzten oft über Jahrzehnte hinweg gedeckt wurde. Daneben sehen sich die Therapeuten zunehmend mit Kollegen konfrontiert, die einer neuen, nicht minder gefährlichen Sucht frönen: meist jungen Beamten, die dem Glücksspiel verfallen sind.

»Wie groß das Problem ist, sieht man daran, daß allein bei der Gehaltsstelle für die Berliner Polizei allmonatlich rund hundert Pfändungs- und Überweisungsbeschlüsse auflaufen«, sagt Dietrich Krinzner, 47, der sich im Polizeipräsidium auf Schuldenberatung spezialisiert hat. Doch »leider kommen Spiel* Name von der Redaktion geändert. süchtige bislang erst dann, wenn die Gläubiger bei ihrer Dienststelle anrufen«.

Ähnlich wie Berlin setzt auch Hamburg ehemals alkoholabhängige Polizisten als Suchtberater ein - mit gutem Erfolg. »Als Polizist kenne ich den Laden, was Nähe und Vertrauen schafft«, sagt Ernst Harders, 51, »und als Alkoholiker bin ich mit sämtlichen Tricks der Betroffenen aus eigenem Erleben vertraut.« Gut jeder zweite suchtkranke Polizist in Hamburg schafft es mit Hilfe der Therapeuten, auf Dauer trocken zu bleiben.

Andere Bundesländer tun sich noch immer schwer mit den trunksüchtigen Polizisten. In Hessen etwa »müßten längst alle Alarmglocken läuten«, gesteht Hansgeorg Koppmann, Personalratsvorsitzender der Frankfurter Polizei: »Früher waren das Einzelfälle, aber seit zwei Jahren häuft sich das.«

Der Gewerkschafter: »Da kommen Kollegen mit 'ner Riesenfahne zum Dienst, oder sie fehlen gleich ganz. Wir hatten auch schon Fälle von total abgestürzten Beamten, die über Monate verschollen waren.«

Beunruhigt ist Koppmann vor allem bei dem Gedanken, »daß Alkoholiker mit Dienstwaffen herumlaufen«. Er kennt Kollegen, die »bei simplen Ehestreitigkeiten mit der gezückten Waffe in der Hand reinstürmen«.

Um die hessischen Behörden auf Trab zu bringen, hat Koppmann jüngst öffentlich zwei Suchtberater für das Frankfurter Polizeipräsidium gefordert. Das trug ihm prompt eine scharfe Rüge von Reinhold Stanitzek, Staatssekretär im hessischen Innenministerium, ein. Brieflich fragte Stanitzek bei Koppmann an, ob er glaube, »daß solche Aussagen dem Ansehen der Polizei förderlich sind oder ob sie nicht auch zu einer unwillkommenen und unberechtigten Verunsicherung der Mitbürger führen«.

Verunsichert zeigte sich zumindest Hessens Innenminister Gottfried Milde (CDU). Nach langem Zieren genehmigte er jetzt einen ersten bescheidenen »Modellversuch«. Ein Jahr lang soll ein »Ansprechpartner« im Frankfurter Präsidium Alkoholkranke beraten. Danach werde geprüft, »ob das landesweit ausgebaut wird«, verspricht Mildes Mitarbeiter Christian Jaletzke, der sich nach wie vor »entschieden dagegen wehrt, ein Suchtproblem zu konstruieren«.

Immerhin räumt er Disziplinarfälle wegen übermäßiger Sauferei bei der Polizei ein. Mit den Betroffenen sei aber »dezent, diskret, hilfreich« verfahren worden.

Koppmann hat ganz andere Erkenntnisse: »Auffällig gewordene Beamte werden hier dem Polizeiarzt zugeführt, der ihre Leberwerte untersucht. Falls sich der Verdacht auf Alkoholismus erhärtet, wird zur Disziplinarkeule gegriffen, manchmal mit der Endstufe Entlassung aus dem Dienst.«

Wie in Hessen machen auch in Bayern die Beamten Druck von unten. Im Freistaat, wo notorische Saufkumpane angeblich auf Dienststellen mit dem Spitznamen »KKS« (Kranke, Kriminelle, Säufer) abgeschoben werden, hat sich eine Arbeitsgruppe gegen »Alkohol am Arbeitsplatz« gegründet.

Die Initiatoren wollen Suchtberater nach Berliner Vorbild. »Bescheiden haben wir aber erst mal angefangen, Dienststellenleiter für das Problem Alkohol zu sensibilisieren; getreu dem Motto ,Säuft der Vorstand, dann säuft auch die Belegschaft'«, sagt der Münchner Polizeipsychologe Manfred Langer, 41, der die Arbeitsgruppe leitet.

Den regierenden Sozis in Nordrhein-Westfalen sind die Suchtberater für die landeseigenen Beamten schlicht zu teuer. Dabei geht das Düsseldorfer Innenministerium von fünf Prozent Alkoholkranken aus, das sind bei 43 000 Polizeibeamten etwa 2150.

Für sie bietet das größte Bundesland gerade sechs sogenannte Soziale Ansprechpartner auf, geschulte Beamte, die neben ihrem normalen Dienst abhängigen Kollegen helfen. Zwar will NRW die Ansprechpartner jetzt kräftig vermehren, aber hauptamtliche Suchthelfer sind nicht geplant, weil sie den Landeshaushalt zu sehr belasten.

Eine Milchmädchenrechnung. »Die wiedergewonnene Arbeitskraft von Alkoholikern spart hier jährlich rund eine halbe Million Mark«, hat Berlins Polizeipräsident Georg Schertz errechnet, »die Kosten für unsere Sozialbetreuung sind hierbei schon abgezogen.« f

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