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KAMBODSCHA / ULTIMATUM Fahne verbrannt

aus DER SPIEGEL 12/1964

Prinz Norodom Sihanouk, 41, Samdech (Führer) von Kambodscha und bisher erfolgreichster Schaukelpolitiker Südostasiens, lud ein halbes Dutzend Auslandskorrespondenten in sein Ferienhaus in Kep, einem Badeparadies am Golf von Siam.

In einem offenen Pavillon unter Palmen formulierte der Herrscher über sechs Millionen Buddhisten in exzellentem Französisch, ab und zu an einem Glas Champagner nippend, seine neueste Botschaft für die Welt: ein Ultimatum an die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die USA, so Sihanouk, müßten zusammen mit ihren Verbündeten und den Kambodscha-Nachbarn Thailand und Südvietnam auf einer von ihm einberufenen Konferenz Kambodschas Grenzen und Neutralität garantieren.

»Sollten Amerika und seine Freunde bis Ende April unserer Forderung nicht zustimmen«, drohte Sihanouk, »dann werden wir diplomatische Beziehungen zu Nordvietnam aufnehmen und die Regierung in Hanoi als einzige Vertretung ganz Vietnams anerkennen.«

Nach einem weiteren Schluck aus seinem Sektglas verschärfte der Prinz noch das Ultimatum: »Wenn die Konferenz bis Ende Mai nicht zustande kommt, werden wir die diplomatischen Beziehungen zu den USA und ihren Verbündeten abbrechen. Ich persönlich werde nach Hanoi und Peking fahren, um mit Nordvietnam und China ein Militärbündnis abzuschließen.«

Sihanouks Ultimatum trifft Washington in einem Augenblick, da die USA gezwungen sind, verstärkte militärische Anstrengungen zu unternehmen, um Südostasien vor dem Kommunismus zu bewahren: Anfang März sicherte US-Verteidigungsminister Mc-Namara der Regierung Südvietnams uneingeschränkte Hilfe im Kampf gegen die von China und Nordvietnam unterstützten Vietcong-Partisanen zu. Ein noch stärkeres amerikanisches Engagement in dem fünfjährigen Dschungelkrieg ist notwendig geworden, weil die roten Guerillas seit Ende vorigen Jahres die antikommunistischen Truppen immer härter bedrängen (SPIEGEL 8/1964).

An den Guerilla-Erfolgen ist Kambodscha-Prinz Sihanouk nicht unbeteiligt. Er hatte im November vergangenen Jahres die sofortige Einstellung der amerikanischen Wirtschaftshilfe (bis dahin 1,4 Milliarden Mark) und den Abzug der amerikanischen Militärberater aus Kambodscha gefordert.

Anlaß des Prinzen-Ukas: Kambodschanische Exilpolitiker der Bewegung »Freies Kambodscha« hatten mit Geheimsendern in den traditionell kambodschafeindlichen Nachbarstaaten Südvietnam und Thailand gegen die Regierung des Prinzen agitiert und zum Sturz Sihanouks aufgefordert.

Da beide Staaten mit den USA verbündet sind, ersuchte Sihanouk die Vereinigten Staaten, die »Hetzsendungen« seiner innenpolitischen Gegner zu unterbinden. Die US-Behörden in Südvietnam aber erklärten, ihnen sei von Schwarzsendern nichts bekannt.

Hinter dieser Haltung der USA witterte der Prinz ein Komplott des amerikanischen Geheimdienstes CIA mit Thailand und Südvietnam: Ihm war bekannt, daß die Amerikaner über besonders wirksame technische Geräte verfügen, mit denen sie auch den kleinsten Partisanensender in den Dschungeln Südvietnams aufspüren können.

Vor hundert Jahren hatte sich Kambodscha-König Norodom I. - aus Furcht vor seinen Nachbarstaaten - Frankreich als Beschützer erkoren. Sihanouk suchte nun, um die USA und ihre Verbündeten auszumanövrieren, Anschluß an Rotchina.

Der Prinz, dem es bisher gelungen war, sein Land als einzigen der Nachfolgestaaten Französisch-Indochinas vor Kommunismus und Bürgerkrieg zu bewahren, entwarf einen diplomatischen Meisterplan: Er will die beiden großen Gegenspieler in Südostasien - Rotchina und Amerika - dazu bewegen, die Unverletzlichkeit der Kambodscha -Grenzen in einem Neutralitätsvertrag zu garantieren. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte er sich

- von den engen Beziehungen zu den

USA lösen und zugleich

- strategischen Wünschen Rotchinas entgegenkommen.

Die Rotchinesen aber kalkulierten prompt: Zusammen mit dem kommunistischen Nordvietnam und einem von kommunistischem Militär beherrschten linksneutralistischen Laos würde ein mit Peking verbündetes Kambodscha einen Keil zwischen Thailand und Südvietnam, die beiden letzten Bastionen des Westens in Südostasien, treiben.

Die 600 amerikanischen Experten hatten Kambodscha noch nicht verlassen, da traf bereits die erste rotchinesische Militärmission in der kambodschanischen Hauptstadt Pnom-penh ein.

Den Experten folgten Waffen. China steuerte für die Ausrüstung der 33 Bataillone des Sihanouk-Heeres Geschütze, Maschinengewehre und 200 Lastkraftwagen bei. Die Sowjet-Union spendete zwei Mig-Düsenjäger, außerdem Mörser und Maschinenpistolen. Jugoslawien schickte zwei Torpedoboote.

Anfang Februar verkündete Sihanouk, daß er mit Peking einen Vertrag geschlossen habe, der den Chinesen erlaubt, in Kambodscha zwei Militärflugplätze für Düsenjäger zu errichten, einen in Svay Rieng an der südvietnamesischen Grenze, den zweiten in Sien Reap, unweit der Thailand-Grenze.

Ernste Folgen aber hatte die Linkswendung des Prinzen für den Krieg in Vietnam. Seit dem Abzug der Amerikaner wird Kambodscha von den Vietcong-Partisanen ungehindert als Nachschub- und Rückzugsgebiet benutzt. Die schwersten Schlappen verdankt die südvietnamesische Armee Vietcong -Banden, die von Kambodscha aus operieren.

Daraufhin begannen die südvietnamesischen Truppen, flüchtende Vietcongs über die Grenze hinweg zu verfolgen. Am 4. Februar bombardierten vietnamesische Kampfflugzeuge das kambodschanische Grenzdorf Mong. Zwei Wochen später warf der Kambodscha-Prinz Amerika, der Schutzmacht Südvietnams, den Fehdehandschuh hin.

Sihanouks Untertanen untermauerten das diplomatische Ultimatum ihres Prinzen durch undiplomatische Handgreiflichkeiten: Am Mittwoch vergangener Woche verwüsteten Demonstranten die US-Botschaft in Pnom-penh und verbrannten die amerikanische Flagge.

Kambodscha-Prinz Sihanouk

Pakt mit Peking

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