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»Fahren Sie sich halt erholen«

Großeinsatz der Prager Geheimpolizei beim Genscher-Besuch / Von Jiri Hajek Jiri Hajek, 67, in der Dubcek-Ära Außenminister der CSSR und noch bis September 1969 ZK-Mitglied, gehört zu den Begründern der Bürgerrechtsbewegung »Charta 77« und wird seither ständig von der Polizei bespitzelt. Während des Besuchs von Außenminister Genscher in Prag wurde er in die Provinz verbannt, weil die Behörden ein mögliches Zusammentreffen des deutschen Gastes mit dem prominenten Dissidenten verhindern wollten.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Beim Blick auf das Kalenderblatt des 18. Dezember 1980 fiel mir ein: Vor genau 40 Jahren hat mich der Berliner Volksgerichtshof zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ich halte üblicherweise nichts von Jubiläen. Dieses Datum schien mir aber denn doch des Feierns wert.

Meine Überlegung setzte offenbar eines jener bekannten Märchen in Gang, in denen allsogleich Zauberer und Feen erscheinen, um die geäußerten Wünsche zu erfüllen. Es läutete an der Gartentür. Statt Fee oder Zauberer trat allerdings ein Leutnant der Staatspolizei auf.

Mit ihm hatte ich zuletzt vor drei Wochen zu tun gehabt. Er tauchte damals knapp hinter mir aus der Tiefe des Prager U-Bahn-Tunnels am Wenzelsplatz auf, lächelte verbindlich und brachte mich unter Berufung auf Paragraph 19 des Polizeigesetzes in die Bartolomejska.

( Zentrale Dienststelle des ) ( Staatssicherheitsdienstes. )

Weil''s in einem Aufwaschen ging, nahm er auch gleich noch meinen Freund und Genossen Lubos Kohout mit, mit dem ich zufällig in der U-Bahn gefahren war.

Die ganze Aktion entpuppte sich damals übrigens als kleiner Schwindel. Die Herren in der Bartolomejska zeigten keinerlei Bedürfnis, mir Auskunft über meine angeblichen Straftaten zu geben, wie das Gesetz es vorschreibt. Sie wollten einfach ein wenig in meiner Aktentasche schnüffeln -- wohl in der Hoffnung, zwischen alten Zeitschriften irgendeinen praktikablen Beweis für meine ketzerischen Ansichten zu finden.

Wie gesagt, ich hatte schon meine Erfahrungen mit der freundlichen Art dieses Leutnants. An diesem 18. Dezember aber setzte er kein Lächeln auf. Knapp teilte er mir mit, daß meine Kontakte zu fremden Staatsangehörigen unerwünscht seien.

Auf sachliche und rechtliche Begründungen, nach denen ich ihn fragte, ging er erst gar nicht ein. Vielmehr verabschiedete er sich mit dem Hinweis auf höchst unangenehme Folgen, die ich bei Zuwiderhandeln in Kauf nehmen müßte.

Wenige Augenblicke später parkte auf der Gassenseite gegenüber meiner Wohnung ein grüner Pkw Typ »Wolga«. Einer der drei Insassen kam mir irgendwie bekannt vor. Um mir Gewißheit zu verschaffen, griff ich nach einer Einkaufstasche und ging vor die Tür.

Die Probe aufs Exempel funktionierte bestens. Zwei von der »Wolga«-Besatzung sprangen sogleich aus dem Wagen. Mit ihnen im Gefolge marschierte ich zur Milchfrau, wohin sich später auch der »Wolga« bemühte.

Das Szenarium wiederholte sich, als ich zum Briefkasten wanderte, und dann nochmals, als ich unseren »Cäsar« auf die Gasse führte. Der Hund schien derart überwältigt von Wiedersehensfreude, daß er bellend zum »Wolga« sprang und dort das Hinterbein hob. Ich konnte ihn nur im letzten Moment wegzerren.

Durch fleißiges Studium der Tageszeitungen ergründete ich dann endlich die auslösende Ursache der Märchenerscheinungen: Prag erwartete den Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Genscher.

Sofort erinnerte ich mich daran, wie ganz ähnlich ich im November 1979 das 40. Jubiläum meiner Festnahme durch die Gestapo gefeiert hatte, weil mein Zusammentreffen mit dem österreichischen Außenminister Pahr in Prag unerwünscht war.

Dies hatte mir die Polizei damals ganz klar gemacht. Ich versicherte, daß ich mich niemandem aufdrängen möchte, es aber Dank meiner guten Erziehung nicht ablehnen könne, wenn mich jemand aus der Umgebung des Herrn Ministers -- eines Mannes, den ich seit meiner eigenen Amtszeit kenne -- zu sprechen wünsche. Ein solches Benehmen gehöre, wie die Herren sicherlich wüßten, zu den normalen Bräuchen in zivilisierten Staaten.

Überdies pflegen auch unsere eigenen Regierungsfunktionäre bei ihren offiziellen Auslands-Besuchen außerhalb des Programms eine Reihe von Kontakten mit Leuten, die sie interessierten und von denen sich zumindest etliche nicht annähernd so positiv zur Gesellschaftsform ihres Landes stellten wie ich zum Sozialismus und zur Rechtsordnung der CSSR, für deren konsequente Einhaltung ich mich gemeinsam mit meinen Freunden einsetze.

Während Pahrs Prag-Aufenthalt war mir stets eine Tatra-Limousine auf den Fersen gewesen. Auf dem Weg zu einem Freund, der in einem anderen Stadtteil wohnt, wurde ich verhaftet und drei Stunden festgehalten.

Sollte ich jetzt in den Genscher-Tagen ähnliches riskieren? Ich entschloß mich, unseren Stadtbezirk nicht zu verlassen und solcherart auch der Wolga-Besatzung beim Sparen von Benzin und Kräften zu helfen.

Tatsächlich verhielten sich die Polizisten passiv, als abends der westdeutsche Journalist Hans Peter Riese zu uns kam. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da die Dunkelheit sowohl den »Wolga« wie auch einen wesentlichen Teil unserer Gasse verhüllte -- letzteres deshalb, weil im Juli auch die Laterne vor unserem Haus erloschen war, als mir jemand mit Steinen die Fenster einwarf.

Hans Peter Riese, ein Anhänger der Brandt-Politik und des Ost-West-Dialogs, gehörte zu Genschers Journalisten-Begleitung S.106 und wollte mir guten Tag sagen.

Da man ihn weder bei der Ankunft noch beim Weggehen belästigte, keimte in mir törichter Optimismus auf. Schon glaubte ich, irgendeiner da oben fände es im Zeichen der Koexistenz schicklich, Besucher aus dem Westen so zu behandeln, wie der Westen unsere Besucher behandelt. Weitere Nahrung erhielt meine Naivität durch die Tatsache, daß man am Morgen plötzlich die Laterne vor unserem Haus reparierte.

Doch es dauerte nicht lang, bis vor unserer Gartentür ein Polizeiwagen vorfuhr. Zwei gut gewachsene uniformierte Männer bauten sich als Torschmuck auf. »Das haben sie sich selbst eingebrockt«, kommentierte mein Leutnant und kündigte mir die Aufwartung seines Oberstleutnants an.

Der trat ein, als unsere Familie sich gerade zum Essen setzen wollte. Großzügig ging er über unsere früheren Unstimmigkeiten hinweg und meinte, diesmal könnten wir uns ganz bestimmt einigen.

Der Chefpolizist legte mir nahe, samt Familie in mein Wochenendhäuschen nach Krhanice zu fahren, es sei ja ohnehin schon Freitag.

Als meine Frau die Tour wegen dringender Wochenend-Arbeiten ablehnte, konzentrierte er seine Fürsorge ganz auf mich. »Fahren Sie sich halt allein erholen«, sagte er und bot sogar an, mich persönlich nach Krhanice zu bringen, mehr noch, mir unterwegs auf Kosten von Staat und Gesellschaft ein Mittagessen zu zahlen.

Soviel Sorge um mein Wohlergehen hätte mich zweifellos rühren sollen. Nur leider bin ich undankbar. Ich äußerte Zweifel über die lauteren Motive seines Vorschlages.

Ich wisse doch, argumentierte er, wie ernst die Weltlage sei, wie sehr sich unsere Genossen um die Entspannung bemühten. Eben deshalb verhandelten sie zur Zeit mit Genscher. Und da wolle ich das alles stören? Mahnend erwähnte er den Besuch von Herrn Riese am Vortag, der meine Bereitschaft bewiesen habe, »auch andere zu empfangen«.

Ich deutete auf das umzingelte Haus und wiederholte, was ich im Vorjahr beim Besuch des Österreichers ins Treffen geführt hatte: daß es grob und unhöflich wäre, einen Besuch abzuweisen, von dem ich freilich gar nicht wüßte, ob er überhaupt geplant sei.

Umsonst, der Polizeioffizier sah darin nichts als eine Bestätigung meiner festen Absicht, in Verhandlungen einzugreifen, die auf höchster Staatsebene geführt werden.

Die Spannung stieg. Endlich ließ der Oberstleutnant die Katze aus dem Sack. Kurz und bündig stellte er mich vor die Wahl, entweder wegzufahren oder für 48 Stunden verhaftet zu werden. Zu einer solchen Maßnahme fühle sich die Polizei absolut berechtigt. Sie habe nämlich ihre Gründe.

Ich bezweifelte das. Schließlich kann der bloße Verdacht, daß ein ausländischer Staatsgast an einem Treffen mit einem Staatsbürger des Gastgeberlandes interessiert sein könnte, doch unmöglich die Festnahme dieses Bürgers rechtfertigen. Aber der Oberstleutnant war offenkundig außerstande, meine Skepsis zu verstehen.

Seine wachsende Ungeduld ließ mich vermuten, daß er auf Befehl von oben handelte, den er unbedingt befolgen mußte. Sein Gesicht wurde rot und röter. Ich bekam es mit der Angst, es könnte ihm irgend etwas passieren. Immerhin sitzt ja Rudolf Battek nur deshalb schon seit einem halben Jahr im Knast, weil dem Polizisten, der ihn auf die Wachstube schleppte, die Polizeimütze vom Kopf gefallen ist. Was würde mit mir geschehen, wenn sich der S.107 Oberstleutnant, Gott behüte, in eine Herzattacke hineinredete?

Plötzlich fröstelte mich. Vor dem Haus fuhr ein weiterer Polizeiwagen vor. Wie mir später Nachbarn erzählten, war unsere Gasse zu diesem Zeitpunkt bereits voll mit Autos verschiedenster Typen, teils mit auffällig militärischen Zivilisten, teils mit Polizisten in Uniform.

In begütigendem Tonfall erklärte ich mein Einverständnis, mich der gesetzwidrigen Gewalt zu beugen. Der Oberstleutnant atmete glücklich auf und bat um die Erlaubnis, unser Telephon für einen Anruf in der Dienststelle benützen zu dürfen. Er war vielleicht wirklich überrascht, als ich ihm sagte, daß unser Telephon seit vier Jahren nicht funktioniert, weil es auf Anordnung eben dieser Dienststelle abgeschaltet wurde.

Fast herrschte Eintracht. Der Oberstleutnant fühlte sich lediglich beleidigt, als ich sein nochmaliges freundliches Angebot, mich nach Krhanice zu fahren, mit dem Hinweis ablehnte, es scheine mir nicht eben sehr lustvoll, irgendwo in einem Wald verprügelt aufzuwachen, wie es etliche meiner Freunde erlebt hätten.

So machte ich mich halt bei Schneefall und beginnender Dunkelheit auf den Weg zum Bahnhof, begleitet von Hund Cäsar und zwei Wächtern.

Wegen der üblichen Stockungen im Nahverkehr brauchten wir für die 40 Kilometer bis Krhanice geschlagene vier Stunden. Unsere Fahrt glich dem Weg des eskortierten Schwejk vom Hradschin nach Karlin, mit dem Unterschied freilich, daß wir in allen Ehren ans Ziel gelangten.

Zur Gaudi der Ortsbewohner bewachten mich auch noch der ebenfalls eingetroffene Wolga und ein zweiter Polizei-Pkw bis zum nächsten Nachmittag.

Auch ich fühlte mich heiter gestimmt. Zur Vermutung, daß mich in Krhanice jemand besuchen könne, der sich gleichzeitig in Bratislava aufhält und nachmittags wieder nach Bonn abfliegt, ist wirklich ein gutes Stück östlicher Logik erforderlich.

Noch unverständlicher ist mir jedoch, warum die Belagerung meiner Prager Wohnung bis zum Abend des nächsten Tags fortgesetzt wurde, obwohl ich doch gar nicht dort war.

Warum versuchten vier uniformierte Männer gemeinsam mit meinem Leutnant, unseren 16jährigen Sohn Honzik in einen Wagen zu zerren und irgendwohin zu fahren, als er aus dem Haus ging, um einen Freund anzurufen?

Warum belästigten sie meine Frau und verlangten Einlaß in unsere Wohnung? Es wäre sicherlich übertrieben, mir einbilden zu wollen, daß dies alles ausschließlich zur Feier des 40-Jahr-Jubiläums meiner Verurteilung durch die Nazis geschah.

Angesichts der überfälligen Verwirklichung der Helsinki-Schlußakte vermute ich eher einen großartigen Verbesserungsvorschlag für die Organisation offizieller Staatsvisiten: Die sozialistischen Länder möchten sich partout erkenntlich zeigen, weil man im Westen einige Leute inhaftiert oder isoliert hat, die faule Eier und Bomben auf Staatsbesucher zu werfen drohten.

Sie machen daher quasi im Gegenzug jene Staatsbürger vorsorglich unsichtbar, mit denen die Gäste eventuell zu sprechen wünschen.

S.103Zentrale Dienststelle des Staatssicherheitsdienstes.*S.106Der inzwischen verstorbene Frantisek Kriegel (r.), alsPolitbüromitglied ausgeschlossen, wird bei einem Spaziergang 1977beschattet.*S.107Mit CSSR-Außenminister Chnoupek (l.) Mitte Dezember beim Besuch imSt.-Agnes-Kloster.*

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