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Fahrerflucht: »Jede Minute haut einer ab«

Immer mehr Westdeutsche ergreifen nach einem Verkehrsunfall die Flucht, rund eine halbe Million jährlich. Sie alle werden, auch wenn es nur einen Kratzer gab, verfolgt -- nach einem umstrittenen Straftatbestand, der für Juristen »gemeine Gesinnung« zeigt oder ein »Fremdkörper im Strafrechtssystem« ist, ein »rätselhaftes Delikt«.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Er war seit Tagen auf Achse, da nickte der türkische Fernfahrer auf der Autobahn Würzburg -- Köln ein. Als er nach Sekundenbruchteilen wie-. der aufwachte, stieg er voll auf die Bremse. Ein Volkswagen prallte von hinten gegen den Sattelschlepper, drei Insassen starben. Doch der Lkw-Lenker, noch immer rammdösig, fuhr weiter.

Aus dem Wagen geschleudert wurde ein Kellner bei einem Unfall im Frankfurter Stadtgebiet. Das führerlose Fahrzeug rollte weiter und demolierte vier parkende Autos. Kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus machte sich der Verletzte auf und davon.

Auf dem Parkplatz eines Großmarktes im Württembergischen schob ein Kunde seinen Einkaufskarren zum Abstellplatz und gab ihm noch einen Schuhs. Drei Wägelchen setzten sich in Bewegung und stießen gegen einen Pkw. Der Einkäufer fuhr achtlos fort.

Fast »jede Minute« einmal, errechneten Statistiker, passiert es mittlerweile im Bundesgebiet, daß »einer nach einem Unfall abhaut«. Er flieht im Iran und unter Alkohol, heimlich oder ganz unverhohlen, weil ihm der Aufprall belanglos vorkommt.

Nahezu lotrecht geht die Kurve nach oben. Eine halbe Million Bürger, so schätzen Verkehrsexperten, verletzen auf Deutschlands Straßen einmal jährlich ihre Pflicht, sich nach einem Unfall zu stellen -- doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Im Schnitt macht sich nach jeder sechsten Kollision einer davon.

Und daß nicht jeder Flüchtige auch ein Fall für den Staatsanwalt wird, verdankt er häufig nur der Nachsicht des Geschädigten -- wenn der vom abgeschrammten Rücklicht nicht viel Aufhebens macht oder vielleicht, weil er einen zuviel gehoben hat, mit der Polizei selber nichts zu schaffen haben will.

Kaum ein Tag, an dem das Delikt »Unfallflucht« nicht auf der Sitzungsliste des örtlichen Gerichts steht. Von der verruchten Tat nehmen Deutschlands Automobilisten oft schon vor der Fahrt ins Büro Notiz -- recht regelmäßig bittet die Polizei in der

Morgenzeitung um Hinweise wie den: »Wo wurde ein beiger Mercedes 200 D älterer Bauart, der sehr wahrscheinlich Unfallspuren aufweist, gesehen bzw. in Reparatur gegeben?«

Es sind Autos jeder Kategorie, nach denen gefahndet wird, Menschen aller Klassen saßen am Steuer. Die Deutschen -- ein Volk der Verantwortungslosen? Oder nur Opfer der rasanten Zeitläufe, die vor Folgelasten ihrer Mobilität entnervt Reißaus nehmen?

Polizeiamtmann Albert Lauton aus dem bayrischen Ainring etwa machte Flüchtige aus, die »kriminell werden«, weil sie die Vernunft »auf dem Parkplatz« gelassen haben, und solche, die eine »anständige Fahrerflucht infolge Schockeinwirkung, Furcht, Bestürzung« begehen. Vielen ist es aber ganz einfach lästig, auf die Polizei zu warten, wenn bei der Landung im Straßengraben nur die Rinde eines Apfelbaumes abging.

Bundesdeutsche Autofahrer tun sich dann häufig schwer, ihre Wartepflicht einzuordnen. Was Wunder: Denn schon eine winzige Delle im fremden Kotflügel, die der Fahrer nicht ernst nahm, kann ihn vor Gericht bringen. Nirgendwo sonst in den europäischen Nachbarländern wird Unfallflucht so streng geahndet, kaum ein Straftatbestand ist unter Deutschlands Juristen aber auch derart umstritten.

Die Polizei sucht sie alle. Da macht es keinen Unterschied, ob der Flüchtige volltrunken einen Fußgänger überrollte oder nüchtern und ohne eigenes Verschulden gerammt wurde. Denn strafbar macht er sich allemal, wenn er sich nur unerlaubt »vom Unfallort entfernt« oder, wenn er dies berechtigt tat, die Feststellung über den Unfall »nicht unverzüglich nachträglich ermöglicht« (Paragraph 142 Strafgesetzbuch*).

*(1) Ein Unfallbeteiligter, der sich nach einem Unfall im Straßenverkehr vom Unfallort entfernt, bevor er 1. zugunsten der anderen Unfallbeteiligten und der Geschädigten die Feststellung seiner Person, seines Fahrzeugs und der Art seiner Beteiligung durch seine Anwesenheit und durch die Angabe, daß er an dem Unfall beteiligt ist, ermöglicht hat oder 2. eine nach den Umständen angemessene Zeit gewartet hat, ohne daß jemand bereit war, die Feststellung zu treffen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft

(2) Nach Absatz 1 wird such ein Unfallbeteiligter bestraft, der sich 1. nach Ablauf der Wartefrist (Absatz 1 Nr. 2) oder 1. berechtigt oder entschuldigt vom Unfallort entfernt hat und die Feststellungen nicht unverzüglich nachträglich ermöglicht.

(3) Der Verpflichtung, die Feststellungen nachträglich zu ermöglichen, genügt der Unfallbeteiligte, wenn er den Berechtigten

(4) Unfallbeteiligter ist jeder, dessen Verhalten nach den Umständen zur Verursachung des Unfalls beigetragen haben kann.

Das Delikt gibt selbst Rechtsexperten Rätsel auf, und die Strafandrohung, bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe, erscheint vielen Verkehrsfachleuten und Kriminologen überzogen. Doch auch die scharfen Sanktionen konnten nicht verhindern, daß Deutschlands Verkehrsteilnehmer zu einem Volk von Flüchtigen wurden.

Letztes Jahr bearbeiteten die Polizeidienststellen im Bundesgebiet etwa 250 000 Fluchtfälle, so viel wie nie zuvor. Und die Kurve der Flüchtigen steigt steiler als die der Verkehrsunfälle und des Autobestands -- für Oberstaatsanwalt Hanns Bär und Polizeidirektor Josef Hauser aus München ist »die darüber hinausgehende Tendenz«, so ihr Kommentar zur »Unfallflucht«, schon »besorgniserregend«.

In den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der Unfälle um ein Viertel zu, die Fluchtfälle aber verdoppelten sich. Entfernte sich etwa 1971 nach jedem zwanzigsten Unfall ein Beteiligter unerkannt, so geschah es im letzten Jahr schon nach jedem sechsten, in Großstädten wie Frankfurt gar nach jedem vierten Zusammenstoß. Und die Bilanz der ersten Monate bewegte den Frankfurter Polizeihauptkommissar Bodo Kümmel zu einer düsteren Prognose: »Wir steuern dieses Jahr auf einen neuen Rekord zu.«

Die Sucharbeit der Polizeibehörden, die mancherorts schon besonders geschulte »Unfallfluchtgruppen« zusammengestellt haben, überschüttet die Gerichte mit Prozessen. Jeder zweite Flüchtige wird erwischt, von den Ertappten noch mal die Hälfte bestraft. Im Jahr 1977 wurden insgesamt 38642 Verkehrsteilnehmer wegen Unfallflucht rechtskräftig verurteilt, zwei Jahre zuvor waren es erst 31 720.

Bestraft wird nach einer Vorschrift, die wie kaum ein anderer Tatbestand von Juristen und Rechtspolitikern kritisiert wird, selbst unter Richtern und Staatsanwälten Verwirrung und Unsicherheit stiftet.

Als eine der »am meisten verunglückten Bestimmungen des StGB« wurde der Paragraph im Strafrechtskommentar von Schönke-Schröder bezeichnet. Und auch eine Neufassung im Jahre 1975 konnte die Unklarheiten nicht beseitigen; sie warf gar, wie der Gießener Rechtswissenschaftler Ulrich Berz sagt, »neue Probleme auf«, und sie schuf, so steht's im StGB-Kommentar von Dreher/ Tröndle, »eine nicht unproblematische Ausdehnung der Pflichten der Unfallbeteiligten«.

Jetzt muß sich etwa ein Autofahrer, der am Unfallort lange genug vergeblich auf die Polizei gewartet hat und dann erlaubterweise fortfährt, auch später noch selbst bezichtigen und sogar sein Fahrzeug zur Spurensuche zur Verfügung stellen.

Viele Juristen halten den Paragraphen 142 auch aus rechtspolitischer Betrachtung für verfehlt. Für die ehemalige Bundesrichterin Elisabeth Krumme beispielsweise geht es nicht an, eine »Anstandspflicht« zu einer »strafbewehrten Norm solchen Ranges zu erheben«. Für sie bleibt die Verkehrsflucht »das rätselhafte Delikt«. Und der Hamburger Rechtsprofessor Ingo von Münch stellte in einer Abhandlung den Straftatbestand als »Fremdkörper im deutschen Strafrechtssystem« in Frage. Es paßt in der Tat so manches nicht zusammen. Als einziges Delikt stellt die Vorschrift unter Strafe, daß sich einer nach einem Vergehen nicht freiwillig stellt. Und wegen dieses Widerspruchs zum Grundsatz der straffreien Selbstbegünstigung hielt das Ulmer Amtsgericht den Paragraphen gar für verfassungswidrig.

Es sei, so das Gericht, eine »Erniedrigung«, wenn »der einzelne von einem in utilitaristischem Denken verhafteten Gesetzgeber unter Androhung einer Kriminalstrafe gezwungen wird, sich selbst wegen einer von ihm begangenen strafbaren Handlung den Strafverfolgungsbehörden zu überantworten«. Eine solche Degradierung dürfe im Bereich des Grundgesetzes keine Geltung haben.

Und Schutzzweck der Vorschrift, auch daran entzündet sich Kritik, ist nicht etwa ein öffentliches Interesse wie die Verkehrssicherheit. Es geht ab lein darum, wie ausdrücklich in der Begründung zur Neufassung des Paragraphen 142 steht, »Feststellungen zur Klärung der durch einen Unfall entstandenen zivilrechtlichen Ansprüche zu sichern«. Wer käme auf die Idee, zieht von Münch einen Vergleich, »den Dieb wegen Flucht vom Tatort gesondert zu bestrafen«.

Mehr Widersprüchliches macht der Jurist an einem anderen Beispiel deutlich: Erschießt ein Jäger einen Pilzsammler, den er für ein Stück Wild angesehen hatte (fahrlässige Tötung), und flieht er mit seinem am Hochsitz parkenden Wagen, so wird dieser Flucht kein Unwertcharakter beigemessen. Hätte er dagegen den Pilzsammler auf einem Waldweg mit seinem Fahrzeug überfahren (ebenfalls fahrlässige Tötung) und sich von der Unfallstelle entfernt, so läge ein Vergehen nach Paragraph 142 StGB vor.

Eine Strafvorschrift wegen Unfallflucht gibt es, seit die ersten Autos rollen. »Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen«, verordnete im Jahre 1909, den flüchtigen Autofahrer mit Gefängnis bis zu zwei Monaten zu bestrafen. Nachsicht gab es nur, wenn sich der Fahrer am Tag nach dem Unfall stellte.

Im Dritten Reich wurden die Sanktionen gegen die Unfallflucht drastisch verschärft: Freiheitsentzug bis zu zwei Jahren, keine Strafbefreiung, wenn sich der Flüchtige später bei der Polizei meldete. Auch durfte ein Verkehrsteilnehmer sich jetzt nicht mehr ungesühnt »der Art seiner Beteiligung« entziehen. Der nationalsozialistische Gesetzgeber wertete die Unfallflucht zu einem der »schwersten Verstöße gegen die Gemeinschaftspflichten« auf, dem Täter bescheinigte er »lauter Feigheit und Gemeinheit«.

Ohne Änderung übernahm der Bundesgesetzgeber den Unfallflucht-Paragraphen, auch das Gedankengut blieb erhalten. 1954 wurde die Bestimmung, wie Mord und Totschlag, unter die amnestieunwürdigen Straftaten eingereiht

»aus kriminalpolitischen Gründen im Hinblick auf die bedrohliche Zunahme der Verkehrsunfälle«. Und was damals schon wie eine Volksseuche angeprangert wurde, gibt Juristen wie der pensionierten Bundesrichterin Krumme »um so mehr Anlaß zu Bedenken, als unsere Nachbarländer der freien Welt zum großen Teil mit einer milderen Maßnahme gegen Verkehrsflucht auskommen«.

In Belgien etwa drohen im Höchstfall zwei Monate Gefängnis. Und bei Beschädigung eines parkenden Autos genügt der Fahrer dort seiner Pflicht, wenn er den Unfall sofort seiner Versicherung meldet. In Österreich wird die Unfallflucht lediglich als Verwaltungsübertretung verfolgt, mit einer Buße von maximal rund 4000 Mark.

Andere Länder ahnden nur, was im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik (Paragraph 330 c) ohnehin gesondert unter Strafe gestellt ist: die »unterlassene Hilfeleistung« für Verkehrsteilnehmer, die bei dem Unfall verletzt zurückblieben. So ist etwa in Portugal und Jugoslawien ausschließlich das »Verlassen von Unfallopfern« strafbar. Auch die Italiener dürfen weiterfahren, wenn sie nur Blechschaden anrichteten.

In der DDR macht sich strafbar (Freiheitsentzug bis zu zwei Jahren), wer Verletzten nicht hilft oder den Unfallort nicht absichert. Für unerlaubtes Entfernen in anderen Fällen droht eine Ordnungsstrafe von 500 Mark.

Gänzlich frei vom Schuldvorwurf der Fahrerflucht sind etwa in Schweden, Finnland, Luxemburg und den Niederlanden Fahrer, die einen Zettel mit Anschrift und Kennzeichen unter den Scheibenwischer des gerammten Autos klemmen. Briten und Holländer bauen den Flüchtigen immerhin eine Brücke: Wer sich binnen 24 Stunden nach dem Unfall bei der Polizei meldet, bleibt straffrei.

Bundesdeutsche Richter hingegen schreiben als Grund für die verhängte hohe Freiheitsstrafe gerne ins Urteil, der Angeklagte habe, als er davonfuhr, eine »gemeine Gesinnung« gezeigt. Oder: Unfallflucht sei »ein im höchsten Maße verwerfliches Vergehen«.

Zu solcher Einschätzung mögen krasse Fluchtfälle beitragen, die von der Polizei immer wieder mal registriert werden. In Frankfurt zum Beispiel wurde ein Fußgänger erst angefahren, dann von einem anderen Auto überrollt; beide Fahrer flüchteten. Auf der Autobahn Hagen-Iserlohn überfuhren drei Wagen nacheinander eine Frau, ohne anzuhalten. Solche Begebenheiten aber sind untypisch. Denn bei Unfällen mit Toten flieht nur in drei Prozent aller Fälle der Unglücksfahrer; gab es Verletzte, sind es schon 7,8 Prozent. Entstand nur Sachschaden (1000 Mark und mehr), dann steigt die Quote auf 18,5 Prozent.

Bei der Masse der Unfälle mit Fahrerflucht ging es ohnehin mit verbeultem Blech oder zersplittertem Scheinwerfer ab. Und in solchen Bagatellfällen zu ermitteln, halten viele Fahnder für unvetretbar. »Wir werden häufig mit einem Kram behelligt, bei dem auch von der Verkehrsmoral her nichts dahintersteckt«, sagt der Duisburger Schutzpolizeidirektor Werner Antkowiak: »Selbst nach dem unbemerkten Anditschen auf dem Parkplatz müssen wir ermitteln. Was soll denn dieses Theater?«

So rasch wie durch das unerlaubte Entfernen vom Unfallort setzt sich kaum einer ins kriminelle Unrecht -- dann vorbestraft wegen einer Vorsatztat. Und kein anderes Delikt macht es Kriminologen so schwer, den Tätertyp zu modellieren.

Psychologen machten unter den Flüchtenden »Händertypen, Schnellreiche, Geldgierige, Geizige, Emporkömmlinge, Unsolide .ind fragwürdige Existenten« aus, ebenso »Einzelgänger, egozentrische, schizoide Sonderlinge, Gefühlsarme«. Leute von Rang sind nicht ausgenommen.

Nachdem der Kaiserslauterer Fußballnationalspieler Klaus Toppmüller am Steuer seines Ferrari mit einem amerikanischen Pkw frontal zusammengestoßen war, verschwand er für Stunden. Er sei durch den Wald geirrt, verteidigte sich der Mittelstürmer, habe »die Schuhe durchgelaufen«. Zu einer Verurteilung wegen Unfallflucht kam es nicht, da er unter erheblicher Schockwirkung gestanden habe.

In Verdacht, sich nach einer Karambolage aus dem Staub gemacht zu haben, geriet Ende April auch der Regensburger CSU-Bundestagsabgeordnete Albert Schedl. Nach dem Besuch einiger Nachtlokale fiel der Abgeordnete einer Polizeistreife auf: Der von ihm gesteuerte Audi war an der Vorderseite schwer beschädigt, er hatte kurz zuvor einen parkenden Opel gerammt. Schedl freilich konnte sich an den Unfall nicht erinnern.

Nur schwer läßt sich ergründen, was einen Unfallbeteiligten wirklich zum Weiterfahren bewegte, ob er überhaupt in der Lage war, einen freien Entschluß zu fassen. »Die Angaben der Täter«, so der Freiburger Kriminologe Günther Kaiser, »stimmen selten mit den wirklichen Tatmotiven überein.« Denn sie haben »ein begreifliches Interesse daran, ihre Einlassungen zu »frisieren

Da läßt sich manch einer was einfallen. Mit einem Zettel, der an der Windschutzscheibe seines beschädigten Firmen-Mercedes gesteckt hatte, meldete sich Mitte Mai ein Hanauer Industriekaufmann bei der Polizei: Sie solle doch bitte den Unfallfahrer ausfindig machen.

Aber das Kennzeichen »HG-GM 451«, das auf dem Blatt eines Quittungsblocks stand, war nie ausgegeben worden. Dennoch führte der Zettel die Beamten auf die richtige Spur. Leicht durchgedruckt, war auf dem Papier ein Name zu entziffern -- der des Anzeigenden selbst. »Nach Würdigung der Gesamtumstände« ging die Polizei davon aus, daß der Mercedesfahrer »an einer anderen Stelle einen Unfall verursacht hat, seinerseits Unfallflucht beging und die Unfallflucht eines anderen nur vortäuscht«.

Ob unter Schock oder kühl kalkuliert -- nach einem Unfall weiterzufahren, das entspringt nach übereinstimmender Meinung der Psychologen dem »Urtrieb des Menschen«, sich nach getanem Unrecht spontan allen Folgen zu entziehen. Zügeln können sich, so ergaben kriminologische Untersuchungen, Beamte eher als Arbeiter, jüngere Fahrer weniger als ältere, erfahrene Automobilisten öfter als Führerscheinneulinge. Und die Geschiedenen pflegen »kräftiger aufzufallen« als die Verheirateten, womöglich Ausdruck mangelnden Gemeinschaftssinns.

Exakter sind die Erkenntnisse, die Unfallforscher über die Motive der Flucht sammelten. »Fahne und Frau« nannte das »Polizei + Verkehrsjournal« als wesentliche Gründe für die Weiterfahrt nach einem Unfall: Den Beamten soll der Alkoholgenuß, der »Ehefrau die verunglückte Spritztour mit einem anderen weiblichen Wesen« verheimlicht werden.

Auch wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle. »Jede Erhöhung der Versicherungsprämie«, weiß Hauptkommissar Kümmel, »zieht sofort mehr Fluchtfälle nach sich.« Eine Motiv-Analyse der Münchner Polizei bei 2466 Tatverdächtigen deckte auf, daß etwa die Hälfte (52 Prozent) »aus Angst vor Strafe« das Weite suchte; 43,7 Prozent waren alkoholisiert, 7,1 Prozent ohne Fahrerlaubnis' und 1,6 Prozent saßen am Steuer eines gestohlenen Autos. Andere entfernten sich vom Unfallort, weil sie ein fremdes Fahrzeug führten (19,3 Prozent), den Schadenfreiheitsrabatt nicht verlieren wollten (7,7 Prozent) oder Schwierigkeiten wegen der mitgenommenen Insassen befürchteten (5,3 Prozent).

Da nahezu jeder zweite Flüchtige etwas getrunken hat, erscheint die Sanktion der Unfallflucht, so drückt es Kriminologe Kaiser aus, »in ihrer rechtspolitischen Motivierung nicht selten als ein verkapptes Alkoholdelikt«. Und wegen der Trunkenheit am Steuer, rundum als besonders verwerfliches Verkehrsverhalten angesehen, sperrten sich Verkehrspolitiker auch bislang, die »tätige Reue« (Rückkehr zum Unfallort oder Meldung bei der Polizei) des unberechtigt Geflüchteten zu honorieren. Denn dann, so das Argument der Alkoholgegner, werde jeder betrunkene Autofahrer begünstigt, der verschwinde und erst wieder auftaucht, wenn sich die Fahne verflüchtigt habe.

Mit 1,8 Promille im Blut und Tempo 40 zickelte ein Fahrer durch die Offenbacher Innenstadt. Als es eng wurde, streifte er einen parkenden VW-Käfer und drückte dem eine Beute in den Kotflügel. Der Angetrunkene vernahm zwar »irgendeinen Schlag«, fuhr aber unbeirrt weiter -- bis er in eine Polizeikontrolle geriet.

Der Eigentümer des beschädigten Volkswagens heulte den Kotflügel selbst aus und stellte dem Fahrer nur Materialkosten in Höhe von 15 Mark in Rechnung, an einer Bestrafung lag ihm nicht. Half aber auch nichts: Der Zecher wurde wegen Unfallflucht zu 300 Mark verurteilt, weil er sich »mindestens der Feststellung seiner Alkoholbeeinträchtigung« entziehen wollte und es sich unter Hinzurechnung des Arbeitsaufwands auch »nicht um einen Bagatellschaden« gehandelt habe.

Der Vorwurf der Unfallflucht trifft auch jene Autofahrer, die schon bald, nachdem sie sich verdrückt hatten, die Polizei oder den Unfallgegner benachrichtigten -- selbst wenn sie alle Schuld und den Schaden auf sich nehmen. Straf rechtlicher Verfolgung entkommen sie nur, wenn sich alle Beteiligten schon am Unfallort über die Abwicklung des Schadenfalles einigen.

Auch der Zettel mit Anschrift und Autokennzeichen unter dem Scheibenwischer entbindet den Unfallfahrer nicht, so stellte etwa das Bayerische Oberste Landesgericht klar, die »nach den Umständen angemessene Zeit« zu warten. Und wie lange nun einer an der Unfallstelle zu warten hat, darüber sind selbst Juristen uneins und die Gerichte unterschiedlicher Auffassung -- eine Zumutung für den Verkehrsteilnehmer, die Spanne richtig zu taxieren.

Seiner »Wartepflicht nicht genügt« hatte nach Ansicht des Oberlandesgerichts Stuttgart ein Autofahrer, der von der Fahrbahn abgekommen und in eine Buschhecke mit Drahtzaun geschlittert war (Sachschaden: 635 Mark). Der Angeklagte verharrte 20 Minuten, ohne daß jemand zur Unfallstelle kam, ging dann zu Fuß zu einem Bekannten und beauftragte den, sich um den Schaden zu kümmern.

Lange Geduld fordert auch das Bayerische Oberste Landesgericht: Bei einem Blechschaden von etwa 300 Mark, angerichtet um Mitternacht in einer Großstadt, müsse der Fahrer mindestens 30 Minuten auf die Polizei warten -- bei gleichem Schaden, verursacht an einem Sommernachmittag in einer Kleinstadt, gar eine dreiviertel Stunde.

Diese Spanne schien Hammer Oberlandesrichtern noch zu kurz für einen Pkw-Fahrer, der ein Verkehrszeichen umgefahren hatte. Begründung: Der Unfall habe sich »im Zentrum der Stadt« ereignet, der Angeklagte hätte daher »mit dem alsbaldigen Erscheinen feststellungsbereiter Personen« auch noch »nach Ablauf von etwa 45 Minuten zu rechnen, zumal der Unfall gegen drei Uhr passiert und deshalb in der Stadtmitte bei fortschreitender Zeit mit zunehmendem Verkehr zu rechnen war«.

Da soll ein Autofahrer noch das rechte Maß finden. Und den Kennerblick eines Kfz-Sachverständigen müßten sie alle haben, um abschätzen zu können, ob der Schaden erheblich ist -- Verkehrsunfall oder Bagatelle.

Denn wenn Kratzer und Beulen »gänzlich belanglos« sind, dann darf der Automobilist ungestraft weiterfahren. Die Rechtsprechung verfährt aber, wie der Gießener Strafrechtsprofessor Peter Gramer beobachtete, »sehr engherzig und nimmt im allgemeinen einen erheblichen Schaden an, wenn dieser sich auf zehn Mark oder mehr beläuft«. Das OLG Düsseldorf beispielsweise verurteilte einen Autofahrer, der mit seinem Pkw den Betonfuß eines Gartenzauns aus der Verankerung gerissen hatte obwohl er den Schaden selbst wieder behob. Hammer Oberlandesrichter bestätigten die Verurteilung eines Fahrers wegen Unfallflucht, der eine schon beschädigte Hecke umgeknickt hatte -- die ohnehin weggerissen werden sollte.

Im Holsteinischen stieß ein Pkw-Fahrer Samstag nachts gegen eine Straßenabsperrung, stieg aus und schätzte den Schaden: 30 bis 50 Mark. Ein Anwohner, der den Aufprall gehört hatte, gab eifrig zu verstehen, er werde »die Polizei herbeirufen«. Knapp zehn Minuten wartete der Automobilist noch, dann fuhr er nach Hause mit einem anderen Plan: Er wollte am Montag das Bauamt informieren, zu dem er ja als Mitglied des Bauausschusses »enge Beziehungen« pflege.

Das Oberlandesgericht Schleswig belehrte ihn eines anderen. Der Schaden habe 258,50 Mark betragen, aber auch schon bei einer Höhe von 30 bis 50 Mark sei das »nicht völlig belanglos«. Da mit einem »baldigen Eintreffen« der Polizei zu rechnen gewesen sei, habe der Angeklagte auch so lange an der Unfallstelle bleiben müssen.

Zumindest, so die Schleswiger Richter, hätte der Angeklagte »bei seiner Gewandheit und Intelligenz« wissen müssen, daß eine nachträgliche Mitteilung des Unfalls an das Bauamt am Montag »nicht mehr unverzüglich« gewesen sei. Für die Bagatelle setzte es eine Geldstrafe von 375 Mark.

Gegen die kleinliche Auslegung der Obergerichte urteilte ein Amtsrichter aus Alzenau, der einen Schaden in Höhe von 40 Mark als »ganz unbedeutend« einstufte und den Angeklagten freisprach. »Das Interesse eines Geschädigten. 40 Mark ersetzt zu bekommen«, so die Begründung, stehe in keinem Verhältnis zu »der Verhängung des mindestens langjährig moralischsittlichen und gesellschaftlichen Makels einer Strafregistereintragung«.

Auch Fußgänger laufen Gefahr, plötzlich mit einer Vorstrafe wegen Unfallflucht belastet zu sein. Das OLG Stuttgart etwa urteilte grundsätzlich, daß »auch ein Vorkommnis, an dem ausschließlich Fußgänger beteiligt sind«, ein Verkehrsunfall sein könne. Im behandelten Fall hatte der Angeklagte im Gedränge eines Volksfestes einer Frau die Brille vom Gesicht gestoßen und war anschließend in der Menge untergetaucht. Nur weil der Schaden gering war (18 Mark), kam der Fußgänger noch einmal davon.

Und auch der Kunde, der auf dem öffentlichen Parkplatz vor einem Supermarkt den Einkaufskarren auf ein Auto rollen läßt, so entschieden die Stuttgarter Richter, verursacht einen Verkehrsunfall und darf sich nicht entfernen. Denn was sich da abspiele, »liegt nicht so weit außerhalb des typischen Verkehrsgeschehens«.

Gerade solche Verkehrsteilnehmer trifft ein Verfahren wegen Unfallflucht hart und unverhofft, die selbst nicht am Steuer eines Autos saßen. Verurteilt wurden schon Reiter und Radfahrer, Spaziergänger und Beifahrer, die durch »Hineingreifen in das Steuerrad« oder »Sexhandlungen während der Fahrt« den Unfall mitverschuldeten.

Der Frankfurter Verkehrsunfalldienst fahndet noch immer, wenn auch ohne Hoffnung, nach einer Frau, die vor Monaten auf der Zeil eine alte Dame umstieß (Beinbruch) und unerkannt weiterging. Denn die Fahndung nach Fußgängern ist schwieriger als nach Fahrzeugen, bei denen schon mal ein bißchen Lack abgeht. Farbteilchen und Schmutzreste, Reifenabdrücke und Glassplitter sind kostbare Funde, die Polizisten auf die Spur der Flüchtigen bringen.

Die Aufklärungsquote liegt im Bundesdurchschnitt bei 60 Prozent, nach Unfällen mit Todesfolge wurde bislang fast jeder Täter gefunden. Mancher Todesfahrer, sagt Kommissar Kümmel, »stellt sich noch nach einem halben Jahr, weil er es nervlich nicht mehr verkraften konnte«. Bei Unfällen mit Bagatellschäden sei aber, so Kümmel, »fast gar nichts zu machen«.

Da muß dann oft Kommissar Zufall helfen: Einen Flüchtigen, der mit seinem Fahrzeug einen Verteilerkasten an der Straßenecke aus dem Sockel gerissen hatte, fanden Frankfurts Fahnder schnell -- das Kennzeichen hatte sich in Spiegelschrift auf den Kastendeckel gedrückt.

So manchem Deutschen aber sind die polizeilichen Fangprobleme ein Greuel. Ähnlich dem Entdecker eines Ladendiebs, das forderte der Münchner Jurist Michael Will, soll auch der Zeuge eines Verkehrunfalls durch einen »Finderlohn« angereizt werden, »weil die immer mehr einreißende Unfallflucht nur unter Mithilfe der gesamten Bevölkerung zurückzudämmen sein kann«. Vielleicht eine reelle Chance für autofeindliche Bundesbürger, den verhaßten Fahrzeugbestand gründlich auszukämmen.

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