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Fahrschule im Gymnasium?

aus DER SPIEGEL 48/1973

Der Katalog, mit dem Lauritz Lauritzen den »Kampf gegen die Verkehrsunfälle« führen will, befaßt sich mit »Verkehrsaufklärung und -erziehung«, mit »Gesetzgebung und Exekutive«, der »technischen Ausstattung der Kraftfahrzeuge«, mit der »Straßenverkehrstechnik« und dem »Rettungswesen«. Nur wenige Passagen kündigen neue Vorschriften an, etliches ist bereits geregelt, der überwiegende Rest der Schrift enthält allgemeine Betrachtungen oder Absichtserklärungen.

»Zu gegebener Zeit« will der Minister eine Verordnung präsentieren, wonach alle Autofahrer nebst Beifahrer verpflichtet werden, sich anzuschnallen.

Führerscheinbewerber sollen künftig von einem »Arzt nach freier Wahl« ihren Gesundheitszustand überprüfen lassen -- anhand eines Fragebogens, den die Verkehrsbehörden auszuwerten haben. Vom 60. Lebensjahr an müssen sich Kraftfahrer einem Sehtest unterziehen. Die Fahrprüfung soll wenigstens 30 Minuten dauern: Prüfungsfahrten in verkehrsarmen Orten werden verboten, mehr Prüfungsfahrten auf Autobahnen sind erwünscht.

Durch ein »Mehrfachtäterpunktsystem« bekommen die im Flensburger Zentralregister eingetragenen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten neue Qualität. Bei 18 Strafpunkten binnen zwei Jahren zum Beispiel wird der Führerschein ohne Mitwirkung weiterer Behörden oder der Justiz entzogen.

Zur Verbesserung der Fahrzeugtechnik will Bonn per Vorschrift beitragen; so sollen etwa der Einbau von Blockierschutzsystemen für Bremsen, die Sichtverhältnisse in Autos und die Leuchtweiten von Schweinwerfern geregelt werden. Konkretes kommt auf die Lkw-Fahrer zu: Laster über 2,8 Tonnen Gesamtgewicht dürfen auch in beleuchteten Straßen nur noch mit eigener Beleuchtung abgestellt werden. Fahrer von Schulbussen müssen an Haltestellen das Warnblinklicht einschalten -- woraus sich für alle Kraftfahrer die Pflicht ergibt, langsam vorbeizufahren.

Auf dem Straßenbau-Sektor will der Minister durch einen »Großversuch« erneut prüfen lassen, »ob die Beleuchtung hochbelasteter« Fernstraßen und Autobahnen einen -- gemessen am Aufwand -- hinreichenden Nutzen »für die Leichtigkeit und Sicherheit des Verkehrs. -- -- erbringt«.

Viel Platz verwendet Lauritzen für gute Gedanken zur Verkehrserziehung. Ob sie verwirklicht werden, hängt freilich nicht nur vom Willen der Bürger und privaten Institutionen ab, sondern auch von der Mitwirkung der Länder und Gemeinden -- die dafür erhebliche Geldmittel aufbringen und beträchtliche organisatorische Vorbereitungen treffen müßten.

Lokalen Behörden oder halbamtlichen Instanzen würde die von Bonn geforderte Gruppenschulung für ältere Fußgänger und Gastarbeiter obliegen, ebenso die besondere Behandlung junger, am Unfallgeschehen stark beteiligter Fahrer oder die Nachschulung für Anfänger.

Auf die Einsicht und Beihilfe der Eltern baut der Vorschlag, Kindern »bereits im Vorschulalter« die »ersten Verhaltensweisen« beizubringen; durch »Massenmedien und in Elternabenden« sollen die Erziehungsberechtigten dafür ausgerüstet werden.

Fachkunde und ausreichende Ausstattung in den überwiegend privaten Kindergärten setzt die Anregung voraus, den noch nicht Schulpflichtigen »systematischen« Verkehrsunterricht zu erteilen«. Lauritzen räumt ein« daß es dazu erst einmal »genügend aus- und fortgebildeter Sozialpädagogen, geeigneter Bildungs- und Arbeitspläne sowie geprüfter Lehr- und Lernmittel« bedarf.

In die Zuständigkeit der Länder fällt das im Bonner Programm vorgesehene Training der »Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit« in den Grundschulen. In den höheren Klassen sollen »erweiterte Kenntnisse« und »Einsicht in die sozialen, ökonomischen, politischen und technischen Bezüge des Verkehrs« vermittelt werden. Praktisch üben sollen Grundschüler auf dem Fahrrad, ältere Schüler auf Mofa oder Moped -- ob auf Schulhöfen oder wo sonst, ist der Sicherheitsschrift nicht zu entnehmen.

Sinnvoll, aber beim Kassenstand und Personalreservoir der Kultusministerien auf lange Zeit nicht realisierbar erscheint die Idee, in Gymnasien und Berufsschulen nach dem Muster der »driver education« an amerikanischen Colleges »theoretische und praktische Ausbildung zum Kraftfahrer« zu betreiben. Vorsichtig verspricht denn auch das Papier zunächst nur »ein Modellprogramm«.

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