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SOHL-VILLA Fahrstuhl zum Bad

aus DER SPIEGEL 15/1962

Der Ehrendoktor der Ingenieurwissenschaften und Bergassessor außer Diensten Hans-Günther Sohl, 55, Generaldirektor der August Thyssen -Hütte AG (ATH), Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, Mitglied von 15 Aufsichtsräten, Einkommen pro Jahr rund 750 000 Mark, will überleben.

Tief in der rheinischen Erde in Hubbelrath bei Düsseldorf hat der Spitzenmanager für sich und seine Familie einen atombombensicheren Bunker bauen lassen. Die 1,5 Meter starken Stahlbetonwände werden keine Gammastrahlen an die Sohls und an die Lebensmittelvorräte heranlassen, die in besonderen Räumen des Bunkers eingelagert werden.

Über dem Atombunker wird Sohl in einer Villa wohnen, die selbst der an großzügige Häuser gewöhnten Ruhr -Society Achtung abnötigt und von Bewunderern »Palazzo o Sohle mio« genannt wird. Nach einer Bauzeit von anderthalb Jahren und einem Kostenaufwand von etwa 1,5 Millionen Mark wird Hausherr Hans-Günther Sohl demnächst einziehen.

Dienstlich residiert der Thyssen-Generaldirektor im Verwaltungshochhaus des Konzerns Phoenix-Rheinrohr AG am Düsseldorfer Hofgarten, dem höchsten Gebäude der Stadt (94,66 Meter). Im 19. Stockwerk beeindruckt er Geschäftsfreunde aus dem In- und Ausland mit einem Arbeitszimmer vom Ausmaß eines mittelgroßen Turnsaals.

Von dieser hohen Warte dirigiert Dr. Sohl sein Industrie-Imperium, den Hüttenwerkkonzern August Thyssen -Hütte AG und den Handelskonzern Handelsunion AG, dessen Jahresumsatz 4,5 Milliarden Mark beträgt. Noch in diesem Jahr, so wird vermutet, werde Sohl bei der Montan-Union in Luxemburg abermals beantragen, der August Thyssen-Hütte den Erwerb eines großen Aktienpakets des Stahl- und Röhrenkonzerns Phoenix-Rheinrohr AG (Jahresumsatz fast zwei Milliarden Mark)

zu gestatten, wodurch die Gruppe jährlich mehr als sechs Milliarden Mark Umsatz auf sich vereinigen würde.

Der konzentrationsfreudige Thyssen -Chef will jedoch, wie Freunde seinen Andeutungen entnehmen, keineswegs sein ganzes Leben lang auf dem Kommandoposten des Vorstandsvorsitzenden verbringen. Nach Bildung eines aus den Konzernen August Thyssen-Hütte, Handelsunion und Phoenix-Rheinrohr gebildeten Trusts möchte er nach kurzer Zeit vom Generaldirektorstuhl auf den des Aufsichtsratsvorsitzenden überwechseln.

Für diesen Repräsentationsposten schien Sohl sein bisheriges Privatdomizil - eine Villa in der Florastraße des vornehmen Düsseldorfer Vororts Büderich-Meererbusch - nicht recht geeignet. Schon im Jahre 1960 begann er deshalb mit dem Bau in Hubbelrath.

Sohls neue Bleibe ist ein großes Baumassiv aus roten Klinkersteinen, die weiß gekalkt werden. Ein hohes Schieferdach deckt den Baukörper ab. Vor dem Empfangsvestibül des Hauses stehend, kann der Hausherr die Wagenauffahrt vor dem Eingang überblicken.

Im Keller der Villa - noch unter dem Kellergeschoß befindet sich der Atombunker - wird ein großes Jagdzimmer eingerichtet. Ein anderer Kellerraum beherbergt die Heizungsanlage des Hauses, die ein kleines Krankenhaus mit Wärme und Energie versorgen könnte. Im Park der Villa hat Sohl eine eigene Transformatorenstation errichten lassen.

Im Kellergeschoß liegt auch das große heizbare Schwimmbad des Hausherrn. Von dort führt ein Fahrstuhl direkt in die Schlafgemächer im Dachgeschoß des Hauses, das auch eine Sauna und einen begehbaren Tresor besitzt.

Das Anwesen ist mit vier offenen Kaminen ausgestattet. Die Fenster der Erdgeschoßzimmer, alle zum Park gelegen, sind versenkbar und geben den Weg zum kreisrunden Swimmingpool im Park frei.

Auch für das Dachgeschoß des Hauses hat sich Hausherr Sohl eine Attraktion ausgedacht: Zwischen den senkrechten Dachstützen werden bewegliche Ledersitze angebracht, die es Sohl und seinen Gästen ermöglichen, nach Kennedy -Manier schaukelnd Gespräche am (Dachgeschoß-)Kamin zu führen.

Die Arbeiten schreiten rüstig fort, und Sohl möchte, wie alle Bauherren, möglichst jede Phase des Baues selbst begutachten. Dem vielbeschäftigten Manager allerdings ist das nicht möglich. Als beispielsweise die Plattenleger begannen, den Fußboden mit Natursteinplatten auszulegen, weilte Hans -Günther Sohl gerade auf der alljährlichen Feier für die Jubilare des Konzerns.

In seiner Jubilar-Ansprache demonstrierte Sohl eine eindrucksvolle Übereinstimmung mit den aktuellen Forderungen der Wirtschaftspolitik, wie sie etwa Bundeswirtschaftsminister Erhard mit seinem Maßhalte-Appell zum Ausdruck gebracht hat.

Sohl sagte: »Die beinahe vergessene oder als altmodisch betrachtete Sparsamkeit muß wieder zu Ehren kommen.«

Bauherr Sohl

»Altmodische Sparsamkeit ...

... muß wieder zu Ehren kommen": Sohl-Villa bei Düsseldorf

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