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Abrüstung Fahrt zur Hölle

Die Russen sind verbittert über leere Versprechen der USA. Niemand hilft bei der Umrüstung der Atomwaffenfabriken.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Anatolij Djakow, 50, zählte zur Elite der scharf überwachten Wissenschaftler, auf welche die alten Kremlherren ihre Großmacht stützten. Als Laserphysiker arbeitete er an geheimen Militärprojekten. Über die durfte er nicht einmal mit engsten Familienangehörigen sprechen.

Seit 1991 leitet Djakow das Zentrum für Waffenkontrolle, Energie und Umweltstudien am Moskauer Institut für Physik und Technologie. An den Wänden seines hochtechnisierten Büros im Nordosten Moskaus hängen großformatige Stadtpläne aus dem Westen: New York, Washington, London und Bonn. Sie seien, kommentiert er, »äußerst hilfreich« - jedoch keineswegs zur Bestimmung militärischer, sondern touristischer Ziele.

Die bunten Karten sind Djakows private Trophäen des friedlichen Wandels zwischen West und Ost, Mitbringsel der vielen Reisen, die ihm die Perestroika der späten achtziger Jahre ermöglichte. Das Ende des Kalten Krieges, so glaubt er, sei keine Niederlage des Sowjetreichs gegen die USA gewesen, vielmehr ein »Sieg des Verstandes in den beiden Ländern«.

Dennoch fühlt er sich gedemütigt. Denn die üppige Hilfe, die Amerika der Abrüstung zusagte, ist zu einem Almosen verkommen: »Immer mehr russische Regierungsstellen sagen«, so Djakow, »das ist doch nur eine Karotte, die uns hingehalten wurde. Fahrt zur Hölle mit eurem Geld und euren Versprechungen.«

Zwölf Milliarden Dollar können die Russen zwar aus dem Verkauf von Uran, das für militärische Zwecke vorgesehen war, an die USA einnehmen - aber verteilt über 20 Jahre. Zunächst müssen sie ihre hochangereicherten Vorräte mit großem Aufwand auf niedrige, für zivile Kernkraftwerke taugliche Konzentrationen heruntermischen.

Als direkte Zuschüsse zur Waffenvernichtung gewährte der US-Kongreß in den vergangenen Jahren 1,2 Milliarden Dollar. Doch gerade 117 Millionen wurden bislang überwiesen. Immer neue Auflagen blockieren die Gelder, die zur Verschrottung von 30 000 Sprengköpfen und vor allem zum Bau eines Endlagers für etwa 100 Tonnen Plutonium dringend benötigt würden.

Lange forderte die amerikanische Regierung, alle militärischen Anlagen kontrollieren zu dürfen, die zur Abrüstung genutzt werden, ohne den Moskauern das gleiche Recht in den USA einzuräumen.

»Wir Russen waren beleidigt«, berichtet Alexander Dmitrijew, leitender Mitarbeiter der russischen Nuklearkontrollbehörde Gosatomnadsor, von den jüngsten Regierungstreffen in Washington. Heftig drängten die Amerikaner, die letzten drei Plutoniumreaktoren bei Krasnojarsk und Tomsk stillzulegen, boten aber kein Geld zur technischen Umrüstung oder für den Bau neuer Kraftwerke.

So laufen die Kernreaktoren weiter, weil sie für die Heizung und Energieversorgung der Städte gebraucht werden. Als Abfallprodukt fallen jährlich drei Tonnen waffenfähiges Plutonium an, ein paar Kilogramm reichen für eine Bombe.

Auch das von den damaligen Außenministern James Baker und Hans-Dietrich Genscher vor zwei Jahren pompös angekündigte Internationale Wissenschafts- und Technologiezentrum in Moskau, das beschäftigungslosen Atomspezialisten neue Perspektiven bieten sollte, blieb eine Schimäre. Die USA zahlten bisher nur sieben Millionen Dollar und warben die besten Fachleute ab.

Voll naiver Zuversicht setzten nach dem Ende der Sowjetunion die Machthaber des militärischen Nuklearkomplexes auf die Umrüstung. Ingenieure und Politiker in den zwölf hermetisch abgeriegelten Atomwaffenzentren rechneten mit schnellen Erfolgen. In diesen Retortenstädten, die statt Namen Nummern trugen und in denen insgesamt mehr als eine Million Menschen ein privilegiertes Leben führten, hatten die Kommunisten die Bombenarsenale der Supermacht fertigen lassen.

»In vielen Bereichen der Hochtechnologie sind wir dem Westen überlegen und können zusammen mit ausländischen Investoren hervorragende Produkte entwickeln«, verkündete Wiktor Michailow noch als stellvertretender Minister für Atomenergie Anfang 1992. »Leider sind alle Versuche gescheitert, ausländisches Kapital zu beteiligen«, berichtet heute der Spitzenbeamte Jewgenij Mikerin. Als Leiter der Wissenschafts- und Technologieabteilung ist er die graue Eminenz im Nuklearministerium.

Hilflos wie ein Schauspielschüler beim ersten Vorsprechen hält er einige Video- und Musikkassetten in die Höhe, die das Atomzentrum Krasnojarsk-45 gefertigt hat, in einer neueröffneten Fabrik, die BASF schlüsselfertig für 240 Millionen Mark lieferte. Der deutsche Konzern wollte kein Gemeinschaftsunternehmen betreiben, »da Zweifel an der Qualität bestanden«, sagt Mikerin.

So schlecht können die Bänder aus dem roten Waffentempel nicht sein. Immerhin wird ein Teil davon jetzt offiziell als BASF-Kassetten vermarktet. Doch die Produktion beschäftigt gerade 1500 ehemalige Atomarbeiter, immer noch mehr als die TV-Montage für den südkoreanischen Elektronikmulti Samsung im nahe gelegenen ehemaligen Rüstungswerk Krasnojarsk-26.

»Wo Plutonium produziert wurde«, mußte Mikerin erkennen, »kann man aufgrund der Restbelastung kaum noch andere Fertigungen unterbringen.«

Im Nuklearbereich aber sind den russischen Atommanagern die Hände gebunden. Zwar träumen sie vom größten Atommüllager der Welt in den roten Granitbergen von Krasnojarsk oder zumindest von einer riesigen Wiederaufarbeitungsanlage in den Sümpfen Sibiriens, am liebsten »gemeinsam mit den Deutschen«, so Mikerin.

Der Import radioaktiver Abfälle nach Rußland ist jedoch derzeit verboten, bei der Aufarbeitung von Brennstäben stoßen die Ingenieure auf technische Probleme und den Widerstand von Umweltschützern. Eine geplante Zusammenarbeit mit Siemens beim Bau eines Schnellen Brüters und bei der Produktion von Mischoxid-Brennelementen kommt ebenfalls kaum voran.

Wie zum Trotz hat die Regierung die Atomstädte, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion behutsam öffneten, wieder dichtgemacht. Journalisten benötigen für den Besuch neuerdings auch die Genehmigung des Verteidigungsressorts und des Föderalen Spionageabwehrdienstes.

Die neue Kälte bekommen selbst Atomwissenschaftler zu spüren, die in den Perestroika-Jahren in den Westen reisen durften. Sie erhalten keine Reisepässe mehr, weil sie wieder als Geheimnisträger gelten. Sogar der Zugang zu ihren früheren Wohngebieten nahe den Arbeitsplätzen, etwa in Tscheljabinsk-65 oder Arsamas-16, bleibt ihnen verwehrt.

Schuld an der Abschottung ist nicht nur die wachsende nationalistische Wallung in Rußland. Es gibt auch wieder etwas zu verbergen - freilich eher gefährlichen Schrott als moderne Waffen.

So steht das Atomforschungszentrum von Obninsk, in dem 1954 das erste zivile Kernkraftwerk der Welt in Betrieb ging, »dicht vor dem Zusammenbruch«, berichtet ein ehemaliger Angestellter. In einem alten Gebäude lagern kaum geschützt und ohne Sonderbewachung 120 Kilo waffentaugliches Plutonium.

Die Schrecken der Abrüstung untersuchte Djakows Mitarbeiter Oleg Bucharin in einer intern heftig diskutierten Studie. So böten sich bei der Uranumwandlung unzählige Gelegenheiten, das noch hochangereicherte Metall abzuzweigen, etwa »in einem unautorisierten Zylinder am Ort der Probenentnahme«.

Bei den gewaltigen Mengen würde sogar ein Schwund von 150 Kilogramm hochangereicherten Urans »kaum bemerkt«, warnt Bucharin.

Verstärkte Geheimhaltung, so Bucharin weiter, richte sich vor allem gegen Spione, die indes bei der Abrüstung kaum gefährlich werden können. Jetzt müsse vielmehr der Verbleib des Bombenstoffs penibel kontrolliert werden - der Feind ist der »Insider«, der schmuggelnde Arbeitskollege. Y

[Grafiktext]

_174b Rußland: Ehemals geheime Atomzentren

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