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NATO Faire Chance

Das westliche Bündnis will sein Arsenal taktischer Atomwaffen einseitig verringern. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Kurz vor seiner Pensionierung bekam der Admiral noch einmal Ärger mit seinem Chef. Robert H. Falls, bis zum Sommer dieses Jahres Vorsitzender des Militärausschusses der Nato, hatte ein bißchen zu deutlich gesagt, was viele seiner Kollegen insgeheim schon lange denken.

Das westliche Bündnis, meinte der Kanadier, habe in seinen Arsenalen unnötig viele Atomwaffen angehäuft. Deshalb könnte es notwendig werden, einseitige Reduzierungen vorzunehmen, besonders bei den nuklearen Kurzstrecken- und Gefechtsfeldwaffen, »da wir davon mehr haben, als wir brauchen«.

Nato-Generalsekretär Joseph Luns, bekannt für sein ruppiges Temperament, fand die Abschiedsempfehlung des Admirals ärgerlich: Das seien rein persönliche Bemerkungen, die keineswegs die Haltung der Allianz wiedergäben, rügte er barsch und ließ Falls grußlos in den Ruhestand ziehen.

Doch der grantige Luns hatte sich zu Unrecht aufgeregt. Was Falls im Juni kundtat, soll noch in diesem Herbst offizielle Nato-Politik werden. Ende Oktober wollen die westlichen Verteidigungsminister auf der Sitzung der Nuklearen Planungsgruppe in Kanada beschließen, einen beträchtlichen Teil der gegenwärtig 6000 US-Atomsprengköpfe aus Europa abzuziehen - einseitig, ohne sowjetische Gegenleistung.

Grundlage für die spektakuläre Entscheidung ist eine Studie der sogenannten High Level Group (HLG), die nach fast vierjähriger Beratung am Mittwoch vergangener Woche unter größter Geheimhaltung im Brüsseler Nato-Hauptquartier fertiggestellt wurde.

Die HLG, eine hochrangige Arbeitsgruppe aus Außen- und Verteidigungsexperten der Nato-Staaten, hatte sich nach dem Doppelbeschluß vom Dezember 1979 vorgenommen, eine Bestandsaufnahme der nuklearen Kurzstreckensysteme auszuarbeiten.

Von Anfang an waren sich die Experten darüber klar, daß die Entscheidung der Nato, 464 amerikanische Marschflugkörper und 108 »Pershing 2« in Europa zu stationieren, die kleinen Kernwaffen zumindest teilweise überflüssig machen würde. Denn die massenhaft gehorteten Sprengköpfe - vor allem Bomben und Artilleriegranaten - sind im Grunde Überreste einer veralteten Strategie.

Weil sich Gefechtsfeldwaffen nicht zu gezielten, demonstrativen Einzelschlägen ins Hinterland des Gegners eignen, ist ihr Abschreckungswert vergleichsweise gering. Wegen ihrer kurzen Reichweiten (bei Granaten höchstens 21 Kilometer) stellen sie den Verteidiger zudem vor ein übles Dilemma: Entweder müßte die Nato den Einsatz gleich zu Beginn eines Konfliktes freigeben, solange sich die entsprechenden Ziele noch in der DDR und der Tschechoslowakei befinden, oder sie müßte in Kauf nehmen, daß sie selbst ihr eigenes Territorium atomar verwüstet.

Unter diesen Umständen, so urteilt der SPD-Bundestagsabgeordnete Karsten Voigt, sei die »Selbstabschreckung« dieser Waffen größer als die Furcht, die sie beim potentiellen Angreifer erregen können.

Wohl wegen ähnlicher Bedenken hatte die Allianz schon in ihrem Doppelbeschluß von 1979 entschieden, tausend veraltete Gefechtsköpfe für Kurzstreckensysteme aus den Nato-Depots abzuziehen. Von den 6000, die übrigblieben, lagern allein zwei Drittel in der Bundesrepublik: neben Bomben und Granaten der Kaliber 155 und 203 Millimeter vorwiegend Atomminen ("Atomic Demolition Munitions") sowie Sprengköpfe für die »Pershing 1a« und die Kurzstreckenrakete »Lance«.

Vor allem Deutsche, Holländer und Belgier drängten in den HLG-Beratungen darauf,

diesen Vorrat noch einmal drastisch zu verkleinern. Ihr wichtigstes Motiv: Ein solcher Schritt, als einseitige Vorleistung der Nato verkündet, könnte helfen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nuklearstrategie des Bündnisses wiederherzustellen.

Die Bundesregierung verspricht sich davon politische Entlastung im Streit mit Opposition und Friedensbewegung, wenn es im Dezember zur Stationierung der ersten Pershing 2 auf deutschem Boden kommt.

Auf der Nordatlantischen Versammlung in Den Haag appellierten Parlamentarier aus den Nato-Staaten letzte Woche noch einmal an ihre Regierungen, sich für eine einseitige Reduzierung einzusetzen: Eine solche Maßnahme sei »militärisch klug und politisch sinnvoll«. Nach diesem ersten Schritt, so die Parlamentarier, könne die Nato versuchen, Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über einen weiteren gegenseitigen Abbau aufzunehmen.

Zwar willigten auch die Amerikaner ein, ihre Gefechtsköpfe auf das »rationelle Minimum« (so die Experten-Formel) zu beschränken, doch wieviel das konkret sein soll, läßt sich höchst unterschiedlich berechnen. Da die Nato davon ausgehen muß, daß sie gleich in den ersten Tagen eines Krieges einen Teil ihrer Atomwaffen verlieren würde, ist die benötigte Mindestzahl um so größer, je länger die konventionelle Verteidigungsphase anhält. Zwischen 3000 und 5000 Stück, so ein Teilnehmer, schwankten die Berechnungen der HLG-Experten.

Bedenken gegen schnelle und deutliche Kürzungen meldete vor allem Nato-Oberbefehlshaber Bernard W. Rogers an. Dem US-General mißfiel, wie die Politiker ihm ins Handwerk pfuschten. Es sei sein Job, so beschwerte er sich auf einer der letzten Sitzungen, auszurechnen, wieviel er für eine wirksame Verteidigung brauche. Und er beklagte sich über Leute, die »nur aus ihrem guten Gefühl heraus« glaubten, auch halb so viele Kernwaffen seien noch genug.

Nato-Militärs schätzen die kleinen Atomwaffen vor allem deshalb, weil sie die Sowjets daran hindern, große Truppenmassen auf engem Raum zu konzentrieren. Vor der Einführung atomarer Kurzstreckenwaffen in Europa stellte die Sowjetarmee eine Division auf einer Fläche von nur zehn Quadratkilometern auf. Inzwischen braucht sie dafür 60mal soviel Platz. Die durch die Existenz der taktischen Atomwaffen erzwungene Auflockerung der sowjetischen Verbände, so Brigadegeneral Helge Hansel von der Bonner Nato-Vertretung in Brüssel, gäbe der Nato »eine faire Chance, mit der ersten Angriffswelle fertig zu werden«.

Nähme die Nato zu viele Atomwaffen weg, fürchtet auch Rogers, könnte der Warschauer Pakt »seine konventionellen Streitkräfte taktisch ganz anders gruppieren«.

Erst auf ihrer letzten Sitzung am Mittwoch vergangener Woche entschied die HLG, den Verteidigungsministern eine exakte Zahl zu empfehlen, um die abgerüstet werden soll. An General Rogers soll der Auftrag ergehen, den optimalen Waffenmix für das verbleibende Arsenal zu bestimmen. Nato-Experten rechnen damit, daß Rogers am ehesten auf Atomminen und einen Teil der atomaren Artilleriegeschosse verzichten werde. Die auch nuklearbestückbaren Flugabwehrraketen »Nike« werden ohnehin durch das konventionelle »Patriot«-System abgelöst.

Um den Politikern nicht vorzeitig den erhofften PR-Effekt zu verderben, vereinbarte die Runde strikte Diskretion.

Nur der US-Unterstaatssekretär und HLG-Vorsitzende Richard Perle hatte schon kürzlich vor Vertrauten angedeutet, was er sich denn so vorstelle. Sein Tip: 1500 bis 2000 Stück weniger.

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