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Falken fliegen erster Klasse

aus DER SPIEGEL 16/1975

Des Fürsten Falken starben an Geflügelpocken und Scheich Said, Herrscher von Abu Dhabi, Präsident der »Vereinigten Arabischen Emirate«, wußte schließlich keinen anderen Rat: »Holt mir Müller.«

Der kam, denn der Öl-Scheich »hatte wahnsinnige Angst. daß ihm die liebsten Tiere eingehen«. Am 15. September letzten Jahres ließ der VAE-Chef den Falkner Egon Müller, 49, aus dem niedersächsischen Helvesiek (nahe Rotenburg) erstmals mit seinem weißen VC-10-Regierungs-Jet von Hamburg nach London und anschließend in das Emirat transportieren. Damals in Müllers Reisegepäck: vier beinah weiße Sakerfalken, die »der Scheich unbedingt sehen wollte«.

Wenn Scheich Raschid, Herrscher von Dubai, im Charter-Jet zu Jagd-Reisen nach Nordindien und Pakistan aufbricht, trägt das Gefolge die Greifvögel auf der Faust in die erste Klasse und stellt sie auf die Lehnen. Das Wasserzeichen im 100-Dirham-Schein, der Währung der Emirate: ein Falke.

Wohl existiert in Bahrein ein Golf-Kurs, wo das »Grün« nicht grün, sondern schwarz-braun ist (statt des Grases ein Gemisch aus Sand und Öl), wohl läuft der Informationsminister von Katar Wasserski, organisiert ein Sohn des Emirs von Katar mit Hilfe der ihm unterstellten Truppen Autorennen, geht sein Vater angeln, doch wie ehedem für Friedrich II. ist die Beizjagd für die Herrscher am Golf der Sport.

Sie fahren in ihren »Range«-Rovern in die Wüste, oft wochenlang, und jagen meist die bis zu vier Kilo schwere, kranichähnliche Kragentrappe. Derart besorgt ist der Petroleum-Potentat um seine Sammlung, daß er möglicherweise hei Rotenburg ein Grundstück kaufen will, »damit die Tiere im Sommer aus der arabischen Bullenhitze kommen«, so Falkner Müller, der gegen ansehnliches Honorar derzeit fünf Falken des Arabers in Niedersachsen päppelt.

Bis zu 20 000 Dollar bieten Scheichs für die seltenen, nur noch in Grönland, Alaska und Island existierenden weißen Falken, deren Export verboten ist. Den Garten des Hamburger Falkners Dr. Ernst Laage, bei dem sich schon der jetzige »König Saudi-Arabiens ins Gästebuch eintrug«, wollte ein Saudi-Prinz nicht verlassen, »bis Sie mir alle verkauft haben«. Laage wollte nicht: »Eher werden Sie hier zur Mumie.«

In der Mercedes-Werkstatt bei Kuweit City lassen sich die Jagdbesessenen aus dem Dach ihrer Mercedes-Limousinen eine Luke für die Schützen schneiden und wüstengängige Reifen montieren. Im Hamburger Jagdwaffenhaus Vandrey bestellen Abu-Dhabi-Minister für die Hofjagd weitreichende Schnellfeuergewehre.

Was für die Herrscher Falken und Jagd, bedeutet für die Untertanen der Fußball. Vor dem Geschäft des Grundig-Händlers Al Tuchaim in Kuweit City stehen die Männer nicht etwa vor dem Fernsehgerät, das arabische Folklore überträgt, sondern vor jenem, in dem eine Aufzeichnung des Fußball-Weltmeisterschaftsspiels Holland gegen die DDR gezeigt wird.

Wohl hat die »Bild am Sonntag« sich vom Golf berichten lassen, daß dort selbst die Wasserhähne aus Gold sind, nur: in Wahrheit sind die Scheichs durchaus bescheiden geblieben und protzen mit ihrem Reichtum weniger als etwa der Schah von Persien. Im Londoner Luxusviertel Kensington sind zweifellos mehr Rolls-Royce registriert als in allen Staaten am Golf zusammengezählt.

Sie mögen Milliardäre sein, auch wie etwa Scheich Said im englischen Buxted Park einen Landsitz ihr eigen nennen, nur keiner der Herrscher läßt sich daheim normalerweise im Rolls-Royce, Cadillac oder Mercedes 600 chauffieren, sondern eher -- wie beispielsweise der Herrscher von Dubai -- in einem Mercedes 230. Nur einer -- der Emir von Bahrein, der in seinen Stallungen 500 Rassepferde hält -- läßt Galopper in England starten, obgleich jetzt britische Pferdehändler versuchen, die Ölfürsten zu überreden, auf der Insel Rennpferde trainieren und starten zu lassen.

Der 1972 während einer Falken-Jagd in Persien gestürzte Ex-Emir von Katar, Ahmed, mit der ältesten Tochter des Scheichs von Dubai verheiratet, ist Eigner des ehemaligen Hamburger Seebäder-Schiffes »Bunte Kuh« (jetzt: »Naif"), die heute, von einem deutschen Kapitän gesteuert, an Kai elf im Hafen zu Dubai dümpelt.

Alle Herrscher bewohnen mehrere Residenzen, doch meist keine prunkvollen Paläste, in denen die Harems-Damen von Eunuchen mit Rosen-Düften besprüht werden. Der Herrscher von Dubai, beispielsweise, der nach dem Koran vier Frauen heiraten könnte, jedoch wie die Mehrzahl der Scheichs mit nur einer Frau verheiratet ist, schläft in seinem Sommer-Palast auf einem gußeisernen Bett. Der Sultan von Oman, der deutsche Klavierklassiker besonders schätzt, ließ sich einen Sommersitz in Salala von britischen Innenarchitekten modern gestalten.

Ihre Frauen, wie etwa die des Said, leben jeweils in ihren eigenen Villen. Während die palästinensische Flugzeug-Entführerin Leila Chaled in Kuweit zuweilen vor Studenten Vorträge hält und die Männer auch dort wissen, wo sie die (aus Somalia, Äthiopien, Sudan und Indien stammenden) Prostituierten finden können, legt die Said-Frau Fatima auch vor ausländischen Besucherinnen ihren Schleier nicht ab.

Wohl hat der Sonderberater des Emirs von Kuweit, Abdallah al Dschabir, der anno 1961 die Kielerin Heidi Dichter vorübergehend ehelichte, nach Meinung eines Vertrauten inzwischen aufgegeben, »zu zählen, wie viele Mal er geheiratet hat«, auch dem Premier seines Landes wie dem Herrscher von Regierungspalast in Abu Dhabi Bahrein werden zahlreiche Amouren nachgesagt, doch die meisten Araber haben inzwischen erkannt, so der mit einer Frau verheiratete Informationsminister von Katar. »daß eine Frau auch schon reichlich Probleme bedeuten und teuer genug sein kann«.

In Abu Dhabi existiert ein Striptease-Lokal und in Ras al-Chaima, allerdings nur für Ausländer, auch ein Spielkasino. In Dubai ist Scheich Raschid liberal: »Wir haben Moscheen für die, die darin beten wollen, Bars für die, die trinken wollen, und Gefängnisse für die, die zuviel trinken.«

Der Herrscher, nach Meinung seines in der Bundesrepublik ausgebildeten Leibarztes 68 Jahre alt, läßt sich oftmals schon um sechs Uhr morgens in seinem Mercedes durch die Stadt fahren und inspiziert die von ihm in Auftrag gegebenen Bauten -- ohne Voranmeldung. Wie alle Herrscher läßt er sich von einer acht bis zehn Mann umfassenden Leibwache begleiten, die aus Söhnen ihm vertrauter Beduinen-Freunde zusammengesetzt ist. Ihre Waffen: sowjetische Kalaschnikows, in der Tschechoslowakei gekauft.

Keiner der Golf-Herrscher, mit Ausnahme des in Kairo zum Landwirtschaftsexperten ausgebildeten Herrschers von Schardscha, hat eine Universität absolviert, nur er sowie der in Sandhurst gedrillte Sultan von Oman sprechen Englisch. »Nicht immer sind sie über weltweite Probleme bis ins kleinste informiert«, erläuterte ein Berater des Emir von Katar, nur daheim kümmern sie sich auch um Details. Will etwa die zu 25 Prozent von Katar kontrollierte Fluglinie »Gulf Air« neue Maschinen kaufen, entscheidet der Emir über den Außenanstrich. Als die Hilton-Hotelkette in Abu Dhabi eine Herberge errichten wollte, entschied Said: Erst müssen sie in meinem Geburtsort El-Ain in der Wüste bauen.

Hilton akzeptierte, Said zahlte. Zwei Jahre lang waren die 100 Zimmer des Luxus-Hotels nur zu rund sieben Prozent belegt. Said aber kalkulierte richtig. Der Ölboom brachte den Golfhotels derart viele Gäste, daß selbst die Oasen-Herberge, vom »Playboy« als Snob-Reiseziel empfohlen, jetzt bereits zu 86 Prozent belegt ist.

Im Gegensatz zu den Wüsten-Emirs. die ohne formale Ausbildung heute die revolutionäre Umwälzung ihrer Staats- und Gesellschaftsordnungen kontrollieren und leiten sollen, sind ihre Söhne oftmals im Ausland ausgebildet worden -- und meist auch anspruchsvoller.

Alle vier Söhne des Dubai-Herrschers Raschid etwa (zudem fünf Töchter) sprechen Englisch, alle sind Minister. Bruder Mohammed ist für die Verteidigung der Vereinigten Arabischen Emirate zuständig. Er wurde in England zum Jet-Piloten ausgebildet. Bei Ministerratssitzungen setzt der im traditionellen Oberkleid, der Dischdascha, verhüllte Jungminister seinen Helikopter neben dem Beratungsgebäude nieder.

Der Sultan von Oman, der 1970 seinen geizigen Vater stürzte, richtete in einer Residenz ein Kino ein und thront mit seiner Badewanne im Zentrum eines annähernd 100 Quadratmeter umfassenden Badezimmers. Der Raschid-Sohn Hamdan besitzt einen Rolls-Royce, einen Mercedes 350 und ein Motorrad vom Typ »BSA 750«.

Doch viele der Scheich-Senioren, am Golf aufgewachsen und allenfalls in der Koran-Schule erzogen, scheinen schon beglückt, wenn sie im »Casino de Liban« zu Beirut in einer zwei Stunden währenden Non-Stop-Show die große weite Welt bewundern dürfen.

Der Höhepunkt für die Reichen Arabiens: Schimmel traben auf die Bühne, ein neuer Feldzug Mohammeds, so scheint es. Die Pferde eingehüllt in weiße Wolken. Nur: Die Rösser kommen keinen Schritt voran -- sie galoppieren auf einem Fließband.

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