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Kanada Falkland des Nordens

Ein New Yorker Gericht beendete den jahrelangen Grenzstreit zwischen Paris und Ottawa um einen öden Archipel im Atlantik.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Knapp 30 Jahre nach der ersten Atlantik-Überquerung seines ungleich berühmteren Kollegen Christoph Kolumbus sichtete der portugiesische Seefahrer Joao Alvares Fagundes eine felsige Inselgruppe hoch im Norden des Ozeans - sturmumtost, unbewohnt und offensichtlich ohne jeden Nutzen. Daß er die kargen Eilande auf den poetischen Namen »11 000 Jungfrauen« taufte, hat Geschichtsforscher seither vermuten lassen, der Mann habe zu lange Zeit auf hoher See verbracht.

Das Interesse an den 242 Quadratkilometern steinigen Bodens hielt sich auch in den folgenden Jahrhunderten in Grenzen. Interessant war vielmehr das Meer darum herum und der Kabeljau darin. Fast 20 Jahre stritten Kanada und Frankreich um die Hoheitsrechte in den Gewässern. Jetzt hat ein internationales Gericht den Streit entschieden.

Seit 1763 gehören die unfruchtbaren Inseln, umbenannt in St-Pierre und Miquelon, zu Frankreich. 25 Kilometer vor der Küste der kanadischen Provinz Neufundland flattert stolz die Trikolore, bewohnen 6300 französische Bürger den kümmerlichen Rest des einst von Quebec bis Louisiana reichenden französischen Kolonialreichs in Nordamerika. Aber anders als die Argentinier in Südamerika zeigten die Kanadier niemals Ambitionen, den kolonialen Anachronismus zu beenden und sich die »Falklandinseln des Nordatlantiks« (Le Monde) einzuverleiben. Die Fehde zwischen Paris und Ottawa begann erst, als Geologen in den siebziger Jahren ausgedehnte Mineralien- und Ölfelder unter dem Meeresboden entdeckten.

Kanada beanspruchte daraufhin eine 200-Meilen-Zone vor seiner Küste als Nutzungsgewässer; prompt zogen die Franzosen nach und reklamierten eine riesige Wirtschaftszone rund um ihr winziges Territorium.

Der Streit war verbissen, aber unblutig: Mal jagten kanadische Patrouillenboote französische Trawler, mal vertrieben die Franzosen kanadische Fischer. Doch schon wegen der ungewissen Einsatzfähigkeit ihrer Marine zog es die Regierung in Ottawa meistens vor, die »französischen Provokationen zu ignorieren«. Die Kanadier übten sich in Friedfertigkeit, um Frankreichs Zustimmung zu einem internationalen Schiedsgerichtsverfahren zu gewinnen.

Für ihren Rechtsanspruch konnten die Mutterlandfranzosen nicht einmal bei den Landsleuten von St-Pierre Verbündete finden. Die französische Fangflotte ist auf den Inseln ebenso verhaßt wie bei den kanadischen Nachbarn.

Zwar subventioniert Frankreich seinen Außenposten durch massive Bürokratie, und jeder dritte Arbeitnehmer ist im Öffentlichen Dienst beschäftigt. Die aus Frankreich entsandten Staatsdiener aber nehmen stets die besten Arbeitsplätze ein und erhalten nebst jährlichen Heimflügen einen üppigen Bonus für die nordatlantische »Isolation«.

Zuweilen müssen die Abgesandten aus dem Mutterland sogar um ihre Sicherheit fürchten. Noch im April konnte der Chef des Krankenhauslabors, der in einem Brief an den Nachfolger die Zustände auf St-Pierre beschrieben hatte, nur unter Polizeischutz die Insel verlassen. Er habe, so St-Pierres Gewerkschaftsführer, örtliche Politiker beleidigt und die Bewohner als Trunkenbolde beschimpft.

Der Aufruhr gegen die Arroganz der Kolonialherren hielt auch nach seiner Abreise an. Die Polizisten, ebenfalls aus Frankreich importiert, mußten sogar alle festgenommenen Rädelsführer des Mini-Aufstandes freilassen, nachdem ein wütender Mob die Fensterscheiben ihres Quartiers eingeschlagen hatte.

Die traditionelle Allianz der Franzosen von St-Pierre mit den Kanadiern, gefestigt durch gemeinsamen Whisky-Schmuggel, könnte nun allerdings der Schiedsspruch des New Yorker Gerichts beenden. Das Tribunal verwies die örtlichen Fischer in eine 24-Meilen-Zone um ihre Eilande sowie in einen 10,5 Meilen breiten und 200 Meilen langen Korridor, der direkt auf die hohe See führt. Damit erhält Kanada die Kontrolle über den größten Teil der Fanggebiete auf den Grand Banks.

Ob die Beziehungen zwischen Frankreich und Kanada nun besser werden, dürfte sich erst bei den bevorstehenden Verhandlungen über Frankreichs künftige Fangquote in kanadischen Gewässern abzeichnen.

Kanada würde vor seiner Küste am liebsten jeden Fischfang durch Ausländer verbieten. Auf der Umweltkonferenz in Rio bat Ministerpräsident Brian Mulroney geradezu flehentlich, die bedrohten Kabeljauschwärme vor Neufundland einstweilen in Ruhe zu lassen.

Die kanadischen Fischer, die immer häufiger mit leeren Booten heimkehren, fürchten denn auch, daß sich der Sieg als bedeutungslos erweisen könnte: »Die Linien im Ozean besagen gar nichts, wenn es keine Fische mehr gibt.«

[Grafiktext]

_178_ Kanada/Frankreich: Frankreich zugesprochene Fischereizone

[GrafiktextEnde]

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