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LIBANON Fall Klapperschlange

Ex-Generalstabschef Bustani hat sich beim Ankauf von Waffen für seine Armee um 9,5 Millionen Franc bereichert.
aus DER SPIEGEL 6/1973

Kardinal Paul Meouchi, 77, Patriarch der katholischen Maronitenkirche im Libanon, war schon immer ein Helfer der Verfolgten*. Und je praller die Brieftaschen der Gejagten, desto offener waren die Arme des Oberhirten.

Als sein Bischof Abdallah Noujaim -- vor sechs Jahren -- im Beiruter Nobelhotel Phoenicia mit 150 000 gefälschten Dollar unter der Soutane von der Polizei geschnappt wurde, brachten die Beamten den Blütenträger nicht ins Gefängnis, sondern ließen ihn zum Flugplatz entkommen. Hirte Meouchi hatte seinem schwarzen Schaf Paß, freies Geleit, eine Flugkarte nach Rom und einen Job heim Vatikan besorgt

obwohl die Polizei auch recherchiert hatte, daß das Falschgeld von italienischen Graveuren im libanesischen Maronitenkloster Sahle gefertigt wurde.

Als die libanesischen Behörden den geflüchteten Geheimdienstchef von Persien, Bachtiari, an den Schah ausliefern wollten, schmuggelte Kardinal Meouchi den reichen Mohammedaner ins vermeintlich sichere Nachbarland

* Die maronitische Kirche untersteht als Teil der unierten Orientalischen Kirche dem Vatikan. Ihre Würdenträger werden vom Papst in Rom ernannt.

Irak. Dort allerdings erlag Schabgegner Bachtiari später einem angeblichen Jagdunfall.

Als der italienische Textilindustrielle Felice Riva seine marode Firma und seine Gläubiger ohne eine Lira zurückließ und mit einem Millionen-Dollar-Vermögen plötzlich im Libanon auftauchte, fand der Bankrotteur eineinhalb Monate lang Asyl im Amtssitz von Meouchi. Solange dauerte es, bis der Kardinal den libanesischen Behörden eingeredet hatte, der wohlhabende Flüchtling habe Italien aus politischen Gründen verlassen und dürfe nicht ausgeliefert werden. Heute verzehrt Riva sein Fluchtgeld in einer Prunkvilla über Beirut.

So war auch der Weg vorgezeichnet, den der Ex-Generalstabschef der libanesischen Streitkräfte, Emile Bustani. 64, gehen mußte, als ihm parlamentarische Untersuchungsausschüsse hart auf den Fersen waren. Der maronitische Offizier flüchtete vor einer genauen Untersuchung seiner Vermögensverhältnisse zu seinem Oberhirten nach Bekirke, dem Amtssitz Meouchis in den libanesischen Bergen -- stilvoll mit Luxuslimousine, Chauffeur und Ehefrau.

Presse und Parlament zu Beirut hatten zu laut und nachdrücklich nach zehn Millionen französischen Franc gefragt, die seit Bustanis Amtszeit in der Staatskasse fehlten. Der General sei, so schrieben seine Kritiker, der in seinem Amt nicht unüblichen Versuchung erlegen, bei der Beschaffung neuer Waffensysteme eine Provision für sich selber abzuzweigen.

Nach dem arabischen Debakel im Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte Bustani seinen Regierungschef Helou überzeugt, die 11 000-Mann-Armee des Libanon brauche gegen Israels Luftübermacht eine wirksame Flugzeugabwehr. Drei libanesische Offiziere reisten nach Paris, um mit der französischen Firma Thompson Houston über den Ankauf von Boden-Luft-Raketen des Typs »Crotale« (Klapperschlange) zu verhandeln -- einer Rakete, die noch nicht einmal fertig entwickelt, geschweige denn erprobt und einsatzbereit war.

Chefhändler Oberst Fausi el-Chatib einigte sich mit den Franzosen auf den Preis von sechs Millionen Franc je Batterie.

Bustani allerdings zeigte sich über die geringen Kosten wenig glücklich. Er löste Oberst Chatib ab und boxte den offiziellen Thompson-Houston-Vertreter für den Nahen Osten aus dem Geschäft. Der französische Militärattaché in Beirut mußte den Raketenbauern in Frankreich eine neue Bevollmächtigte für die Verhandlungen präsentieren: Bustanis Nichte Leila Bustani-Saad, dem General laut Bericht einer parlamentarischen Untersuchungskommission »durch engere als bloße Familienbande« verbunden.

Als dann noch die -- nun Leila Saad zustehende -- Provision von vier auf sieben Prozent der Vertragssumme erhöht war, begann des Generals geliebte Nichte ihr Geschäft: Zäh trieb sie, die Käuferin, den Preis der gewünschten Ware in die Höhe. Erst als die erstaunten Franzosen pro Batterie 10.8 Millionen Franc forderten, unterschrieb sie. Diese kurzfristige Preissteigerung um 80 Prozent scheint heute den untersuchenden Parlamentariern »kein Zufall« zu sein.

Trotzdem erfüllten seinerzeit Libanesen und Franzosen eilig den von Onkel Bustani und Nichte Leila ausgehandelten Vertrag: Beirut zahlte 41,5 Millionen Franc an, die Raketenverkäufer überwiesen an Leila Saad 9.5 Millionen Franc Provision.

Doch bereits im Januar 1970 überwarf sich Bustani mit seinem Chef Helou und wurde entlassen. Im August desselben Jahres mußte auch Helou selbst gehen: Saib Salam gewann die Wahlen und wurde neuer Premier.

Von dem Waffengeschäft jedoch erfuhr der neue Regierungschef nach eigenen Angaben erst im Sommer 1971 -- zu einer Zeit, als in Beirut Fragen laut wurden, wie sich Ex-General Bustani von 3000 Mark Pension zwei Luxusvillen in den feudalsten Vororten, einen Mercedes 300 und einen Cadillac leisten könne. Sofort stornierte Salam den nach seiner Meinung »überraschend schnell« geschlossenen Vertrag mit den französischen Waffenhändlern. angeblich, weil die Klapperschlange nicht ins libanesische Verteidigungskonzept passe.

32 Millionen Franc bekam Beirut von Thompson Houston zurück -- denn noch war keine Rakete geliefert worden. 9,5 Millionen -- die an Leila Bustani-Saad bezahlte Provision -- allerdings behielten die Franzosen als Entschädigung ein.

Die Öffentlichkeit sollte von dem Korruptionsfall nichts erfahren. Regierung und Armee deklarierten Klapperschlange zum militärischen Geheimnis. Erst als die Tageszeitung »An-Nahar« offen Korruption rief, flüchtete Salam nach vorn. Er ließ eine parlamentarische Untersuchungskommission öffentlich tagen. Begründung für den Geheimnisbruch: »Die Israelis wissen ohnehin, was wir an Waffen haben.«

Die Ermittlungen kamen flott voran, als sich Leila Bustani-Saad nach zehn Wochen Untersuchungshaft durch die Preisgabe der Namen von 21 Mittätern die Chance der Straffreiheit als Kronzeugin erkaufte.

Bustani floh vor der drohenden Vernehmung durch den Untersuchungsrichter in die Berge zu Kardinal Meouchi. Doch der kirchliche Würdenträger schwankte zwischen Loyalitäten. Einerseits gehört Ex-General Bustani als Maronit zu seiner Gemeinde -- und ist nicht arm. Andererseits hat Bustani-Gegner Salam, ein Moslem, derzeit die Macht im Staat.

Schließlich, zu Weihnachten, ging der verfolgte Bustani einen Schritt zu weit. Er bat den Patriarchen, einen Brief an Salam -- Anrede: »Mein Sohn« -- mit der Bitte um Gnade für den General zu unterzeichnen. Meouchi weigerte sich, Bustani spielte den Brief trotzdem der Presse zu.

Da entschied sich Kardinal Meouchi für die Staatsmacht: Mitte Januar wies er Bustani aus seinem Asyl. Seither muß sich der General in Beirut vor Gericht und Parlament verantworten und grollt: »Ich werde hier als Sündenbock geopfert.«

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