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HERINGE Fallen im Meer

aus DER SPIEGEL 12/1964

Bei Windstärke 7 in rauher See stampfend, stand die »Walther Herwig« auf der Position 57 Grad 56 Minuten Nord, 5 Grad 18 Minuten Ost in der nördlichen Nordsee. Kurz vor 9 Uhr ortete das Fischereiforschungsschiff seine Beute: In 120 Meter Tiefe hatte der »Fischfinder« einen Heringsschwarm ausgemacht*.

Die »Walther Herwig« steuerte das Maul ihres Netzes durch den Schwarm und fegte binnen fünf Minuten die Rekordmenge von rund 600 Zentner Heringen zusammen - ein Quantum, das Heringsfischern oft nicht einmal an einem ganzen Fangtag ins Netz geht.

Mit der Kunde von ungewöhnlich erfolgreichen Fischzügen kehrten die in Diensten des Bundesernährungsministeriums fahrenden Forschungs-Fischer der »Walther Herwig« vor kurzem von einer 22tägigen Expedition aus der Nordsee nach Bremerhaven zurück. Der Expeditionsauftrag: die Abschlußerprobung einer Fangtechnik, die Deutschlands Fischdampferkapitäne in die Lage versetzen soll, dem Hering Fallen zu stellen, wo immer ihr Ortungsgerät einen Schwarm ausmacht.

Diese Entscheidungsfreiheit hatten die Heringsfänger bislang nicht. Sie mußten sich nach den Launen des wanderfreudigen Fisches richten, der im Jahresrhythmus nicht nur die gesamte Nordsee von Norwegen bis zum Ärmelkanal abschwimmt, sondern oft innerhalb von 24 Stunden auch in vertikaler Richtung zweimal den Standort wechselt: Nachts steigen die Schwärme aus den tieferen Seeregionen zur Oberfläche auf; bei Tageslicht ziehen sie sich wieder in die Niederungen des Meeres zurück.

Mit den herkömmlichen Fangtechniken können die Hochseefischer den Hering nur an der Tal- oder Bergstation dieser täglichen Wanderungen fassen:

- an der Bergstation mit dem Treibnetz der Heringslogger, das - an Plastikblasen aufgehängt wie eine Gardine an der Gardinenstange - nur bis 30 Meter ins Wasser taucht;

- auf der Talstation mit dem sackförmigen Grundschleppnetz der Fischdampfer (Trawler), das über den Meeresboden gezogen wird.

Außerhalb dieser Gefahrenzonen war der Hering bislang vor Nachstellungen durch die deutsche Fischdampferflotte sicher. (Nur für kleine Fischereifahrzeuge wurde schon ein Netz entwickelt, mit dem dort gefischt werden kann.)

In manchen Fanggebieten sind die Reservate, in denen noch nie ein Trawler den Hering jagte, über hundert Meter tief: so im Skagerrak und an der sogenannten Ostkante, wo die Nordseebänke zur norwegischen Rinne abfallen.

Nach sechsjähriger Tüftelei hat das Institut für Netz- und Materialforschung der Hamburger Bundesforschungsanstalt für Fischerei Deutschlands Fischdampferkapitänen diese Heringspfründe erschlossen: Durch das sogenannte kombinierte Einschiff-Grund- und Schwimmschleppnetz, mit dem die »Walther Herwig« in fünf Minuten 600 Zentner Heringe zusammenfegte.

Im Schlepp eines Trawlers schwebt das neuartige Netz wie ein geöffneter Fallschirm parallel zum Wasserspiegel im Meer. Durch Veränderung der Schleppgeschwindigkeit und Verkürzung oder Verlängerung der Schleppleinen läßt es sich fast auf den Meter genau in die jeweils gewünschte Tiefe steuern. Ein Spezial-Echolot, dessen Schwinger (Mikrophon) an der Oberkante des Netzmaules angebracht ist, meldet die jeweilige Tiefenposition des Netzes und Daten über die Fischmengen in und unter der Netzöffnung fortlaufend auf die Kommandobrücke.

Dr. Joachim Schärfe, Fangtechnikexperte des Hamburger Instituts und wissenschaftlicher Fahrtleiter der »Walther Herwig«-Expedition: »Mit dieser gezielten Fischerei können wir jetzt soviel Heringe fangen wie wir wollen.«

* Fischlinder arbeiten nach dem Prinzip des Echolotes.

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