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»FALLSCHIRMJÄGER HIER UND DA«

aus DER SPIEGEL 31/1964

Am 17. Juli 1964, einem Freitag, um

7.30 Uhr früh, erfuhr der Presseoffizier der 1. Luftlandedivision in Eßlingen am Neckar, Major Holter, was in der Nacht geschehen war. Bereits 45 Minuten später schickte er sich an, den bevorstehenden Einbruch öffentlicher Erregung abzuriegeln, indem er ihn auslöste.

Nach kurzer Verständigung mit seinem Kommandeur alarmierte er die »Eßlinger« und die »Stuttgarter Zeitung«, die »Stuttgarter Nachrichten«, die Deutsche Presse-Agentur und sogar »Bild«.

Ein Unglück sei geschehen, berichtete der Major. Ein Rekrut sei am Donnerstag während des Dienstes zusammengebrochen und in der Nacht zum Freitag gestorben. Gegen 11 Uhr werde beim Divisionsstab in Eßlingen alles Nähere mitgeteilt werden.

Die Flucht nach vorn, die Fallschirm -Major Holter antrat, war allerdings nicht das Ergebnis taktischer Überlegungen. Die 1. Luftlandedivision reagierte instinktiv aus dem Schatz ihrer bösen Erfahrungen.

Am 25. Juli 1963, nahezu vor einem Jahr also, hatte ihre Ausbildungskompanie 6/9 Nagold bei drückender Hitze einen »Gewöhnungsmarsch« unternommen, in dessen Verlauf erschöpfte Rekruten unter den Augen von Zivilisten mißhandelt worden waren. Über ein Dutzend Rekruten brach damals zusammen. Einer von ihnen, der 19 Jahre alte Rekrut Gert Trimborn, starb sieben Tage nach dem Marsch, ohne das Bewußtsein noch einmal erlangt zu haben.

Der öffentlichen Kritik begegnete die Bundeswehr im Juli und August 1963 zunächst mit Schweigen, sodann mit Klagen über die körperliche Verfassung der Jugend und endlich mit kühler Abwehr. Noch am 12. September 1963 äußerte der ungenau und ungenügend unterrichtete Verteidigungsminister von Hassel nach einem Manöver der 1. Luftlandedivision in Nagold demonstrativ, diese Truppe sei voll einsatzfähig und wirke »keineswegs verkrampft«.

Erst als die Staatsanwaltschaft Tübingen gegen Ausbilder und Hilfsausbilder der 6/9 Anklage erhob, wurde die Kompanie durch den Kommandierenden General des II. Korps, Generalleutnant Leo Hepp, aufgelöst. Das Foertsch-Wort vom »Saustall Nagold« fiel kurz vor Beginn der Prozeß-Serie.

Zu spät setzten die Versuche ein, die Kompanie 6/9 als einen Einzelfall zu deuten. Die Feststellung, einzelne Offiziere und Ausbilder der Kompanie seien ihren Aufgaben nicht gewachsen gewesen, konnte besorgte Diskussionen um die Verfassung der gesamten Bundeswehr nicht mehr verhindern. Das Argument, die Rücksicht auf schwebende Verfahren habe klare Stellungnahmen hinausgezögert, verfing nicht mehr, als Tatsachen bekannt wurden, die zunächst bestritten worden waren.

Der Kommandeur der 1. Luftlandedivision, Generalmajor Walter Gericke, zog lediglich die Lehre aus den Folgen von Nagold, als er am 17. Juli um 11 Uhr der Presse gegenübertrat und nicht nur den Hergang des neuen Unglücks schriftlich bereit hielt, sondern auch die Namen der Schuldigen und genaue Angaben über die Art ihrer Schuld.

Über den Hergang teilte er mit: Der Soldat Anton Deigl, 20 Jahre alt, seit dem 1. Juli dieses Jahres als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr, brach am 16. Juli auf dem Rückmarsch der Fallschirmjäger-Fernmeldeausbildungskompanie 1/9 von einer Geländeübung zwischen 15 und 16 Uhr kurz vor der Funker-Kaserne zusammen. Er wurde in die Kaserne, von dort sofort in das Krankenhaus gebracht. Er starb in der Nacht zum 17. Juli um 1.20 Uhr. Ärztliche Bemühungen vermochten nichts mehr. Deigls herbeigeholte Eltern konnten ihren Sohn nicht mehr sprechen.

Die Kompanie war um 7 Uhr früh, nach einer Nacht, die kaum Abkühlung gebracht hatte, auf den Standortübungsplatz ausgerückt. »Die Geländeausbildung war« - dennoch - »durch nichts erschwert«. Erklärung der Bodenformen, der Bodenbedeckung und Geländebeschreibung waren Stoff bis 9.45 Uhr. Dann wurde Tee ausgegeben. Von 10 Uhr bis 11.30 Uhr Einzelausbildung, Hinlegen und Aufstehen, Gangarten im Gelände. 11.30 Uhr bis 13.20 Uhr Mittagessen, dazu wieder Tee. Danach Geländebeurteilung und Gangarten. Ab 14.30 Uhr Abmarsch zur Kaserne.

900 Meter des drei Kilometer langen Rückwegs ließen zwei Zugführer der Kompanie im Laufschritt zurücklegen. Deigl lief dabei an der Spitze seiner Gruppe, bis er, etwa 500 Meter vor der Kaserne, zusammenbrach. Der Befehl zum Laufschritt, so Gericke, sei bei der starken Hitze ein Verstoß gegen alle bestehenden Bestimmungen gewesen. Er habe daher den Kompanieführer, der an der Geländeübung nicht teilgenommen hatte, sowie die beiden Zugführer, die Laufschritt befahlen, und außerdem einen Gruppenführer vom Dienst suspendiert und Verfahren gegen sie eingeleitet. »Normale Disziplinarstrafen« reichten für diesen Verstoß nicht aus erklärte Gericke.

Die Darstellung, die in Nagold am Ende stand - in Eßlingen wurde sie von Gericke und Major Holter gleich zu Beginn präsentiert. Warnungen vor Ausbildungskomplikationen bei großer Hitze seien in Fülle und wiederholt gegeben worden (siehe »Dienst bei Hitze« Seite 14). Ungehorsam sei schuld, an ihm werde die Vorsorge der Division, des Korps zuschanden.

Ein Zwischenspiel, das zunächst den Eindruck erweckte, die Division habe den eigenen Stabs-Leib sehr wohl vor der außerordentlichen Hitze am 16. Juli bewahrt, nicht aber der Rekruten gedacht, brach schnell zusammen und verstärkte den Eindruck, hier werde offen und rücksichtslos aufgedeckt, und jedes Unbehagen gegenüber der prompten Enthüllung von Vergehen einzelner sei unangebracht. Im Umkreis der Funker -Kaserne wurde Journalisten zugeraunt, der Stab der Division habe am 16. Juli hitzefrei gehabt, während die Rekruten unter Stahlhelm und mit Gepäck geplagt wurden. »Offiziere hatten hitzefrei«, hieß es.

Nähere Erkundigungen ergaben: Der Stab der Division liegt nicht in der Funker-Kaserne, sondern zwei Straßen weiter in der Becelaere-Kaserne. Divisionskommandeur Gericke war am 16. Juli um 8.50 Uhr mit 20 Journalisten nach Leutkirch abgeflogen. Er wollte sie dort zusammen mit Presseoffizier Holter in die beginnenden Fallschirmspringer-Weltmeisterschaften einführen. Hitzefrei wurde von seinem Stellvertreter in der Tat gegeben, aber nur für die Mannschaften des Divisionsstabes. Die Offiziere taten weiter Dienst. Hitzefrei anzuordnen, stand jedoch auch im Ermessen des Chefs der Kompanie 1/9, eine Entscheidung der Division oder auch nur des Bataillons abzuwarten beziehungsweise zu erbitten, war ihm nicht aufgegeben.

Die Reaktion des Verteidigungsministeriums, zunächst gleichfalls durch die Version »Hitzefrei nur für Offiziere« irritiert, ließ sogleich Groll auf den Kommandeur der ein weiteres Mal auffällig gewordenen Division sichtbar werden, sprach auch das Problem der »Dienstüberwachung« an, legte jedoch den Ton entschieden auf die Feststellung, der »Fall Eßlingen« sei nicht durch Fehler im System bedingt. Insgesamt folgte man der Reflex-Reaktion der 1. Luftlandedivision, indem man den »Ungehorsam« einzelner brandmarkte.

Diese einzelnen allerdings blieben im Ansturm so vielstimmiger und einhelliger Beschuldigungen nicht stumm. Deigls Zugführer, der 23 Jahre alte Leutnant Alexander Bergenthal, erklärte im Regionalfernsehen in Stuttgart zwar: »Das ist mir klar, daß ich gegen diesen Befehl (keine Laufeinlagen bei Hitze) verstoßen habe. Das steht fest.« Er sagte aber auch, dieser Befehl sei ihm erst jetzt bekanntgeworden. Bergenthal, im Januar 1964 von der Heeresoffizierschule München zurückgekommen und bei dem am 1. Juli eingerückten Rekruten zum zweitenmal als Ausbilder eingesetzt, ließ keinen Zweifel daran, daß er den Lauf nicht als Strafe angeordnet hatte. Er betonte zudem, er habe Laufschritt ja nicht auf einem Marsch, sondern auf dem Rückweg zur Kaserne befohlen.

Der Tatsache, daß Korps und Division wiederholt Befehle für die Ausbildung bei Hitze und Hinweise auf die Unsinnigkeit von Laufeinlagen »zur Erholung« bei Märschen gegeben haben, steht damit ein weiteres Mal die Frage entgegen, ob Korps und Division auch um Verfahren bemüht waren, die dafür sorgen, daß Befehle und Hinweise tatsächlich zur Kenntnis der vorgesehenen Empfänger kommen. Es entsteht sogar die Frage, wieweit Befehle und Hinweise sich nicht darin erschöpfen, Korps und Division gegebenenfalls die Rolle der Instanz zu ermöglichen, die an alles denkt, auf die aber leider nicht gehört wird.

Denn schon in Nagold waren Hitzebefehle nicht zur Kenntnis der Kompanie 6/9 gekommen, waren Hinweise auf den Unterschied zwischen notwendiger und unbilliger Härte in der Ausbildung denen nicht bekannt geworden, die ihrer dringend bedurft hätten. Schon in Nagold zeigte sich, daß ein Offizier oder Dienstgrad der neu in eine Aufgabe eintritt, nicht mit Sicherheit von allem erfährt, was für die Wahrnehmung seiner Aufgabe angeordnet ist.

In der allgemeinen Gesprächigkeit, die durch und über eiligen und massiven Schuldvorwürfen im »Fall Eßlingen« entstand, hat sich obendrein das Problem ergeben, wieweit die Empfänger bestimmter Befehle überhaupt in der Lage sein können, sie sinngemäß anzuwenden.

Die Einsicht, wann Hitze gefährlich zu werden beginnt, erfordert vielfältige Kenntnisse. Der 16. Juli war nur der drittwärmste Tag der Hitzewelle mit 33,4 Grad, doch kann die Temperatur an dem Südwesthang, an dem Laufschritt geübt wurde, nach Auskunft des Wetteramts Stuttgart höher gewesen sein. Vor allem aber lag die Mitteltemperatur dieses 16. Juli mit 27,8 Grad beträchtlich über dem Normalwert dieses Tages, der mit 19,9 Grad bereits der höchste des Jahres ist.

Deigl hatte sich mittags einmal bei Gruppenführer Buttenberg gemeldet, ihm sei schlecht. Nach kurzem Ausruhen erklärte er sich wieder für dienstfähig. Deigl, ein kaum trainierter, aber williger junger Mann, wollte unbedingt mithalten, wohl gerade, weil er zu den mehr als 50 Prozent seines Zuges gehörte, von denen Bataillonskommandeur Major Hermann Böhner sagt, sie seien »sportlich Flaschen«.

Ein Mediziner wäre dem Diensteifer eines Mannes, der für seine Größe von 1,72 ein Übergewicht von mehr als zehn Pfund hatte (und das hatte er auch noch zwischen der Musterung im März und dem Einrücken am 1. Juli zugelegt) und dem es eben bei lähmender Hitze übel geworden war, mit Mißtrauen begegnet. Buttenberg ließ Deigl wieder ins Glied treten, denn er ist Fahnenjunker und nicht Arzt.

Der bis zum Überdruß wiederholten Klage über die geringe körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Leute steht überdies entgegen, daß der Wehrbeauftragte, Vizeadmiral a. D. Heye, bereits im August 1963 in Bonn forderte, die Formalausbildung auf sechs Monate auszudehnen und in den ersten vier Wochen der Dienstzeit nur Sport zu treiben. Ihm trat im September 1963 Professor Reindell, Freiburg, zur Seite. Er sprach von der »zwingenden Notwendigkeit«, in den ersten Monaten des Wehrdienstes ein tägliches, systematisches Training durchzuführen. Durch »rein militärische Übungen« sei freilich nicht zu erreichen, was durch sportliche Trainingsmethoden in sechs bis acht Wochen gelingen könne.

Erst die histologische Untersuchung wird ergeben, ob Deigl nicht überhaupt an einer Erkrankung oder an Anomalien litt, die ihn besonders anfällig und vielleicht sogar dienstunfähig machten. Indessen hat Generalstaatsanwalt Schabel in Stuttgart noch heute nicht entschieden, wie er über die Einstellung der Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Tübingen befinden will, was den Tod des Rekruten Gert Trimborn angeht, der unter Hitze einem verborgenen Leiden erlegen sein soll. Schabel: »Wir brauchen noch ein Sachverständigengutachten, aber wir haben

noch nicht einmal einen Sachverständigen ...

Nachdem der Wehrexperte der SPD, Karl Wienand, gefordert hatte, die Dienstüberwachung in der Bundeswehr müsse auch in der Spitze überprüft werden ("Wenn sich aber in einer Division immer wieder solche Vorgänge ereignen, dann frage ich mich, wie eigentlich die Dienstaufsicht gehandhabt wird"), meldete sich Kommandeur Gericke am Montag vergangener Woche auf Veranlassung von Hassels zum Rapport in Bonn. Mit Dienstplänen und Befehlskopien wohlversehen, wurde der 1907 geborene Sohn eines Lehrers, der vom Polizeianwärter im Jahr 1929 bis zum Eichenlaubträger und Oberst bei Kriegsende aufstieg, von Generalinspekteur Trettner, unter dem er im Zweiten Weltkrieg anderthalb Jahre lang Regimentskommandeur gewesen war, empfangen. Auch Staatssekretär Gumbel verhandelte anderthalb Stunden lang mit dem Troupier, der auf seinen Vorschlag General und Divisionskommandeur geworden war.

An der Tapferkeit des besonnenen Haudegens Gericke, der an fast allen Fallschirmsprung-Einsätzen des Zweiten Weltkriegs beteiligt war, hat noch niemand gezweifelt. Seine Fähigkeiten als Planer und Organisator sind indessen umstritten, seit der Gefreite Raub in den Nagold-Prozessen aussagte, er habe auf der Luftlandeschule in Altenstadt-Schongau (Oberbayern) gelernt, was er als Ausbilder praktizierte. Diese Aussage führte zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft; Gericke hatte die Para-Schule von April 1956 an aufgebaut und war bis zum 30. September 1962 ihr Kommandeur gewesen.

Auch der Umstand, daß sich Gericke kurz nach dem Hitzemarsch von Nagold beim Bieranstich in Schongau photographieren ließ, am 3. August 1963, während seines Urlaubs zwar, aber immerhin in Uniform, hatte gelinde Zweifel an seinem Stilgefühl geweckt. Nunmehr dürfte die Pensionierung Gerickes spätestens zum nächsten Frühjahr bevorstehen. Seine Hoffnung, einmal Wehrbeauftragter des Bundestags zu werden, hat sicher kaum noch Aussicht auf Erfüllung.

Gericke, der sich auch publizistisch betätigte, ist eher unter seinen Titel »Soldaten fallen vom Himmel« geraten als unter den eines anderen seiner Werke: »Fallschirmjäger hier und da«. Dem »hier« und »da« könnte allenfalls seine Aufstellung als CSU-Kandidat im nächsten Jahr ein »dort« hinzufügen.

Dem unmilitärischen Stimmengewirr um den »Fall Eßlingen« und der Flucht nach vorn, zu der auch der Kommandierende des 11. Korps, Generalleutnant Hepp, lebhaft beitrug ("Bereits im Jahr 1957 ... wurde befohlen, in der heißen Jahreszeit einen anstrengenden Ausbildungsdienst in die Morgen- oder Abendstunden zu verlegen"), setzte Oberstaatsanwalt Schüle in Stuttgart einen höchst zivilen Dämpfer auf. Schüle, der die Ermittlungen direkt durch die Staatsanwaltschaft vornehmen läßt, bedauerte, daß die Bundeswehr ohne Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft »zuviel« über den Fall in die Öffentlichkeit getragen habe.

Den trostlosesten Hintergrund zum Begräbnis des Anton Deigl in seinem Heimatort Machtlfing (Kreis Starnberg) lieferte allerdings die Einführung eines neuen Präsentiergriffs in der Bundeswehr.

Laufschrittopfer Deigl

Zusammenbruch bei 33,4 Grad

Urlauber Gericke beim Faßanstich in Schongau: Pensionierung im Frühjahr?

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