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PARTEIEN / NPD Falsch gesehen

aus DER SPIEGEL 46/1969

Vor der Bundestagswahl verpfändete NPD-Chef Adolf von Thadden, 48, sein Amt: als Einsatz für den von ihm prophezeiten Einzug der Nationaldemokraten ins Bonner Parlament. Nun, da die Verheißung sich nicht erfüllte, möchte der pommersche Edelmann der Vollstreckung entgehen.

Thadden, der seinen Rücktritt als »unausweichliche Konsequenz« eines Mißerfolgs seiner Partei bezeichnet hatte (SPIEGEL 22/1969), fühlt sich von der parteiinternen Diskussion um personelle Veränderungen in der NPD-Spitze »völlig ausgenommen«. Auf dem bevorstehenden Bundesparteitag der Nationalen in Saarbrücken möchte er wieder Vorsitzender werden.

Doch das möchten, wie es scheint, nicht alle Parteifreunde. Der rheinland-pfälzische NPD-Vorsitzende, Winzer Fritz May aus Osthofen, sagt seinem Parteiführer einen bewegten Wahlakt voraus. In Saarbrücken, so May, werde es »sicherlich recht harte Auseinandersetzungen« um Thadden geben.

Der West-Berliner NPD-Funktionär Philipp Gölles plädiert gar für die Abwahl des Vorsitzenden, »dessen politische Aussage -- falls er überhaupt eine hat -- im krassen Gegensatz zum Programm der Partei steht«. Gölles, der Thadden für moskauhörig hält: »Das ist genauso, als wenn Franco oder der Papst Vorsitzender der Komintern wäre.«

Und Propagandawart Gerd Grabendorff in Mainz sagt zur Führerwahl: »Es wird immer falsch gesehen, als wenn unser aller Schicksal an einem Namen hängen würde.«

Zwei Vorwürfe haben dem latenten Mißtrauen gegen Thadden in etlichen Parteizirkeln Auftrieb gegeben: >Der Vorsitzende habe sich im Bundestagswahlkampf auf den falschen »Kriegsschauplatz« (Thadden) der Großkundgebungen begeben, dadurch Demonstrationen gegen die Rechte provoziert und mithin die NPD in den Ruf einer Krawallpartei gebracht.

* Der Vorsitzende habe, so Grabendorff, nach der Wahl über »eine unangemessen lange Zeit« versucht, den in Kassel inhaftierten Leibwächter Klaus Kolley zu decken (SPIEGEL 42 und 43/1969). Winzer May weiß von »Empörung und Enttäuschung« in Mitgliederkreisen über die Pistolen-Affäre, bei der Kolley zwei Demonstranten angeschossen haben soll. May: »Eine Belastung für die Partei.«

Der Berliner Landesverband der NPD bereitet für den Saarbrücker Parteitag ein Flugblatt vor, mit dem »wir ... von Thadden provozieren« wollen (Gölles). In der von Bundesvorstandsmitglied Udo Walendy redigierten Schmähschrift wird der Parteichef beschuldigt, die Auflösung der NPD in Berlin »manipuliert« und damit »der ganzen Partei« geschadet zu haben.

Um Thaddens Wiederwahl zu verhindern, hat eine Reihe von NPD-Kreisverbänden den Münchner Rechtsanwalt und bisherigen Thadden-Vize Dr. Siegfried Pöhlrmann, 46, für den Saarbrücker Wahlgang nominiert.

Der im niederbayrischen Pocking geborene Jurist und einstige Batallionsadjutant bei den Gebirgsjägern gilt als Senkrechtstarter der NPD. Erst 1965 schloß sich Pöhlmann den Rechten an, und schon ein Jahr später wurde der Brasilraucher mit Stirnglatze und stets sorgfältig gebundener Fliege NPD-Fraktionsvorsitzender im bayrischen Landtag, Im Jahr danach ließ ihn Thadden zu seinem Stellvertreter wählen.

Der Parteikarriere war Pöhlmanns Eigenart förderlich, allüberall kommunistische Infiltration zu vermuten. Auf Versammlungen rechnet er gern mit den »dreckigen und verlausten Hippies, Apos, Kapos und Studenten« ab. Ästhet Pöhlmann ist auch kulturell beschlagen: Eine Diktatur »geheimer Verbände«, so tat er kund, beherrsche gegenwärtig die deutsche Kunst.

Geheimnisvoll äußerte sich der Thadden-Rivale auch über die Vorstandswahl in Saarbrücken. Die NPD müsse sich, so sagte er vieldeutig; »von Leuten trennen, die ihr schaden«.

Daß sich die Nationaldemokraten von ihrem Kopf trennen, ist gleichwohl nicht zu erwarten. Das Gros der Parteitagsdelegierten steht treu zum Führer und sucht die Schuld für das Wahldebakel bei parteifremden Mächten, die, wie der Düsseldorfer NPD-Funktionär Gerhard Rasfeld erläutert, die Rechte »von allen Seiten verteufelt« haben.

»Die Frage Thadden«, sagt der baden-württembergische NPD-Landtagsfraktionschef und ehemalige HJ-Obergebietsführer Werner Kuhnt, »ist bei uns keine Frage.«

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