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SOWJET-FÜHLER Falsche Adresse

aus DER SPIEGEL 31/1960

Fest entschlossen, sich um keinen Preis von dem Bonn-Berliner Einheitskurs abbringen und aufs Glatteis führen zu lassen, hat der »Regierende« Berlins einen alten Sozialisten -Freund aus skandinavischen Exiltagen vor den Kopf gestoßen: den österreichischen Außenminister Bruno Kreisky, dem nachgesagt wird, daß er Uno-Generalsekretär werden möchte - weshalb er sich schon jetzt gern als Vermittler zwischen Ost und West betätige.

Kreisky ist seit langem davon überzeugt, daß Willy Brandt der rechte Mann sei, um den Sowjets auf den Zahn zu fühlen und mit ihnen über ihre Berlin- und Deutschland-Pläne jenes Palaver zu führen, vor dem die amtliche Bonner Politik zurückschreckt.

Schon im März vergangenen Jahres, als Brandt auf der Rückkehr von einer Asien-Reise in Wien zwischenlandete, hatte Brandts Freund Kreisky auf dem Flugplatz Posten gefaßt, um eine Anregung des damals in Wien amtierenden Sowjet-Botschafters Lapin zu überbringen. Das Berliner Stadtoberhaupt - so ließ der Botschafter es dem Bürgermeister durch den Außenminister sagen - möge sich doch einmal mit dem Sowjet-Premier Chruschtschow »von Mann zu Mann« aussprechen.

Auf dem Rückflug nach Berlin beriet sich Brandt mit seiner Begleitung, in Berlin hernach mit dem Senat, und als sich schließlich der sowjetische Botschaftsrat Panasienko aus Ostberlin im Schöneberger Rathaus meldete, um Brandt zu Chruschtschow zu bitten, der damals die mitteldeutsche Militärprovinz inspizierte, lehnte der Bürgermeister das angebotene Rendezvous in der Ostberliner Sowjet-Botschaft Unter den Linden zögernd ab.

Brandts Parteiboß, Erich Ollenhauer, zeigte sich umgänglicher; er machte in der Botschaft Visite, ließ sich dort widerspruchslos »Genosse« titulieren und auf ein gemeinsames Kommuniqué festlegen, in dem die sowjetische Zweckwendung von der »Liquidierung des Besatzungs-Regimes in Westberlin« stand.

Wiens Außenminister Kreisky aber beklagte sich bitter darüber, daß Brandt sich nicht zum Tete-à-tete mit Chruschtschow bereit gefunden hatte. Ein Treffen der beiden, beharrt Kreisky heute noch, wäre schon deshalb segensreich gewesen, weil die Sowjets damals noch zu Konzessionen geneigt waren, von denen der Westen seither nichts mehr habe hören können.

Während der Kreml-Diktator Chruschtschow Anfang dieses Monats die neutrale Bundesrepublik Österreich bereiste, sah sich Österreichs Außenminister Kreisky aufs neue mit Vermittlungsaufträgen bedacht. Die sowjetischen Gäste erläuterten den österreichischen Gastgebern ihre Berlin-Pläne in Details: Sie wollten stillhalten, bis der neue amerikanische Präsident aktionsfähig sein werde - es sei denn, sie würden vorher »provoziert«.

Die Sowjets baten den österreichischen Außenminister, den Berliner Bürgermeister über ihre friedfertigen Absichten zu informieren. Brandt, meinten die Sowjets, werde von Bonn offenbar nicht vollständig unterrichtet, weswegen Kreisky es nachholen möge. Ihnen, den Sowjets, sei daran gelegen, mit Brandt über eine »Interimslösung« zu sprechen.

Kreisky telephonierte mit Brandt, der unverzüglich den Chef seines Presse - und Informationsamtes, Egon Bahr, nach Wien schickte: Emissär Bahr kam allerdings mit Weisungen angereist, die Kreiskys Mühen schlecht lohnten.

Der Berliner Bürgermeister hatte seinem Pressechef eingeschärft, die sowjetischen Informationen nur inoffiziell zur Kenntnis zu nehmen und alsdann bündig zu erklären, daß Brandt der falsche Adressat sei; die Sowjets müßten sich an zuständige Stellen wenden.

Die Reise Bahrs nach Wien kam auf, und prompt dementierte Kreisky, eine »Übermittler-Rolle« zwischen Chruschtschow und Brandt gespielt zu haben - was insofern sogar stimmte, als Brandt es abgelehnt hatte, die Erläuterungen der Sowjets offiziell zur Kenntnis zu nehmen.

Verdrossen entledigte sich der österreichische Außenminister seines Auftrags bei der zuständigen Stelle, der Bundesregierung in Bonn, wo die Sowjet-Ideen genau die Reaktion hervorriefen, die Chruschtschow bei Brandt hatte vermeiden wollen.

»Wir sind«, sagte Bonns Außenamts -Sprecher von Hase, »über alle Gespräche, die in Österreich mit der Berlin-Frage im Zusammenhang standen, unterrichtet worden... Von neuen Vorschlägen (der Sowjets für Berlin) ist nichts bekannt.«

Berliner Bürgermeister Brandt, Wiener Außenminister Kreisky*: Botschaft von Nikita

* In der Mitte Dr. Thalberg, Leiter der österreichischen Vertretung in Bellin.

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