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LONDON Falsche Havanna

Englands Hauptstadt bekommt ein neues Museum: Churchills unterirdisches Hauptquartier aus dem Zweiten Weltkrieg. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Das wird eine enorme Touristenattraktion«, freute sich Sir John Colville. Der Brite sprach über den geheimen unterirdischen Kriegsbunker von Premierminister Winston Churchill, in dem er, Colville, selbst tätig war: als Churchills Privatsekretär seit 1940.

Vom Freitag nächster Woche an wird der Bunker, das jüngste Londoner Museums-Schaustück, den Kriegs- und Nachkriegsgenerationen zugänglich sein. Auch noch mehr als drei Jahrzehnte nach der Schließung bei Kriegsende 1945 waren die Gewölbe gut in Schuß, als sich Londons Imperial War Museum vor zwei Jahren daran machte, die Räume wiederherzurichten.

»Außergewöhnlich, ja einmalig«, nennt der britische Historiker A. J. P. Taylor die Atmosphäre in dem weitläufigen Labyrinth mit 100 Räumen unter dem Londoner Schatzamt - Beginn einer Kommandokette, die im Zweiten Weltkrieg von den Dschungeln Burmas über Nordafrika bis zur Invasionsfront in der Normandie reichte.

Der Lageraum mit seinen wandhohen Karten, das Kabinettszimmer und Churchills Studio mit einem hochbeinigen Bett bildeten den Kern der Anlage, verbunden durch Korridore, die mit freiliegenden Strom- und Telephonkabeln

in den Bauch eines Schlachtschiffes zu führen scheinen.

Im Lageraum, einst Nachrichtenzentrum der Stabschefs, sind Truppenpositionen, die versenkte alliierte Schiffstonnage und die Zahl der Bombereinsätze über Deutschland festgehalten. Verschiedenfarbige Telephone stellen Direktverbindungen zur Admiralität, zur Heeresleitung und zum Hauptquartier der Luftwaffe her.

Im Konferenzraum des Kriegskabinetts sind die mit grauem Filz überzogenen Tische mit Schreibunterlagen, Tintenlöschern und Aschenbechern wie zu einer Sitzung ausgelegt. Den Zigarren- und Zigarettenqualm beseitigte eine primitive Klimaanlage an der Decke - Blechrohre mit eingestanzten Löchern, durch die Frischluft gepreßt wurde.

Churchill saß auf einem Mahagonistuhl vor einer Weltkarte, auf der die Ozeane mit Tausenden von kleinen Einstichen übersät sind. Kleine Fähnchen markierten dort die Positionen von Geleitzügen im Atlantik, im Nordmeer, im Indischen Ozean und vor Australien.

Auch Churchills Auftragszettelchen, mit Büroklammern an wichtige Unterlagen geheftet, blieben erhalten: »Action this day« (noch heute bearbeiten), »report in 3 days« (Meldung in drei Tagen), »report progress in one week« (Verlaufsmeldung in einer Woche).

Auf Churchills Schreibtisch, abgedeckt mit einer Lederplatte, stehen eine Wasserkaraffe, ein Briefständer, eine Kerze und ein Rundfunkmikrophon, über das der Premier Ansprachen aus seinem Bunker hielt. Er warnte seine Landsleute vor einer deutschen Invasion und bedauerte am 23. Dezember 1940 in einer Rede an italienische Zuhörer, daß der Krieg beide Völker verurteilt habe, »sich kaputt zu machen«.

Auf der gegenüberliegenden Korridorseite befindet sich die Telephonzelle, von der aus Churchill über eine abhörsichere Leitung mit US-Präsident Franklin D. Roosevelt sprechen konnte. Die »transatlantic phone box« ist als Toilette getarnt und besitzt am Türschloß ein »besetzt/frei«-Zeichen.

Das schwarze Telephon, aus Amerika geliefert, war erstmals mit einem elektronischen Zerhacker verbunden. Das Röhrenungetüm war so groß, daß es nicht in den Bunker paßte; es stand im Keller des Großkaufhauses Selfridges in der Oxford Street.

Der Bunker, schwärmt dessen Kurator Jon Wenzel, sei noch »derart einladend, daß man fast erwartet, der große alte Mann spaziere durch die Tür und nehme ihn wieder für sich in Anspruch«.

1938 hatte die Regierung Neville Chamberlain vorsorglich beschlossen, in Whitehall »eine sichere Unterkunft« zu bauen. Sie bestand im Grunde nur aus einem Teil des Kellers an der Westseite des Schatzamts, das mit seiner viktorianischen, säulenbewehrten Fassade in Richtung des St. James Park zeigt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich wurde die Kellerdecke mit Holzbohlen verstärkt. Im Oktober 1938, kurz nach dem Münchener Abkommen, trauten die Bunker-Verantwortlichen dem von Chamberlain signierten Papier schon nicht mehr. Sie zogen Stahlträger ein und bauten unterhalb des Kellerbunkers überdies eine nicht einmal mannshohe Tiefetage aus.

Den Befehl, das Provisorium zu einem stark armierten Bunker umzubauen, erteilte schließlich Churchill, nachdem er im Mai 1940 den erkrankten, deprimierten Chamberlain abgelöst hatte. Vor allem die Decke müsse »substantiell verstärkt« werden, verlangte der neue Kriegs-Premier. Nicht einmal die neue Decke aus drei Meter dickem Stahlbeton schien Churchill geheuer: »Sie wird«, fürchtete er, »nicht sicher sein.«

Anlaß zu solchen Befürchtungen gaben die ersten schweren Angriffe der

deutschen Luftwaffe auf London. Er verließ seinen Amtssitz in der Downing Street, um mit Ehefrau Clementine und Tochter Mary eine Wohnung im Schatzamt zu beziehen - unmittelbar über dem Bunker. Die Fenster seiner neuen Wohnung wurden mit stählernen Läden abgesichert. Churchill und seine Minister tagten in der Zeit des deutschen Bombenterrors zwischen September 1940 und Mai 1941 ausschließlich in dem Bunkerraum des Kabinetts, doch der Premier schlief im Untergrund nur drei Nächte.

Am liebsten erinnert sich Sir John Colville »an unsere Dinner-Parties«, die abends im spartanischen Kasino des Bunkers veranstaltet wurden. Es war der einzige Platz in London, an dem während des Zweiten Weltkrieges rund um die Uhr Speisen aufgetragen wurden - mit Gin und Whisky als einzigen alkoholischen Getränken.

Die deutschen Heinkel-Bomber trafen das größte Gebäude zwischen Downing Street und dem St. James Park nie, während das Foreign Office ebenso wie das Admiralitäts- und das Parlamentsgebäude schwer beschädigt wurden.

Die Bunker-Briten rechneten nicht nur mit herkömmlichen Bomben. Auf Warntafeln an den Korridorwänden werden Alarmsignale beschrieben. Das Klappern einer handbetriebenen Schnarre war das Zeichen für einen Giftgas-Angriff. Ein zweiminütiges Sirenengeräusch sollte die Anwesenheit feindlicher Soldaten in den Straßen um das Schatzamt anzeigen.

Im Spätfrühjahr 1941 gab es Entwarnung, da die britischen »Spitfire«-Jäger die Luftschlacht um England für sich entschieden hatten. Churchill und das Kabinett zogen wieder in die nahe Downing Street, während die Stabschefs im Lageraum des Bunkers blieben, ergänzt durch den Sonderstab Joint planning staff, der Pläne für die Invasion der Normandie ausarbeiten mußte.

Doch kurz nach der alliierten Landung tagten Churchill und das Kabinett gelegentlich doch wieder im Bunker - diesmal, um vor deutschen Angriffen mit V-1-Flugbomben und V-2-Raketen Schutz zu suchen.

Das Licht im Bunker ging erst einen Tag nach der Kapitulation Japans am 15. August 1945 aus. Die Order kam bereits vom Churchill-Nachfolger, dem Labour-Führer Clement Attlee; Wahlverlierer Churchill betrat den Bunker nie wieder.

Das Imperial War Museum hat im Bunker mehr als 6000 Gegenstände katalogisiert - und legt Wert auf Authentizität: Eine leicht ausgefranste Havanna-Zigarre, die offenbar von einem Witzbold auf Churchills Schreibtisch geschmuggelt worden war, wurde noch vor Eröffnung des Museums auf ihr Alter untersucht und anschließend entfernt.

Kurator Wenzel: »Die stammte aus den 60er Jahren und hatte mit Churchill nichts zu tun.«

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